Rede anlässlich der Verabschiedung Verabschiedungsfeier

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

es bedeutet mir viel, dass Sie alle heute hier sind.

Im Mai 2018 war ich zum ersten Mal bei einer Verabschiedungsfeier der Bundesbank, als Andreas Dombret und Carl-Ludwig Thiele nach acht Jahren aus dem Vorstand ausgeschieden sind. Ich war damals noch Europaabgeordneter, wusste aber schon, dass ich im September in den Vorstand wechseln würde.

Jens Weidmann erzählte damals von ihrem turbulenten Start mitten in der europäischen Staatsschuldenkrise. Zum Schluss wandte er sich an mich und sagte, er könne mich beruhigen: Zwar will ich nicht so weit gehen zu sagen ‚die nächste Krise kommt bestimmt‘, aber ganz sicher bleibt genug zu tun. Acht Jahre später kann ich sagen: Eine bemerkenswert vorsichtige Prognose. Zentralbanker neigen eben nicht zur Übertreibung.

Wie sehr Krisen und Konflikte die kommenden Jahre bestimmen würden, konnte damals niemand absehen. Oder wie es Wilhelm Busch, der ja aus meiner Heimat, dem Schaumburger Land, stammt, einst treffend auf den Punkt gebracht hat: „Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt.“

Im September 2018 wurde ich dann offiziell Mitglied des Vorstands und übernahm die Verantwortung für den Zahlungsverkehr und die ökonomische Bildung – und damit auch für unsere Hochschule in Hachenburg.

2 Sich aufeinander verlassen

Als im März 2020 die Pandemie ausbrach, mussten wir eine schwere Entscheidung treffen und die Studierenden von einem auf den anderen Tag nach Hause schicken. Lehrende und Studierende organisierten einen neuen Studienalltag am Bildschirm. Fast die gesamte Bank wechselte ins Homeoffice – ich selbst aber nicht.

Meinen über 200 Kolleginnen und Kollegen, die vor Ort etwa die kritische Infrastruktur des Zahlungsverkehrs am Laufen halten mussten, wollte ich in Präsenz den Rücken stärken. Meine persönliche Erfahrung mit der Arbeit zuhause hält sich daher in Grenzen. Wie schnell sich die Bank an diese Ausnahmesituation angepasst hat und dabei handlungsfähig blieb, hat mich nachhaltig beeindruckt.

Drei Jahre später folgte eine bereits von langer Hand geplante Umstellung: der Wechsel von TARGET2 auf T2 – unser Zahlungsverkehrssystem für Großbetrags- und Individualzahlungen in Zentralbankgeld. Innerhalb eines Wochenendes wurde umgestellt, woran unsere Fachleute und ihre europäischen Partner jahrelang gearbeitet hatten.

Der Druck war groß. Ich erinnere mich an zahlreiche vorbereitende Gespräche mit den Spitzen der großen Banken. Der Montag danach war dann für die Menschen im Euroraum ein ganz gewöhnlicher Tag – denn die Zahlungsverkehrssysteme standen ohne Einschränkungen zur Verfügung, ganz so wie jeden Tag.

Hier zeigt sich gute Zentralbankarbeit. Sie zeichnet sich in vielen Bereichen besonders dadurch aus, dass die Allgemeinheit wenig davon mitbekommt. Das gilt vor allem auch bei der Bereitstellung kritischer Infrastruktur im Zahlungsverkehr und der Wertpapierabwicklung sowie bei der Bargeldversorgung. Verlässlichkeit und Vertrauen sind hier essenziell.

Neben ihren Beschäftigten ist die Reputation für mich das wichtigste Kapital einer Notenbank. Aber auch die Beschäftigten sollen sich auf ihren Vorstand verlassen können – gerade bei Entscheidungen, die sie unmittelbar betreffen. Seit 2023 war ich auch für das Bargeld zuständig – und damit auch für das neue Filialkonzept der Bundesbank. Es sieht neben vier neuen Filialen auch acht Schließungen vor.

Diese Entscheidung ist uns im Vorstand nicht leichtgefallen, auch wenn wir sie gemeinsam für richtig halten. Die Veränderungen greifen teilweise tief in die Lebensplanung der betroffenen Beschäftigten ein. Mir war es deshalb wichtig, die Gründe vor Ort in den zu schließenden Filialen selbst zu erklären, die Sorgen zu hören und sicherzustellen, dass die Maßnahmen so sozialverträglich wie möglich umgesetzt werden.

Bei allen Herausforderungen, die das neue Filialkonzept mit sich bringt: Ich bin überzeugt, dass wir mit dem Konzept den richtigen und notwendigen Weg zu einer zukunftsfähigen Bargeldversorgung in Deutschland eingeschlagen haben. Mit der geplanten Einführung der dritten Serie der Euro-Banknoten – über deren Motive bis gestern online abgestimmt werden konnte – bekennt sich auch das Eurosystem ausdrücklich zur Zukunft des Bargelds.

3 Über Grenzen hinweg zusammenarbeiten

Meine Damen und Herren,

im internationalen Zentralbankdialog habe ich erlebt, wie sehr Zentralbanken und Aufsichtsbehörden auf der ganzen Welt das Wissen und die Expertise unserer Kolleginnen und Kollegen schätzen. In zahlreichen Seminaren und anderen Austauschformaten geben sie – in Frankfurt wie auch bei Veranstaltungen im Ausland – dieses Wissen weiter.

Von diesem Austausch auf Augenhöhe profitiert auch die Bundesbank. Nach einem Besuch unserer Hochschule in Hachenburg fragte der Gouverneur der Bank of Namibia Joachim Nagel und mich, ob auch junge Menschen aus Namibia dort studieren könnten. Seit 2024 studieren die ersten von ihnen in Hachenburg – eine große Bereicherung für alle Seiten.

Als verlässlicher Partner hat sich die Bundesbank auch im Rahmen EU-finanzierter Projekte für die Zentralbanken des westlichen Balkans und für zahlreiche afrikanische Zentralbanken etabliert. Aufgrund des Erfolgs der Projekte wird es ein ähnliches Programm nun auch für die Ukraine und Moldawien geben, um diese Länder auf ihrem Weg in die EU zu unterstützen.

Darüber hinaus konnten wir eine Reihe von langfristigen Kooperationsvereinbarungen mit Partnerinstitutionen auf der ganzen Welt unterzeichnen oder erneuern. 

Ich bin überzeugt: Gerade in einer Welt zunehmender geopolitischer Spannungen wird der internationale Austausch immer wichtiger. Diesen Austausch fördert auch das internationale Netzwerk der Repräsentantinnen und Repräsentanten der Bundesbank. Sie sind das Gesicht der Bundesbank vor Ort – dort, wo die Vorstandskollegen und ich nur kurzfristig zu Besuch sein konnten.

Als früherer Europapolitiker freut es mich daher besonders, dass wir seit fünf Jahren wieder eigene Repräsentanten in Paris, Rom und Madrid haben – und mit der Repräsentanz im House of the Euro auch in Brüssel gut vertreten sind. Aus naheliegenden Gründen haben wir die Repräsentantenstelle in Moskau gestrichen und dafür einen Kollegen als Repräsentanten für die baltischen Republiken nach Riga entsandt. Das stärkt die Zusammenarbeit im Euroraum maßgeblich.

4 Der digitale Euro

Seit Beginn meiner Amtszeit habe ich dafür geworben, Europas eigene Fähigkeiten im Zahlungsverkehr zu stärken. Ich musste hier anfangs durchaus viel Überzeugungsarbeit leisten. Die geopolitischen Entwicklungen haben dem Anliegen europäischer Eigenständigkeit nun eine Dringlichkeit gegeben, auf die ich gern verzichtet hätte.

Im Februar 2024 startete unser eigener Zentralbereich für den digitalen Euro mit 20 Beschäftigten – heute sind es 110. Neben dem Aufbau des Bereichs arbeiteten sie von Anfang an mit europäischen Partnern an der Infrastruktur für den digitalen Euro – und inzwischen auch an digitalem Zentralbankgeld für Finanzmarktgeschäfte.

Ich habe viele Gespräche mit Politik, Banken und Verbänden geführt, in Berlin, Brüssel und Frankfurt. Anfangs wurde vor allem über das Ob diskutiert, inzwischen ist der politische Prozess weit fortgeschritten und der Fokus liegt auf Detailfragen. Der digitale Euro wird kommen – davon war ich von Anfang an überzeugt.

Gemeinsam mit fünf weiteren Zentralbanken des Euroraumes wird die Bundesbank zentrale Teile der Infrastruktur bereitstellen. In der Karwoche 2025 haben Joachim Nagel und ich spät abends die Kooperationsvereinbarung dazu unterschrieben – ein wichtiger Meilenstein. Zudem wird einer von drei Betriebsstandorten für den digitalen Euro in Deutschland liegen.

Dass wir damit als Bundesbank langfristig Europas Souveränität stärken und besondere Verantwortung übernehmen, macht mich stolz. Gleichzeitig werden wir auch in Zukunft selbst entscheiden können, wie wir zahlen wollen – ob mit dem digitalen Euro, privaten Zahlungslösungen oder mit Bargeld.

5 Dank und Abschied

Liebe Beschäftigte, liebe Kolleginnen und Kollegen,

dass ich mit großer Freude und Dankbarkeit auf die acht Jahre im Vorstand der Bundesbank zurückblicke, verdanke ich in allererster Linie Ihrer Arbeit, Ihrem Rat und gelegentlich auch Ihrem Widerspruch. Ganz besonders möchte ich mich bei den Kolleginnen und Kollegen im Vorstand sowie den Leiterinnen und Leitern meiner Zentralbereiche und Abteilungen bedanken, mit denen ich tagtäglich eng zusammengearbeitet habe.

Aber auch bei den Mitgliedern der Gremien, die sich stets mit großem Engagement für die Belange der Beschäftigten eingesetzt haben. Und natürlich bei meinem Büro, das mich Tag für Tag begleitet hat. Sie haben mitgedacht, sorgfältig vorbereitet und auch dann den Überblick behalten, wenn sich Pläne kurzfristig änderten.

Auf Ihre Unterstützung konnte ich mich verlassen, ebenso wie auf meine Fahrer, die sehr viel Zeit mit mir im Auto verbracht haben und mich stets sicher an meine Ziele in Deutschland und Europa gebracht haben. Für die Sorgfalt, die Geduld und das gute Miteinander danke ich Ihnen allen sehr.

Liebe Susanne, 

meine Arbeit hat in den vergangenen Jahren viel unserer Zeit in Anspruch genommen. Der kurzfristig anberaumte Unterschriftstermin in der Karwoche fiel sogar mitten in unseren Osterurlaub. Du hast auch dann stets Verständnis gehabt, mir den Rücken freigehalten und mich unterstützt. Dafür danke ich Dir von ganzem Herzen.

Vor acht Jahren kam ich mit Erfahrungen aus Bank und Parlament. Heute gehe ich als überzeugter Zentralbanker und bleibe der Bundesbank auch in Zukunft eng verbunden. Die Bundesbank ist eine großartige Institution.

Allen, die meine Aufgaben weiterführen, gebe ich eine Gewissheit mit, die ich vor acht Jahren selbst mit auf den Weg bekommen habe: Ganz sicher bleibt genug zu tun.

Herzlichen Dank.