Tagungszentrum Am Sandwerder Kunstsammlung Deutsche Bundesbank
Werner Gilles (1894 – 1961)
Schlucht, 1953
Aquarell auf Papier
Wie ein bunt zusammengewürfeltes Farbmuster wirkt das Aquarell von Werner Gilles auf den ersten Blick. Es zeigt eine gebirgige Landschaft, die sich bis an den oberen Bildrand erstreckt. Losgelöst von der natürlichen Farbigkeit, sind die Berghänge aus roten, gelben oder blauen Farbflächen zusammengefügt; dazwischen finden sich schwarze Lineaturen, die an Schriftzeichen erinnern. Zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit changierend, komponiert Gilles freie Farben und Formen, die sich zu dem gegenständlichen Motiv verdichten.
Werner Gilles studierte in den 1920er Jahren am Bauhaus in Weimar; wenig später wurden seine Werke von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt. Seit den 1950er Jahren verbrachte Gilles die Sommermonate regelmäßig auf der italienischen Mittelmeerinsel Ischia. Dort beeindruckten ihn die Natur mit ihren Bergen, Schluchten und Küsten, aber auch die lebendigen Beziehungen zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Mythos und Realität. In dieser Zeit wurden die stilisierten, poetischen Landschaften zu seinem zentralen Bildthema.
Ida Kerkovius (1878 – 1970)
Auf Schwarz, 1961
Pastell auf Velourpapier
Ida Kerkovius, geboren 1879, gehörte zur ersten Generation von Künstlerinnen, die unter schwierigen Bedingungen und gegen viele Widerstände eine professionelle Ausbildung erhielten und kontinuierlich künstlerisch arbeiten konnten. Als Meisterschülerin von Adolf Hölzel in Dachau und Stuttgart lernte sie bei einer der interessantesten Lehrerpersönlichkeiten ihrer Zeit. Zwischen 1920 und 1923 setzte Ida Kerkovius ihre Studien am neu gegründeten Bauhaus in Weimar fort.
Hölzels Unterricht basierte auf der Vermittlung kompositorischer Grundlagen sowie auf der detaillierten Untersuchung der elementaren gestalterischen Mittel: Linie, Form und Farbe. Hölzel gehörte zu den Pionieren der Abstrakten Kunst und ermutigte seine Studierenden, sich vom Gegenstand zu lösen, um neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten zu erproben.
Davon ausgehend entwickelte Ida Kerkovius eine eigene Bildsprache, deren leuchtende und kontrastreiche Farbigkeit auffällt. Oft sind die Kompositionen gegenstandslos; oft spielt sie mit figurativen oder gegenständlichen Andeutungen. So auch in der Komposition „Auf Schwarz“ von 1961: vor dunklem Hintergrund schweben Formen in vielerlei Farbabstufungen; sie lassen an Figuren in einem dunklen Garten denken.
Emy Roeder (1890 – 1971)
Junger Hirte, 1946
Bleistift auf Papier
Zwei Kühe, vor 1965
Bleistift auf Papier
Emy Roeder war eine bedeutende Bildhauerin und Zeichnerin, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekannt wurde. Geboren 1890 in Würzburg, studierte sie u. a. bei dem renommierten Bildhauer Bernhard Hoetger in Darmstadt. In den 1920er Jahren wurde sie Mitglied der Berliner Secession, einer Gruppe progressiver Kunstschaffender, und ihre Arbeiten wurden zunehmend von der Avantgarde beeinflusst. In der NS-Zeit wurde ihre Kunst als „entartet“ diffamiert. 1955 nahm sie an der ersten Documenta in Kassel teil.
Emy Roeder ist bekannt für ihre profilierten Figuren, seien es Akte, Bildnisse oder Tierdarstellungen. Ausgehend vom Naturvorbild entwickelte sie ein unverkennbares künstlerisches Vokabular, das sich durch eine konsequente Stilisierung ihrer Motive auszeichnet.
In den vielfältigen Tierdarstellungen zeigt sich Roeders Fähigkeit, die Charakteristik eines Tieres mit wenigen, aber präzisen Linien und Formen einzufangen. Die Werke zeichnen sich durch eine stilisierte, manchmal fast abstrakte Formgebung aus, die dennoch die wesentlichen Merkmale und die Lebendigkeit der dargestellten Tiere einfängt. Insgesamt spiegeln ihre Arbeiten eine tiefe Achtung vor der Natur und dem Lebendigen wider.
Karl Schmidt-Rottluff (1884 – 1976)
Gebirgsdorf im Tessin, um 1954
Tuschpinselzeichnung auf Papier
Aregno Ticino, um 1954
Tuschpinselzeichnung auf Papier
Karl Schmidt-Rottluff, geboren 1884, gründete zusammen mit Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Fritz Bleyl im Jahr 1905 die Künstlergemeinschaft "Die Brücke". Die vier Künstler wandten sich gegen die etablierten Kunstformen und suchten mit ihren expressionistischen Grafiken und Gemälden nach neuen Wegen. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden ihre Werke als "entartet" diffamiert.
Schmidt-Rottluff inspirierten zahlreiche Reisen und Aufenthalte in Pommern, im Tessin und im Taunus sowie ein Studienaufenthalt in der Villa Massimo in Rom (1930) zu seinen bevorzugten Motiven: Landschaften und Stillleben. Die beiden Tuschpinselzeichnungen aus dem Tessin sind Beispiele für Schmidt-Rottluffs späte Schaffensphase. Mit spontanen großzügigen Pinselstrichen hält Schmidt-Rottluff die verschachtelten Dächer der Bergdörfer in kraftvollen Kompositionen fest und zeigt die Architektur im Einklang mit der umgebenden Alpenlandschaft.
Heinrich Steiner (1911 – 2009)
Gärten am Meer
Öl auf Leinwand
Gärten über dem Golf, 1964
Öl auf Leinwand
Heinrich Steiner, geboren 1911, wurde in Berlin als Bühnenmaler ausgebildet und studierte von 1932‑1933 an der Münchener Kunstakademie. 1938 verließ er Deutschland aufgrund seiner jüdischen Herkunft und emigrierte nach Florenz. Dort schloss er sich dem Kreis deutscher Exilkünstlerinnen und Künstler um Rudolf Levy, Eduard Bargheer und Emy Roeder an. In den 1950er Jahren kam er für einige Jahre nach Deutschland zurück; seit 1974 lebte er dann stetig in Italien.
Heinrich Steiners südliche Landschaften sind von einer intensiven leuchtenden Farbigkeit bestimmt. Die Motive beziehen sich nicht auf konkrete Orte, vielmehr handelt es sich um assoziative Bildfindungen. Geprägt sind die rhythmischen Kompositionen vom Eindruck der südlichen Vegetation – den Pflanzen, Früchten, Reben und Blüten – und von den hellen und sonnigen Lichtverhältnissen.