Die Banken werden billiger – Was bringt die Digitalisierung im Finanzwesen? Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Das Interview mit Joachim Wuermeling führte Georg Meck.

Herr Wuermeling, das Finanzwesen wird digitalisiert, hat das Bargeld damit bald ausgedient? 

Digitale Innovation verändert heute das Finanzwesen wie vor 200 Jahren die Dampfmaschine die Industrie. Der gewaltige Nutzen des digitalen Fortschritts ist in der Pandemie für jeden greifbar geworden. Dennoch bezahlt der Verbraucher in Deutschland immer noch in sechs von zehn Fällen bar. Als Bundesbank stellen wir den Bürgerinnen und Bürgern das Geld jederzeit in der gewünschten Form zu Verfügung, also auch in Scheinen und Münzen. Daran ändert die Digitalisierung nichts, an vielem anderen aber schon.

Der digitale Schub seit letztem Jahr hat doch schon viel verändert. Was erwarten Sie darüber hinaus?

Auch im Bankgeschäft haben wir, wie in anderen Bereichen auch, nur die stärkere Nutzung von Anwendungen nachgeholt, die mehr als 30 Jahre alt sind: Online-Banking, Kartenzahlung, Videoberatung. Die Euphorie über den angeblichen digitalen Schub verkennt: Digitale Transformation ist eine völlig andere Nummer, gerade im Finanzwesen.

Was wir erleben, ist eine grundlegende Veränderung. Es geht nicht länger darum, analoge Prozesse im traditionellen Sinn zu „digitalisieren“. Auch beim Auto ist es etwas grundlegend anderes, den Tacho digital anzuzeigen als gänzlich autonom zu fahren.

Was bedeutet dann autonomes Fahren in der Finanzwelt?

Wir sehen neue Produkte wie Kryptoanlagen, verstärkte Prozesse der IT-gesteuerten Kreditvergabe und neue Anbieter wie BigTechs und Neo-Banken. Und das ist erst der Anfang: Künstliche Intelligenz, Big Data und Quanten-Computer stecken ja noch in den Kinderschuhen. Den digitalen Schwung aus der Pandemie müssen wir jetzt mitnehmen für einen viel größeren Sprung. 

Welche konkreten Folgen hat die digitale Transformation für Banken und Verbraucher?

Banken können ihre Prozesse verschlanken, effizienter gestalten und auch noch stabiler werden. Auch Verbraucher können profitieren: Bankleistungen werden einfacher zugänglich – oft rund um die Uhr – und sehr viel schneller. Die Vielfalt des Angebots steigt. Und mit mehr Wettbewerb können Leistungen günstiger, sogar gebührenfrei, werden.

Das klingt ja sehr euphorisch für einen Bankaufseher. 

Das ist in der Tat nur die eine Seite der Medaille. Wir blicken keineswegs blauäugig auf die neuen Technologien und bekommen es zugleich mit neuen Risiken zu tun, vor allem im IT-Bereich. Als Bankenaufseher schauen wir jetzt z.B. sehr genau auf Cyber-Sicherheit und stellen uns auf neue, oft global ausgerichtete Geschäftsmodelle ein. Regulatoren und Aufseher wägen Innovationschancen und neue Risiken sorgfältig gegeneinander ab.

Warum werden digitale Innovationen dann noch nicht stärker genutzt? Wer ist hier denn gefordert, der Staat oder die Banken?

Vor allem der Kunde. Wenn Verbraucher besseren Service mittels Technologie einfordern, werden die Banken ihnen den bieten. Wenn die Menschen eines in der Pandemie gelernt haben, dann welchen enormen Nutzen digitale Anwendungen wie z.B. im Homeoffice und Online-Shopping haben und wie schnell sie eingesetzt werden können. Das führt zu ganz neuen Erwartungen an die Anbieter, gerade von Finanzdienstleistungen.

Innovationen scheitern aber auch an veralteten rechtlichen Regeln. Kann der Staat wirklich die Hände in den Schoß legen?

Es besteht tatsächlich Handlungsbedarf. Der Rechtsrahmen muss an die digitalen Entwicklungen angepasst werden. Der Gesetzgeber muss die Tore für die Digitalisierung des Finanzwesens weiter öffnen – und zwar gleich mit EU-Regeln. Mit dem Digital Finance Package hat die Europäische Kommission den richtigen Weg eingeschlagen, z.B. mit Regeln für Kryptowährungen und Cloud-Nutzung. 

Gerade erst wurden Regeln für Künstliche Intelligenz vorgestellt, die viele für zu restriktiv halten. Was meinen Sie?

Die neue KI-Verordnung stellt den Verbraucherschutz in den Mittelpunkt und schlägt sehr hohe Anforderungen vor. In weiten Teilen kennen die Banken ähnliche Regeln bereits aus den Vorgaben für das Risikomanagement. Entscheidungen per Algorithmus bergen gerade im Finanzbereich Risiken, wenn etwa KI selbstständig Kredit- oder Marktrisiken aufbauen würde. Aber das gilt nicht für jeden Algorithmus einer schicken App. Daher ist der risikobasierte Ansatz der Aufsicht richtig. Wir wollen ja die Entwicklung nicht hemmen, sondern das Potenzial von KI für smarte Bankdienstleistungen zu unser aller Vorteil ausschöpfen.

Auch Sie als Zentralbanken bekommen digitale Konkurrenz, z.B. der Euro durch Bitcoin oder Facebook-Geld. Halten Sie eine Währung außerhalb der staatlichen Hoheit für gefährlich?

Der Staat muss die Hoheit über die Währung behalten. Die Zentralbanken wie die EZB und wir müssen weiterhin in der Lage sein, den Geldwert für private Haushalte und Unternehmen stabil zu halten. Die von Ihnen angesprochenen Krypto-Token und Stable Coins bergen aber nicht nur Risiken für die Geldpolitik und die Finanzstabilität, sondern auch für die Nutzer, z.B. gibt es zumeist keinen rechtlichen Anspruch auf Rücktausch in staatliches Geld.

Was ändert sich für den Euro in der digitalen Welt?

Während sich im Internet bisher nur Informationen verschicken ließen, können heute auf Basis von Blockchains richtige Werte über das Netz transferiert werden, Aktien zum Beispiel. Damit das funktioniert, muss die Bezahlung in Euro auf gleichem Wege möglich sein.

Plant die Notenbank deshalb einen digitalen Euro?

Ein digitaler Euro könnte die Digitalisierung der europäischen Wirtschaft maßgeblich unterstützen. Damit könnten z.B. die eben erwähnten Zahlungen automatisiert erfolgen. Ein digitaler Euro birgt aber auch Risiken – insbesondere für die Funktionsweise des klassischen Bankensystems. Daher müsste er so ausgestaltet werden, dass die Chancen genutzt werden können und zugleich die Risiken unter Kontrolle bleiben.

Die deutsche Finanzbranche muss nicht nur die Digitalisierung und die Pandemie stemmen. Europa soll bis 2050 ein CO2-freier Kontinent sein. Was können die Banken dazu beitragen? 

Die zu erwartende umfassende Transformation der Volkswirtschaft muss finanziert werden. Dafür brauchen wir ein stabiles und starkes Finanzsystem in Deutschland und Europa. Durch den Brexit sind wir jedoch bei vielen Finanzprodukten von Finanzplätzen außerhalb unseres aufsichtlichen Zugriffs abhängig. So werden z.B. immer noch knapp 94 Prozent der Euro-Geschäfte zur Absicherung gegen schwankende Zinsen in London getätigt. Wir sollten aber in der Lage sein, uns aus eigener Kraft zu finanzieren. Das zu ermöglichen, muss ein Pfeiler jedes Modernisierungskonzepts sein. Nach meinem Eindruck wird dieser Aspekt noch vernachlässigt.

Alles, was grün ist oder zumindest so klingt, wird gefördert und soll finanziert werden. Was passiert mit dem Rest?

Es besteht kein Zwang, nur noch Kredite für grüne Wirtschaftsaktivitäten zu gewähren. Diese Entscheidung müssen Finanzakteure weiterhin selbst treffen. Das Marktvolumen von Green Bonds hat der Climate Bonds Initiative zufolge seit 2015 um jährlich 60 % zugenommen – mit in 2021 weiter steigender Tendenz. Das ist erfreulich, darf aber nicht die Finanzquellen für andere Investitionen austrocknen. Denken Sie etwa an das klassische Handwerk und Gewerbe, die für das Klima weniger relevant sind, wohl aber für den Verbraucher und die Wirtschaft insgesamt. Dekarbonisierung ja, aber Kredit muss es auch noch für andere Investitionen geben.

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