Vom Erbe zur Erneuerung: die Zukunft Europas gestalten Rede beim Galadinner der Deutschen Bundesbank anlässlich der auswärtigen EZB-Ratssitzung
Es gilt das gesprochene Wort.
Sehr geehrte Damen und Herren,
heute Abend befinden wir uns in der Basilika des Bode-Museums, einem Saal, der an eine florentinische Renaissance-Kirche erinnern soll. Diese einzigartige Umgebung lädt uns dazu ein, darüber nachzudenken, was wir erben, was wir bewahren und was wir erneuern möchten.
Das Bode-Museum ist Teil der Museumsinsel, die zum UNESCO‑Weltkulturerbe gehört. In seinem Münzkabinett findet sich eine der bedeutendsten Münz- und Medaillensammlungen der Welt. Münzen sind kleine Zeugnisse großer Verflechtungen. Sie erzählen uns, wie Menschen grenzüberschreitend gehandelt haben, wie sich politische Ordnungen verändert haben und wie Vertrauen geschaffen wurde – oder aber verloren ging.
Wo kann man diese Geschichten besser erzählen als in Berlin? Eine Stadt, die historische Umbrüche, Jahrzehnte der Teilung, eine friedliche Revolution und die Wiedervereinigung erlebt hat. Und eine Stadt, die sich immer wieder erneuert hat. Heute ist Berlin die Hauptstadt eines wiedervereinigten Deutschlands, dessen Zukunft untrennbar mit der Zukunft Europas verbunden ist. Daher ist dies genau der richtige Ort, um folgende Frage zu stellen: Wie viel Einheit braucht Europa, um seine Zukunft in Freiheit, Souveränität und Wohlstand zu gestalten?
1 Europa – ein Museum?
Von Zeit zu Zeit höre ich, dass Europa zu einer Art Museum wird. Ein Ort, an dem man die Errungenschaften der Vergangenheit bewundern und seine Freizeit genießen kann. Das Narrativ ist, dass Europa lediglich seinen Wohlstand bewahrt und verwaltet, während Innovationen und wirtschaftliche Dynamik andernorts entstehen. So sehe ich Europa nicht – weder heute noch in Zukunft. Wer Recht haben wird, hängt davon ab, wie Europa den aktuellen Herausforderungen begegnet.
Die Welt um uns herum befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Das geopolitische Klima ist rauer und weniger vorhersehbar geworden. Der globale Wettbewerb hat sich verstärkt. Und künstliche Intelligenz treibt technologische Veränderungen voran. In dieser neuen Welt müssen wir Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität gemeinsam betrachten. KI könnte hier zu einem Lackmustest werden. KI hat mit ihrer transformativen Kraft weitreichende Folgen für Europa – nicht zuletzt für seine Wirtschaft und Sicherheit. Und mit ihrem Einfluss auf Produktivität, Arbeitsmärkte und Inflation verdient sie unsere Aufmerksamkeit als Notenbankerinnen und Notenbanker.
Zugleich ist Europa in erheblichem Maße auf Anbieter außerhalb Europas angewiesen, um KI zu entwickeln und zu nutzen. Denken Sie an hoch entwickelte Chips, Rechenleistung und Cloud-Infrastruktur. Oder an die Technologiegrenze: Die leistungsfähigsten Modelle stammen derzeit aus den Vereinigten Staaten, während China fest auf dem zweiten Platz steht.[1] Was könnte es für uns bedeuten, wenn KI größtenteils andernorts entwickelt und kontrolliert wird? Auf Basis dieser Annahme wurden düstere Szenarien für die Zukunft Europas konstruiert.[2]
2 Europas Potenzial ausschöpfen
Aber meine Annahme für die Zukunft Europas ist eine andere: Europa wird ein wichtiger technologischer Akteur sein. Das wird natürlich nicht von allein so kommen. Wir müssen jetzt entschlossen handeln.
Unsere Ausgangslage ist besser als viele denken. Wir haben Universitäten von Weltklasse, die exzellente Forschung betreiben und einen erheblichen Teil der globalen KI‑Talente ausbilden.[3] Unsere Industrie verfügt über einen Datenschatz, der sich für die KI‑Entwicklung als unschätzbar erweisen könnte. Zudem gibt es in Europa umfangreiche private Ersparnisse, mit denen Innovationen und Infrastruktur im Bereich KI finanziert werden könnten. Dies ist eine vielversprechende Grundlage, und zwar nicht nur für den Einsatz von KI, sondern auch für deren Entwicklung.
Um es mit den Vereinigten Staaten und China aufnehmen zu können, sollten die europäischen Unternehmen nicht von 27 separaten Kapital-, Dienstleistungs- und Arbeitsmärkten aus in den Wettlauf einsteigen. In diesem Wettlauf zählt die Größe. Europa ist auf dem Papier groß. Es muss in der Praxis groß werden. Wenn wir das Potenzial unseres Binnenmarkts voll ausschöpfen, kann Europa gegenüber den weltweiten Technologieführern aufholen. Davon bin ich fest überzeugt.
Vielleicht können wir etwas von Wilhelm von Bode lernen, nach dem dieses Museum benannt ist. Ab den 1880er-Jahren war er Direktor mehrerer Museen in Berlin. Damals versuchte Berlin, zu den weltweit führenden Museumszentren aufzuschließen. Bodes Antwort darauf war, öffentliche Institutionen, private Initiativen, internationale Expertise und Kapital zusammenzubringen. Er baute europaweit ein Netzwerk von Sammlern, Händlern und Gelehrten auf und trug somit dazu bei, den Sammlungen Berlins international Geltung zu verschaffen. Die Herausforderung Europas ist heute natürlich eine ganz andere. Aber wir können eine Lehre daraus ziehen: Gemeinsam können wir mehr erreichen.
Was braucht es, damit Europa zu einem führenden Zentrum für KI wird? Modelle ziehen den größten Teil der Aufmerksamkeit auf sich. Dahinter stehen jedoch Halbleiter, Recheninfrastruktur, Energie, Kapital und Fachkräfte. Daher brauchen wir einen umfassenden Ansatz. Drei Dinge sind von entscheidender Bedeutung.
Erstens braucht Europa mehr Wagniskapital. Vielversprechende Start-ups müssen in der Lage sein, sich zu globalen Anbietern zu entwickeln, ohne andernorts nach Finanzierungsmitteln suchen zu müssen. Deshalb ist die Spar- und Investitionsunion so wichtig. Europa verfügt über die Ersparnisse. Wir brauchen bessere Kanäle, um sie in produktive Investitionen umzuwandeln.
Zweitens brauchen wir genügend Rechenkapazitäten. Dies erfordert Investitionen in Rechenzentren, Energienetze und eine sichere Stromversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen. Hier kann Europa auf seine eigene Geschichte zurückgreifen. Die europäische Integration begann mit Steinkohle und Stahl. Heutzutage sind die wichtigsten Ressourcen andere. Die Erkenntnis ist jedoch dieselbe: Europa profitiert von einer Energieunion. So würden mehr grenzüberschreitende Verflechtungen dafür sorgen, dass sauberer und kostengünstigerer Strom frei fließen kann. Dies würde sowohl die Bezahlbarkeit als auch die Widerstandsfähigkeit unterstützen.
Drittens brauchen innovative Unternehmen tatsächlich integrierte Märkte, um rasch wachsen zu können. Sie müssen in der Lage sein, digitale Produkte und Dienstleistungen europaweit anzubieten. Gleiches gilt für die Rekrutierung von Talenten. Wenn wir die verbleibenden Barrieren im Dienstleistungssektor, an den digitalen Märkten und bei der Arbeitskräftemobilität verringern, können wir leichter Skaleneffekte erzielen. Die Vollendung des Binnenmarkts stärkt damit auch die Technologiepolitik Europas.
Die drei Aufgaben weisen in dieselbe Richtung: eine stärkere Integration, bei der die Größe entscheidend ist. Wie kommen wir dorthin? Die europäischen Institutionen und Mitgliedstaaten müssen an einem Strang ziehen. Natürlich spielen nationale Interessen eine Rolle. Wo aber die Größe entscheidend ist, dürften nationale Maßnahmen nicht ausreichen. In solchen Fällen ist den nationalen Interessen durch europäisches Handeln am besten gedient. Das bedeutet, Initiativen aus europäischer Sicht zu beurteilen.
Das Eurosystem zeigt, dass gemeinsame Maßnahmen funktionieren können. Wir Notenbankerinnen und Notenbanker können diese Erfahrungen in unsere nationalen Debatten über die europäische Integration einfließen lassen. Wir können erklären, was auf dem Spiel steht und wie Europa von einem gemeinsamen Handeln profitieren kann.
Hier geht es um mehr als um die Position Europas im internationalen Technologie-Ranking. Es geht um unsere Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen. Es geht um die Ressourcen, die zur Wahrung unseres Gesellschaftsmodells und unserer Sicherheit erforderlich sind. Und es geht darum, ob künftige Generationen in Europa in Freiheit, Selbstbestimmung und Wohlstand leben können. Als Eurosystem leisten wir unseren Beitrag für ein souveränes Europa, etwa durch den digitalen Euro.
3 Schluss
Sehr geehrte Damen und Herren,
unser Wohlstand ist kein Relikt früherer Erfolge, den wir nur bewahren und verwalten können. Er ist unser Sprungbrett in die Zukunft. Der Vergleich mit einem statischen Museum greift in zweierlei Hinsicht zu kurz. Er wird Europa nicht gerecht. Und er wird auch modernen Museen nicht gerecht. Das Bode-Museum hat sich mehr als ein Jahrhundert lang immer wieder erneuert.
Auch Europa kann sich erneuern. Unser Erbe ist wertvoll, weil es uns Vertrauen, Erfahrungswerte und eine Grundlage gibt, auf der wir aufbauen können. Nutzen wir diese Grundlage. Verwandeln wir Europas Größe in Handlungsfähigkeit. Und lassen Sie uns dafür sorgen, dass die Innovationen von morgen auch eine europäische Handschrift tragen.
Fussnoten:
- Laut einem Vergleich führender Modellanbieter stammen die sechs Unternehmen mit den höchsten Scoring-Werten allesamt aus den USA oder aus China, vgl.: Stanford Institute for Human-Centered Artificial Intelligence (2026), Artificial Intelligence Index Report 2026.
- Vgl.: Juijn, D., S. van Baarsen, J. Dada, M. Negele, L. Stelling, P. Fox, A. Petropoulos und M. Bakker (2026), Europe 2031: What getting AI wrong means for us, 11. Juni.
- Vgl.: Europäische Kommission (2026), Enhancing competitiveness, sovereignty and security of the European Union in frontier AI: Key insights from the first meeting of the European Expert Forum on Frontier AI.