Eröffnung der Digitalkonferenz "Covid-19 und die Auswirkungen auf die Banken in Deutschland" Interview mit Annette Weisbach im Rahmen der Online-Veranstaltung

05.05.2020 | Jens Weidmann EN FR

Herr Weidmann, das Bankensymposium wird in diesem Jahr durch eine Digitalkonferenz ersetzt. Wie finden Sie das und wie erleben Sie persönlich die aktuelle Krise?

Zunächst einmal möchte ich Sie alle ganz herzlich begrüßen. Lieber wäre mir gewesen, ich hätte sagen können: Schön, dass Sie so zahlreich erschienen sind! Stattdessen sage ich Ihnen heute: Schön, dass Sie sich so zahlreich zugeschaltet haben! Ich bin sehr froh, dass das etablierte Bankensymposium auch in diesen schwierigen Zeiten stattfinden kann – in Form dieser Digitalkonferenz. Das Internet und moderne Telekommunikation machen es möglich, dass Sie heute spannende Vorträge und Diskussionen zu aufsichtlichen Themen verfolgen können und sich aktiv beteiligen können, wo auch immer Sie gerade sind. Ich selbst erlebe die aktuelle Krise – wie viele von Ihnen – vor allem im Homeoffice, am Bildschirm, in Telefon- und Videokonferenzen. Und wenn ich – so wie heute – in der Bundesbank bin, dann natürlich mit dem gebotenen Abstand zu anderen.

Ich finde, die elektronischen Formate funktionieren eigentlich ganz gut, aber die soziale Interaktion, der persönliche Kontakt kommt derzeit zu kurz.

Was bedeutet die Pandemie für die deutsche Wirtschaft?

Die Ausbreitung des Coronavirus und die vielfältigen Maßnahmen zu seiner Eindämmung verändern unseren Alltag und beeinträchtigen auch die Wirtschaft ganz massiv. Mitte März mussten nicht nur Schulen schließen, sondern auch Restaurants, Kinos und viele Geschäfte. Besonders hart trifft es also die konsumnahen Dienstleistungsbranchen, die vor der Krise die Konjunktur gestützt hatten. Allein die dadurch wegfallenden Konsumausgaben dürften die Wirtschaftsleistung schon im ersten Quartal um rund 1 % reduziert haben. Hinzu kommt, dass auch Nachfrage aus dem Ausland fehlt, denn die Pandemie trifft ebenfalls wichtige Partnerländer. Gängige Konjunkturindikatoren zeigen zum Teil noch den Stand vor den Kontaktbeschränkungen an. Deshalb schauen wir auch auf andere Indikatoren, zum Beispiel Angaben von der Autobahnmaut. Dadurch wissen wir, dass die erfasste Fahrleistung von Lkw Anfang April um etwa 15 % niedriger war als noch Anfang März. Auch der Stromverbrauch nahm spürbar ab. Da kann man sich ausmalen, dass die Industrie ebenfalls einen markanten Produktionsrückgang zu verkraften hat. Teilweise fehlen auch wichtige Vorprodukte. Denn Produktionsausfälle im Ausland können zu Störungen in den Lieferketten führen. Das ganze Ausmaß der negativen Effekte auf unsere Wirtschaft deuten die Anmeldungen von Kurzarbeit an. Sie sind seit Anfang März sprunghaft gestiegen. Mittlerweile hat jeder dritte Betrieb in Deutschland Kurzarbeit angezeigt. Der Anteil der Beschäftigten, die tatsächlich kurzarbeiten, dürfte um einiges kleiner sein. Aber klar ist: Deutschland befindet sich in einer schweren Rezession.

Sie sprechen von einer schweren Rezession. Was meinen Sie, wie schwer wird die Rezession? Und wie schnell wird sich die deutsche Wirtschaft erholen? Halten Sie eine schnelle Erholung für realistisch?

Prognosen sind immer unsicher. Derzeit ist diese Unsicherheit wohl beispiellos. Entscheidend wird sein, wie sich die Epidemie entwickelt, also ob das Infektionsgeschehen unter Kontrolle bleibt und welche Schutzmaßnahmen wie lange dafür in Kraft sein werden. Je nachdem, was Sie da unterstellen, kommen Sie zu sehr unterschiedlichen Vorausschätzungen. Mittlerweile gibt es ja in Deutschland vorsichtige Lockerungen der Eindämmungsmaßnahmen. Und wenn es für das Gesundheitssystem vertretbar ist, werden vermutlich weitere Lockerungen folgen. Aber womöglich werden wir auch dann noch mit gewissen Einschränkungen leben und arbeiten müssen, bis eine wirksame medizinische Lösung verfügbar ist. Insofern ist eine schnelle und kräftige Erholung eher unwahrscheinlich. Außerdem sind viele wichtige Handelspartner ebenfalls von der Krise betroffen, zum Teil sogar noch härter. Als Exportnation hängt die Erholung unserer Wirtschaft auch von der Entwicklung im Ausland ab.

Besteht denn die Gefahr, dass die Wirtschaft in eine Abwärtsspirale rutscht?

Bei aller Unsicherheit: eine Abwärtsspirale sehe ich nicht. Denn die Finanzpolitik versucht mit hohem Mitteleinsatz, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern. Die automatischen Stabilisatoren wirken, denn in Deutschland haben wir ein gut ausgebautes System der sozialen Sicherung. Zusätzlich haben Bund und Länder massive Stützungsmaßnahmen ergriffen. Die Bundesregierung hat darüber hinaus angekündigt, bei Bedarf Konjunkturprogramme aufzulegen. Und auch das Eurosystem sorgt mit umfangreichen Maßnahmen für die nötige geldpolitische Unterstützung. Daher erwarte ich, dass sich die Wirtschaft nach Überwindung der Pandemie nachhaltig erholen kann.

Sie haben bereits darauf hingewiesen, dass die Politik eine Vielzahl an wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen beschlossen hat, um der Wirtschaft zu helfen. Halten Sie die Maßnahmen für richtig und angemessen?

Ja. Die Politik hat schnell und umfassend gehandelt. Genau das ist in so einer Situation gefragt. Viele Unternehmen haben jetzt zeitweise große Einnahmeverluste. Aus vorübergehenden Liquiditätsengpässen dürfen aber keine Solvenzprobleme werden. Deshalb werden die Unternehmen bei Steuern und Sozialbeiträgen entlastet. Es gibt Soforthilfen für Selbständige, Kreditbürgschaften und die Möglichkeit, dass sich der Staat bei größeren Unternehmen direkt beteiligt. Auch die Beschäftigten werden umfassend abgesichert. Das erweiterte Kurzarbeitergeld hilft, Entlassungen zu vermeiden, und stabilisiert die Einkommen. Die verschiedenen Programme werden zunehmend in Anspruch genommen. Das macht deutlich: Es gibt hier Bedarf, und die Hilfen kommen auch an.

Ein klassisches Konjunkturprogramm hat die Bundesregierung aber bisher noch nicht aufgelegt.

Das halte ich auch für richtig. Denn es geht jetzt erst einmal darum, die akute Krise zu bekämpfen. Unter den aktuellen Kontaktbeschränkungen würde ein klassischer konjunktureller Stimulus ohnehin Gefahr laufen, weitgehend zu verpuffen. Ein Konjunkturprogramm könnte aber dann sinnvoll sein, wenn später die Erholung nicht richtig in die Gänge käme. Dafür hätte die Fiskalpolitik auch den nötigen Spielraum.

Und die expansive Geldpolitik sollte man ja auch nicht vergessen.

Das stimmt. Im Vergleich zur Finanzpolitik und anderen Politikbereichen kann sie zwar nur die zweite Geige spielen, wenn es darum geht, die Krisenfolgen abzumildern. Aber die Geldpolitik leistet im Rahmen ihres Mandats durchaus einen wichtigen Beitrag. Über einzelne Maßnahmen mag man zwar unterschiedliche Ansichten haben. Für mich ist wichtig, dass der EZB-Rat entschlossen und gemeinschaftlich gehandelt hat. Eines muss allerdings auch klar sein, und das gilt für die Geldpolitik genauso wie für die Fiskalpolitik: Die außergewöhnlichen Stützungsmaßnahmen sind zwar derzeit notwendig. Wir dürfen aber auch den Ausstieg und die langfristige Tragfähigkeit nicht aus den Augen verlieren. Der Staat muss seinen derzeit sehr starken Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen letztlich wieder zurückfahren.

Herr Weidmann, bei dieser Digitalkonferenz tritt die Bundesbank in ihrer Rolle als Bankenaufseher in den Dialog mit den beaufsichtigten Instituten. Welche Botschaft haben Sie als Bundesbankpräsident für die Banken in der Corona-Krise?

Ganz anders als in der Finanzkrise sind die Banken und die Finanzmärkte dieses Mal nicht der Ausgangspunkt der Krise. Und: Es wurden umfassende Lehren aus der Krise damals gezogen. Insbesondere wurde den Banken mehr Eigenkapital verordnet. In Deutschland hat sich die Kernkapitalquote der Banken seither etwa verdoppelt: von gut 8 % im Jahr 2006 auf 16½ % Ende vergangenen Jahres. Davon profitieren die Institute heute: Sie sind besser aufgestellt und können mögliche Verluste auch besser verkraften. Die Aufsichts- und Regulierungsbehörden haben auch mit etlichen Erleichterungen und Lockerungen reagiert – in der Erwartung, dass die Banken damit ihrer Kernfunktion besser nachkommen können, nämlich der Kreditversorgung der Wirtschaft und der Haushalte. Aber es wurde auch unmissverständlich empfohlen, auf Ausschüttungen und Aktienrückkäufe bis Oktober 2020 zu verzichten. Denn die Fähigkeit, Verluste absorbieren zu können, sollte jetzt nicht unnötig geschwächt werden. Banken spielen eine wichtige Rolle in unserer Wirtschaft – gerade jetzt in der Krise. Sie leiten nicht nur staatliche Mittel weiter. Sie helfen, die wirtschaftlichen Folgen für Unternehmen und Haushalte abzufedern, indem sie Kredite vergeben. Insofern können die Banken ein wichtiger Teil der Krisenlösung sein.

Letzte Frage, Herr Weidmann: Werden wir Sie beim nächsten Symposium in einem Jahr wieder leibhaftig sehen? Oder ist die Digitalkonferenz das Modell der Zukunft?

Der digitale Wandel erfährt im Moment einen großen Schub. Ich kann mir vorstellen, dass wir die neuen digitalen Möglichkeiten auch nach der Krise sehr viel häufiger nutzen werden als bisher, unter anderem für virtuelle Veranstaltungen. Wir sehen ja heute – hoffentlich –, wie gut das funktioniert. Bei Konferenzen geht es aber eben nicht nur um den formellen Austausch von Informationen. Wir sollten nicht die persönlichen Gespräche unterschätzen, die am Rande von Veranstaltungen und in den Kaffeepausen stattfinden. Virtuelle Konferenzen und Symposien können kein vollwertiger Ersatz sein für die reale Begegnung von Menschen. Insofern hoffe ich, dass die Veranstaltung im kommenden Jahr wieder im gewohnten Format stattfinden kann. Und für heute wünsche ich Ihnen, dass Sie auch auf den virtuellen Podien fruchtbare Diskussionen haben werden. 

© Deutsche Bundesbank. Alle Rechte vorbehalten.