Fritzi Köhler-Geib ©Gaby Gerster

Köhler-Geib im Interview: Europa muss digitale Souveränität stärken

Künstliche Intelligenz ist eine disruptive Technologie, die Wirtschaft und Gesellschaft tiefgreifend verändert. In Europa müssen wir verstärkt die Möglichkeiten nutzen, die sich daraus ergeben, sagt Bundesbankvorständin Fritzi Köhler-Geib in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Im Interview spricht sie darüber, welche Chancen und Herausforderungen KI für Europa und die Stabilität der Finanzmärkte mit sich bringt.

Europa bei KI im Hintertreffen

Europa sei Köhler-Geib zufolge bei den großen KI-Modellen gegenüber den USA und China im Hintertreffen. Als aktuelles Beispiel nennt sie die US-Firma Anthropic, deren neueste KI-Modelle auf Anordnung der US-Regierung für den Rest der Welt gesperrt wurden. Das zeigt sehr deutlich, welche strategische Relevanz diese Technologien erlangt haben, betont die Vorständin. Wenn Europa keinen Zugang zu Modellen mit solchen Fähigkeiten hat, müsse es eigene Alternativen entwickeln: Wir müssen unsere digitale Souveränität vorantreiben.

KI an den Finanzmärkten

Der Einsatz von KI an den Finanzmärkten berge Chancen, aber auch Risiken. Entscheidend sei, welche Modelle eingesetzt und mit welchen Daten sie trainiert werden. Wenn alle Modelle auf denselben Datensätzen basieren, führt das schnell zu einer Art Gleichlauf, erklärt Köhler-Geib. Das könne Herdenverhalten verstärken: Übertragen auf Menschen wäre das so, als hätten alle Aktieninvestoren dieselbe Ausbildung, dieselben Modelle und würden identische Entscheidungen treffen. Das Phänomen Herdenverhalten kennen die Märkte zwar schon lange. Durch KI erhalte es aber eine neue technologische Dimension.

Um solchen Risiken zu begegnen, seien Zentralbanken und Aufsichtsbehörden bereits aktiv. Sie versuchen, sich frühzeitig ein Bild zu verschaffen, mögliche Risiken zu verstehen und – wo nötig – Leitplanken einzuziehen, so Köhler-Geib. Ein Beispiel dafür sei das Projekt Logos des BIS Innovation Hub, in dem Zentralbanken in einer künstlichen Übungsumgebung das Verhalten von KI-Agenten analysieren.

Neue Generation von Handelsalgorithmen

Algorithmischer Handel ist seit Jahrzehnten etabliert, KI verschiebe aber die Grenze, bis zu der Menschen direkten Einfluss auf Handelsentscheidungen nehmen. Mit sogenannter ‚agentischer‘ KI, die auch immer leistungsfähiger wird, treffen Systeme immer häufiger eigenständig Entscheidungen, ohne dass ein Mensch im Einzelfall eingreift, erläutert Köhler-Geib im Interview.

Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde arbeitet derzeit daran, einen besseren Überblick zu gewinnen, wo und wie KI im Handel eingesetzt wird. Die Risiken dieser Modelle müssen dabei nicht zwangsläufig größer sein als die aus dem klassischen algorithmischen Handel, so die Bundesbankvorständin. 

Grenzen von KI-Modellen

In KI-Modellen können sich laut Köhler-Geib ähnlich wie bei menschlichen Investorinnen und Investoren auch Voreingenommenheiten einschleichen: Diese Modelle können solche Biases oft hervorragend benennen. Allerdings können sie diese bislang nicht zuverlässig abstellen. Das liege auch daran, dass diesen Modellen ein Bewusstsein beziehungswese die Selbstreflektion fehlt. Das kann sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln – aber Stand heute bleibt das eine zentrale Einschränkung im Umgang mit KI an den Finanzmärkten, sagt sie.