Digitaler Euro schützt Privatsphäre Interview mit der Tageszeitung „Magdeburger Volksstimme“

Das Interview führte Massimo Rogacki.

Herr Balz, die Sachsen-Anhalter wie auch die Bundesbürger haben nach wie vor eine hohe Affinität zu Bargeld. Warum?

In Deutschland gibt es ein tiefes Zutrauen zum Bargeld. Bargeld bedeutet für die Menschen ein Stück Freiheit und Liquidität. Auch unbescholtene Bürger möchten nicht unbedingt jede Transaktion offenlegen.

Mit Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland hoben die Menschen sehr viel Bargeld ab.

Das stimmt, im März 2020 haben wir Spitzenwerte bei den Bargeldabhebungen verzeichnet. Die Unsicherheit war hoch: Man wusste nicht, wie sich die Situation entwickeln würde. Dann ging die Bargeldnachfrage aber recht schnell wieder auf ein normales Niveau zurück. Alles in allem wurde im vergangenen Jahr durch die Bundesbank abermals mehr Bargeld in Umlauf gegeben als im Jahr zuvor.

Und die Deutschen entdeckten vermehrt Karten- und kontaktlose Zahlung für sich.

Die Pandemie war definitiv ein Treiber für die kontaktlose Zahlung. Bargeld wird allerdings immer noch stark genutzt. In Deutschland ist Bargeld sehr beliebt, wie übrigens in vielen weiteren Staaten Europas auch. Doch der Trend geht in Richtung bargeldlose Zahlungen an der Ladenkasse.

Das Eurosystem möchte in den kommenden Jahren einen digitalen Euro einführen. Laut einer Umfrage haben derzeit nur 77 Prozent der Bundesbürger davon gehört. Was erhoffen Sie sich von einem Digitalen Euro?

Es gibt derzeit zwei Formen von Geld: Durch die Zentralbank bereitgestelltes Bargeld und Geld auf Girokonten, also Geschäftsbankengeld. Der digitale Euro wäre eine dritte Form: eine digitale Zahlungsvariante mit Zentralbankgeld. Er könnte von Privatpersonen an der Ladenkasse oder im Onlinehandel einfach und sicher verwendet werden. Um es einmal klarzustellen: Der digitale Euro wäre eine Ergänzung zu den bisherigen Zahlungsformen. Bargeld bleibt bestehen.

Welche Vorteile gibt es etwa gegenüber Kartenzahlung?

Ein digitaler Euro soll eine moderne Alternative zu traditionellen Zahlungsverfahren bieten. Er würde Vertrauen und Sicherheit gewährleisten, weil er privaten Haushalten digitale Zahlungen mit dem sichersten Zahlungsmittel – also Zentralbankgeld – ermöglicht.

Etwa bei Kreditkartenanbietern gab es in der Vergangenheit immer wieder Fälle von Datendiebstahl. Wie sicher ist der digitale Euro?

Der digitale Euro könnte die Privatsphäre besonders gut schützen. Zentralbanken haben kein Interesse an der kommerziellen Nutzung von Daten. Digitales Zentralbankgeld könnte dem Grundsatz der Vertraulichkeit und der Datensouveränität Rechnung tragen. Verbraucher könnten im Onlinehandel zahlen, ohne ihre Daten bei dritten Anbietern zu teilen.

Der Bitcoin, Ethereum und Co. sind in aller Munde. Mit Kryptowährungen hat der digitale Euro aber nichts gemein?

Nein. Hinter dem digitalen Euro steht das Eurosystem: die EZB und die nationalen Zentralbanken, also auch wir als Deutsche Bundesbank. Wenn er eingeführt wird, handelt es sich tatsächlich um einen „richtigen“ Euro, nur in digitaler Form. Bitcoin und Co. sind in dem Sinne keine Währungen, da sie die klassischen Geldfunktionen praktisch nicht erfüllen. In meinen Augen ist etwa der Bitcoin derzeit ein reines Spekulationsobjekt, sein Wert schwankt sehr stark. Ein Euro in digitaler Form hingegen wäre genauso viel wert wie ein Euro in Münzform. Die Menschen in Europa könnten das gleiche Vertrauen in die Digitalvariante des Euro haben wie in Bargeld.

Viele Zentralbanken tüfteln derzeit am Thema digitale Währung.

Ob die USA, Großbritannien, die Schweiz - alle großen Zentralbanken erkunden in Projekten Digitalvarianten ihrer Währungen. Weltweit laufen Projekte bei rund 80 Zentralbanken. Die Bahamas haben als einziges Land bereits eine Digitalwährung eingeführt, den Sand-Dollar. Wir haben uns das angeguckt, das ist gut gemacht. Mehr interessiert uns allerdings, auf welchem Stand die großen Volkswirtschaften sind. China ist führend, dort ist bereits eine Erprobungsphase gelaufen. Dem Vernehmen nach planen die Chinesen eine digitale Variante des Renminbi zu den Olympischen Winterspielen im Februar kommenden Jahres in Peking.

Wann kommt der digitale Euro?

Das Thema wird aller Voraussicht nach im Juli im EZB-Rat diskutiert werden. Dann wird entschieden, ob ein Projekt zum digitalen Euro gestartet wird. Einen Fahrplan für eine Einführung gibt es noch nicht.


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