Stabile Banken, starke Kapitalmärkte – Europas Finanzsystem für die Zukunft Keynote bei der Konferenz anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des International Bankers Forum

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung

Meine Damen und Herren,

vier Jahrzehnte sind eine lange Zeit – gerade in der Finanzwelt. Und es waren vier Jahrzehnte, in denen sich nicht nur die Finanzwelt, sondern auch Europa grundlegend verändert hat. In dieser Zeit hat unser Kontinent enorme Integrationsfortschritte erzielt: Der Eiserne Vorhang ist gefallen, der europäische Binnenmarkt wurde verwirklicht und der Euro eingeführt. Viele wirtschaftliche Grenzen in Europa sind seitdem verschwunden – doch bei der Integration der europäischen Finanzmärkte besteht weiterhin Luft nach oben.

Hier voranzukommen ist besonders wichtig, weil Europa zurzeit erhebliche Investitionen in KI, Energieversorgung und Dekarbonisierung finanzieren muss. Der Draghi-Bericht bezifferte den zusätzlichen Investitionsbedarf bis 2030 auf 750 bis 800 Milliarden Euro pro Jahr.[1] Allein aus öffentlichen Mitteln sind solche Ausgaben nicht zu stemmen. Denn dazu kommen noch die notwendigen Aufwendungen, um die Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Und um genügend private Mittel für diesen Zweck zu mobilisieren, muss die Leistungsfähigkeit des Europäischen Finanzsystems deutlich zunehmen.

In meiner Rede möchte ich deshalb über den aktuellen Stand und die Perspektiven der Spar- und Investitionsunion sprechen. Einrahmen werde ich diesen Teil allerdings mit einem kurzen Überblick über den Status quo des europäischen Finanzsystems zu Beginn und über den Stand zum Thema Vereinfachung der Bankenregulierung zum Schluss.

2 Europäisches Finanzsystem: resilient, aber strukturell im Nachteil

Wo steht das europäische Finanzsystem heute, wie steht es da? Europas Banken sind heute erfreulich robust aufgestellt. Dies zeigte sich besonders deutlich während der Bankenturbulenzen im Frühjahr 2023. Zwar griffen die Spannungen auf europäische Bankaktien und Bankanleihen über, blieben im Euroraum aber begrenzt und von kurzer Dauer. Hierfür spielten starke Kapital- und Liquiditätspuffer der europäischen Banken eine wichtige Rolle.[2] Diese solide Ausgangslage besteht fort: Auch im Jahr 2026 bleibt der europäische Bankensektor kapital- und liquiditätsstark.[3] Die Erfahrung von 2023 zeigt uns: Resilienz ist ein hohes Gut – und sie sollte auch bei künftigen Reformen der Bankenregulierung nicht aufs Spiel gesetzt werden. Zugleich sollten wir uns nicht damit zufriedengeben, dass europäische Banken stabil sind; wir müssen auch fragen, wie wettbewerbsfähig sie im internationalen Vergleich sind.

Dabei ist zunächst eine Einordnung wichtig: Europäische und nichteuropäische Banken stehen weit seltener in direktem Wettbewerb, als man vielleicht vermuten könnte. Analysen unserer Bankenaufsicht zeigen etwa, dass deutsche und US-amerikanische Banken auf den lokalen Kreditmärkten nur selten unmittelbar miteinander konkurrieren. Anders sieht es im Investmentbanking und im Trading aus. Dort treffen global tätige Großbanken im internationalen Wettbewerb direkt aufeinander. Gemessen an den gesamten Kapitalanforderungen der Banken spielen diese Aktivitäten allerdings eine deutlich kleinere Rolle als das klassische Kreditgeschäft. Bei Unternehmenskrediten konkurrieren etwa deutsche Banken daher vor allem mit anderen deutschen und europäischen Instituten – und weniger mit großen US‑Banken. Dennoch lohnt sich der Blick über den Atlantik. Denn ein Vergleich kann zeigen, wo Europas Banken im internationalen Maßstab stehen – und wo mögliche strukturelle Nachteile liegen.

US‑Banken – und teilweise auch britische Banken – schneiden bei wichtigen Leistungsindikatoren besser ab als europäische Institute, etwa bei Nettozinsmargen und Kurs-Buchwert-Verhältnissen.[4] An dieser Stelle dürfte manch einer versucht sein, die niedrigere Profitabilität mit einer zu hohen Kapitalisierung europäischer Banken zu erklären. Untersuchungen der EZB und der Bundesbank sprechen allerdings eine andere Sprache: Demzufolge reduzieren höhere Kapitalquoten Zinsausgaben und Ertragsschwankungen.[5] Dadurch können Banken ihre Risikoprämien bei der Refinanzierung senken, was ihre Profitabilität erhöht.

Die strukturelle Schwäche liegt vielmehr an anderer Stelle: US‑Banken profitieren von tiefen und liquiden Kapitalmärkten und einem hochintegrierten Finanzsystem, während Europas Banken- und Kapitalmärkte weiterhin fragmentiert sind. Das erschwert eine effiziente Kapitalallokation und die Ausnutzung von Skaleneffekten. Hinzu kommen unterschiedliche, komplexe und teilweise widersprüchliche regulatorische Anforderungen in den europäischen Ländern, die diese strukturellen Ineffizienzen noch verstärken.[6] Unterm Strich ergibt sich damit ein zwiespältiges Bild: Europas Bankensektor ist resilient – doch strukturelle Ineffizienzen bremsen seine Leistungsfähigkeit.

3 Spar- und Investitionsunion: Europas Kapital besser nutzen

Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, durch Deregulierung schnelles Geld freizusetzen und die Widerstandsfähigkeit unserer Banken zu verringern, sondern die Leistungsfähigkeit unseres Finanzsystems dauerhaft zu erhöhen. Genau hier setzt die Spar- und Investitionsunion an. Ihr Ziel besteht darin, Ersparnisse besser mit produktiven Investitionen zu verbinden und dafür sowohl die Kapitalmärkte als auch den europäischen Bankenmarkt stärker zu integrieren. Damit soll sie die Wettbewerbsfähigkeit, die Resilienz und die strategische Autonomie der EU verstärken.[7] 

Dabei geht es nicht um eine einzelne große Reform, sondern um viele ineinandergreifende Bausteine, beispielsweise: 

  • eine effiziente Regulierung und Aufsicht des europäischen Verbriefungsmarktes, 

  • den Abbau der Fragmentierung bei Handelsplätzen, Clearing- und Wertpapierabwicklungsstellen, 

  • die Förderung der Distributed-Ledger-Technologie und Tokenisierung im europäischen Handel, 

  • die Förderung des europäischen Marktes für Venture und Wachstumskapital, 

  • die Harmonisierung der Kapitalmarktaufsicht, 

  • eine vereinfachte Bankenaufsicht und einen echten Bankenbinnenmarkt, 

  • sowie Maßnahmen zur Altersvorsorge und finanziellen Bildung.

Die Nachrichten aus Brüssel zeigen, dass wir derzeit auf gutem Weg zur Verwirklichung der Spar- und Investitionsunion sind. Denn aus politischen Absichtserklärungen werden konkrete Gesetzgebungsvorhaben. Lassen Sie mich einige von ihnen nennen.

Im Juni 2025 hat die Europäische Kommission den Gesetzgebungsvorschlag zur Reform des Verbriefungsmarktes vorgelegt. Ende des vergangenen Jahres folgte das Gesetzgebungspaket zur Integration der Finanzmärkte und ihrer Aufsicht – market integration and supervision package. Damit soll unter anderem der bereits erwähnte Abbau der Fragmentierung bei Handelsplätzen und Zentralverwahrer adressiert werden. Eine grundsätzliche Einigung über das Paket wurde vorletzte Woche in der Sitzung des Rates der Wirtschafts- und Finanzminister erzielt.[8]

Zudem lieferte die Kommission im März mit dem sogenannten 28. Regime – auch „EU Inc.“ genannt – einen Vorschlag für eine EU-weit einheitliche Unternehmensform. Ziel des 28. Regimes ist es, Unternehmensgründungen zu erleichtern sowie die Finanzierungsbedingungen und Wachstumsmöglichkeiten für Start-Ups und Scale-Ups zu verbessern. Und in diesem Sommer präsentierte die Kommission mögliche Maßnahmen zur Stärkung des europäischen Bankensektors.[9]

Zum Erfolg trägt aus meiner Sicht auch bei, dass die einzelnen Initiativen mit einem ambitionierten Zeitplan zur Umsetzung versehen worden sind – die One Europe, One Market Roadmap. Noch in diesem Jahr wird die Einigung über die konkrete Ausgestaltung des 28. Regimes angestrebt. Und bereits Anfang kommenden Jahres sollte laut Zeitplan die bis dahin erzielte Einigung über die Reform des europäischen Verbriefungsrahmens in Kraft treten. Im ersten Quartal 2027 will die Kommission einen Gesetzgebungsvorschlag zur Änderung des europäischen Bankenregelwerkes präsentieren. 

Die Spar- und Investitionsunion wird europäischen Unternehmen Zugang zu einem größeren und vielfältigeren Kreis von Kapitalgebern eröffnen und damit die Finanzierung von Investitionsprojekten erleichtern. Tiefere europäische Aktien- und Wagniskapitalmärkte könnten deshalb dazu beitragen, dass aus europäischen Start-ups häufiger auch europäische Scale-ups und schließlich globale Unternehmen werden.

Aber auch Banken können von tieferen Kapitalmärkten profitieren. Banken und Kapitalmärkte sollten dabei nicht als Konkurrenten verstanden werden; ein leistungsfähiger Kapitalmarkt kann vielmehr auch das Bankgeschäft stärken. Beispielsweise kann ein größerer Verbriefungsmarkt Banken ermöglichen, Risiken an Kapitalmarktinvestoren weiterzugeben und gebundenes Kapital für neue Kredite freizusetzen. Verbriefungen fungieren dabei als Brücke zwischen Bankfinanzierung und Kapitalmarkt.

Doch nicht nur bei den Kapitalmärkten gibt es erhebliches Potenzial für den Bankensektor. Auch der europäische Bankenbinnenmarkt ist noch längst nicht vollendet. Dabei geht es insbesondere um eine effizientere grenzüberschreitende Steuerung von Kapital und Liquidität und eine gemeinsame europäische Einlagensicherung. Knackpunkte bei der grenzüberschreitenden Steuerung von Kapital und Liquidität sind geeignete Sicherheitsvorkehrungen. Diese Vorkehrungen sollen sicherstellen, dass die ausländische Muttergesellschaft ihre Tochterunternehmen im Krisenfall unterstützt. Die Reduzierung hoher Konzentrationen von Staatsschuldtiteln könnte einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der institutionellen Architektur der Bankenunion leisten.[10] Bei diesen Punkten voranzukommen würde es den europäischen Banken erleichtern, grenzüberschreitend tätig zu werden und Skaleneffekte zu realisieren.

4 Bankenregulierung: So viel wie nötig, so einfach wie möglich

Mehr Integration allein könnte allerdings Unternehmen mit großen Skalenvorteilen besonders zugutekommen. Dabei lebt Europas Bankenlandschaft gerade auch von ihrer Vielfalt: von international tätigen Großbanken ebenso wie von Sparkassen, Genossenschaftsbanken und anderen kleineren Instituten. Ein gemeinsamer Markt sollte deshalb nicht zu einem einheitlichen Geschäftsmodell führen. Regulierung und Aufsicht sollten daher dem Prinzip der Proportionalität Rechnung tragen. Denn gerade kleinere Banken können von fixen regulatorischen und administrativen Kosten überproportional betroffen sein.

Ein weiteres Problem ist die hohe Komplexität des Systems aus Kapital- und Abwicklungsanforderungen, die die Wirksamkeit des Regulierungsrahmens, etwa die Nutzbarkeit von Kapitalpuffern, einschränken kann. Vor diesem Hintergrund hat der EZB‑Rat im Jahr 2025 eine High-Level Task Force on Simplification eingesetzt.[11] In ihrer Arbeit folgte die Task-Force dem Leitgedanken, die regulatorischen und aufsichtlichen Anforderungen zu vereinfachen, ohne die Widerstandsfähigkeit des europäischen Bankensystems zu schwächen. Denn die globale Finanzkrise hat uns die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen eines Versagens großer Banken und die too-big-to-fail Problematik schmerzhaft vor Augen geführt.

Zu den Empfehlungen gehört, die Zahl der Elemente innerhalb des risikogewichteten Eigenkapital- und Leverage-Ratio-Rahmens zu reduzieren. Gleichzeitig schlägt die Task Force ein deutlich einfacheres Aufsichtsregime für kleinere Banken vor. Die deutsche Aufsicht hat in diesem Zusammenhang beispielsweise ein Konzept für ein europäisches Kleinbankenregime vorgeschlagen. Kleine und risikoarme Banken müssten darin keine oder nur wenige risikogewichtete Anforderungen erfüllen. Denn die Berechnung und Dokumentation risikogewichteter Aktiva sind besonders aufwendig. Im Gegenzug müssten kleine Banken eine höhere Leverage Ratio erfüllen, also mehr Kernkapital im Verhältnis zu den ungewichteten Aktiva aufweisen. 

Die Vorschläge der Task Force sind inzwischen in den europäischen Reformprozess eingeflossen. Im April dieses Jahres hat das Eurosystem sie zum Bestandteil seiner Stellungnahme zur Konsultation der Europäischen Kommission über die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Bankensektors gemacht.[12] Jetzt liegt der Ball bei der Europäischen Kommission. Wie ich schon erläutert habe, will sie im ersten Quartal 2027 konkrete Gesetzgebungsvorschläge zur Änderung des europäischen Bankenregelwerks vorlegen. Auch die Simplification-Vorschläge werden in diesem Gesetzesvorhaben berücksichtigt. 

5 Schlussbemerkungen

Zum Abschluss möchte ich den Bogen zurück zum Anfang meiner Rede schlagen. Wir in Europa haben in den vergangenen 40 Jahren gesehen, was mit wirtschaftlicher Integration alles möglich ist. Die Integration der Finanzmärkte ist dabei noch ein unvollendetes Kapitel, hier schlummert noch viel Potenzial. Die Spar- und Investitionsunion kann dazu beitragen, Europas Ersparnisse stärker für Investitionen, Innovation und Wachstum zu mobilisieren. Simplification in der Regulierung reduziert die Komplexität in den Kapitalanforderungen für Banken, ohne die erreichte Stabilität aufs Spiel zu setzen. Mit den beiden Projekten wird Europas Finanzsystem produktiver und die Investitionstätigkeit gewinnt an Dynamik.

Der Blick auf die vergangenen 40 Jahre gibt dabei Anlass zu Zuversicht: Was damals bei Binnenmarkt und gemeinsamer Währung noch Zukunftsmusik war, ist heute europäische Normalität. Und ich bin überzeugt: Jetzt haben wir es in der Hand, dass unsere Nachkommen im Jahr 2066 auf 40 Jahre mit genauso beeindruckenden europäischen Integrationsschritten zurückschauen können wie wir heute.

Fußnoten:

  1.  Draghi, M. (2024), The future of European competitiveness.
  2.  De Guindos, L., A resilient banking sector for the euro area, Rede vom 17. Mai 2023.
  3.  EBA, EU/EEA banks remain resilient amid rising geopolitical, market and technological risks, Pressemitteilung vom 18. Juni 2026.
  4.  Beck, T., B. Bruno und E. Carletti (2025), How have European banks developed along different dimensions of international competitiveness? In ECTI | Economic Governance And EMU Scrutiny Unit (EGOV).
  5.  Behn, M. und A. Reghezza (2025), Capital requirements: a pillar or a burden for bank competitiveness?, Occasional Paper Series der EZB, Nr. 376, Oktober 2025; Buchholz, M., A. Loeffler und P. Sigel (2025), Do capital requirements and their international differences affect banks' profitability?, Diskussionspapier der Deutschen Bundesbank, Nr. 31/2025.
  6. Theurer, M., Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Bankensektors: Vom Zusammenspiel von Regulierung und Wettbewerbsbedingungen, Rede vom 07. Mai 2026.
  7.  Europäischer Rat, Savings and investments union: Council agrees key elements of crucial measures to deepen EU capital markets, Pressemitteilung vom 9. Oktober 2026. 
  8.  Ebd.
  9.  Europäische Kommission, Commission outlines measures to strengthen Europe's banking sector and support growth, Pressemitteilung vom 17. Juli 2026. 
  10. Deutsche Bundesbank (2026). Fiskalische Risiken und Finanzstabilität: Reformoptionen für den Staaten‑Banken‑Nexus im Euroraum, Monatsbericht September 2026.
  11.  EZB (2025), Simplification of the European prudential regulatory, supervisory and reporting framework.
  12.  EZB (2026), Eurosystem response to the EU Commission’s targeted consultation on the competitiveness of the EU banking sector, S.26.