Die Tresore sind voll Interview in der Süddeutschen Zeitung

14.04.2020 | Burkhard Balz EN

Das Gespräch mit Burkhard Balz führten Alexander Hagelüken und Markus Zydra.

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie heben die Deutschen mehr Geld ab. Manche Banken beschränken die Summen. Geht uns das Geld aus?

Burkhard Balz: Die Tresore der Bundesbank sind voll. Wir haben interne Krisensysteme, um die Bargeldversorgung jederzeit sicherzustellen. Die Sorgen der Bürger sind unbegründet. Bargeld geht in der Coronavirus-Krise nicht aus. Wenn einzelne Banken die Summen limitieren, dann nur, weil sie weniger Abfluss aus ihren Tresoren wollen.

Muss ich mich sorgen, wenn der Geldautomat nur große Scheine ausspuckt?

Nein! Das ist kein Zeichen für Knappheit. Mitte März hoben die Deutschen teils doppelt so viel ab wie sonst. Inzwischen hat sich das normalisiert. Vergangene Woche hoben sie so viel ab wie vor einem Jahr, als noch keiner Corona kannte. Alles wieder normal.

Kann man sich an Geldscheinen anstecken?

Eine Ansteckung ist nicht wahrscheinlicher als bei anderen Gegenständen des öffentlichen Lebens, etwa einem Girokartenterminal. Die Hauptübertragung findet ja über die Atemwege statt. Es gibt keinen Grund, deshalb nicht bar zu zahlen.

Trotzdem zahlen mehr Deutsche bargeldlos – am liebsten kontaktlos per Karte oder Handy. Zahlen sie bald nur noch so?

Bargeld wird aufgrund seiner einzigartigen Vorteile ein wichtiges Zahlungsmittel bleiben. Nur damit ist jemand von der technischen Infrastruktur unabhängig, bei Stromausfällen oder Cyberangriffen etwa. Alle Bürger können Bargeld nutzen, auch ohne Smartphone. In der Coronavirus-Pandemie weichen die Menschen aber auf kontaktlose Zahlungen aus. Ich glaube, das wird sich weiter fortsetzen.

Schweden und Chinesen zahlen schon zu 80 Prozent mit Handy oder Karte. Kommt das auch in Deutschland so?

Der Bargeldeinsatz geht generell zurück. Gemessen am Umsatz haben die Deutschen ihre Einkäufe 2017 erstmals mehr bargeldlos gezahlt als mit Bargeld. Dieser Trend lässt sich in den allermeisten Eurostaaten beobachten.

Was wird sich durchsetzen, Karte oder Smartphone? Europäische Anbieter oder die neue Konkurrenz aus Amerika und China?

Das Rennen ist offen. Starke Anbieter aus den USA wie Apple Pay, Google Pay oder Paypal drängen auf den Markt, dazu Wechat Pay und Alipay aus China. Mit der Girocard haben deutsche Banken nach wie vor große Bedeutung an der Ladenkasse. Aber das muss nicht so bleiben.

Worauf kommt es an?

Langfristig wird entscheidend sein, ob sich europäische Anbieter zukunftsstark aufstellen. Ob sie gemeinsam innovative Angebote für den Einkauf bis hin zu privaten Überweisungen hinbekommen. Dafür ist die European Payment Initiative von 20 großen Banken gedacht.

Liefert die Corona-Krise eine Begründung, das staatlich stärker zu unterstützen? In der Pandemie zeigt sich die Gefahr der Abhängigkeit bei Medikamenten von China. Wird Europa nun bei etwas so sensiblen wie Zahlungen von amerikanischen und chinesischen Digitalkonzernen abhängig?

Ich sehe das auch so: Durch die Coronavirus-Pandemie ist eine europäische Lösung noch wichtiger geworden. Wenn sie keinen Erfolg hat, übernehmen amerikanische und chinesische Anbieter den Platz beim Kunden. Wir sollten nicht von ihnen abhängig werden. Der Zahlungsverkehr ist wichtig für die Wirtschaft.

Die außereuropäischen Digitalkonzerne sind sehr finanzkräftig. Europa dagegen hat bisher viele nationale Einzelmodelle und diskutiert mal wieder ewig. Ist der Zug schon aus dem Bahnhof gefahren?

Das sehe ich nicht so. Aber es ist richtig, dass nicht mehr viel Zeit bleibt. Die neuen Anbieter drängen massiv auf den Markt. Europas Banken müssen Geld in die Hand nehmen, was gerade in Coronavirus-Zeiten nicht einfach ist.

Geben Europas Bürger bei den neuen Angeboten ihre Intimsphäre preis? Anbieter wie Google oder Alibaba aus China haben ihr Geschäftsmodell darauf aufgebaut, Daten en masse zu sammeln.

Das EU-Parlament, dem ich fast zehn Jahre angehörte, hat strenge Datenschutzstandards verankert. Wer sich in Europa tummelt, muss die europäischen Regeln einhalten.

In China zahlen die Menschen per Gesichtsscan. Amazon hat ein Patent angemeldet, mit der Hand zu zahlen. Der typische Europäer bekommt von den Anbietern viele Seiten lange Datenschutzbestimmungen, der er oft gar nicht versteht…

…und es kommt sofort ein Knopf, ganz nach unten zur Einverständniserklärung zu scrollen, ja.

Kommt jetzt die totale Überwachung durch Konzerne?

Die Gefahr ist gegeben. Die Frage ist, wie der europäische Gesetzgeber damit umgeht. Er muss neue Entwicklungen bei den Zahlungsanbietern genau beobachten.

Die Zentralbanken diskutieren auch die Einführung von sogenanntem digitalen Zentralbankgeld – eine Gefahr für Bargeld, wie wir es kennen?

Nein, das digitale Zentralbankgeld wird eindeutig als Ergänzung zum Bargeld diskutiert, nicht als Ersatz. Scheine und Münzen werden unabhängig von dieser Debatte erhalten bleiben.

Digitales Zentralbankgeld klingt ziemlich abstrakt. Könnten Sie das Konzept in einfachen Worten erklären? Sind das Geldscheine als Foto auf dem Handy statt aus Papier?

Im einfachsten Fall könnte man sich vorstellen, dass jeder Bürger ein Konto bei der Zentralbank unterhält. Es wäre aber auch denkbar, dass das Geld selbst wie digitale Münzen oder Geldscheine auf einer Zahlungskarte oder in einer elektronischen Geldbörse im Smartphone sicher gespeichert würde. Heute gehen Sie an Ihren Geldautomaten und bekommen Bargeld. Künftig könnten Sie es dann auch elektronisch auf dem Smartphone erhalten. In beiden Fällen würde es sich um von der Zentralbank herausgegebenes Geld handeln.

Warum braucht man es, was wäre der Vorteil?

Zahlungen könnten schneller und intelligenter ablaufen. Wir müssen aber genau prüfen, ob es wirklich notwendig ist, dass wir neben Bargeld auch digitales Zentralbankgeld für die Allgemeinheit herausgeben. Denn elektronisches Bezahlen per Überweisung oder mit der Karte ist ja schon lange und komfortabel möglich. Und durch Instant Payments können Zahlungen schon heute sekundenschnell abgewickelt werden. Wir müssen daher die positiven und negativen Auswirkungen sehr genau analysieren. Denn was passiert zum Beispiel, wenn Kunden ihre Einlagen bei Geschäftsbanken in größerem Umfang abziehen und in digitales Zentralbankgeld umtauschen? Könnte das Bankensystem dann in Teilen obsolet werden?

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