Umfrage der Bundesbank zeigt: Regulierung nur mit nachrangiger Bedeutung für die aktuelle Kreditvergabe und Wettbewerbssituation im deutschen Bankensektor
Hat Regulierung einen hinderlichen Einfluss auf den Wettbewerb und die Kreditvergabe im Bankensektor? Diese Frage wird derzeit wieder intensiver diskutiert, nicht zuletzt vor dem Hintergrund internationaler Debatten über eine mögliche Lockerung regulatorischer Kapitalanforderungen. Dabei geht es im Kern um ein Spannungsfeld, das für Banken, Aufsicht und Realwirtschaft gleichermaßen relevant ist: Wie lassen sich faire Wettbewerbsbedingungen sichern, das Kreditangebot verbessern und gleichzeitig die Finanzstabilität bewahren?
Die Bundesbank hat zur Einordnung dieser Fragen im ersten Quartal 2026 eine Befragung unter 15 überwiegend signifikanten Instituten durchgeführt und darin nach der aktuellen Wettbewerbssituation, insbesondere im Kreditgeschäft, sowie nach möglichen Auswirkungen der Einführung der CRR III gefragt. Gemessen an den risikogewichteten Aktiva deckt die Stichprobe rund 35 Prozent des deutschen Bankenmarktes ab, gemessen an der Bilanzsumme rund 46 Prozent. Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, wie vor allem größere Marktteilnehmer die Wettbewerbslage derzeit einschätzen.
In Deutschland konkurrieren Sparkassen, Genossenschaftsbanken, private Geschäftsbanken und Institute mit ausländischem Hauptsitz um Kundinnen und Kunden in unterschiedlichen Geschäftsbereichen mit entsprechenden Produkten. Besonders wichtig für die meisten Institute ist das Kreditgeschäft. Hier wird der Wettbewerbsdruck gemeinhin als sehr intensiv beschrieben und das Zinsergebnis ist die zentrale Ertragsquelle (siehe Abbildung 1). Dies gilt insbesondere für Institute mit Hauptsitz in Deutschland und im EU‑Ausland. Bei Ersteren entfallen rund 65 Prozent der operativen Erträge auf das Zinsergebnis, bei Letzteren liegt der entsprechende Anteil bei rund 75 Prozent. Während diese Institute im klassischen Kreditgeschäft mit Unternehmen und Privatpersonen besonders stark konkurrieren, treten Institute mit Hauptsitz außerhalb der EU, beispielsweise Banken mit Konzernsitz in den USA, stärker in kapitalmarktnahen oder provisionsbasierten Geschäftsbereichen auf.
Die Unterschiede in der Ertragsstruktur sind für die Bewertung des Wettbewerbs relevant. Institute mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen konkurrieren nicht in allen Segmenten mit gleicher Intensität. Wettbewerb im Bankensektor ist also nicht homogen. Er unterscheidet sich – wenig überraschend – nach Produkt, Kundengruppe, Risikoprofil und Geschäftsmodell. Große Teile des deutschen Bankensektors stehen damit nicht im direkten Wettbewerb zu Instituten außerhalb der EU. Dies dürfte u. a. für die meisten Sparkassen- und Genossenschaftsbanken gelten, die in der Umfrage allerdings nicht repräsentiert sind.
Die Befragung bestätigt dieses Bild. Viele Institute berichten im Kreditgeschäft von spürbarem Preisdruck. Dieser geht nach Einschätzung der befragten Institute in erster Linie von anderen Instituten mit Hauptsitz in Deutschland aus (siehe Abbildung 2). Institute mit EU‑Sitz sowie Institute mit Hauptsitz USA, dem Vereinigten Königreich oder der Schweiz werden ebenfalls als Wettbewerber wahrgenommen, auch wenn sie deutlich weniger relevant sind.
Wettbewerb ist grundsätzlich ein wichtiger Treiber für ein effizientes Bankensystem. Er zwingt Institute, Kostenstrukturen zu überprüfen, Prozesse zu modernisieren, digitale Angebote weiterzuentwickeln und den Kundinnen und Kunden passgenaue Lösungen anzubieten. So gibt der Großteil der teilnehmenden Institute ihre hohe Kundenorientierung als Wettbewerbsvorteil an, gefolgt von einem breiten Produktspektrum, einer hohen Eigenkapitalausstattung, guter Risikosteuerung und Kundennähe (siehe Abbildung 3). Als andere Gründe wurden u. a. branchenspezifisches Knowhow durch Spezialisierung sowie Sektor- und Strukturierungsexpertise genannt.
Für Unternehmen und private Haushalte kann intensiver Wettbewerb günstigere Konditionen, mehr Auswahl und bessere Dienstleistungen bedeuten. Für Institute bedeutet intensiver Wettbewerb zugleich, dass Geschäftsmodelle sich laufend bewähren und stets weiterentwickelt werden müssen. Institute, die dauerhaft ineffizient arbeiten, Kreditentscheidungen nur langsam treffen oder Risiken nicht angemessen steuern, geraten unter Druck.
An Wettbewerber verlorene Kredite sind häufig nicht auf einen Mangel an regulatorischem Kapital zurückzuführen (siehe Abbildung 4). Genannt werden vielmehr unzureichende Margen, eine nicht zur Risikostrategie der Bank passende Bonität der Kreditnachfrager oder schnellere Kreditprozesse der Wettbewerber. So liegt es nahe, dass Wettbewerbsfähigkeit im Kreditgeschäft wesentlich durch Effizienz, Risikoappetit und Kundennähe geprägt wird.
Unsere Befragung liefert zudem Hinweise darauf, dass Kapital derzeit nicht der Engpass bei der Kreditvergabe ist. Die teilnehmenden Institute halten alle Kapital oberhalb – zum Teil auch deutlich oberhalb – der aufsichtsrechtlichen Anforderungen. Dieses sogenannte Überschusskapital dient nach ihren Angaben vor allem der internen Risikotoleranz, der Absicherung gegen mögliche Verluste sowie der Erfüllung von Erwartungen von Märkten, Ratingagenturen und Investoren (siehe Abbildung 5).
Damit relativieren die Ergebnisse die in der öffentlichen Debatte häufig anzutreffende These, dass fehlendes Kapital der maßgebliche Grund dafür ist, dass ein Kredit nicht vergeben oder ein Kreditmandat verloren wird. Eine Absenkung der Kapitalanforderungen führt somit nicht zwangsläufig zu mehr Kreditvergabe. Im Gegenteil, niedrigere Kapitalanforderungen könnten vielmehr die Widerstandsfähigkeit des Bankensystems schwächen.
Wettbewerbsfähigkeit entsteht durch Wettbewerb, der in einem fairen Wettbewerbsumfeld stattfindet, nicht durch den Abbau zentraler Stabilitätsstandards. Institute werden wettbewerbsfähiger, wenn sie innovativ sind, sich ändernden Kundenbedürfnissen anpassen, effizienter werden, Risiken angemessen steuern und so tragfähige Geschäftsmodelle (weiter)entwickeln. Regulierung setzt hierfür die Leitplanken und schafft Vertrauen in das Finanzsystem und dessen Akteure.
Und dennoch – die aktuelle Regulierung ist sehr komplex geworden. Nicht alle Regelungen sind, gerade in Kombination, durchgehend nachvollziehbar und verhältnismäßig. Hier setzen wir mit unseren aktuellen Arbeiten an, denn: Übermäßig komplexe Vorgaben, Dokumentationspflichten oder Verfahrensanforderungen können Institute unnötig belasten. Vereinfachungen in der Regulierung sind sinnvoll, sofern sie die Resilienz der Institute und die Stabilität des Finanzsystems nicht beeinträchtigen.