Joachim Nagel im Interview mit Le Monde: Inflation, Zinsen und Europas Zukunft Interview mit Le Monde

Das Interview wurde in englischer Sprache von Eric Albert durchgeführt.
Übersetzung: Deutsche Bundesbank

Im Juli lag die Inflation im Euroraum bei 2,9 Prozent und im August bei 3,3 Prozent. Bedeutet das, dass die EZB die Leitzinsen auf ihrer September-Sitzung am 10. September erhöhen muss?

Derzeit liegt die Inflation nicht in der Nähe unseres mittelfristigen Zielwerts; sie beläuft sich auf rund 3 Prozent und nicht auf 2 Prozent. Und gemäß den Projektionen von Juni wird sie nur unter der Annahme höherer Zinsen wieder auf den Wert von 2 Prozent auf mittlere Sicht zurückkehren. Dementsprechend preisen die Märkte eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 95 Prozent ein, dass wir die Zinsen auf unserer Sitzung im September anheben werden. Ich würde sagen, dass die Märkte unsere Reaktionsfunktion inzwischen recht gut verstehen. 

Mit Blick auf die Zeit nach der September-Sitzung bin ich jedoch vorsichtig, wenn es um Hinweise darauf geht, was als Nächstes kommt. Die Öl- und Gaspreise schwanken weiterhin sowohl nach oben als auch nach unten. Die Situation an den Finanzmärkten ist sehr volatil. Es besteht große Unsicherheit. Dies ist eine missliche Lage, auch aus geldpolitischer Sicht. Aber der Ansatz, von Sitzung zu Sitzung zu entscheiden, hat sich in der Vergangenheit bewährt und wird sicherlich auch in Zukunft gute Dienste leisten.

Was bringt eine Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt? Ja, Sie sind weit vom Zielwert von 2 Prozent entfernt, aber bislang gibt es keinen Zweitrundeneffekt, und es handelt sich um einen exogenen Schock. Durch höhere Zinsen werden die Ölpreise nicht sinken ...

Meine These ist sehr einfach: Die Inflation ist zu hoch, und die Wahrscheinlichkeit von Zweitrundeneffekten steigt, wenn die Inflation über einen längeren Zeitraum erhöht bleibt. Wenn man zum Beispiel die Tarifverhandlungen nächstes Jahr nimmt, so könnten die Gewerkschaften als Ausgleich höhere Lohnforderungen stellen, wenn sie sehen, dass die Inflation vom 2-Prozent-Zielwert abweicht.

Aber besteht nicht die Gefahr, dass sich eine Zinsanhebung dämpfend auf die Konjunktur auswirkt?

Unser Mandat ist die Gewährleistung von Preisstabilität. Und Preisstabilität kommt allen zugute. Alles in allem zeigt sich der Euroraum recht widerstandsfähig gegenüber sämtlichen geoökonomischen Herausforderungen, vor denen wir stehen. In Deutschland, aber auch im Euroraum insgesamt fiel das Wachstum im zweiten Quartal höher als erwartet aus. Die Ausfuhrzahlen erwiesen sich in Deutschland als sehr robust. Außerdem war die Auftragslage im Verarbeitenden Gewerbe zufriedenstellend. Das Wachstum ist in Deutschland nach wie vor nicht sehr hoch. Auf der Grundlage der ersten beiden Quartale befinden wir uns jedoch auf einem guten Weg, dieses Jahr eine Wachstumsrate von rund 1 Prozent zu erzielen. Dieser Wert ist um einiges besser als in unserer Juni-Prognose vorhergesagt. 

Was die Finanzmärkte angeht, so sind die Langfristzinsen in den vergangenen Wochen insbesondere in den USA deutlich gestiegen. Inwiefern erschwert dies Ihre Entscheidungsfindung?

Die Entscheidungsfindung wird dadurch sicherlich nicht leichter. Die Marktteilnehmer verlangen nun weltweit höhere Renditen, weil sie mit großer Unsicherheit konfrontiert sind. Wir im EZB‑Rat tragen diesen Entwicklungen Rechnung. Wir sollten uns einfach auf unsere Aufgabe konzentrieren, und die besteht darin, Preisstabilität im Euroraum zu gewährleisten.

Die Bundesregierung versucht, die Wirtschaft unter anderem durch höhere Staatsausgaben anzukurbeln. Die berühmte „Schuldenbremse“, der zufolge ein zu hohes Defizit verfassungswidrig war, wurde Anfang 2025 de facto abgeschafft. Zugleich wurden umfangreiche finanzpolitische Impulse gesetzt. War das die richtige Entscheidung?

Das Fiskalpaket ist tatsächlich weitreichend, wir sehen hierfür aber gute Gründe. Wir weisen nachdrücklich darauf hin, dass es von entscheidender Bedeutung ist, die Mittel für zusätzliche Investitionen und zur Steigerung der Verteidigungskapazitäten zu verwenden. Die Finanzierung über neue Schulden kann indes nicht unbegrenzt auf dem derzeitigen Niveau weitergehen, da die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen sichergestellt werden muss.

Bedeutet das, dass in Deutschland jahrelang nicht genug investiert wurde?

Ja, mehr als ein Jahrzehnt lang wurde zu wenig investiert. Wir müssen uns das eingestehen. Die öffentliche Hand hat Infrastruktur, Digitalisierung oder Verteidigung nicht genügend Priorität eingeräumt. Daraus wurden aber Lehren gezogen. Angesichts der vorangegangenen Versäumnisse lässt sich die aktuelle Situation nicht mit einem ausgeglichenen Haushalt bewältigen. Somit musste die Regierung Geld ausgeben, und es muss hingenommen werden, dass die Defizitquote eine gewisse Zeit lang steigen wird.

Die Ausgaben über Schulden zu finanzieren, wie dies aktuell der Fall ist, muss eine einmalige Sache bleiben. Nach Abschluss des Programms müssen die Ausgaben zum Beispiel für den Verteidigungshaushalt wieder über die laufenden Einnahmen finanziert werden. 

Muss sich Deutschland in Anbetracht der von US‑Präsident Trump verhängten Zölle und der Abkoppelung Chinas stärker auf das Wachstum im Inland und auf die Europäische Union stützen?

Ich denke, dass sowohl der Euroraum als auch Deutschland erheblich von einem kräftigeren Wachstum in Europa profitieren können. Europa muss stärker werden und eine größere wirtschaftliche Integration erreichen. Ersparnisse, Investitionen, Bankensektor, Energiemärkte: In all diesen Bereichen trägt eine größere Integration dazu bei, Europa zu stärken.

Dies ist im Grunde das, was im Bericht des ehemaligen EZB‑Präsidenten Mario Draghi steht, der vor zwei Jahren präsentiert wurde. Wird das auch umgesetzt?

Es werden erste wichtige Schritte unternommen, aber es geht nicht schnell genug voran. Nehmen wir etwa die Finanzmarktaufsicht: Dort haben wir 27 Finanzmärkte, die von 27 nationalen Behörden beaufsichtigt werden. Ich bin dafür, der europäischen Regulierungsbehörde ESMA eine deutlich stärkere Rolle einzuräumen, um den Zugang von Anlegern zu den europäischen Märkten zu erleichtern. Mit Blick auf Europa insgesamt ist die Region nach wie vor ein sehr komplizierter Wirtschaftsstandort. Die Langsamkeit in Europa kann manchmal – an einem schlechten Tag – ein bisschen frustrierend sein. Die Politik ist bereits auf nationaler Ebene kompliziert, auf europäischer Ebene ist sie aber noch komplizierter. Die Mühe lohnt sich aber.

Mario Draghi schlug in seinem Bericht auch einen umfangreichen Investitionsplan vor. Laut heutigen Schätzungen würde er sich auf 1,2 Billionen Euro pro Jahr belaufen. Drei Viertel würden auf den privaten Sektor entfallen, der Rest hingegen auf öffentliche Investitionen, auch über Eurobonds. Befürworten Sie Eurobonds?

Als Instrument zur Finanzierung der nationalen Haushalte habe ich mich nie für Eurobonds eingesetzt – definitiv nicht. Im Gegenteil: Mehr europäische Schulden würden eine geringere Verschuldung auf nationaler Ebene bedingen. Geschenkt wird einem nichts. Unter eng definierten Bedingungen sollte ein sicherer Vermögenswert (Safe Asset) an einen bestimmten Zweck wie etwa die Verteidigung gebunden sein. In diesem Zusammenhang hat der EZB‑Rat im Februar einen Vorschlag vorgelegt, der Safe Assets – also gemeinsame europäische Schuldtitel, die Anleger erwerben können – unterstützt. Gleichzeitig werden jedoch angemessene Anreize für eine umsichtige Finanzpolitik gewahrt. Gemeinsame Schuldtitel sollten nicht als Vorwand dienen, um eine Stabilisierung der nationalen Haushalte oder die Einhaltung der Regeln der Europäischen Union zu umgehen.

Dennoch unterstützen Sie im Gegensatz zur Bundesregierung das Prinzip zweckgebundener Eurobonds. Warum ist der Verteidigungssektor Ihrer Meinung nach der richtige Bereich?

Ich teile die Überzeugung, dass wir keinen Ausgabenspielraum bei den Staatsausgaben schaffen sollten. Ich bin nicht für eine schwächere Haushaltsdisziplin. Aber bei öffentlichen Gütern ist Verteidigung der offensichtlichste Bereich, da jedes Land in der Europäischen Union das gleiche Interesse daran hat, in einer sicheren Region zu leben, die sich verteidigen kann. In Zeiten von weit reichenden Angriffen und Cyberkrieg ist die nationale Sicherheit in meinen Augen ein gemeinsames europäisches öffentliches Gut. Außerdem könnte dies die internationale Rolle des Euro stärken und damit zu einer größeren strategischen Autonomie Europas – auch im Finanzbereich – beitragen.

Verzweifeln Sie dann nicht, wenn Sie hören, dass Frankreich und Deutschland nicht mehr länger gemeinsam ein Militärflugzeug bauen wollen?

Ich war keineswegs glücklich, als ich hörte, dass das gemeinsame Projekt gescheitert ist. Aber vielleicht gab es von Anfang an Missverständnisse. Beide Seiten hatten ganz unterschiedliche Nutzeranforderungen an diesen „Superfighter“. Ich hoffe, dass dieses gescheiterte Projekt ein Ausreißer war. Es gibt viele andere Projekte im Verteidigungssektor, bei denen wir eng zusammenarbeiten können. Die Zusammenarbeit ist hier bei Weitem noch nicht zu Ende.

Als Präsident der Deutschen Bundesbank, die oftmals als sehr konservative Institution gesehen wird, haben Sie ungewöhnliche Positionen eingenommen. Sie haben sich für die Aussetzung der Schuldenbremse in Deutschland ausgesprochen und Sie unterstützen Eurobonds. Warum?

Wir haben die außerordentliche Lage bei der europäischen Sicherheit anerkannt. Ziel war es nicht, die Schuldenbremse abzuschaffen, sondern wir haben eine Reform vorgeschlagen, damit die Schuldenbremse besser ihren Zweck erfüllen kann. Als ich Positionen wie diese bezogen habe, war es von Anfang an meine Absicht, die Bundesbank im Herzen Europas zu positionieren. Ich bin davon überzeugt, dass dies der effektivste Ansatz ist. Die Bundesbank ist eine renommierte Institution mit einer herausragenden Erfolgsgeschichte, und wir haben den Ruf, äußerst zuverlässig zu sein. Aber die Welt hat sich dramatisch verändert. Funktionieren die bewährten Praktiken noch? Einige ja, andere nicht.

Wie sehr bereitet Ihnen der zunehmende Nationalismus in Europa Sorgen? In Deutschland gewinnt die AfD an Zulauf, in Frankreich könnte der Rassemblement National an die Macht kommen ...

In einem solchen Klima müssen wir unsere Werte offen zum Ausdruck bringen. Es gibt Menschen in Deutschland, die behaupten, patriotisch zu sein, schlagen jedoch vor, den Euro in Deutschland abzuschaffen. Ich muss darauf hinweisen, dass Deutschland wie auch Frankreich und der gesamte Euroraum vom Euro enorm profitiert haben. Sich in eine Richtung zu bewegen, den Euro wieder abzuschaffen, wäre unverantwortlich und äußerst gefährlich, und das Ergebnis wäre selbstzerstörerisch. Ich bin wirklich besorgt, dass die Menschen in Deutschland und andernorts einen solchen Weg erwägen.

Christine Lagardes Amtszeit endet im Oktober 2027, und sie hat nicht ausgeschlossen, früher zu gehen – vielleicht Anfang 2027. Sind Sie ein Kandidat, um ihre Nachfolge anzutreten?

Ich habe es bereits gesagt und bleibe dabei: Jeder im EZB‑Rat kann als hochqualifizierter Kandidat betrachtet werden. Und es gibt auch starke Kandidatinnen und Kandidaten außerhalb des EZB‑Rats, die in der Lage sind, diese Aufgabe zu übernehmen. Letztlich wird es von der Politik entschieden.

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