Die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Bankensektors Eröffnungsrede beim Roundtable des OMFIF zum Thema „Future of Banking: Europe’s strategic banking challenges“
Es gilt das gesprochene Wort.
1 Einleitung
Sehr geehrte Damen und Herren,
hold fast, sit sure
– so lautet das Motto der 1395 gegründeten „The Worshipful Company of Saddlers“, die in eben diesem Gebäude ihren Sitz hat. Sattler helfen Reiterinnen und Reitern, indem sie ihnen eine gewisse Sicherheit bieten – also um sicher zu sitzen –, auch wenn diese ihren Teil dazu beitragen und sich festhalten müssen.
Es fällt mir recht leicht, auf dieses Motto zu verweisen. Nicht, weil ich Reiter war – sicherlich nicht! Als Notenbanker sehe ich aber eindeutige Parallelen zur Arbeit eines Sattlers.
Ein sicheres und verlässliches Umfeld zu schaffen, in dem die Menschen ihre Ziele erreichen können – das ist auch unser Ziel als Notenbanker. Zentralbanken spielen eine wichtige Rolle dabei, ein solches Umfeld zu schaffen und zu sichern und insbesondere den Finanzsektor in die Lage zu versetzen, sich neuen Herausforderungen zu stellen.
Wie fest sitzen die europäischen Banken im Sattel? Wie schneiden sie im Wettrennen gegen ihre außereuropäischen Konkurrenten ab? Und was könnte für einen noch reibungsloseren Ritt getan werden?
Gehen wir diese Fragen der Reihe nach durch.
2 Der Status quo: Wie schneiden die europäischen Banken ab?
Die europäischen Banken sitzen heutzutage fest und sicher im Sattel, selbst angesichts der „bockenden“ wirtschaftlichen und finanziellen Bedingungen. Weder die Pandemie noch die Turbulenzen im Bankensektor von 2023[1] warfen sie aus dem Sattel. Dies war eine deutliche Trendwende im Vergleich zu ihrer Performance während der großen Finanzkrise.
Wie war das möglich? Das Ergebnis ist ganz eindeutig. Solide kapitalisierte Banken sind bessere Banken.
Analysen des Basler Ausschusses[2], der EZB[3]und der Bundesbank[4] zeigen: Die nach der Krise eingeleiteten Reformen haben den Sektor stabilisiert, das Vertrauen wiederaufgebaut, die Risiken für die Steuerzahler verringert, eine zuverlässigere Kreditvergabe sichergestellt und damit das BIP‑Wachstum im Konjunkturverlauf gestärkt.
Damit bleibt die Frage, wie sich die europäischen Banken im Wettbewerb mit ihren außereuropäischen Kontrahenten behaupten.
Zunächst einmal ist der Wettbewerb zwischen europäischen und außereuropäischen Banken seltener der Fall, als man annehmen könnte. Unsere Fachleute der Bankenaufsicht haben grenzüberschreitende Verbindungen analysiert, um beispielsweise zu ermitteln, wo deutsche und US-amerikanische Banken im direkten Wettbewerb stehen. Das Ergebnis: Deutsche und US-amerikanische Banken konkurrieren selten an den lokalen Kreditmärkten.
Im Investmentbanking und im Handelsbereich besteht Wettbewerb; dort konkurrieren global agierende Großbanken international. Diese Aktivitäten machen jedoch einen deutlich geringeren Anteil an den gesamten Eigenkapitalanforderungen aus als die traditionelle Kreditvergabe. In Deutschland findet der Wettbewerb um Unternehmenskredite vor allem zwischen deutschen und europäischen Banken statt – nicht zwischen deutschen Banken und großen US-amerikanischen Instituten.
Dennoch kann ein Vergleich zwischen europäischen und außereuropäischen Banken aufschlussreich sein. In vielerlei Hinsicht schneiden US‑Banken – und in gewissem Maße auch Banken im Vereinigten Königreich – in der Regel besser ab als ihre europäischen Pendants auf dem Kontinent. Konkret weisen sie – gemessen am Kurs-Buchwert-Verhältnis – durchweg höhere Nettozinsmargen oder höhere Marktbewertungen auf.[5]
Seit der globalen Finanzkrise und der europäischen Staatsschuldenkrise haben die Banken in Europa auch hier deutliche Fortschritte gemacht. Der Anteil notleidender Kredite sinkt, ebenso die Aufwand-Ertrag-Relation.[6]
3 Wettbewerbsfähigkeit in der europäischen Bankenlandschaft erhöhen
Aber wie lassen sich die verbleibenden Performance-Unterschiede zwischen europäischen und nicht-europäischen Banken erklären? Forscherinnen und Forscher der EZB[7] und der Bundesbank[8] haben sich mit der Frage befasst, ob höhere Eigenkapitalanforderungen die Effizienz der Banken beeinträchtigen. Die Antwort lautet „nein“.
Ganz im Gegenteil: Die Forscherinnen und Forscher stellten fest, dass sich mit einer höheren Kapitalausstattung sowohl der Zinsaufwand als auch die Volatilität der Erträge verringern. Dies ermöglicht es den Banken, ihre Refinanzierungsaufschläge zu senken, was wiederum ihre Ertragslage verbessert.
Allerdings stehen die Banken in der EU vor strukturellen Herausforderungen. Während die Vereinigten Staaten und insbesondere die US-amerikanischen Investmentbanken von tiefen und liquiden Kapitalmärkten und einem stark integrierten Finanzsystem profitieren, ist das europäische Finanzsystem nach wie vor stärker fragmentiert. Das gilt sowohl für die Banken- als auch für die Kapitalmärkte.
Diese Fragmentierung erschwert eine effiziente Allokation des Kapitals, und auch Skaleneffekte lassen sich so nur schwer erzielen. Die unterschiedlichen und komplexen regulatorischen Anforderungen in den einzelnen europäischen Ländern verstärken diese strukturellen Ineffizienzen noch.[9]
Somit ist der europäische Bankensektor zwar widerstandsfähig, wird aber durch strukturelle Ineffizienzen ausgebremst. Zur Überwindung dieser Ineffizienzen müssen sowohl die Banken als auch die politischen Entscheidungsträger in Europa ihren Teil beitragen.
Lassen Sie mich heute drei konkrete Punkte nennen – zwei betreffen die Politik und ein Punkt betrifft die Banken.
Derzeit werden zwei wesentliche Ziele verfolgt, um die Wettbewerbsfähigkeit und eine stärkere Integration des europäischen Bankensektors sowie eine wirksame Aufsicht über diesen zu fördern: die Verbesserung des EU‑Finanzsystems und die Vereinfachung der Bankenregulierung.
Erstens kann und sollte das Finanzsystem stärker integriert werden. Außerdem sollte es angesichts des enormen Investitionsbedarfs seine Finanzierungskapazitäten ausbauen.
Folgende Maßnahmen ziehe ich dabei in Betracht:
Stärkung der Märkte für Wagniskapital und Verbriefungen;
stärkere Beteiligung von EU‑Ansässigen an Kapitalmarktanlagen;
bessere grenzüberschreitende Erbringung von Finanzdienstleistungen;
Maßnahmen für eine stärker harmonisierte und integrierte Aufsicht über die Marktinfrastrukturen in der EU.
In Kombination werden diese Maßnahmen ein effizienteres Finanzsystem ermöglichen. Dadurch können auch Finanzmittel besser in produktive Investitionen innerhalb des Kontinents geleitet werden. Insgesamt wird die EU‑Wirtschaft damit wettbewerbsfähiger.
Ein effizienterer und stärker integrierter Kapitalmarkt wird auch dem Bankensektor in der EU unmittelbar zugutekommen. Die US‑Banken profitieren in hohem Maße von dem stärker integrierten inländischen Kapitalmarkt, da er zu erheblichen Skaleneffekten führt. Diese betreffen beispielsweise die Emission von Wertpapieren, Fusionen und Übernahmen oder die Vermögensverwaltung.
Auch deshalb ist es vor dem Hintergrund der Spar- und Investitionsunion von zentraler Bedeutung, die EU‑Kapitalmärkte weiterzuentwickeln.
Zweitens steht die Vereinfachung der regulatorischen Anforderungen für EU‑Banken auf der europäischen Agenda weit oben. Die Bundesbank schlägt vor, die Eigenkapitalanforderungen zu vereinfachen und spezielle EU‑Regeln für kleine Banken einzuführen.
Die Europäische Kommission plant, im ersten Quartal 2027 neue Gesetzgebungsvorschläge zur Verbesserung und Vereinfachung des Regulierungsrahmens für den EU‑Bankensektor vorzulegen.
Der Fokus der Kommission liegt dabei auf der Vertiefung der Marktintegration, etwa durch Gewährung von Ausnahmen von den Kapital- und Liquiditätsanforderungen. Solche Ausnahmeregelungen kommen tendenziell größeren Banken zugute, die grenzüberschreitend tätig sind.
Unsere Bankenlandschaft reicht jedoch von global tätigen Großbanken bis hin zu kleinen Instituten, die ihr Geschäft auf nationaler oder regionaler Ebene betreiben.
Diese Vielfalt spiegelt den Finanzierungsbedarf der europäischen Wirtschaft wider, die ebenfalls heterogen ist und aus großen Unternehmen, vielen „Hidden Champions“ und kleinen Unternehmen besteht. Der Aufsichtsrahmen sollte neutral gegenüber den verschiedenen Geschäftsmodellen sein.
Deshalb sollten unserer Meinung nach Vorschläge für eine stärkere Integration mit entsprechenden Vorschlägen für mehr Verhältnismäßigkeit für kleinere Banken einhergehen.
Diese Banken haben kleine Bilanzen, sind weniger komplex und weisen ein geringeres Risikoprofil auf. Wir brauchen regulatorische Vorschriften, Meldepflichten und aufsichtliche Anforderungen, die auf dieses Profil besser abgestimmt sind. Die Aufsichtsstandards sollten aber genauso hoch sein. Europa sollte daher nicht vor größeren Anpassungen zurückschrecken und den Regulierungsrahmen deutlich vereinfachen.
Mein dritter und letzter Punkt betrifft Nichtbank-Finanzintermediäre (NBFI).
Seit der globalen Finanzkrise und der daraus resultierenden Einführung höherer Anforderungen an das Eigenkapital der Banken sind die NBFI rasch gewachsen. Sie halten global und auch in Europa mittlerweile die Hälfte aller finanziellen Aktiva.
Der NBFI‑Sektor kann maßgeblich zur Finanzierung der Realwirtschaft in Europa beitragen. Mit der Spar- und Investitionsunion sucht die Politik nach Möglichkeiten, um dies zu unterstützen – vor allem mit Blick auf Start-ups, Scale-ups oder kleine und mittlere Unternehmen.
NBFI können aber auch Risiken für die Finanzstabilität bergen. Der NBFI‑Sektor ist mit dem Bankensektor eng vernetzt, und zwar sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas. So machen beispielsweise die Forderungen deutscher Banken gegenüber in- und ausländischen NBFI 14 Prozent ihrer Bilanzsumme aus.[10]
Verwenden NBFI dieses Kapital, um private Kredite zu gewähren, können diese indirekten Engagements aufgrund ihrer mangelnden Transparenz ein Risiko für die Banken darstellen. Infolgedessen ist ein starkes Risikomanagement der Banken einschließlich einer strengeren Kreditbewertung erforderlich.
4 Schluss
Lassen Sie mich zum Schluss noch einmal auf das Motto der Sattler zurückkommen: Hold fast, sit sure.
So wie ein gut gefertigter Sattel den Reiterinnen und Reitern Sicherheit und Stabilität gibt, müssen wir sicherstellen, dass die Banken in Europa fest im Sattel sitzen und für das bevorstehende Wettrennen gut gerüstet sind. Der Weg mag schwierig sein, aber durch die Verbesserung des EU‑Finanzsystems und die Vereinfachung der Regulierung können wir unseren Banken dabei helfen – und das tun wir bereits –, sicher im Sattel zu sitzen.
Und festhalten können sie sich dabei am Management neuer Risiken und an der Schaffung innovativer Geschäftsmodelle.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.