Innovationen im Zahlungsverkehr: Wege in eine vernetzte Zukunft Zahlungsverkehrssymposium der Deutschen Bundesbank

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen zum Zahlungsverkehrssymposium der Deutschen Bundesbank hier in Frankfurt. Ich freue mich, Sie heute begrüßen zu dürfen.

Seit dem 1. Juli verantworte ich im Vorstand der Deutschen Bundesbank auch die Kernleistung „Geld“, also die Bereiche Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme, digitaler Euro und Bargeld. In manchen Themen bin ich neu, mit „Geld“ hatte ich aber auch zuvor schon viel zu tun.

Ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, in denen man vielfach nur bar bezahlen konnte. Heute lautet die Frage meist: „Bar oder mit Karte?“ Künftig heißt es womöglich: „Wie hätten Sie es denn gerne – Wallet, Instant Payment, Wero, Stablecoin, digitaler Euro – oder doch Bargeld?“ Der Zahlungsverkehr wird vielfältiger und in gewisser Hinsicht auch komplexer – nicht nur technisch. 

Doch bevor wir in die Themen des Tages einsteigen, möchte ich Burkhard Balz würdigen. Er hat dieses Dezernat über acht Jahre geprägt – mit großer Sachkenntnis, Leidenschaft und einem klaren Blick für die strategische Bedeutung des Zahlungsverkehrs. Viele Entwicklungen, über die wir heute sprechen, hat er intensiv begleitet: von Instant Payments über die Weiterentwicklung der TARGET‑Services bis hin zum digitalen Euro. Dafür bin ich, dafür ist der gesamte Vorstand der Deutschen Bundesbank ihm sehr dankbar.

Auch wenn im Zahlungsverkehr bekanntlich fortlaufend neue Herausforderungen hinzukommen, beginne ich also nicht auf der grünen Wiese, sondern auf gut bestelltem Feld. 

2 Vernetzung im Zahlungsverkehr

Meine Damen und Herren,

das Motto des heutigen Symposiums lautet: „Innovationen im Zahlungsverkehr: Wege in eine vernetzte Zukunft.“ Dieses Motto beschreibt auch den roten Faden für viele der Fragen, die uns heute beschäftigen. Denn der Zahlungsverkehr der Zukunft ist vor allem eines: vernetzt.

Zahlungen machen längst nicht mehr an nationalen Grenzen halt – und ebenso wenig an den Schnittstellen zwischen Bankkonto, App, Händlerkasse oder digitalen Plattformen. Nutzerinnen und Nutzer erwarten, dass Zahlungen einfach, schnell und möglichst nahtlos funktionieren – im Geschäft, online, zwischen Privatpersonen und künftig auch zwischen Maschinen. Dabei bettet sich Zahlungsverkehr immer stärker in die jeweilige Umgebung ein: beim Kauf eines Fahrscheins im öffentlichen Personennahverkehr, bei Zahlungen aus dem Auto heraus oder auch in Form zunehmend autonomer Kassen im Handel. 

Für Anbieter heißt das: Schnittstellen, Standards und Interoperabilität werden immer wichtiger. Für uns als Zentralbank heißt das: Wir müssen Rahmenbedingungen mitgestalten, die Innovation ermöglichen und zugleich Stabilität und Sicherheit gewährleisten.

3 Europäische Perspektive: Vernetzung neuer und bestehender Angebote

Das gilt in besonderer Weise für die europäische Perspektive. Europa braucht im Zahlungsverkehr starke, wettbewerbsfähige und unabhängige Lösungen. Bei einer kritischen Infrastruktur können wir es uns nicht leisten, keine eigenen leistungsfähigen Angebote zu haben. Europäische Zahlungslösungen können hier einen wichtigen Beitrag leisten. Aber Verbraucherinnen und Verbraucher werden solche Lösungen erfahrungsgemäß nicht nur nutzen, weil sie „made in Europe“ sind – sie müssen nutzerfreundlich sein und einen klaren Mehrwert bieten.

Die Bundesbank unterstützt deshalb Initiativen, die den europäischen Zahlungsverkehr wettbewerbsfähiger, innovativer und unabhängiger machen – wie zum Beispiel Wero. Einen empirischen Eindruck zur Bekanntheit und Nutzung von Wero liefert das Bundesbank Online Panel – Haushalte.[1] Dabei gab es positive Resultate, aber auch Hinweise, wo es besser werden muss.

So gaben knapp 8 Prozent der Befragten an, Wero bereits zu nutzen. Weitere rund 44 Prozent kannten Wero, hatten es aber noch nicht genutzt. Damit ist Wero in kurzer Zeit seit dem Start bei mehr als der Hälfte der Bevölkerung angekommen.

Bei denjenigen, die Wero bislang nicht nutzen, wurden als Hauptgründe vor allem ein fehlender Bedarf, eine geringe Verbreitung auf der Empfängerseite sowie Unsicherheit, ob die eigene Bank Wero anbietet, genannt. Das bedeutet, das vorhandene Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft. Der Markthochlauf bleibt daher eine Aufgabe, die mit Nachdruck verfolgt werden muss.

Entscheidend wird sein, neue und bestehende Angebote sinnvoll miteinander zu verbinden.  Das gilt insbesondere für das zentrale Zukunftsprojekt im europäischen Zahlungsverkehr: den digitalen Euro. Denkbar wäre beispielsweise, den digitalen Euro in die Wero Wallet zu integrieren. Das könnte die Reichweite europäischer Zahlungsangebote erhöhen und dazu beitragen, dass neue Lösungen nicht nebeneinanderstehen, sondern nahtlos zusammenwirken. 

Der digitale Euro ist deshalb wichtig, weil er das bestehende Geldsystem fit für die digitale Zukunft macht. Ein digitaler Euro ist Zentralbankgeld für den digitalen Raum: allgemein zugänglich, sicher, europäisch und mit hohem Datenschutz – als Ergänzung zu privaten Zahlungslösungen und auch zum Bargeld, nicht aber als deren Ersatz.

Eine zentrale Rolle kommt dabei den Banken und Zahlungsdienstleistern zu. Sie sind die Schnittstelle zu den Kundinnen und Kunden.  Ich möchte Sie deshalb ausdrücklich ermutigen, sich in die nächsten Schritte aktiv einzubringen. Ihre Erfahrung, Ihre Nähe zu den Kundinnen und Kunden und Ihre Innovationskraft werden für die Attraktivität des digitalen Euro entscheidend sein.

Auch neue Formen privaten digitalen Geldes, etwa Stablecoins, bringen Innovation in den Zahlungsverkehr. Sie werfen aber zugleich grundlegende Fragen nach Regulierung, Verbraucherschutz, Finanzstabilität und geldpolitischer Souveränität auf. Aus Sicht der Bundesbank gilt: Wer Geldfunktionen übernimmt, muss auch den entsprechenden Anforderungen an Sicherheit, Verlässlichkeit und Regulierung genügen. Und Zentralbankgeld muss auch im digitalen Zeitalter der stabile Anker unseres Geldsystems bleiben.

4 Resilienz: Robustheit in vernetzten Strukturen

Mit zunehmender Vernetzung wächst zugleich die Bedeutung von Resilienz. Zahlungsverkehr ist kritische Infrastruktur. Das wird uns leider immer nur dann bewusst, wenn etwas nicht funktioniert. Je stärker Systeme, Anbieter und Prozesse miteinander verbunden sind, desto mehr kann am Ende das schwächste Glied die Anfälligkeit des Gesamtsystems bestimmen.

Dabei hat sich die Risikolage in den vergangenen Jahren verschärft, insbesondere aufgrund geopolitischer Spannungen und zunehmender Cyberrisiken. Hier sind weitere Anstrengungen notwendig, und zwar nicht nur in die Verstärkung der technischen Wälle, die unsere Infrastruktur schützen. Investitionen sind auch erforderlich, um einen geordneten Wiederanlauf zu ermöglichen, sollten Cyberangriffe – trotz aller Vorsicht –erfolgreich sein. Stichworte sind hier zum Beispiel T2 und T2S Recovery.

Aber auch „einfache“ technische Störungen können in einem vernetzten und digitalen Zahlungsverkehr große Auswirkungen haben. Hier sollte das Ziel sein, durch entsprechende Notfallmaßnahmen im Zahlungsverkehr handlungsfähig zu bleiben. Und ohne eine Zusammenarbeit über alle Beteiligten hinweg kann Resilienz nicht erreicht werden. 

5 Künstliche Intelligenz: Neue Möglichkeiten in vernetzten Zahlungsprozessen

Zuletzt ist viel darüber geredet worden, dass künstliche Intelligenz zu einem mächtigen Werkzeug von Angreifern und Betrügern wird. Aber natürlich muss es auch um dessen Chancen gehen. Auch künstliche Intelligenz wird die Vernetzung weiter verstärken. Sie kann damit Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen, Muster über einzelne Systeme und Anbieter hinweg erkennen und Prozesse im Zahlungsverkehr stärker automatisieren. Damit kann KI nicht nur die Leistungsfähigkeit einzelner Anwendungen, sondern auch das Zusammenspiel im Zahlungsverkehr insgesamt verbessern.

Das eröffnet die Möglichkeit zur Verbesserung von Kundenprozessen, der Liquiditätssteuerung, aber auch der Erkennung ungewöhnlicher Transaktionsmuster und damit einer wirksameren Betrugsprävention. 

Aus Sicht der Bundesbank kommt es bei der Nutzung von KI insgesamt darauf an, Innovation und Risikobewusstsein zusammenzudenken. KI kann den Zahlungsverkehr leistungsfähiger machen – aber nur, wenn sie verantwortungsvoll eingesetzt und angemessen kontrolliert wird.

6 Grenzüberschreitender ZV: Vernetzung über Instant Payments

Die Vernetzung des Zahlungsverkehrs endet nicht an Europas Grenzen. Der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr zeigt, wo noch erheblicher Handlungsbedarf besteht: Zahlungen über Währungsräume und Rechtsräume hinweg sind trotz erzielter Fortschritte immer noch zu langsam, zu teuer und nicht transparent genug. Das betrifft Unternehmen ebenso wie Privatpersonen, etwa bei Überweisungen in die Heimatländer. 

Die Bundesbank unterstützt die Arbeiten im Rahmen der G20-Roadmap zur Verbesserung des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs sowie Initiativen des Eurosystems. 

Ein wichtiger Hebel zur engeren Vernetzung des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs ist das Interlinking von Echtzeitzahlungssystemen. Wenn Systeme wie TIPS mit Infrastrukturen in anderen Währungsräumen verbunden werden, können grenzüberschreitende Zahlungen perspektivisch schneller, effizienter und transparenter abgewickelt werden.

7 Abwicklungssysteme: Pontes und Appia als Bausteine der Zukunft

Schauen wir abschließend auf die Abwicklungssysteme. Auch dort verändert die Digitalisierung die Spielregeln: Automatisierung, Tokenisierung und neue Technologien eröffnen Chancen für mehr Automation, schnellere und sichere Abwicklung und mehr Wettbewerb. 

Mit den Initiativen Pontes und Appia gestaltet das Eurosystem die Zukunft aktiv mit. Pontes steht dabei für den konkreten Ansatz, DLT‑Plattformen mit den TARGET‑Services zu verbinden, um DLT-basierte Transaktionen in Zentralbankgeld abwickeln zu können. Appia verfolgt einen langfristigen, umfassenden Ansatz für ein innovatives und integriertes Finanzökosystem in Europa. 

Die Marktteilnehmer haben die Möglichkeit, diese Entwicklungen aktiv mitzugestalten und ihre Perspektiven einzubringen. Und sie müssen es auch tun, denn am Ende geht es auch um Ihr Finanzökosystem. Deshalb möchte ich gerade an Sie alle hier appellieren: Nutzen Sie die Chance zur Mitwirkung. 

8 Abschluss

Meine Damen und Herren,

Vernetzung ist Chance und Aufgabe zugleich. 

Die Bundesbank versteht sich dabei als Partner und Impulsgeber. Wir betreiben und überwachen Infrastrukturen, analysieren Entwicklungen, bringen uns in europäische und internationale Diskussionen ein – und wir hören zu. Genau dafür ist dieses Symposium da. Es soll Perspektiven aus Markt, Technologie, Wissenschaft, Verbraucherinnen und Verbrauchern sowie Zentralbanken zusammenbringen.

Wenn der Zahlungsverkehr mitunter wie ein voller Werkzeugkasten erscheint, dann ist dieses Symposium der richtige Ort, um gemeinsam zu ordnen: Welches Werkzeug brauchen wir wofür? Was muss besser ineinandergreifen? Und wo fehlt noch der passende Schraubenschlüssel?

Ich wünsche mir für den heutigen Tag offene Diskussionen, klare Positionen und auch Widerspruch. Denn Fortschritt entsteht dort, wo unterschiedliche Sichtweisen sachlich aufeinandertreffen – und am Ende in gemeinsamen Lösungen münden.

Denn auch bei einem Symposium über die vernetzte Zukunft gilt: Die wichtigste Schnittstelle bleibt das persönliche Gespräch.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Fußnote:

[1] Bundesbank Online Panel – Haushalte (BOP‑HH) | Deutsche Bundesbank