Der Klimaschutz bewegt die Anleger Interview in Focus Money, Ausgabe 2/2022

Das Gespräch mit Sabine Mauderer führte Georg Meck.

Frau Mauderer, können Anleger das Klima retten?

Zunächst mal ist es erfreulich, dass das Interesse an nachhaltigen Anlagen gestiegen ist. Die Nachfrage übersteigt bei Weitem das Angebot.

Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Der erste Grund ist, dass sich heute viel mehr Leute an den Kapitalmarkt trauen. Die Zahl der Depoteröffnungen erreicht historische Rekorde. Das sehe ich positiv. Dazu kommt, dass viele Menschen mit ihrem Geld etwas Gutes bewirken wollen. Auch dies ist sehr erfreulich. Die Gesellschaft merkt, dass wir uns dem Klimawandel entgegenstellen müssen. Viele Leute fragen sich, was sie selbst dagegen tun können. Auch die institutionellen Anleger legen ihr Geld verstärkt nachhaltig an. Das zeigt sich auch in der hohen Nachfrage nach öffentlichen grünen Anleihen. Sowohl die grünen Bundesanleihen als auch der EU-Green-Bond waren jeweils um ein Vielfaches überzeichnet. Das zeigt: Das grüne Thema bewegt die Anleger.

Statt sich einzuschränken, statt auf Konsum oder Fernreisen zu verzichten, fließt das Geld der Menschen in grüne Anleihen. Hilft das wirklich?

Ja, denn diese Mittel sind notwendig für die Transformation. Wir haben uns in Deutschland das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu wirtschaften. Für den Umbau sind immense Summen nötig: Mehrinvestitionen von etwa 70 Milliarden Euro jährlich laut einer Studie der KfW. Dieses Geld kann der Staat nicht allein aufbringen, es braucht privatwirtschaftliches Engagement. So gesehen ist der Wille der Anleger, einen Beitrag zu leisten, grundsätzlich positiv. Ob aber alles Geld, das unter dem Begriff „nachhaltig“ oder dem Label „ESG“ angelegt wird, tatsächlich positive ökologische Effekte hat, das steht auf einem anderen Blatt.

Der Verdacht ist, dass für die Banken das Kürzel „ESG“ nicht viel mehr als Marketing ist.

Solange nicht regulatorisch geklärt ist, was tatsächlich als nachhaltig zu verstehen ist, bleibt der Interpretationsspielraum für private Anbieter groß. Sie definieren selbst, was nachhaltig ist – angetrieben von einer starken Nachfrage.

Wie will man verhindern, dass das Finanzgewerbe es mit der Augenwischerei übertreibt?

Zunächst gilt es zu klären, was genau unter „nachhaltig“ zu verstehen ist. Das geschieht derzeit auf Ebene der EU mit der sogenannten Taxonomie. Noch wichtiger ist der zweite Schritt: Veröffentlichungspflichten für Unternehmen aus der Realwirtschaft. Die Firmen sollen verpflichtet werden, ab 2023 ihre Zahlen zum Thema Nachhaltigkeit offenzulegen. Herrscht über diese Daten Transparenz, dann fällt es Anlegern leichter zu entscheiden, was sie als nachhaltig akzeptieren. Daran knüpft sich der nächste Schritt an, die Frage nach öffentlich-rechtlichen Standards für Nachhaltigkeit. Für mich ist das aber nicht das zentrale Element. Wichtig ist, dass der Markt erkennt, wie zukunftsfähig ein Unternehmen ist.

Wie stark wehren sich die Unternehmen dagegen, diese Daten offenzulegen?

In der Anfangsphase wird es vereinzelt Schwierigkeiten bei der Umsetzung geben. Die Unternehmen werden sich aber danach ausrichten, da Investoren und Geschäftspartner bei der Finanzierung mehr und mehr solche Informationen verlangen.

Die Europäische Zentralbank inszeniert sich als Vorreiterin der Klimapolitik. Sollten sich Notenbanker nicht darauf konzentrieren, für die Geldwertstabilität zu kämpfen, was ihre eigentliche Aufgabe ist?

Zunächst muss eines klar sein: Klimapolitik ist Aufgabe der Bundesregierung und der Europäischen Kommission, nicht der Zentralbanken.

Warum dann der grüne Enthusiasmus von Christine Lagarde an der EZB-Spitze?

Zu den Aufgaben der Notenbanken gehört nun mal der Erhalt der Geldwertstabilität, die Finanzstabilität und die Bankenaufsicht. Und jeder dieser Bereiche ist vom Klimawandel betroffen, deswegen müssen wir uns mit dem Thema befassen. Das erkennen übrigens inzwischen die Notenbanker weltweit an. Wir müssen die Risiken des Klimawandels im Blick behalten.

Was heißt das konkret?

Nehmen Sie den Punkt Geldwertstabilität: Der Klimawandel, wie auch andere ökologische Probleme, wird Einfluss auf die Preisentwicklung haben. So sind beispielsweise die Preise für Nahrungsmittel in Brasilien und Madagaskar auf extreme Level gestiegen, weil die Länder mit Extremwetterlagen zu kämpfen hatten. Ähnliches gilt für die Finanzmarktstabilität. Angefangen mit den physischen Risiken, die der Klimawandel provoziert: Was passiert, wenn eine große Flut kommt, wie im Sommer in Deutschland? Wer trägt die finanzielle Last für Waldbrände in Australien oder Kalifornien? All dies hat gravierende ökonomische Konsequenzen, zum Beispiel wenn dadurch Vermögenswerte vernichtet werden und Gläubiger ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Die Zahlen und Szenarien dafür sind bekannt.

Fast noch schlagender ist aber das, was wir transitorisches Risiko nennen: Welche Folgen hat es für Unternehmen und damit Banken, wenn Geschäftsmodelle plötzlich nicht mehr funktionieren, wenn der Klimawandel die Politik zu harten Maßnehmen zwingt? Irgendwann wird es solche politischen Entscheidungen geben, die Unternehmen dazu zwingen werden, ihre Geschäfte entsprechend anzupassen. Auch dies hat Folgen für die Banken und damit für die Stabilität der Finanzmärkte. Darauf brauchen wir eine Antwort.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, als Bank der Banken, warnt bereits vor einer ESG-Blase: Wie ernst nehmen Sie diese Gefahr?

Die BIZ spricht von einem Risiko für eine Blasenbildung, ein Phänomen, das immer dann auftritt, wenn Angebot und Nachfrage immens auseinanderklaffen und die Preise über dem Fundamentalwert eines Produkts liegen. Risiken solcher Art müssen wir als Bundesbank im Blick haben.

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