„Wir haben keinen Applaus erwartet“ Interview mit dem Handelsblatt
Das Gespräch führten Elisabeth Atzler und Stefan Reccius.
Herr Balz, die Menschen in der Euro-Zone können momentan über die Motive auf den neuen Euro-Scheinen abstimmen. Beethoven hin, Vögel her: Geht es nicht vor allem darum, Fälschungen zu erschweren?
Mir gefallen viele der Entwürfe sehr gut. Aber in der Tat ist Sicherheit der wichtigste Punkt. Seit der Einführung der zweiten Euro-Banknotenserie im Jahre 2013 wurden neue Sicherheitsmerkmale entwickelt und bestehende weiter verbessert. Und lassen Sie mich gleich eine wichtige Botschaft senden: Die neuen Banknoten zeigen, dass wir Notenbanker uneingeschränkt an die Zukunft des Bargelds glauben. Sonst würden die Zentralbanken des Eurosystems nicht den langen und aufwendigen Prozess starten, der mit der Entwicklung einer neuen Banknotenserie einhergeht.
Was kostet das Ganze – und ist es wirklich nötig?
Die Produktionskosten für Banknoten hängen von verschiedenen Faktoren ab: Etwa von der Größe der Banknote, den eingebauten Sicherheitsmerkmalen und der Zahl der hergestellten Banknoten. Die Produktionskosten für die zweite Euro-Banknotenserie, die jetzt im Umlauf ist, liegen zum Beispiel zwischen sieben und zehn Cent je Banknote.
Ist der Aufwand wirklich nötig? Es sind ja weniger Blüten im Umlauf als früher, wie die Bundesbank selbst mitgeteilt hat.
Es gibt zwar wenig Falschgeld in Deutschland und die Zahlen sind zuletzt weiter gesunken. Aber nur mit neuen, verbesserten Sicherheitsmerkmalen und Produktionsverfahren können wir sicherstellen, dass die Euro-Banknoten auch langfristig sehr fälschungssicher sind. Außerdem sollen die neuen Banknoten noch nachhaltiger und umweltfreundlicher werden.
Sie wollen das Bargeld stärken, setzen sich aber gleichzeitig für die Abschaffung der 1- und 2-Cent-Münzen ein. Wie passt das zusammen?
Die kleinsten Münzen sind bei vielen Menschen nicht besonders beliebt. Sie werden häufig gehortet oder gehen verloren. Im Verhältnis zu ihrem Nennwert sind sie teuer herzustellen und zu transportieren. Außerdem sind sie wenig nachhaltig. Eine Rundungsregel bei Barzahlungen, wie es sie inzwischen in mehreren Euro-Ländern gibt, würde vieles vereinfachen.
Wie würde diese Regel konkret funktionieren?
Der Gesamtbetrag würde an der Kasse auf die nächsten fünf Cent auf- oder abgerundet. Das Nationale Bargeldforum, das Anfang 2024 für den kontinuierlichen Austausch zwischen den Bargeldakteuren gegründet wurde, hat eine solche Rundungsregel mehrheitlich befürwortet. Diese Position hat das Nationale Bargeldforum dem Bundesfinanzminister mitgeteilt.
Warum ignoriert der Bundesfinanzminister Ihren Rat?
Das Bundesfinanzministerium verweist darauf, dass bislang kein Verordnungsvorschlag der Europäischen Kommission für europäische Rundungsregeln vorliegt. Für diesen Fall hat es zugesichert, den Vorschlag ergebnisoffen zu prüfen. Bisher wurde eine Rundungsregel zwar diskutiert, von deutscher Seite aber nicht befürwortet; auch eine nationale Regelung wurde nicht in Erwägung gezogen.
Warum zieht sich die Bundesbank aus der Fläche zurück und schließt Filialen? Drohen dadurch nicht Engpässe bei der Bargeldversorgung?
Der Eindruck täuscht. Wir investieren massiv: In vier neue Filialen in Stuttgart, Frankfurt, Hannover und Köln. Die Bundesbank bleibt gut erreichbar für Wertdienstleister, den stationären Handel und die Banken. Indem wir das Filialnetz konsolidieren und modernisieren, sichern wir die Bargeldversorgung langfristig.
Die EU plant eine Annahmepflicht für Bargeld. Müssen alle Betriebe, die keine Scheine mehr akzeptieren, wieder umrüsten?
Das wird in den nächsten Monaten in Brüssel intensiv diskutiert werden. Ich rechne mit einer weitgehenden Annahmepflicht mit wenigen Ausnahmen. Beispielsweise könnten Verkaufsstellen ohne Personal davon ausgenommen sein. Aber ich will dem europäischen Gesetzgebungsverfahren nicht vorgreifen.
Die EZB will mit einem digitalen Euro eine digitale Alternative zum Bargeld schaffen, die zugleich eine Zahlungsmethode ist. Ziel ist auch, Europa im Zahlungsverkehr unabhängiger von US‑Anbietern zu machen. EU‑Kommission, EU‑Parlament sowie die EU‑Regierungen haben ihre Gesetzesvorschläge vorgelegt. Unklar ist unter anderem noch, wie viel in digitalem Euro die Bürger maximal halten dürfen. Wie ist Ihre Position?
Vorweg: Ich habe mich immer sehr für den digitalen Euro eingesetzt und bin erfreut, dass das Projekt in diesem Sommer eine entscheidende politische Hürde genommen hat.
Sie weisen auf die Eröffnung der Schlussverhandlungen zum EU‑Gesetz, dem Trilog, hin.
Die große Linie ist damit klar, die Einzelheiten werden nun im Trilog zwischen der Europäischen Kommission, dem Europäischen Parlament und dem Rat der Europäischen Union in Brüssel ausgehandelt. Der Frage, wie hoch die Obergrenze für Guthaben, das sogenannte Haltelimit, ausfällt, wird aber viel zu viel Bedeutung beigemessen.
Warum das?
Der digitale Euro wird ein Zahlungsmittel sein, kein Anlageprodukt. Er wird auch nicht verzinst. Und es wird das sogenannte Wasserfallsystem geben: Die digitale Geldbörse, die Wallet, wird in der Regel mit einem Girokonto verbunden sein. Reicht das Guthaben in der Wallet für eine Zahlung nicht aus, wird die Differenz automatisch vom Konto nachgeladen. Das Haltelimit ist also kein Bezahllimit. Umgekehrt fließt alles, was durch eingehende Zahlungen über dem Limit läge, automatisch auf das Girokonto. Niemand im Eurosystem und auch niemand in der Politik will den Banken schaden.
Heißt das, das Haltelimit wird wahrscheinlich deutlich unter den immer wieder genannten 3.000 Euro je Person liegen? Deutsche Banken äußern die Befürchtung, dass viele Kunden Tausende Euro von ihren Girokonten abziehen – und manche Geldhäuser dann nicht mehr über ausreichend Liquidität verfügen.
Die genannte Zahl ist eine Analyseannahme aus technischen Untersuchungen, keine politische Festlegung. Ich habe mich nie für ein bestimmtes Limit stark gemacht. Eine Untersuchung der Bundesbank hat übrigens gezeigt, dass ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland gar nicht so viel Geld auf Girokonten hat. Über die Höhe des Haltelimits entscheiden nicht die Notenbanker allein.
Wer entscheidet denn noch darüber?
Nach den Vorstellungen des Rates der Europäischen Union und des Europäischen Parlaments legen die Zentralbanken des Eurosystems eine technische Empfehlung vor. Die Europäische Kommission setzt die Obergrenze dann per delegiertem Rechtsakt fest. Diese Obergrenze wird regelmäßig überprüft. Ich halte dieses Verfahren für richtig.
Wo sollte aus Ihrer Sicht dann der maximale Betrag für das Halten in digitalem Euro liegen?
Ich bin mir sicher, dass es eine vernünftige Lösung geben wird – aus Sicht der Zentralbank, aber auch der Banken und der Bürgerinnen und Bürger. Meiner Meinung nach wird ein anderer Punkt in den Verhandlungen zum digitalen Euro viel wichtiger: das Kompensationsmodell, also die Frage der Gebühren.
Skeptiker wie Händler und Verbraucherschützer befürchten, dass die Banken auch beim digitalen Euro hohe Gebühren vom Handel verlangen dürfen. Es deutet sich an, dass sie für längere Zeit über den Gebühren der in Deutschland beliebten Girocard liegen könnten.
Hier finde ich es absolut berechtigt, dass Banken für eine aus ihrer Sicht faire Entscheidung kämpfen. Für eine klassische Bank mit Privat- und Firmenkundengeschäft ist der Zahlungsverkehr ein wichtiger Teil des Ertrags – angesichts zunehmender digitaler Zahlungen gilt das umso mehr. Für mich gehören in Bezug auf den digitalen Euro drei Dinge zusammen: Die grundlegenden Funktionen müssen für die Nutzerinnen und Nutzer kostenfrei sein. Der Handel darf nicht über Gebühr belastet werden. Und die Anbieter brauchen eine tragfähige Vergütung. Genau diesen Ausgleich muss der Trilog jetzt herstellen.
Im Trilog läuft es auf eine Annahmepflicht hinaus, der Handel wird den digitalen Euro also akzeptieren müssen. Banken aus mehreren EU‑Ländern, darunter Deutschland, versuchen derzeit, mit Wero einen neuen Online-Bezahldienst zu etablieren. Was trauen Sie Wero zu?
Für Wero wird entscheidend sein, dass es sich in Richtung eines einheitlichen europäischen Systems entwickelt. Eine Option wäre, dass Wero mit Bezahlsystemen in anderen Ländern, zum Beispiel in Nordeuropa und Südeuropa, zusammenarbeitet. Ich rechne mit einer engeren Kooperation verschiedener europäischer Bezahlanbieter. Wichtig ist für Wero auch, dass die Zahl der Transaktionen steigt.
Sprechen wir über Ihre berufliche Zukunft. Sie wechseln in den Aufsichtsrat des Finanzdienstleisters Swift, der Zahlungen über Länder und Kontinente hinweg ermöglicht. Wann starten Sie?
Die neue Amtszeit des Boards beginnt am 1. Oktober.
Das heißt, Ihre Kolleginnen und Kollegen im Bundesbank-Vorstand haben Ihnen eine sehr kurze Übergangsphase von nur einem Monat genehmigt.
Bei der Bundesbank gibt es – wie bei anderen Institutionen auch – Regelungen zu Cooling-Off. Danach sind die Übergangsphasen unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalls festzulegen, etwa der Tatsache, dass ich meine Verantwortlichkeiten für Zahlungsverkehr, Bargeld und den digitalen Euro bereits zum 30. Juni abgegeben habe.
Es gibt bestimmt Anfragen von Banken und Beratungen.
Wann immer mich jemand in den vergangenen Wochen dazu kontaktiert hat, war die Antwort dieselbe: Ich bringe zuerst meine Aufgabe bei der Bundesbank zu Ende, danach arbeite ich mich in die neue Aufgabe bei Swift ein und dann sehe ich weiter.
Klingt nicht danach, dass Sie ein Mandat mit Bezug zum digitalen Euro ein für alle Mal ausschließen.
Ich schließe grundsätzlich nichts aus. Ich bin in der guten Position, unabhängig entscheiden zu können, was und ob ich überhaupt noch etwas über Swift hinaus mache. Ich habe da keine Eile – und im Übrigen habe ich auch einige Ehrenämter, denen ich mich verstärkt widmen werde.
In der Bundesbank herrscht Unruhe: Erst der Abbau von Filialen und Stellen, jetzt die umstrittene Kündigung der Personalkonten und -depots: Haben Sie sich manchmal wie der Blitzableiter im Vorstand gefühlt?
Ich war bis vor kurzem im Vorstand verantwortlich für den Zahlungsverkehr, für Bargeld und den digitalen Euro. Natürlich hat mir die Trennung von den Personalkonten keine Freude gemacht. Ich weiß, dass viele in der Bundesbank sie gern behalten hätten.
Warum gibt es keinen Bestandsschutz?
Dann müssten wir das Angebot noch über Jahrzehnte fortführen. Wir im Vorstand haben für unseren Beschluss keinen Applaus erwartet. Immerhin haben wir eine längere Übergangszeit bis Ende 2029 eingeräumt.