Future of Finance: Europas Handlungsfähigkeit stärken – finanziell und technologisch Keynote-Rede International Bankers Forum

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung

Es ist mir eine große Freude und Ehre, hier in Hamburg heute mit Ihnen das 40. Jubiläum des International Bankers Forum zu feiern und einen Impuls zu „Future of Finance: Europas Handlungsfähigkeit stärken – finanziell und technologisch“ beizutragen. 

Einen schnellen Eindruck der wirtschaftlichen Lage verschafft ein Blick in den Hamburger Hafen. Deshalb werfe ich auf dem Weg an die Ostsee immer einen Blick darauf, wie viele Containerschiffe gerade im Hamburger Hafen beladen werden. Zuletzt hat sich hier der Umschlag von Containern deutlich eingetrübt. 

Immerhin hat mich zuversichtlich gestimmt, dass letzte Woche weiter südlich in Deutschland wieder Containerschiffe auf dem Rhein unterwegs waren. Das bedeutet nämlich, dass die wirtschaftlichen Einschränkungen wegen der Dürre diesen Sommer zumindest teilweise überwunden sind. 

Mit Blick auf den Hamburger Hafen lässt sich der geringere Container-Umschlag im ersten Halbjahr 2026 auch auf die Entwicklungen rund um die Straße von Hormus zurückführen. Das zeigt, wie schnell Entwicklungen in anderen Teilen der Welt Handelsströme, Lieferketten und auch Finanzströme beeinflussen können. 

Der übergeordneten Frage nach Europas Handlungsfähigkeit möchte ich anhand von 3 Leitfragen nachgehen: In welchem Umfeld bewegen wir uns? Was bedeutet das für Europa? Und was braucht es, um mit diesen Herausforderungen umzugehen? Als eine der wichtigsten Handelsstädte Europas, bietet Hamburg den perfekten Ausgangspunkt, das gemeinsam zu diskutieren.

2 Geopolitisches und technologisches Umfeld

Wir befinden uns weiterhin in einem Umfeld hoher geopolitischer Risiken. Das zeigt auch der von der Bundesbank entwickelte GPR‑Indikator. Es handelt sich dabei um einen textbasierten Indikator, der die geopolitischen Risiken für den Euroraum messbar macht.

Mit der russischen Invasion in der Ukraine 2022 stiegen diese Risiken deutlich – und sind seitdem auf hohem Niveau geblieben. Aktuell liegt der GPR‑Indikator bei rund 190 und damit deutlich über seinem historischen Durchschnitt von 100.

Dieses Umfeld macht es für Unternehmen und die Bevölkerung schwieriger, wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen. Wie außergewöhnlich hoch die Unsicherheit derzeit ist, zeigt der World Uncertainty Index, den Ökonomen des IWF und der Stanford University entwickelt haben. Im Juli lag er bei fast 72.000 Punkten – und damit weit über seinem langfristigen Durchschnitt.

Die hohen Risiken und die Unsicherheit gehen an der Wirtschaft nicht spurlos vorbei. Besonders deutlich zeigt sich das bei den Energiepreisen. Der Ölpreis ist seit Monaten stark erhöht und bleibt volatil. Ein Fass Rohöl der Sorte Brent kostete zuletzt rund 95 US‑Dollar. Und unsere Fachleute in der Bundesbank sehen weiterhin deutliche Aufwärtsrisiken, denn die Lage bleibt volatil und eine Ausweitung des Konflikts könnten die Preise weiter nach oben treiben.

Der Krieg im Nahen Osten ist auch ein maßgeblicher Treiber für die Finanzmärkte. Die steigenden Energiepreise führen zu höheren Leitzinserwartungen an die Zentralbanken und tragen zu steigenden Renditen an den globalen Staatsanleihemärkten bei. Insbesondere die stark gestiegenen Renditen am langen Laufzeitende geraten zunehmend in den Fokus der Marktteilnehmer. Bemerkenswert ist: Die globale Wirtschaft hat den Energiepreisschock bislang besser verkraftet als anfänglich erwartet worden war. Und der MSCI World hat seit Jahresbeginn rund 12 Prozent zugelegt. 

Diese Entwicklungen treffen auf einen längerfristigen Trend der Entkopplung zwischen den USA und China. Besonders deutlich zeigt sich das im bilateralen Handel. Der Anteil chinesischer Waren an den US‑Importen ist zwischen 2016 und 2025 um 12 Prozentpunkte auf 9 Prozent im Jahr 2025 gesunken.[1] Im ersten Quartal 2026 lag der Anteil bei knapp 8 Prozent. Diese bilaterale Entkopplung zeigt sich auch in den Finanzflüssen. Dahinter steht auch das strategische Ziel, kritische Abhängigkeiten zu reduzieren und die eigene wirtschaftliche und technologische Handlungsfähigkeit zu sichern. Europa befindet sich in einem Spannungsfeld und gerät zunehmend unter Druck. 

Mit Blick auf die starke Entwicklung der Aktienkurse sind die Werte der weltweit größten Technologieunternehmen ein treibender Faktor, vornehmlich aus den USA. Das ist für Europa eine Herausforderung, denn Europa ist hier oft Nachfragerin und häufig Preisnehmerin, statt den Markt selbst mitzugestalten. 

Zusammengefasst: Geopolitische Verschiebungen haben zu hoher wirtschaftspolitischer Unsicherheit geführt. Die USA und China entkoppeln sich zunehmend wirtschaftlich, und gleichzeitig schreiten technologische Entwicklungen rasant voran.

3 Was bedeutet das für Europa?

Ich möchte zunächst einen Blick auf Deutschland werfen. Nach einer ausgeprägten Schwächephase zeigt die deutsche Wirtschaft endlich wieder Aufwärtstendenzen, vor allem dank kräftiger Impulse seitens der Fiskalpolitik. 

Unsere Bundesbank-Prognose vom Juni 2026 sieht für dieses Jahr kalenderbereinigt ein Wachstum von 0,5 Prozent, für 2027 dann 0,8 Prozent. 2028 könnte die Wirtschaft sogar um 1,4 Prozent zulegen. Mit den Quartalswachstumsraten von 0,4 % im ersten und 0,3 % zweiten Quartal 2026 und der Überwindung der dürrebedingten Transporteinschränkungen auf den Wasserwegen könnte das Wirtschaftswachstum schon im laufenden Jahr etwas höher ausfallen.

Gleichzeitig haben der Krieg im Nahen Osten und die Entwicklungen rund um die Straße von Hormus die Energiepreise kräftig nach oben getrieben, was auch zu einer höheren Teuerungsrate geführt hat.

Darüber hinaus gibt es weiterhin strukturelle Herausforderungen. Hohe Lohnnebenkosten und die Bürokratielasten drücken auf das Potenzialwachstum, also wie stark unsere Wirtschaft bei einer Normalauslastung wachsen kann. Der demografische Wandel verringert es durch ein vermindertes Fachkräfteangebot zusätzlich. Heute beträgt dieses laut unserer Schätzung nur noch rund 0,4 Prozent pro Jahr – vor zehn Jahren war es noch drei- bis viermal so hoch. Dass das aktuell erwartete Wirtschaftswachstum so deutlich über dem Potenzialwachstum liegt, hängt vor allem mit der expansive Fiskalpolitik zusammen.

Umso wichtiger ist es, strukturelle Hemmnisse ernsthaft anzugehen und wirtschaftliche Abhängigkeiten zu reduzieren. In Europa importieren wir über 80 % der digitalen Infrastruktur und Technologien von nicht-europäischen Anbietern, was mit Blick auf die geopolitischen Risiken die Handlungsfähigkeit einschränken kann. 

Doch bei der Anwendung neuer Technologien tut sich auch viel in Deutschland und Europa. Immer mehr Unternehmen in Deutschland setzen auf Künstliche Intelligenz. Laut einer aktuellen Bundesbank-Studie versprechen sich über die Hälfte (54 Prozent) der Firmen, die KI nutzen, eine deutliche Steigerung ihrer Produktivität.[2] 

Im EU‑Vergleich liegt Deutschland beim Einsatz von KI auf Platz 8.[3] Das ist solide, aber Länder wie Schweden oder Finnland sind uns voraus. Hier können wir noch aufholen.

Ein Bereich, der für uns als Zentralbank besonders relevant ist, ist der Zahlungsverkehr. Auch hier sehen wir große Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern. Im Jahr 2022 wurden knapp zwei Drittel der Kartenzahlungen in der Eurozone durch außereuropäische Anbieter durchgeführt.

An Ideen und Innovationen mangelt es hierzulande nicht. Im Global Innovation Index steht Deutschland bei Patentanmeldungen auf Platz 7. Doch bei der Finanzierung – etwa durch Venture Capital – hinken wir hinterher. Insgesamt reicht es deshalb nur für Rang 11. 

Es muss uns gelingen, Innovationen schneller in den Markt zu bringen und auch zu skalieren. Dafür brauchen junge, innovative Unternehmen auch einen guten Zugang zu Wagniskapital. Doch hier gibt es Nachholbedarf. In Deutschland fließen nur 0,24 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) in Venture Capital, in den USA sind es 0,87 Prozent. Der EU‑Durchschnitt liegt bei 0,23 Prozent.[4]

Es gibt aber Fortschritte. Mit dem Zukunftsfonds, der WIN‑Initiative und dem Deutschlandfonds setzt die Politik neue Impulse. Die Frühphasen-finanzierung hat sich verbessert. In der Spätphase, wenn es um größere Summen geht, gibt es allerdings noch Luft nach oben.

  1. Zusammenfassend lässt sich festhalten: Geopolitische Entwicklungen dämpfen das Wirtschaftswachstum und verursachen Inflationsdruck. Deshalb ist es essenziell für Europa, technologisch und finanziell unabhängiger zu werden und so handlungsfähig zu bleiben.

4 Was braucht es, um mit diesen Herausforderungen umzugehen? 

Wir müssen Deutschland wieder auf einen steileren Wachstumspfad bringen – und zwar nachhaltig. 

Wie schnell eine Wirtschaft im Trend wächst, hängt zum einen davon ab, wie viele Menschen arbeiten und wie viel sie arbeiten. Und welche Maschinen, Anlagen und Infrastruktur zur Verfügung stehen. Zum anderen hängt das Wachstum von der Totalen Faktorproduktivität (TFP) ab, also wie effizient Arbeit und Kapital letztendlich eingesetzt werden.

Strukturelle Faktoren spielen für die deutsche Wachstumsschwäche eine entscheidende Rolle: Fachkräftemangel, Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung, ungünstige Rahmenbedingungen für Unternehmen. Wenn wir also auf einen steileren Wachstumspfad kommen wollen, müssen wir diese strukturellen Hemmnisse beseitigen.

In unserem Bundesbank-Online-Panel haben wir Firmen nach den drängendsten Problemen gefragt: Bürokratie wird mittlerweile von Unternehmen aller Sektoren und Größenklassen am häufigsten genannt.

Auch für die Bundesbank ist das ein wichtiges Thema. Denn auch wir verursachen Bürokratiekosten, etwa bei statistischen Erhebungen oder in der Bankenaufsicht. Deshalb fragen wir uns: Geht das auch effizienter – oder was kann weg – ohne die Stabilität des Finanzsystems zu gefährden?

Ein Beispiel ist das Millionenkreditmeldewesen. Banken mussten hier Daten melden, die inzwischen auch über europäische Statistiken erfasst werden. Gemeinsam mit der Bafin haben wir deshalb angestoßen, diese doppelte Meldepflicht abzuschaffen. Das ist mittlerweile auch geschehen und spart den Finanzinstituten jedes Jahr einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag.

Ein weiteres Beispiel aus dem Alltag der Bundesbank: Wir haben das „Access-by-default“-Prinzip eingeführt und werden so den Zugang zu Daten innerhalb der Bundesbank erheblich vereinfachen. Berechtigte Nutzer können dann auf vorhandene Daten zugreifen, ohne dafür extra aufwendige Zugriffsrechte zu beantragen. Somit machen wir Daten einfacher nutzbar, ohne Abstriche bei der Sicherheit.

Neben dem Abbau von Bürokratie braucht es weitere Schritte, um die deutsche Wirtschaft langfristig auf einen steileren Wachstumspfad zu führen. Technologische Innovationen sind ein Schlüssel dafür.

Darüber habe ich kürzlich auf einem Panel beim „One Europe, One Market Summit“ in Brüssel diskutiert. Es ging vor allem um die zentrale Frage: Wie schaffen wir es, aus guten Ideen erfolgreiche europäische Produkte und Unternehmen zu machen – und so Europas Moment im Tech-Zeitalter zu zünden?

Über das Thema Wagniskapital haben wir bereits gesprochen. Doch um wachsen zu können, brauchen junge, innovative Unternehmen auch Zugang zum gesamten europäischen Binnenmarkt – also zu den potenziell 450 Millionen Konsumenten in allen 27 Mitgliedsländern. 

Bisher endet der EU‑Binnenmarkt für aufstrebende Unternehmen noch viel zu oft an nationalen Rechtsgrenzen. Damit Wachstum über Ländergrenzen leichter wird, ist es zentral, das „28th Regime“ und die dazu passende einheitliche Unternehmensform („EU Inc.“) zu verabschieden. 

Gerade im Bereich der IT wird deutlich, welche Chancen ein integrierter europäischer Markt bietet. Laut dem Beratungsunternehmen Gartner wurden in Europa im Jahr 2025 1,3 Billionen USD insgesamt für IT ausgegeben. Weltweit waren es sogar 5,6 Billionen USD

Diesen Bedarf stärker mit europäischen Angeboten zu bedienen und damit die Abhängigkeit von nichteuropäischen Anbietern zu reduzieren, kann einen doppelten Gewinn bedeuten: für Europas Wachstum und für unsere digitale Souveränität.

Gemeinsam mit Claudia Plattner, Präsidentin des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, und der hessischen Digitalministerin Kristina Sinemus habe ich kürzlich ein Impulspapier zur Stärkung der digitalen Souveränität in Deutschland und Europa veröffentlicht.[5]

Darin schlagen wir konkrete und schnell umsetzbare Maßnahmen für zentrale Technologiefelder wie Chips, Cloud und Rechenzentren, Künstliche Intelligenz, Robotik und Quantencomputing vor. Wichtige Punkte sind die Bündelung der öffentlichen Nachfrage sowie die Idee eines „AI‑Airbus“ – also eines gemeinsamen europäischen Großprojekts im Bereich Künstliche Intelligenz. 

Mit dem Impulspapier wollen wir einen konstruktiven Diskurs anstoßen und eine Plattform schaffen, auf der relevante Akteure ihre Aktivitäten besser koordinieren können.

Auch wir als Bundesbank leisten unseren Beitrag zur strategischen Stärkung der digitalen Souveränität in Deutschland und Europa. Auf unsere Abhängigkeiten im Zahlungsverkehr habe ich bereits zuvor hingewiesen. In einem Umfeld, in dem wir zunehmend private digitale, auch teilweise tokenisierte Zahlungsmittel sehen, schaffen wir im Eurosystem ein Alternativangebot: den digitalen Euro.

In der öffentlichen Diskussion wird häufig nach konkreten Einsatzmöglichkeiten für digitales Zentralbankgeld gefragt. Aus meiner Sicht ist jedoch vor allem wichtig, dass Zentralbanken eine verlässliche, öffentliche Option für digitale Zahlungen anbieten – gerade, weil digitale Zahlungsströme stetig wachsen und private sowie ausländische Anbieter an Bedeutung gewinnen.

Neben dem digitalen Euro für Privatpersonen gibt es noch eine weitere Variante des digitalen Zentralbankgeldes für die Finanzindustrie, wir nennen sie Wholesale-CBDC. Diese wird den Finanzinstituten im Pontes Initial Launch erstmals noch in diesem Jahr zur Verfügung gestellt werden.

Bevor wir in die Fragerunde einsteigen, möchte ich meine Gedanken kurz zusammenfassen: Deutschland muss wieder auf einen steileren Wachstumspfad kommen, und dafür sind Strukturreformen notwendig. In Europa müssen wir unsere digitale Souveränität strategisch stärken, und hierzu liegen konkrete, umsetzungsnahe Maßnahmen auf dem Tisch. Gleichzeitig sind die Vollendung des Binnenmarktes und die Integration des europäischen Finanzmarkts in Europa von zentraler Bedeutung.

Ich habe meine Rede mit dem Hamburger Hafen begonnen. Und vielleicht ist er auch ein gutes Bild für den Schluss: Er verbindet diese schöne Stadt seit Jahrhunderten mit der Welt – einer Welt, die sich gerade grundlegend verändert. Wie wir darauf reagieren, liegt auch an jedem einzelnen von uns. Es ist viel in Bewegung. Wenn es uns gelingt, jetzt auch die Maßnahmen umzusetzen, dann bin ich mir sicher, dass im Hamburger Hafen und auf den Rheinschiffen wieder mehr Container unterwegs sein werden. 

Fußnoten:

  1.  DHL Global Connectedness Report 2026.
  2. Deutsche Bundesbank (2026), Monatsbericht März.
  3. Deutsche Bundesbank (2025), Nutzung von Künstlicher Intelligenz im europäischen Ländervergleich, Monatsbericht Mai, sowie EU survey on ICT usage and e-commerce in enterprises (Eurostat).
  4. KfW Research, Nationale Venture Capital-Märkte im Vergleich
  5. Deutsche Bundesbank (2026), 37 umsetzungsnahe Maßnahmen für digitale Souveränität in Deutschland und Europa