Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch: „Banken haben geringere Puffer“ Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Das Gespräch mit Claudia Buch führte Markus Frühauf.

Das Finanzsystem ist verwundbar. Deshalb fordert Claudia Buch als Bundesbankvorstand für Finanzstabilität eine höhere Resilienz der Institute.

Vom 1. Februar 2023 an müssen die Banken höhere Eigenkapitalvorgaben – den antizyklischen Kapitalpuffer von 0,75 Prozent für Kredite allgemein und den Systemrisikopuffer von 2,0 Prozent für Wohnimmobilienkredite – erfüllen. Die Institute wehren sich weiterhin dagegen. Ist das aussichtsreich?

Die Banken müssten eigentlich hoffen, dass die Puffer so bleiben. Eine Freigabe der Puffer ist nur dann sinnvoll, wenn sich die wirtschaftliche Lage stark verschlechtert. Denn wenn Kreditrisiken eintreten und zu Verlusten führen, könnten die Banken das Kreditangebot verknappen und den Abschwung verschärfen. Das wäre aber eine sehr ungünstige Situation, die sich auch die Banken nicht wünschen können. Davor schützt der antizyklische Kapitalpuffer.

Die Banken sehen dies anders ...

... dennoch sind die Puffer notwendig, weil sich im Finanzsystem Verwundbarkeiten aufgebaut haben. Viele Jahre lang waren die Kreditrisiken sehr gering, die Insolvenzen sind sogar gesunken. Entsprechend ist die Risikovorsorge der Banken zurückgegangen. Das heißt aber auch: Zukünftige negative Entwicklungen werden unterschätzt. Bereits jetzt sind einige Risiken, vor denen wir in den vergangenen Jahren gewarnt haben, eingetreten. Die Banken haben Verluste auf Wertpapiere realisiert. Künftig könnten sich wirtschaftliche Schwierigkeiten bei Unternehmen und Haushalten verstärken. Kreditausfälle dürften dann zunehmen.

Ist eine Kreditklemme zu befürchten?

Generell sind die Banken wegen steigender Kreditrisiken vorsichtiger geworden, aber gegenwärtig gibt es keine Anzeichen für ein Versiegen der Kredite. Die Banken vergeben weiterhin sehr dynamisch Kredite an Unternehmen, sicherlich auch gestützt durch staatliche Kreditgarantien. Bei den privaten Haushalten hat in letzter Zeit allerdings die Nachfrage nach Wohnimmobilienkrediten vor dem Hintergrund steigender Zinsen abgenommen.

Müssen die Banken nun mehr für Kreditausfälle vorsorgen?

Sie müssen sich auf negative Szenarien vorbereiten und umsichtig Risikovorsorge betreiben. Für die Banken sollte es jetzt darum gehen, ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken. Das erhöht auch die Resilienz des gesamten Bankensystems.

Heißt das auch, dass sie, wie schon in der Pandemie, keine Dividenden mehr ausschütten dürfen?

Nach dem Ausbruch der Pandemie gab es von den Aufsichtsbehörden eine allgemeine Empfehlung, von Ausschüttungen oder Aktienrückkäufen abzusehen. Zu solchen Maßnahmen greifen wir aktuell nicht. Aber die Erwartung an die Banken ist klar: Sie sollten Ausschüttungen nur sehr vorsichtig vornehmen.

Sind die Banken derzeit noch zu zuversichtlich?

Die Banken sollten sicherlich berücksichtigen, dass die Rezessionen der vergangenen Jahre kaum Spuren in ihren Bilanzen hinterlassen haben. Während der Pandemie ist die Wirtschaft deutlich geschrumpft – die Kreditrisiken sind aber nicht gestiegen. Ähnlich war es während der globalen Finanzkrise. Die Kapitalisierung der Banken hat während der Pandemie sogar zugenommen. Die Banken haben indirekt von den staatlichen Hilfsprogrammen für die Realwirtschaft profitiert. Diese haben einen Anstieg der Kreditrisiken verhindert. Zukünftig dürften die Risiken aber steigen.

Die Warnungen der Bankenaufseher in der Pandemie vor einer Welle an Kreditausfällen haben sich nicht bewahrheitet. Sind die damaligen Einschränkungen der Ausschüttungen aus heutiger Sicht gerechtfertigt gewesen?

Ja. Die Pandemie war ein Jahrhundertereignis, dessen Folgen nicht abschätzbar waren. Geringere Ausschüttungen haben den Bankensektor resilienter gegenüber möglichen Verlusten gemacht. Angesichts der sehr hohen Unsicherheit hat dies zum Vertrauen beigetragen. Dass die Verluste letztlich nicht eingetreten sind, hat viel mit fiskalischen Maßnahmen zu tun.

Wie unterscheidet sich davon die aktuelle Situation?

Angesichts der Energiekrise verschärft sich der Strukturwandel. Die realen Einkommen sind gesunken. Der Staat kann nicht alle daraus resultierenden Risiken auffangen.

Wie wirkt sich die Zinswende auf die Banken und das Finanzsystem aus?

Zunächst sind steigende Zinsen für die Banken positiv, weil sie wieder höhere Zinserträge und Gewinne erwirtschaften. Steigende Zinsen können aber auch zu Kursverlusten an den Aktien- und Anleihemärkten führen. Bewertungsverluste haben die stillen Reserven deutscher Banken bereits jetzt fast völlig aufgezehrt. Die Puffer im System sind entsprechend geringer geworden. Daher sollten nicht nur die Banken ihre Resilienz stärken, denn Bewertungsverluste treffen auch Versicherer und Fonds.

Wie definieren Sie Finanzstabilität?

Kurz gesagt ist ein stabiles Finanzsystem eines, das funktioniert und Schocks nicht verstärkt. Das heißt: Es werden Investitionen finanziert, Ersparnisse angelegt und dabei Risiken angemessen verteilt. In Krisenzeiten kann all das gefährdet sein: Verluste mindern dann das Eigenkapital, und die Banken müssten ihre Kreditvergabe einschränken, wenn sie eine zu geringe Kapitalisierung fürchten. Dann kann es zu einer Kreditklemme kommen. Daher müssen gute Zeiten für den Aufbau von Puffern genutzt werden, um für Krisen vorbereitet zu sein. Eine starke Aufsicht, die sich auf die Stabilität der einzelnen Institute konzentriert, ist das Fundament eines stabilen Finanzsystems. Wir müssen aber zusätzlich Verwundbarkeiten und drohende Risiken im gesamten Finanzsystem im Blick haben. Denn sonst drohen gefährliche Ansteckungseffekte, wie wir in der Finanzkrise gesehen haben. 

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.