Zwei Wege, ein Auftrag – Verlässlich bezahlen in Europa Amtswechselfeier der Hauptverwaltung in Baden-Württemberg
Es gilt das gesprochene Wort.
1 Begrüßung
Sehr geehrte Damen und Herren,
herzlich willkommen im Haus der Wirtschaft. Ich freue mich, dass so viele von Ihnen heute Abend gekommen sind. Der Blick in den Saal zeigt, wie breit das Netz ist, in dem diese Hauptverwaltung arbeitet. Dafür, dass Sie heute alle hier sind, danke ich Ihnen.
Wir feiern heute einen Amtswechsel, der streng genommen schon eine Weile zurückliegt. Dr. Patricia Staab ist seit dem 1. April 2026 Ständige Vertreterin im Zentralbereich Informationstechnologie, Kathrin Schulte-Südhoff seit dem 1. Juli 2026 Präsidentin dieser Hauptverwaltung. Beide haben ihre neuen Positionen also bereits angetreten.
Der heutige Tag gibt uns nun die Gelegenheit, diesen Wechsel gemeinsam zu würdigen: der scheidenden Präsidentin zu danken, ihre Nachfolgerin vorzustellen und sie im Kreis derjenigen zu begrüßen, die die Arbeit dieser Hauptverwaltung begleiten und mit ihr verbunden sind.
2 Würdigung Dr. Patricia Staab
Liebe Frau Dr. Staab,
als Sie im Oktober 2019 hier Ihr Amt übernommen haben, ahnte niemand, wie kurz die normale Anlaufzeit sein würde. Wenige Monate später begann die Pandemie. Eine Hauptverwaltung zunächst vor allem über Bildschirme kennenzulernen, ist keine Kleinigkeit – erst recht nicht in der Nachfolge eines langjährigen Vorgängers.
Sie haben diesen ungewöhnlichen Start nicht nur bewältigt. Sie haben ihn genutzt, um von Anfang an eigene Akzente zu setzen. Nach außen haben Sie die Bundesbank in Baden-Württemberg sichtbar gemacht: in der Kontaktpflege – von den Generalkonsulaten über die Finanz- und Realwirtschaft bis hin zu Politik und Wissenschaft –, auf Messen und beim Europatag.
Besonders am Herzen lag Ihnen der Nachwuchs. Davon zeugen die neuen Hochschulpreise im Land ebenso wie Formate wie „Bundesbank Insights“ für Schülerinnen und Schüler.
Und Sie haben sich für finanzielle Bildung eingesetzt, gerade auch für Frauen. Warum mir dieses Thema besonders wichtig ist, darauf komme ich später noch zu sprechen.
Nach innen haben Sie etwas bewirkt, das sich nur schwer messen lässt und doch alle spüren: Sie haben den Beschäftigten Wertschätzung entgegengebracht. Das war besonders wichtig in Jahren, in denen draußen eine Krise die nächste ablöste und drinnen ein tiefgreifender Wandel begann – mit einem neuen Filialkonzept, Standortentscheidungen und veränderten Aufgaben.
Ihre Nachfolgerin hat in ihrem ersten Brief an die Belegschaft die gelebte Kommunikationskultur dieses Hauses hervorgehoben, die Sie maßgeblich geprägt haben. Ein schöneres Zeugnis kann man sich kaum ausstellen lassen.
Dazu kommt die Digitalisierung, die Ihnen von Beginn ein Anliegen war: vom Digitalisierungstag in der Hauptverwaltung bis zum Explorationsprojekt in der Filiale Reutlingen. Sie haben darüber auch geschrieben, unter anderem in Ihrem Buch „Don’t worry, be digital“. Darin erklären Sie Menschen ohne Vorkenntnisse, was die Digitalisierung für ihren Alltag bedeutet – beim Arbeiten, für die Gesundheit und beim Bezahlen. Und Sie nehmen ihnen damit ein Stück weit die Angst vor diesem Wandel.
Erklären statt überreden: Das ist eine Haltung, auf die es auch bei unseren eigenen Themen ankommt. Dass Sie nun in der Zentrale Verantwortung für die Informationstechnologie übernehmen, ist deshalb nur konsequent.
Ich selbst war in den vergangenen Jahren gern und mehrfach in Stuttgart – unter anderem zu den Sitzungen des Beirats. An einen dieser Besuche erinnere ich mich gut. Während der Beiratssitzungen schien Ihre Stimme leicht angeschlagen. Was für mich klang wie eine leichte Erkältung, klärten Sie schnell als eine Nachwirkung Ihrer kürzlichen Besteigung des Himalaya-Gebirges auf.
Der Beiratssitzung hat das keineswegs geschadet. Im Gegenteil: Es hat einmal mehr gezeigt, dass Sie selbst steile Aufstiege nicht scheuen – weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinne. Als erfahrene Bergsteigerin wissen Sie schließlich, dass der Erfolg nicht erst am Gipfeltag entschieden wird, sondern lange zuvor durch sorgfältige Vorbereitung. Und Sie wissen auch, wie wichtig es ist, unterwegs Wegmarken zu hinterlassen, die all jenen Orientierung geben, die nach Ihnen kommen.
3 Das Bargeld bleibt – und verändert sich
Meine Damen und Herren,
das war der Blick zurück. Bevor ich Frau Schulte-Südhoff willkommen heiße, möchte ich den Blick nach vorn richten – auf die Aufgaben, die vor dieser Hauptverwaltung liegen. Denn eine Hauptverwaltung ist nicht nur ein Verwaltungsgebäude. Sie ist der Ort, an dem die Aufgaben der Bundesbank in einer Region konkret werden: Von ihren Filialen aus werden Wirtschaft und Handel mit Bargeld versorgt, und von Stuttgart aus wird ein erheblicher Teil der deutschen Kreditwirtschaft beaufsichtigt.
Ich spreche hier auch als das Vorstandsmitglied, das noch bis Ende Oktober interimistisch für das Bargeld zuständig ist. Und ich weiß, dass die Veränderungen im Filialnetz den Kolleginnen und Kollegen an einigen Standorten viel abverlangen.
Wir organisieren die Bereitstellung des Bargeldes neu: mit leistungsfähigeren Standorten, moderner Technik und robuster Logistik. Das sichtbarste Zeichen dafür wird in den kommenden Jahren hier in Stuttgart entstehen: eine neue Filiale.[1]
Wer eine Filiale für die kommenden Jahrzehnte errichtet, trifft damit auch eine klare Aussage: Das Bargeld hat weiterhin Zukunft. Das entspricht dem, was die Menschen wollen: Vier von fünf Befragten halten es für wichtig, dass man in Deutschland weiterhin bar bezahlen kann.[2]
Bargeld bleibt ein Kernbestandteil unseres Geldsystems.
Rückendeckung bekommt das Bargeld zudem auf europäischer Ebene: Das Single Currency Package der Europäischen Kommission enthält neben dem Verordnungsentwurf zum digitalen Euro einen zweiten, der den Status des Bargelds als gesetzliches Zahlungsmittel absichern wird. Beides gehört zusammen. Wahlfreiheit beim Bezahlen heißt, dass beide Wege offenbleiben, digitale Bezahlmöglichkeiten und Barzahlungen.
Wie groß das Interesse an der Zukunft des Bargelds ist, hat sich in diesem Sommer gezeigt. Die EZB hat im Juli zehn Gestaltungsvorschläge für die nächste Banknotenserie vorgestellt – zu den Themen „Europäische Kultur“ sowie „Flüsse und Vögel“, ausgewählt von einer unabhängigen Jury aus mehr als 1.200 Wettbewerbsbeiträgen.
Anschließend wurden die Bürgerinnen und Bürger zwei Monate lang in allen 24 Amtssprachen nach ihrer Meinung gefragt. Fast zehn Millionen Menschen haben die Fragebögen vollständig ausgefüllt, rund 3,5 Millionen davon aus Deutschland – mehr als ein Drittel aller Rückmeldungen.[3]
Zwei Drittel der Antworten stammten von Menschen unter 35 Jahren, also gerade von jener Generation, die besonders häufig mit dem Smartphone bezahlt.
Die Behauptung, Bargeld interessiere hierzulande niemanden mehr, lässt sich demnach kaum aufrechterhalten.
4 Der Zwilling des Bargeldes: Der digitale Euro
Das Interesse am Bargeld ist also groß – genutzt wird es trotzdem seltener. Unsere aktuelle Studie zum Zahlungsverhalten zeigt für 2025 erstmals eine Mehrheit unbarer Zahlungen: 55 Prozent aller erfassten Einkäufe, zwei Jahre zuvor waren es 49 Prozent.[4]
Hinzu kommt eine Zahl, die aufhorchen lässt: 63 Prozent halten mehr europäische Autonomie im Zahlungsverkehr für notwendig. Das Bargeld allein kann das nicht leisten – es endet dort, wo digital bezahlt wird.
Damit bin ich beim digitalen Euro. Am besten stellt man ihn sich als digitalen Zwilling des Bargelds vor. Er soll können, was Bargeld kann – nur eben digital: überall im Euroraum akzeptiert, einfach und sicher, in den Grundfunktionen für Verbraucherinnen und Verbraucher kostenlos, auch offline und von Mensch zu Mensch nutzbar. Als Ergänzung zum Bargeld, nicht an seiner Stelle.
Das ist wichtig für unsere Unabhängigkeit. Ein großer Teil der digitalen Zahlungen in Europa läuft derzeit über Anbieter mit Sitz außerhalb Europas. Das sind geschätzte Partner, aber Zugang, Geschäftsmodelle und Gebühren werden anderswo entschieden.
Es geht zudem um Widerstandsfähigkeit. Als im April 2025 in Spanien und Portugal der Strom ausfiel, funktionierten weder Terminals noch Geldautomaten. Bezahlen konnte, wer Bargeld dabei hatte.[5] Ein zweiter, europäisch kontrollierter Weg, der auch offline funktioniert, macht das System robuster.
Und es geht um Effizienz. Innerhalb Europas überqueren wir Grenzen ohne Reisepass. Nationale Bezahllösungen wie die Girocard enden aber an genau diesen Grenzen und europäische Verfahren wie Wero decken bislang nur einzelne Länder ab. Der digitale Euro wird im gesamten Euroraum nutzbar sein.
Das Projekt geht gut voran: Das Europäische Parlament hat im Juli seine Verhandlungsposition beschlossen, seither läuft der Trilog mit den Mitgliedstaaten.
Parallel bereitet das Eurosystem den Praxistest vor: Seit dem 15. September können sich Online- und Mobile-Händler für das Pilotprojekt bewerben, das in der zweiten Hälfte 2027 startet.[6] Die Bewerbungsfrist endet am 27. Oktober. Falls Sie ein Unternehmen vertreten, das online verkauft: Sie wären uns willkommen.
Eine Erstausgabe des digitalen Euro wäre frühestens 2029 möglich – vorausgesetzt, der europäische Gesetzgeber schafft die Grundlage dafür.
Und damit bin ich beim Thema finanzielle Bildung, das Frau Dr. Staab hier maßgeblich vorangetrieben hat. Denn 42 Prozent der Menschen in Deutschland haben schon einmal vom digitalen Euro gehört, aber nur ein Viertel von ihnen kann zutreffend beschreiben, worum es geht.[7]
Zwei Sorgen höre ich zudem besonders oft: die vor dem gläsernen Bürger und die vor einem Geld, bei dem sich vorschreiben ließe, wofür man es ausgeben darf.
Dazu möchte ich zwei Dinge so klar sagen, wie ich kann: Das Eurosystem wird einzelne Nutzer nicht aus Zahlungsdaten identifizieren können. Bei Offline-Zahlungen werden gar keine Daten an Dritte fließen. Und: Ein digitaler Euro ist Geld, kein Gutschein. Er trägt keine Anweisung darüber, wofür er ausgegeben werden darf.
Dass sich Aufklärung lohnt, zeigen unsere internen Untersuchungen: Wer den digitalen Euro zutreffend beschreiben kann, würde ihn deutlich häufiger nutzen als jene, die dies nicht können. Kenntnis allein schafft noch keine Akzeptanz – Verstehen schon.
Finanzielle Bildung ist also wichtig, um informierte Entscheidungen treffen zu können. Leisten kann das keine Institution allein: Es braucht Banken und Sparkassen, Schulen und Hochschulen, Verbände und Medien – und Hauptverwaltungen, die in ihrer Region ansprechbar sind, so wie hier in the LÄND – Baden-Württemberg.
5 Würdigung Kathrin Schulte-Südhoff
Liebe Frau Schulte-Südhoff,
Ihr Weg in dieses Amt führte über das Recht: Studium der Rechtswissenschaften mit Auslandsstationen, ein Master of Laws im Bereich Finance, der Start in der Rechtsabteilung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands in Berlin.
2005 sind Sie zur Bundesbank gekommen. Bis 2014 waren Sie im internationalen Bankaufsichtsrecht, danach im Büroleitungsteam des Präsidenten tätig. 2018 übernahmen Sie (im Tandem) die Leitung der Stabsstelle im Zentralbereich Revision. Seit Januar 2024 waren Sie Leiterin der Abteilung „Grundsatz und Revisionen III”.
Aus diesem Weg sind mir für Ihre neue Aufgabe zwei Dinge besonders wichtig. Erstens haben Sie eine Maßnahme unseres Transformationsprogramms „Wandel“ geleitet, aus der das Management Alignment Committee (MAC) hervorgegangen ist. Das ist das bankinterne Gremium, in dem die erste Führungsebene bankweite Themen zusammenführt, von der Cloud-Governance bis zur KI‑Strategie. „Alignment” heißt: dafür sorgen, dass Bereiche, die berufsbedingt unterschiedliche Sprachen sprechen, frühzeitig eine gemeinsame Richtung finden.
Darüber hinaus haben Sie konzipiert und koordiniert, wie die Revision die Transformation der Bereiche begleitet. Sie kennen Veränderungsprozesse also nicht aus der Zuschauerperspektive. Sie haben sie gestaltet, strukturiert und kritisch begleitet.
Genau diese Erfahrung werden Sie hier brauchen: für den Wandel in der Hauptverwaltung und für die Umsetzung der Filialstrategie mit allem, was sie den Kolleginnen und Kollegen an den Standorten abverlangt.
Zweitens haben Sie seit Ihrem Amtsantritt das Gespräch mit den Menschen vor Ort gesucht und in kurzer Zeit alle Filialen und Bereiche besucht. Das ist gerade für eine neue Aufgabe die richtige Reihenfolge: erst zuhören, dann gestalten.
Dass Sie überhaupt bei uns gelandet sind, verdanken wir übrigens einem Schwaben. 2005 hatten Sie sich bei der Bundesbank beworben – und dann lange nichts gehört. Irgendwann war die Geduld erschöpft, und Sie hatten bereits bei einer Kanzlei unterschrieben. Da meldete sich Herr Dr. Ulrich Haug, damals in der Bankenaufsicht in der Zentrale in Frankfurt tätig, und ließ Sie in seiner schwäbischen Art wissen: Es sehe gut aus mit Ihrer Bewerbung.
Mehr war das nicht. Kein Vertrag, kein Schreiben, nur ein Satz. Sie haben daraufhin den Kanzleivertrag wieder aufgelöst – und Ihren Bundesbankvertrag erst an Ihrem ersten Arbeitstag unterschrieben. Ihre Begründung bis heute: Der Bundesbank kann man trauen, selbst wenn sie nur mündlich zusagt.
Lieber Herr Dr. Haug, ich weiß nicht, ob Ihnen damals klar war, was Sie da angestoßen haben. Heute wissen wir es: Sie haben dieser Hauptverwaltung ihre Präsidentin besorgt.
6 Schluss
Liebe Frau Schulte-Südhoff, als Revisorin haben Sie jahrelang geprüft, ob das hält, was tragen soll – Strukturen, Verfahren und Kontrollen. Beim Bergsteigen nennt man das den Standplatz. Jetzt gehen Sie voran. Dafür danke ich Ihnen und wünsche Ihnen viel Geschick und eine glückliche Hand für die kommenden Aufgaben.
Liebe Frau Dr. Staab, Ihnen danke ich für sechseinhalb Jahre, in denen Sie diesem Haus Statur verliehen haben und Ihr Amt mit großem Engagement und Tatkraft ausgefüllt haben. Für Ihre neue Aufgabe wünsche ich Ihnen ebenfalls gutes Gelingen.
Ihnen allen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.