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Veränderungen im internationalen Finanzsystem

Veränderungen im internationalen Finanzsystem

In den letzten Jahrzehnten hat sich das internationale Finanzsystem stark verändert. Den Anlegern stehen in der modernen Welt des weitgehend freien Kapitalverkehrs mehr Anlageziele und auch mehr Anlageformen zur Auswahl. So gesehen ist das Finanzsystem sicherlich leistungsfähiger geworden – aber auch störanfälliger.

Internationalisierung des Finanzsystems

Das Geld, das bei einer Bank oder einem Investmentfonds angelegt wird, kann heute praktisch überall in der Welt verwendet werden: International tätige Banken geben Kredite an Großunternehmen aus aller Welt, und handeln mit Wertpapieren, unabhängig von deren nationaler Herkunft. Auch die Sparer und Investoren sind daran interessiert, Geld im Ausland anzulegen. Sie erhoffen sich, dass die Anlage dort höhere Erträge erzielt oder die Risiken besser gestreut sind. 

Die Ursachen für die Internationalisierung der Finanzmärkte sind vielschichtig. Wichtige Anstöße hat die Politik gegeben: Beispielsweise haben viele Staaten beschlossen,  grenzüberschreitenden Kapitalverkehr zuzulassen. In Europa ist mit Einführung der gemeinsamen Währung ein Währungsraum entstanden, in dem frei von Wechselkursrisiken in jedem Mitgliedsland investiert werden kann. Auch der rapide technische Fortschritt spielt eine Rolle. Die intensive Nutzung der elektronischen Datenverarbeitung ermöglicht es, komplizierte Finanzgeschäfte einfach „per Knopfdruck“ auszuführen. Dabei ist es unerheblich, ob das Computerterminal in Frankfurt, New York oder Tokio steht. Die so gestiegene Leistungsfähigkeit der Finanzsysteme hat neben dem Tempo auch das Volumen der Transaktionen massiv ansteigen lassen. 

Wirtschaftlich ist es sinnvoll, finanzielle Mittel von jenen, die Geld anlegen wollen, zu jenen, die Geld für Investitionen benötigen, über nationale Grenzen hinweg weiterzuleiten. Dies ermöglicht Investitionen, die hohe Erträge einbringen können, aber allein aus heimischen Finanzquellen nicht zu decken wären. Beispielsweise wäre der zeitweilig außerordentlich hohe Kapitalbedarf Deutschlands nach der Wiedervereinigung ohne Kapital aus dem Ausland nur schwer zu decken gewesen. Ähnlich wäre der rasche wirtschaftliche Aufstieg vieler Länder in Asien, Osteuropa oder Südamerika ohne ausländisches Kapital nicht möglich gewesen.

Strukturwandel an den Finanzmärkten

Doch nicht nur die Zielorte der Ersparnisse, sondern erst recht die Wege dorthin haben sich dramatisch verändert. Dazu hat der Auftritt neuer Akteure beigetragen: Beispielsweise sammeln Hedgefonds  bei wohlhabenden Personen oder Institutionen Kapital ein und treten damit massiv als Investoren an den Finanzmärkten auf. „Private Equity Fonds“ haben sich darauf spezialisiert, Unternehmen zu erwerben, diese umzustrukturieren und wieder zu verkaufen – im günstigen Fall mit hohem Gewinn.

Auch wurden neue Finanzierungsinstrumente entwickelt. Während früher traditionelle Bankkredite und Bankeinlagen auch im internationalen Finanzgeschäft dominierten, ist seit den 1980er Jahren der Handel mit Wertpapieren in den Vordergrund gerückt. Neue Wertpapierformen, wie das Commercial Paper – eine Art kurzlaufende Unternehmensanleihe – sowie derivative Instrumente wie Terminkontrakte, Swaps und Optionen spielen heutzutage eine große Rolle. 

Grafik: Schema einer Verbriefung
Schema einer Verbriefung

Eine wichtige Rolle spielen auch die sogenannten Verbriefungen. Die Grundidee besteht darin, Kreditforderungen samt ihren künftigen Zins- und Tilgungszahlungen handelbar zu machen. Dazu bündeln Banken manchmal Hunderte Kreditforderungen und verkaufen sie an eine sogenannte Zweckgesellschaft. Die Zweckgesellschaft beschafft sich das Geld für den Ankauf, indem sie die Forderungen in einem Wertpapier „verbrieft“ und dieses Wertpapier, in kleine Abschnitte gestückelt, an Anleger verkauft.

Mit solchen Transaktionen verkaufen Banken Kreditforderungen in großem Stil an Dritte und nehmen sie damit aus ihrer Bilanz. Dadurch verschaffen sie sich – ohne ihr Eigenkapital erhöhen zu müssen – Spielraum für die Vergabe neuer Kredite, was für die Banken interessant ist, weil mit der Kreditvergabe meist lukrative Gebühreneinnahmen einhergehen. Käufer dieser mit Kreditforderungen besicherten Wertpapiere (Asset Backed Securities, ABS) sind in der Regel Investmentfonds, Versicherer, aber auch Banken. Sie erhalten Zins- und Tilgungszahlungen, die aus den unterliegenden Krediten gespeist werden.

Ratingagenturen spielen im modernen Finanzwesen eine wichtige Rolle, gerade auch aufgrund der neuen, oft hochkomplexen Finanzierungsinstrumente sowie der ständig wachsenden Zahl von Emittenten. Die meisten Anleger sind kaum in der Lage, die Risiken abzuschätzen, die der Kauf eines komplexen Finanzinstruments mit sich bringt. Hier kommen die Ratingagenturen ins Spiel. Sie sind darauf spezialisiert, die „Bonität“ von Schuldnern wie beispielsweise Unternehmen, Banken oder Staaten zu analysieren: Als Ergebnis geben sie eine Einschätzung ab, für wie wahrscheinlich sie es halten, dass der Schuldner Zinsen und Tilgungsraten vollständig und pünktlich leisten kann. Die von den Ratingagenturen vergebene Bonitätsnote beeinflusst maßgeblich die Höhe des Zinssatzes, den ein Emittent auf ein von ihm begebenes Wertpapier zahlen muss. Die Krise hat offengelegt, dass auch die Ratingagenturen vor Fehleinschätzungen nicht gefeit sind. Anleger sind gut beraten, sich mit Hilfe unterschiedlicher Quellen über Chancen und Risiken geplanter Investments zu informieren.

Neue Risiken für die Finanzstabilität 

Den neuen Chancen stehen aber auch neue Risiken entgegen. Bis zum Ausbruch der Finanz-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise im Jahre 2007 haben viele der Akteure an den Finanzmärkten diese Risiken nicht immer in ihrer vollen Tragweite erkannt. Beispielsweise wurde vielfach unterschätzt, dass bestimmte forderungsbesicherte Wertpapiere hohe Risiken in sich trugen. Die Käufer dieser Papiere haben in der Krise hohe Verluste erlitten.

Bei nationalen Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte spielte eine andere Problematik eine wichtige Rolle: Die Internationalisierung der Finanzmärkte erlaubt das Weiterleiten von finanziellen Mitteln in andere Länder. Das ist sinnvoll, solange die Finanzsysteme der Länder, denen Kapital zufließt, dieses auch produktiv verwenden können. Doch kann das zufließende Kapital den Wechselkurs des betreffenden Landes nach oben treiben. Das wiederum kann die Exportwirtschaft beeinträchtigen und zudem eine spekulative Blase am Immobilien- und Aktienmarkt des Landes auslösen. Platzt eine solche Spekulationsblase, wollen die ausländischen Kapitalgeber ihr Geld oft möglichst schnell zurückhaben. Dies stellt dann das Banken- und Finanzsystem in den ursprünglichen Zielländern vor große Probleme. Denn zum einen haben die Banken die Mittel oft langfristig ausgeliehen und geraten deshalb möglicherweise in einen Zahlungsengpass. Zum anderen führt eine solche plötzliche Umkehr der Kapitalströme häufig zu einer massiven Abwertung der Währung des ursprünglichen Ziellands. Als Folge wiegen dann die auf fremde Währung lautenden Auslandsschulden umso schwerer, womit das Risiko entsprechend steigt, zahlungsunfähig zu werden.

Mit dem Aufkommen neuer Finanzinstrumente hat das Eigenleben des Finanzsystems deutlich zugenommen. Heutzutage sind die Umsätze an den Finanzmärkten um ein Vielfaches höher als früher. Oft werden Finanzanlagen nicht mit Eigenkapital finanziert, sondern größtenteils durch Aufnahme von Krediten. Das erhöht die Gewinnchancen, aber auch die Verlustrisiken.

Als besonders folgenreich erwies sich, dass sich in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts ein internationales Schattenbankensystem herausbildete. Als „Schattenbanken“ werden Unternehmen bezeichnet, die bankähnliche Geschäfte betreiben, aber nicht unter der Kontrolle der staatlichen Bankenaufsicht stehen. Anders als die Bezeichnung vermuten lässt, sind Schattenbanken im Prinzip kein Teil der halblegalen oder illegalen „Schattenwirtschaft“, doch gibt es auch Schattenbanken, die halblegal in einer rechtlichen Grauzone oder illegal agieren.

Eine Triebfeder hin zur Entwicklung eines Schattenbankensystems war der Wunsch mancher Banken, Kredite, die sie vergeben hatten, schnell an Zweckgesellschaften weiterzuverkaufen. Andere Banken gründeten Zweckgesellschaften, um forderungsbesicherte Wertpapiere aus den Verbriefungen aufzukaufen. Die Banken selbst übernahmen Service- und Garantieleistungen für die Zweckgesellschaften und erhielten dafür Gebühren. Seit Jahresbeginn 2017 müssen die Kreditinstitute die von der europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA (European Banking Authority) erstellten Leitlinien über Obergrenzen für Risikopositionen gegenüber Schattenbankunternehmen einhalten.

Vor allem zwei Effekte machten das Finanzsystem anfällig. Zum einen wurde das Bankensystem intransparenter. Wer letztlich die Risiken aus den ursprünglichen Krediten zu tragen hatte, war zunehmend schwierig einzuschätzen. Zum anderen entstanden Mängel in der Überwachung der Qualität der zugrunde liegenden Kreditforderungen. Wenn eine Bank einen Kredit vergibt und in den Büchern behält, kümmert sie sich aus eigenem Interesse um die Kreditwürdigkeit (Bonität) des Kreditnehmers. Denn kann der Kredit nicht zurückbezahlt werden, erleidet die Bank oft einen Verlust. Wenn die Bank den Kredit aber alsbald an eine Zweckgesellschaft weiterverkaufen kann, schenkt sie der Bonitätsprüfung womöglich nicht die notwendige Aufmerksamkeit. Damit nimmt das Risiko von Kreditausfällen zu. Um dieses Risiko einzugrenzen, beauftragen die Emittenten von verbrieften Wertpapieren in der Regel Ratingagenturen mit einer Bonitätsprüfung. In der Krise hat sich allerdings gezeigt, dass auch auf die Einschätzungen der Ratingagenturen nicht immer Verlass ist, vielmehr auch sie manche Risiken bisweilen deutlich unterschätzen.   

Da die Finanzkrise gezeigt hat, dass vom Schattenbankensystem systemische Risiken ausgehen können, wird inzwischen auf globaler Ebene sowie auf EU-Ebene an einer staatlichen Regulierung auch der Schattenbanken gearbeitet.

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