Finanzmärkte im Umbruch Generalversammlung der Österreichischen Bankwissenschaftlichen Gesellschaft

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einstieg: Blick an die Märkte

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, wieder in Wien zu sein. Es besteht seit Jahrzehnten eine tiefe Verbundenheit zwischen der Deutschen Bundesbank und der Oesterreichischen Nationalbank, auf Arbeitsebene, aber vor allem auch persönlich.

Uns alle hier im Raum verbindet derzeit wohl ein Gefühl: Unsicherheit. Der Krieg in der Ukraine. Die Krise in der Straße von Hormus. Die Spannungen zwischen China und den USA. Politische Verschiebungen auch hier in Europa. Vieles, was lange selbstverständlich erschien, ist es heute nicht mehr.

Vor zwei Wochen hatten wir EZB‑Ratssitzung in Berlin. An dem Vorabend hatten wir auch Otmar Issing, den früheren Chefvolkswirt der EZB, eingeladen. Auf die Frage: Leben wir in der unsichersten aller Zeiten?, gab er eine Antwort, die mich bis heute zum Nachdenken gebracht hat. Er sagte sinngemäß: Es liegt in der Natur des Menschen, zu glauben, man erlebe die unsicherste Zeit aller Zeiten.

Und tatsächlich: Unsicherheit hat es und wird es immer gegeben. Was sich verändert, sind ihre Ursachen. Auch Finanzmärkte verändern sich stetig – etwa durch Krisen und Schocks, neue Technologien, politische Weichenstellungen oder strukturelle Entwicklungen in der Wirtschaft. 

Wenn wir heute von Finanzmärkten im Umbruch sprechen, dann geht es nicht um den einen großen Einschnitt. Vielmehr erleben wir, wie sich mehrere Rahmenbedingungen gleichzeitig verschieben.

Besonders sichtbar wird das an den Anleihemärkten. In vielen großen Volkswirtschaften sind die Renditen deutlich gestiegen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe beispielsweise stieg jüngst auf über 3,5 Prozent – der höchste Stand seit 2009. Bei zehnjährigen US‑Staatsanleihen erreichte die Rendite zuletzt fünf Prozent – so hoch wie zuletzt 2007. Anleger verlangen also höhere Renditen dafür, ihr Geld langfristig zu verleihen. 

Ein wichtiger Grund dafür ist die geopolitische Lage. Insbesondere der Krieg im Nahen Osten beeinträchtigt globale Handelsrouten, Lieferketten und Energiemärkte. Die Lage in der Straße von Hormus und die Zerstörung von Energieinfrastruktur in der Golfregion haben die Energiepreise deutlich steigen lassen.

Deutlich zeigt sich das beim Öl: Zu Jahresbeginn kostete ein Barrel Brent noch rund 60 US‑Dollar. Zuletzt lag der Preis bei knapp 100 US‑Dollar. Noch stärker war der Anstieg bei raffinierten Produkten. Ein eindringliches Beispiel ist Diesel: In Europa stieg der Preis von rund 85 US‑Dollar je Barrel zu Jahresbeginn auf rund 200 US‑Dollar im September. Auch Erdgas hat sich deutlich verteuert. Die Preise am europäischen Referenzmarkt liegen so hoch wie zuletzt Ende 2022.

Die gestiegenen Energiepreise haben auch die Inflation wieder erhöht. Im Euroraum lag sie im August mit 3,2 Prozent deutlich über unserem Inflationsziel. Vor diesem Hintergrund hat der EZB‑Rat auf seiner letzten Sitzung die Leitzinsen um 25 Basispunkte erhöht. 

Insgesamt ist das globale Zinsniveau in diesem Jahr wieder gestiegen. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in höheren Renditen an den Anleihemärkten wider. Daneben gibt es einen weiteren Faktor, der Einfluss auf die Renditen hat: die steigende Nachfrage nach Kapital.

2 Steigende Nachfrage nach Kapital

Viele von Ihnen staunen sicher über die gewaltigen Summen, die gerade Tech-Unternehmen einsammeln. Und in der Tat: In den kommenden Jahren zeichnet sich ein enormer Investitions- und Finanzierungsbedarf ab. Und zwar sowohl bei Staaten als auch bei Unternehmen. 

Staaten müssen ihre Infrastruktur modernisieren, in die Digitalisierung investieren und mehr für Sicherheit und Verteidigung ausgeben. Gleichzeitig sind die Staatsschulden in vielen Ländern bereits hoch. Damit dürfte auch die Frage stärker in den Fokus rücken, zu welchen Konditionen Staaten das benötigte Kapital erhalten.

Aber nicht nur Staaten benötigen mehr Kapital. Auch Unternehmen stehen vor großen Investitionen. Es findet also ein Wettlauf im Kapital statt. Und auch das verändert die Kapitalmärkte. 

Besonders deutlich zeigt sich das im Bereich der künstlichen Intelligenz, vor allem in den USA. Große Technologieunternehmen, sogenannte Hyperscaler, investieren hohe Summen, zum Beispiel in Rechenzentren und leistungsfähige Chips. 

Hinzu kommen Investitionen in die Energieinfrastruktur, um den enormen Strombedarf der Rechenzentren zu decken. Es geht also nicht nur um klassische Technologieinvestitionen, sondern auch um langfristige Investitionen in physische Infrastruktur. 

Entsprechend hoch ist der Finanzierungsbedarf dieser Unternehmen. Schätzungen der OECD zufolge könnten sich die Investitionsausgaben von neun großen Technologieunternehmen zwischen 2026 und 2030 auf über 4 Billionen US‑Dollar summieren.[1] Damit verändert sich auch die Art der Finanzierung.

Bislang finanzierten die Technologieunternehmen einen großen Teil ihrer Investitionen aus eigenen Mitteln. Bei den Größenordnungen, über die wir heute sprechen, werden jedoch zusätzliche Finanzierungsquellen wichtiger. Dabei können Instrumente wie Anleihen eine Rolle spielen, aber auch Formen der Infrastruktur- und Projektfinanzierung.

Diese Entwicklungen betreffen nicht nur die amerikanischen Finanzmärkte. Die US‑Technologieunternehmen nutzen zunehmend die europäischen Anleihemärkte. Aktuell emittieren sie ca. zehn Prozent ihrer Anleihen in Euro. Ihre ausstehenden Euro-Anleihen belaufen sich inzwischen auf rund 40 Milliarden Euro.[2]

3 Bedeutung für die Kapitalmärkte und für Zentralbanken 

Wir haben also eine Situation, in der sowohl Staaten als auch Unternehmen sehr viele Finanzierungsmittel benötigen. Das ist auch deshalb interessant, weil wir über viele Jahre eine ganz andere Entwicklung erlebt haben. Weltweit trafen hohe Ersparnisse auf vergleichsweise geringe Investitionen.

Wenn Staaten und Unternehmen längerfristig mehr investieren und dafür mehr Kapital benötigen, könnte auch der Wettbewerb um dieses Kapital zunehmen. Und damit könnten auch Finanzierungskosten strukturell höher werden – für Staaten und Unternehmen, aber letztlich auch für private Haushalte.

Was an den Anleihemärkten passiert, hat also Einfluss auf die Finanzierungsbedingungen in der gesamten Wirtschaft. Deshalb sind diese Entwicklungen auch für uns Zentralbanken und unsere geldpolitischen Überlegungen sehr wichtig. 

Doch nicht nur die Nachfrage nach Kapital verändert sich. Auch die Frage, wer dieses Kapital bereitstellt, gewinnt an Bedeutung. 

Während der Niedrigzinsphase und insbesondere im Zuge der Pandemie kaufte das Eurosystem in großem Umfang Staats- und Unternehmensanleihen. Mit dem Auslaufen der Anleihekaufprogramme und dem schrittweisen Abbau der Bestände spielen private Investoren wieder eine größere Rolle an den Anleihemärkten. Das ist eine positive Entwicklung.

Eine breite Investorenbasis kann die Liquidität im Markt erhöhen und zusätzliche Finanzierungsquellen für Staaten und Unternehmen schaffen. Gleichzeitig müssen Zentralbanken und Finanzaufseher mögliche Risiken im Blick behalten. 

Einige Kapitalgeber nutzen für ihre Investitionen nur zum Teil ihr Eigenkapital. Ein erheblicher Teil ist fremdfinanziert. Das könnte gerade in Stressphasen zu höherer Volatilität an Märkten führen.

4 Bedeutung für Europa

Was bedeutet all das für Europa? Europa steht im globalen Wettbewerb unter Druck. In den USA und in China werden in hohem Tempo neue Technologien entwickelt und zur Anwendung gebracht. Vor allem bei einigen Zukunftstechnologien ist Europa herausgefordert. 

Es kommt deshalb mehr denn je auf Innovationen an. Neue Technologien und innovative Unternehmen schaffen Wachstum und Arbeitsplätze und helfen uns, international wettbewerbsfähig zu bleiben. Gerade bei wichtigen Zukunftstechnologien geht es aber noch um mehr. Wer bei künstlicher Intelligenz, Halbleitern oder Quantentechnologie über eigene Fähigkeiten verfügt, ist weniger abhängig von anderen. Innovationskraft ist deshalb auch eine Frage der wirtschaftlichen Souveränität Europas.

Die Voraussetzungen sind gut. Europa hat sehr gute Forschungseinrichtungen, viel technologisches Know-how und innovative Unternehmen. Doch gerade wenn junge Unternehmen schnell wachsen wollen, stoßen sie häufig an Grenzen. Wenn sie große Finanzierungsrunden benötigen oder an die Börse gehen wollen, zieht es viele von ihnen in die USA.

Das ist kein Zufall. Die amerikanischen Kapitalmärkte sind größer und stärker integriert. Und dort steht deutlich mehr Wachstums- und Wagniskapital zur Verfügung. Die Folge kann sein, dass erfolgreiche europäische Unternehmen für ihre nächste Wachstumsphase in die USA gehen – und mit ihnen möglicherweise auch Innovationen. 

Wir müssen deshalb bessere Bedingungen dafür schaffen, dass innovative Unternehmen auch in Europa wachsen und sich hier finanzieren können. Das Potenzial dafür ist vorhanden. Allein im Euroraum verfügen die privaten Haushalte über ein Geldvermögen von etwa 35 Billionen Euro. Allerdings liegen 31 Prozent davon in Bargeld und Bankeinlagen.[3] 

In Deutschland ist dieses Muster noch ausgeprägter. Das Geldvermögen privater Haushalte beträgt hier rund 9,9 Billionen Euro. Rund 37 Prozent davon liegen in Bargeld und Einlagen. Nur etwas mehr als ein Drittel ist direkt in Aktien und Investmentfonds investiert.[4] 

Auf der einen Seite gibt es also große private Ersparnisse. Auf der anderen Seite brauchen innovative Unternehmen Kapital, um zu wachsen. Wir müssen beides besser zusammenbringen. 

Dafür brauchen wir stärkere und besser integrierte europäische Kapitalmärkte. Wir müssen grenzüberschreitende Investitionen einfacher machen und bessere Bedingungen für Eigen- und Wagniskapital schaffen. Und wir müssen langfristiges Sparen am Kapitalmarkt attraktiver machen.

Ein wichtiger Hebel dafür ist die Altersvorsorge. Gerade in Deutschland bewegt sich hier derzeit viel. Die Bundesregierung hat eine umfassende Reform der Altersvorsorge angestoßen. 

Die gesetzliche Rente soll um eine kapitalgedeckte Komponente ergänzt werden. Die sogenannte Frühstartrente soll bereits Kinder an das langfristige Sparen am Kapitalmarkt heranführen. Und auch in der privaten Altersvorsorge entstehen mit einem neuen Altersvorsorgedepot neue Möglichkeiten, langfristig am Kapitalmarkt zu investieren. 

Diese Reformen können über die Altersvorsorge hinaus wirken. Es kann ein längst überfälliger Wandel zu mehr Kapitalmarktkultur stattfinden. Und wenn mehr Menschen langfristig über den Kapitalmarkt vorsorgen, kann über die Jahre zusätzliches Anlagekapital entstehen. 

Dieses Kapital wird auch europäischen und deutschen Unternehmen zugutekommen. Gerade Deutschland kann hier aufgrund seiner Größe einen wichtigen Impuls geben.

5 Schluss

Meine Damen und Herren,

ich habe am Anfang mit Ihnen über Unsicherheiten gesprochen. Enden möchte ich aber mit Zuversicht. Und es gibt gute Gründe, zuversichtlich zu sein.

Europas Unternehmen haben in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, wie anpassungsfähig und widerstandsfähig sie sind. In Deutschland hat etwa der Bereich Defence großes Potenzial. Auch die Start-up-Szene rund um die Technische Universität München und in anderen Universitätsstädten entwickelt sich positiv. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Außerdem eröffnet sich Europa neue Märkte und stärkt seine Partnerschaften. Das Abkommen mit Mercosur, das Freihandelsabkommen mit Indien und die angestrebte Partnerschaft mit Kanada sind wichtige Beispiele.

Ich könnte noch viele positive Entwicklungen aufzählen. Es gibt also viele Gründe, als Europäer durchaus zuversichtlich zu sein. Ich jedenfalls bin es. Und ich möchte Sie, meine Damen und Herren, ermuntern, es auch zu sein.

Vielen Dank.

Fußnoten:

  1. Organisation for Economic Co-operation and Development: Global Debt Report 2026, 4. März 2026. 
  2. Europäische Zentralbank: Big tech, big debt: when US tech giants tap the euro area bond market, ECB Blog, 31. August 2026. 
  3. EZB‑Datenportal, Datenstand 1. Quartal 2026.
  4. EZB‑Datenportal, Datenstand 1. Quartal 2026.