Gruppenfoto des EZB-Rats ©Maurice Weiss

Auswärtiges EZB-Ratstreffen in Berlin: EZB-Rat hebt Leitzinsen an

Am 9. und 10. September hat die auswärtige EZB‑Ratssitzung in Berlin stattgefunden. Auf der Tagesordnung standen geldpolitische Entscheidungen und die Veröffentlichung neuer Wirtschaftsprognosen. Üblicherweise trifft sich der EZB‑Rat in Frankfurt am Main. In diesem Jahr hatte die Bundesbank als Gastgeberin in die deutsche Hauptstadt zur einmal im Jahr stattfindenden auswärtigen Sitzung eingeladen. Am Rande der Beratungen zur Geldpolitik gab es zudem Gelegenheit zum Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern der Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

Zinserhöhung um 25 Basispunkte beschlossen

In der Sitzung beschloss der EZB-Rat einstimmig, die drei Leitzinssätze um jeweils 25 Basispunkte anzuheben. Der Konflikt im Nahen Osten erzeugt weiterhin Inflationsdruck, begründete EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Entscheidung. „Der heutige Beschluss unterstreicht unsere Entschlossenheit, die Geldpolitik so auszurichten, dass sich die Inflation auf mittlere Frist bei unserem Zielwert von 2 Prozent stabilisiert“, erklärte Lagarde.

Auch Bundesbankpräsident Joachim Nagel unterstützte die Entscheidung und äußerte sich dazu in einem Interview mit CNBC auch mit Blick auf künftige geldpolitische Entscheidungen: Ich möchte nicht ausschließen, dass wir einen leicht restriktiven Kurs einschlagen müssen. Das hängt jedoch sehr davon ab, wie sich die Energiepreise und wie sich das Preisbild im Lauf etwa des nächsten Monats entwickeln. Der Präsident betonte, dass die Entscheidungen des EZB-Rats nach wie vor datenabhängig seien und es noch zu früh sei, über weitere Schritte zu spekulieren.

Neue Wirtschaftsprognosen: Inflation bleibt Herausforderung

Der EZB-Rat veröffentlichte im Rahmen des Treffens auch seine aktualisierten Projektionen. Demnach wird die Inflation im Euroraum 2026 bei 3,0 Prozent, 2027 bei 2,5 Prozent und 2028 bei 2,1 Prozent liegen. Damit bleibt die Teuerungsrate länger über dem Zielwert von zwei Prozent als ursprünglich erwartet. Gleichzeitig zeigt sich die Wirtschaft des Euroraums widerstandsfähig: Für 2026 wird ein Wachstum von 0,9 Prozent prognostiziert, 1,4 Prozent für 2027 und 1,5 Prozent für 2028.

Es sei eine gute Nachricht, dass sich die Wirtschaft trotz der Folgen des Iran-Krieges als erstaunlich robust erweise, sagte Nagel im Interview. Für Deutschland, die größte Volkswirtschaft des Euroraums, könne dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von rund einem Prozent erreicht werden.

Austausch mit Bundespräsident Steinmeier und Bundeskanzler Merz

Am Rande der EZB-Sitzung kam es auch zu einem Abendessen zwischen EZB-Präsidentin Lagarde, Bundesbankpräsident Nagel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie den Mitgliedern des EZB-Rats. Im Mittelpunkt des Austauschs standen die angespannte geopolitische Lage, der globale Wettbewerb und Europas Rolle im Bereich der künstlichen Intelligenz. 

Bundespräsident Steinmeier hob in seiner Rede die Bedeutung der Europäischen Idee als Grundlage für Stabilität und Fortschritt hervor. Wir leben in herausfordernden Zeiten. Um in solchen Zeiten zu bestehen, müssen wir Europäer uns auf unsere Stärken besinnen: Wir bauen auf Zusammenarbeit, Verlässlichkeit und Vertrauen, auf die Werte, die uns in Europa ausmachen und uns zu dem gemacht haben, was wir sind, erklärte Steinmeier. In diesem Sinne stehe die Europäische Zentralbank als supranationale Einrichtung für eine Form der europäischen Integration, die sich dem Zeitgeist von Nationalismus und Protektionismus entgegenstelle. 

Auch Bundesbankpräsident Nagel betonte die Bedeutung gemeinsamer europäischer Anstrengungen und erklärte: Unser Wohlstand ist kein Relikt früherer Erfolge, den wir nur bewahren und verwalten können. Er ist unser Sprungbrett in die Zukunft. […] Europa kann sich erneuern. Unser Erbe ist wertvoll, weil es uns Vertrauen, Erfahrungswerte und eine Grundlage gibt, auf der wir aufbauen können. Nutzen wir diese Grundlage. Verwandeln wir Europas Größe in Handlungsfähigkeit. Und lassen Sie uns dafür sorgen, dass die Innovationen von morgen auch eine europäische Handschrift tragen.

Bei einem gemeinsamen Abendessen des EZB-Rats erörterten Nagel und Lagarde sowie Bundeskanzler Friedrich Merz als Gast zudem die wirtschaftlichen Herausforderungen Deutschlands und der Eurozone.

2011 letztes auswärtige Treffen bei der Bundesbank

Die auswärtigen Treffen des EZB-Rats bieten eine Gelegenheit, die Arbeit des EZB-Rats in anderen Mitgliedsländern des Eurosystems sichtbar zu machen und den Austausch mit nationalen politischen und wirtschaftlichen Akteuren zu ermöglichen. Zuletzt war die Bundesbank 2011 Gastgeber einer auswärtigen EZB-Ratssitzung, damals ebenfalls in Berlin.