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Messung der allgemeinen Preisentwicklung

Messung der allgemeinen Preisentwicklung

Angesichts der Millionen Einzelpreise in unserer Wirtschaft wäre es weder möglich noch sinnvoll, jeden einzelnen Preis in die Ermittlung des Preisniveaus einzubeziehen. Andererseits kann man die Veränderung einzelner Preise auch nicht mit der Entwicklung des gesamten Preisniveaus gleichsetzen. Bei der Messung des Preisniveaus wird deshalb ein Mittelweg gegangen, indem eine Auswahl an Preisen betrachtet wird. Dazu wird ein repräsentativer „Warenkorb“ ausgewählter Waren und Dienstleistungen zusammengestellt, der über einen längeren Zeitraum nicht verändert wird. Die Waren und Dienstleistungen werden darin unterschiedlich gewichtet. Die Preisveränderungen dieses Warenkorbs geben die Veränderung des Preisniveaus an. Auf diese Weise errechnet sich der sogenannte Preisindex.

Beispielberechnung für einen Preisindex

Grafik: Preisindex
Beispielrechnung für einen Preisindex

Ein vereinfachtes Beispiel illustriert die Berechnung eines Preisindex und die Messung der allgemeinen Preisentwicklung: Angenommen, ein repräsentativer Warenkorb der jährlichen Ausgaben eines Haushalts besteht aus 100 Tafeln Schokolade, 50 Flaschen Apfelsaft, 10 Kinobesuchen und einem Paar Schuhe, dann würde sich der Preisindex anhand dieses Warenkorbs wie in der Tabelle errechnen. 

Der Preis des Warenkorbs ergibt sich dadurch, dass man die Menge mit den jeweiligen Preisen multipliziert und diese Ergebnisse addiert. Da es bei sehr vielen Preisen in einem Warenkorb nicht mehr zweckmäßig ist, mit dessen Ausgabensumme zu arbeiten, werden die Veränderungen mithilfe des Preisindex angegeben. Dafür wird die Ausgabensumme des ersten Jahres (Basisjahr) auf 100 gesetzt (300 € entsprechen 100). Dieser Wert dient als Bezugsgröße für die folgenden Jahre. Die Preissteigerungsrate (Inflationsrate) stellt die relative Preisänderung bezogen auf das Vorjahr dar. Wie aus dem Beispiel hervorgeht, kann der Preisindex auch steigen, obwohl einzelne Preise fallen.

Verbraucherpreisindex (VPI)

Der Verbraucherpreisindex für Deutschland wird vom Statistischen Bundesamt auf der Basis der Verbraucherpreisstatistik und eines Warenkorbs ermittelt, der auf den typischen Ausgaben privater Haushalte für Waren und Dienstleistungen beruht. Dazu erhebt die Behörde jeden Monat in Kaufhäusern, auf Märkten und in Online-Shops über 300.000 Einzelpreise für Waren und Dienstleistungen, die für Endverbraucher besonders wichtig sind.

Da sich Konsumgewohnheiten im Laufe der Zeit ändern, wird der Warenkorb in regelmäßigen Abständen aktualisiert. Zuletzt wurde der VPI Anfang 2013 auf das Basisjahr 2010 umgestellt. Die nächste Aktualisierung auf das Basisjahr 2015 erfolgt im Jahr 2018. Bei der Konzeption des Warenkorbs ist nicht nur die Auswahl der repräsentativen Waren und Dienstleistungen zu treffen, sondern auch deren Gewichtung innerhalb des Warenkorbs festzulegen, das sogenannte Wägungsschema.

Grafik: Verbraucherpreisindex
Gewichtung verschiedener Ausgabengruppen im VPI

Die Veränderung des Verbraucherpreisindex für Deutschland (Inflationsrate) wird monatlich vom Statistischen Bundesamt berechnet und in der Regel im Vorjahresvergleich angegeben. Eine Steigerungsrate von 1,9 % heißt also, dass das Preisniveau in dem betreffenden Monat um diesen Prozentsatz höher war als im gleichen Vorjahresmonat.

HVPI als Maßstab für Preisstabilität im Euroraum

Das Eurosystem ist dazu verpflichtet, die Preisstabilität im gesamten Euroraum zu gewährleisten. Aus diesem Grund wird ein gemeinschaftlicher Preisindex benötigt, der die nationalen Ergebnisse in gewichteter Form zusammenführt. Ein solcher Preisindex muss hinreichend harmonisiert sein, d. h. die nationalen Indizes müssen nach einheitlichen Methoden berechnet werden, damit sie in einem Gesamtindex für den Euroraum zusammengeführt werden können. Diese Anforderung erfüllt der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI). Dieser wird vom Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) auf der Basis nationaler Ergebnisse ermittelt und monatlich veröffentlicht. Nicht der EZB-Rat oder das Eurosystem, die zur Gewährleistung von Preisstabilität verpflichtet sind, berechnen also den Verbraucherpreisindex, sondern eine von ihnen unabhängige Institution.

Geldpolitische Zielsetzung: „unter, aber nahe 2 %“

Der EZB-Rat definiert Preisstabilität als Anstieg des HVPI im Euroraum von unter 2 % gegenüber dem Vorjahr. Preisstabilität muss allerdings nicht kurzfristig (z. B. in jedem Monat oder jedem Jahr), sondern mittelfristig gewährleistet sein. Mit Festlegung dieses Wertes und dem mittelfristigen Zeitbezug wird klargestellt, dass für den Euroraum als Ganzes betrachtet eine länger anhaltende Geldentwertung von 2 % oder mehr nicht mit Preisstabilität vereinbar ist. Gleiches gilt für eine Deflation, also einen länger anhaltenden Rückgang des allgemeinen Preisniveaus. Wie der EZB-Rat im Mai 2003 mitgeteilt hat, zielt er innerhalb des so gesetzten definitorischen Rahmens beim Streben nach Preisstabilität darauf ab, mittelfristig eine Preissteigerungsrate von unter, aber nahe 2 % beizubehalten. 

Auf den ersten Blick überrascht, dass der EZB-Rat auf eine leichte Preissteigerungsrate abzielt und nicht eine Preissteigerungsrate von null anstrebt. Die Gründe dafür sind, dass eine leicht positive Preissteigerungsrate eventuellen Messfehlern beim HVPI begegnet. Zudem bietet sie auch eine „Sicherheitsmarge“ gegen eine deflatorische Entwicklung. Deflation schadet der Volkswirtschaft ebenso wie Inflation. Einer Deflation ist allerdings mit geldpolitischen Mitteln schwerer zu begegnen als einer Inflation. Denn während die Zentralbank ihre Leitzinsen unbegrenzt erhöhen kann, kann sie sie nur auf 0 % senken, oder allenfalls bis leicht in den negativen Bereich. Denn senkte sie die Leitzinsen deutlich unter 0 %, könnte dies die Zinsen für Sicht-, Spar- und Termineinlagen ebenfalls unter 0 % fallen lassen. In der Folge könnten sich die Kontoinhaber ihre Einlagen auf Giro- und Sparkonten in großem Stil in bar auszahlen lassen. 

Aus Sicht der Zentralbank würde die Zinssenkung dann nicht so wirken wie sie es beabsichtigt. Eine Inflationsrate im Euro-Raum von durchschnittlich knapp 2 % stellt sicher, dass auch Euro-Länder, in denen die Inflationsrate vom Durchschnitt etwas nach unten abweicht, nicht gleich in eine Deflation geraten.

Entwicklung der Inflationsrate im Euro-Raum

Seit Einführung des Euro hat die jährliche Inflationsrate im Euroraum von Jahr zu Jahr geschwankt. Im langjährigen Durchschnitt betrug sie 1,7 %. Die Preisentwicklung im Euroraum war in den vergangenen Jahren durch starke Schwankungen der Energiepreise geprägt. Im Jahr 2008 trieben die steigenden Energiepreise die Inflationsrate nach oben. Doch schon im Jahr darauf bewirkte die durch die Finanzturbulenzen verursachte globale Wirtschaftskrise eine moderate Senkung des Preisniveaus im Euroraum. Die andauernde Wirtschaftskrise in einigen Euro-Ländern sowie ein starker Rückgang des Ölpreises drücken die Inflationsrate seit 2014 – wie schon im Jahre 2009 – auf ein niedriges Niveau.


Inflationsraten im Euroraum

Land

2007

2009

2011

2014

2016

Belgien

1,8

0,0

3,4

0,5

1,8

Deutschland

2,3

0,2

2,5

0,8

0,4

Estland

6,7

0,2

5,1

0,5

0,8

Finnland

1,6

1,6

3,3

1,2

0,4

Frankreich

1,6

0,1

2,3

0,6

0,3

Griechenland

3,0

1,3

3,1

-1,4

0,0

Irland

2,9

-1,7

1,2

0,3

-0,2

Italien

2,0

0,8

2,9

0,2

-0,1

Lettland

10,1

3,3

4,2

0,7

0,1

Litauen

5,8

4,2

4,1

0,2

0,7

Luxemburg

2,7

0,0

3,7

0,7

0,0

Malta

0,7

1,8

2,5

0,8

0,9

Niederlande

1,6

1,0

2,5

0,3

0,1

Österreich

2,2

0,4

3,6

1,5

1,0

Portugal

2,4

-0,9

3,6

-0,2

0,6

Slowakei

1,9

0,9

4,1

-0,1

-0,5

Slowenien

3,8

0,9

2,1

0,4

-0,2

Spanien

2,8

-0,2

3,1

-0,2

-0,3

Zypern

2,2

0,2

3,5

-0,3

-1,2

Euroraum

2,2

0,3

2,7

0,4

0,2


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