Eine zuversichtliche Perspektive auf Deutschland und Europa! 4. Finanzplatzkonferenz der Deutschen Bundesbank
Es gilt das gesprochene Wort.
1 Wir haben in Deutschland allen Grund zur Zuversicht!
Meine Damen und Herren!
Herzlich willkommen! Ich freue mich, dass Sie da sind! Ich bin überwältigt von dem Interesse an unserer vierten Finanzplatzkonferenz! Wir hatten über 500 Anfragen und mussten einige auf die Warteliste setzen.
Ich möchte heute mit einem Satz des früheren EZB‑Chefvolkswirts Otmar Issing beginnen. Herr Issing ist mittlerweile 90 Jahre alt. Auf die Frage hin, ob wir in der unsichersten Zeit aller Zeiten leben, antwortete er sinngemäß: Es liegt in der Natur des Menschen anzunehmen, man selbst lebe in der unsichersten Zeit aller Zeiten.
Dieser Satz hat mich zum Nachdenken bewegt. Ich habe den Schluss daraus gezogen, dass jede Generation ihre eigenen Herausforderungen hat. Und die Verantwortung hat, Antworten zu finden.
Den Menschen machen die geopolitischen Entwicklungen Angst. Der Krieg in der Ukraine, der Iran-Konflikt und die damit verbundenen hohen Energiepreise, die Überkapazitäten aus China, die Entwicklungen in den USA.
Diese Herausforderungen sind nicht nur gefühlt, sondern real. Gleichzeitig gibt es kein Zurück in die alte Welt. Es liegt an uns, Antworten zu finden und damit den Menschen wieder Zuversicht zu geben.
Mit Zuversicht für Deutschland und Europa möchte ich beginnen: Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist besser als die öffentliche Wahrnehmung.
Die erste gute Nachricht: Die deutsche Wirtschaft wächst wieder. Das reale Bruttoinlandsprodukt ist im ersten Quartal um 0,4 Prozent und im zweiten Quartal noch einmal um 0,3 Prozent gewachsen.[1] Die Wirtschaftsinstitute haben ihre Konjunkturprognose für 2026 vergangene Woche mehr als verdoppelt – von 0,6 auf 1,3 Prozent.[2] Ja, der Erholungskurs geht vor allem auf den fiskalischen Impuls, aber auch auf die gute Exportentwicklung zurück.
Sehr positiv ist auch die Entwicklung der Stimmungsindikatoren. Neben einer besseren Auftragslage in der deutschen Industrie hellte sich der Ifo-Geschäftsklimaindex spürbar auf.[3] Auch der Einkaufsmanagerindex des Dienstleistungssektors überraschte deutlich nach oben.[4]
Und wenn wir genauer hinschauen, sehen wir an vielen Stellen neue Dynamik. Wir wissen, dass wir für mehr Wachstum vor allem Innovationen benötigen. Ein Blick auf die Gründerszene in Deutschland gibt Zuversicht:
Das erste Halbjahr 2026 war das gründungsstärkste seit Beginn der Aufzeichnung im Jahr 2019. Insgesamt wurden in den ersten sechs Monaten 3.053 Start-ups gegründet. Das sind 50 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.[5] Heute sind wir hier in Frankfurt. Und hier tut sich besonders viel. Mit 270 Neugründungen im ersten Halbjahr 2026 hat Hessen einen Zuwachs an Start-ups von 82 Prozent hingelegt.[6]
Jedes dritte der in Deutschland neu aufgesetzten Start-ups basiert auf einer KI‑Technologie. Die Stadt Heilbronn gibt vor, das größte KI-Ökosystem Europas aufzusetzen. Hier wird KI nicht nur entwickelt, sondern auch in die Anwendung in Industrie und Wirtschaft gebracht.
Auch die Sicherheits- und Rüstungsindustrie hat sich zu einer Wachstumsbranche in Deutschland entwickelt. Vor allem in München ist ein komplettes Ökosystem für Innovationen im Defense-Tech-Bereich entstanden. Insgesamt hat die über ganz Deutschland verteilte Verteidigungsindustrie das diesjährige Wachstum hierzulande gestützt.[7]
Der deutsche Maschinenbau oder die Pharmaindustrie gehören nach wie vor zu den Stärken des Wirtschaftsstandorts Deutschland.
2 Innovationen und Reformen des öffentlichen Sektors
Auch im öffentlichen Sektor tut sich viel. So streben wir im Eurosystem ein digitales Finanzökosystem an. Der wohl bekannteste Bestandteil daran ist der Digitale Euro, dessen Gesetzgebungsverfahren aktuell läuft.
Aber zu dem digitalen Finanzökosystem gehört weitaus mehr. Letzte Woche haben wir im Eurosystem bereits das Projekt Pontes gestartet. Wie der Name schon sagt, geht es hier um Brückenbildung. Eine Brücke für die Finanzwelt, um künftig auch für Geschäfte mit tokenisierten Wertpapieren das sichere europäische Target-System zu nutzen.
Mit weiteren Projekten (Appia) wird angestrebt, in Europa ein echtes digitales Finanzökosystem aufzubauen. Das ist für ein souveränes Europa unerlässlich.
Meine Damen und Herren, und jetzt möchte ich mit Ihnen über einen echten Gamechanger sprechen. Das Potenzial eines echten Gamechangers hat die aktuell diskutierte Rentenreform.
Letzten Freitag fand die erste Lesung im Bundestag zur sogenannten Frühstartrente statt. Mit der Frühstartrente sollen künftig einem Kind ab sechs Jahren monatlich zehn Euro zustehen. Die Eltern sind aufgerufen, mit diesem Geld in Wertpapiere zu investieren, die dem Kind später als Altersvorsorge dienen.[8] Mit diesem Vorstoß würden sehr viele Familien beginnen, über Aktien und Börsen zu sprechen, in der Familie, mit Freunden oder Kollegen. Das wäre ein Kulturwandel.
Auch die privaten Altersvorsorgedepots, die gezielt gefördert werden sollen, zahlen darauf ein. Ein echter Kulturwandel würde aber vor allem durch die angestrebte „Schwedenrente“ entstehen.[9] Ziel es ist, einen Teil der Beiträge zur gesetzlichen Rente künftig am Kapitalmarkt zu investieren. Das würde zusammen mit den anderen Elementen der Altersvorsorge das Rentenniveau mittel- bis langfristig spürbar erhöhen.
Das schwedische Modell hat aber noch einen positiven Nebeneffekt. Schweden mit rund zehn Millionen Einwohnern verzeichnete zwischen 2014 und 2024 etwa 500 Börsengänge. Deutschland hatte in diesem Zeitraum etwa 100 Börsengänge.[10]
Bei der Reform der Altersvorsorge geht es also nicht nur um eine Rentenreform. Es geht vielmehr um einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel. Es geht um einen Kulturwandel. Um das Entstehen einer echten Kapitalmarktkultur.
3 Herausforderungen im Blick haben: Wettlauf um Kapital
Sie sehen, meine Damen und Herren, es gibt viele Gründe für Zuversicht in Deutschland und Europa! Gleichzeitig wäre es fatal, die Herausforderungen zu unterschätzen. Als Zentralbanken müssen wir etwa den neuen Wettlauf um Kapital im Blick haben. Sowohl Staaten also auch Unternehmen stehen vor gigantischen Investitionen.
Die OECD schätzt, dass allein neun große Technologieunternehmen zwischen 2026 und 2030 einen Investitionsbedarf von über 4 Billionen US‑Dollar haben werden.[11] Das hat seinen Preis. Ein großes japanisches Technologieunternehmen hat jüngst für eine KI‑Anleihe eine Verzinsung von 9,75 Prozent gewährt, für eine Laufzeit von 7,5 Jahren.[12] US‑Technologieunternehmen nutzen zunehmend die europäischen Anleihemärkte. Rund zehn Prozent ihrer Anleihen lauten auf Euro und belaufen sich bereits auf 40 Milliarden Euro.[13]
Auch Staaten haben einen großen Investitionsbedarf. Sie müssen in Digitalisierung, Sicherheit und Verteidigung, Gesundheit und Bildung und vieles mehr investieren. Gleichzeitig ist die Staatsschuldenquote in vielen Ländern bereits enorm hoch, Tendenz weiter steigend.
Und auch die Renditen für Staatsanleihen sind stark angestiegen. Die Rendite für eine zehnjährige US‑Staatanleihe stieg zuletzt auf über fünf Prozent – so hoch wie zuletzt 2007.
Es stellt sich daher zunehmend die Frage, von wem Staaten und Unternehmen künftig Kapital bekommen und zu welchen Bedingungen.
Es zeichnet sich also ein Wettlauf um Kapital ab. Es ist daher davon auszugehen, dass die Finanzierung teurer wird und dass der Nichtbanken-Finanzsektor (NBFS) – zu dem auch Hedgefonds zählen – eine bedeutende Rolle spielen wird. Dies sind Entwicklungen, die wir gerade als Zentralbanken im Blick haben müssen.
4 Entwicklungen in China und USA
Wenn man über Herausforderungen spricht, fällt naturgemäß der Blick auf die USA und China. Die Rahmenbedingungen des internationalen Wettbewerbs verändern sich gerade grundlegend.
In den USA wie in China werden Marktzugang, Produktion und Absatz stärker zusammengedacht. Für den Zugang zu diesen großen Märkten werden zunehmend Investitionen und Produktion vor Ort verlangt. „Local for local“ wird für viele Unternehmen zu einer wegweisenden geschäftspolitischen Entscheidung, immer mehr der Produktion und zum Teil auch Entwicklung nach China oder in die USA zu verlegen.
In jüngster Zeit verstärkt sich zudem ein Trend, auch technologisch anspruchsvolle Produktion aus Europa nach China zu verlagern, um dort für den europäischen Markt zu produzieren. Denn China ist zu einem technologisch starken Wettbewerber geworden bei gleichzeitig niedrigeren Produktionskosten.
Diese Entwicklung hat für den europäischen Standort große Auswirkungen. Es geht um viele Arbeitsplätze, um Wachstum, schlichtweg um nichts weniger als die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland.
Europa muss auf den veränderten Wettbewerb reagieren. Unternehmen sind aufgefordert, sich dem Wettbewerb zu stellen. Doch unerlässlich ist es auch, Antworten auf die Industriepolitik Chinas und der USA zu finden. Die Zeit drängt.
5 Resümee
Meine Damen und Herren!
Die Herausforderungen für Deutschland, für Europa sind groß. Die Grundvoraussetzungen, um sich diesen Herausforderungen zu stellen, sind gut.
Es gibt viele Gründe für Zuversicht in unserem Land. Doch nicht jeder teilt diese Zuversicht. Ohne Zuversicht ist aber eine Zukunft nicht möglich.
Mein Ziel ist es daher, für mehr Zuversicht zu sorgen. Das ist wichtig. Daher: Tun Sie es auch! Für sich, für Europa!
Fußnoten:
- Bruttoinlandsprodukt: Ausführliche Ergebnisse zur Wirtschaftsleistung im 2. Quartal 2026 – Statistisches Bundesamt
- Herbstgutachten: Institute verdoppeln Konjunkturprognose
- ifo Geschäftsklimaindex gestiegen (September 2026) | ifo Geschäftsklima Deutschland | ifo Institut
- S&P Global: S&P Global Flash Germany PMI
- Gründungsboom beschleunigt sich: Mehr als 3.000 neue Startups in nur sechs Monaten | Pausder: „Deutschland gründet mehr denn je – jetzt müssen wir skalieren“
- Zahl der Start-up-Neugründungen in Hessen steigt Anfang 2026 deutlich – StartHub Hessen
- Deutsche Bundesbank: Monatsbericht August 2026
- Bundesfinanzministerium – Fragen und Antworten zur Frühstartrente
- Empfehlungen der Alterssicherungskommission
- Bloomberg, eigene Berechnungen.
- Global Debt Report 2026 | OECD
- SoftBank raises $11.1 billion in world's biggest high-yield corporate bond sale | Reuters
- Eigene Berechnungen auf Basis von Daten von Bloomberg.