Tagungszentrum Am Sandwerder Kunstsammlung Deutsche Bundesbank
Herbert Brandl (1959-2025)
Ohne Titel, 1998
Aquarelle
Herbert Brandls großformatige Ölgemälde und Aquarelle wirken auf den ersten Blick abstrakt, sind es bei genauerer Betrachtung jedoch nicht. Das Motiv der Berglandschaft nimmt in Brandls Werken seit Ende der 1990er Jahre einen entscheidenden Platz ein. Die Farben Grün und Braun, ihre Anordnung sowie horizontale bzw. vertikale Schab- und Streichspuren stellen auch in den beiden Aquarellen den Bezug zur Landschaft her. Der aus Österreich stammende Maler möchte in seinen Bildern seine Heimat jedoch nicht einfach abbilden. Vielmehr beeindrucken ihn die Lichtverhältnisse im Gebirge, die er ausgehend von Fotografien in seine Gemälde transferiert. Er selbst schreibt: „…auf dem Lande, wohin ich mich zurückzog, nahm ich meine Umgebung und die Veränderungen des natürlichen Lichts wahr. Wie ist es, wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat oder wenn Wolken am Himmel aufziehen. Das Erlebnis von Farbübergängen bei Sonnenauf- und -untergängen hatte etwas Wunderbares.“ (2007)
Biografie:
Herbert Brandl wird 1959 in Graz/Österreich geboren und beginnt 1978 an der Hochschule für Angewandte Kunst zu studieren. Seine erste Einzelausstellung richtet er 1984 in der "Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum" in Graz aus. Mit seiner Malweise – schnell, expressiv und mit hohem körperlichem Einsatz – gehört er zu den wichtigsten österreichischen Vertretern des Neoexpressionismus. Von 1985 bis 1991 war er Gastprofessor an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst; von 2004 bis 2019 lehrte er an der Kunstakademie Düsseldorf. Er nahm an zahlreichen international bedeutenden Ausstellungen teil, u. a. 1992 an der documenta IX in Kassel und 2007 an der Biennale in Venedig.
Karl Horst Hödicke (1938‑2024)
Schlangenbändigerin, 1983
Acryl auf Leinwand
Die überlebensgroße Figur auf dem Gemälde überragt den Betrachter. Was ist das für eine Gestalt, die sich mit schwarzen Umrisslinien vom grünen Bildgrund abhebt? Es ist ein fremdartiges Naturwesen, das uns der Bildtitel als „Schlangenbändigerin“ vorstellt. Rechts am Bildrand erkennt man die rote, sich hochwindende Schlange. Thematisch verarbeitet Karl Horst Hödicke hier Eindrücke seiner vielen Reisen, die er in Gemälden erzählerisch darstellt. Er selbst hat diese überlebensgroßen Darstellungen als Standbilder bezeichnet. Trotz dieses Begriffes ist das Gemälde sehr bewegt. Die breiten Pinselstriche erzeugen ein dynamisches Geflecht aus Farben, Linien und freien Flächen. Der Klang der Flöte lockt die Schlange in vertikaler Richtung nach oben. Dazu bildet die rote Querflöte in den Händen der Schlangenbändigerin eine harmonisierende Horizontale. Wenngleich das Gemälde schnell, beinahe grob gemalt wirkt, ist die Komposition genau durchdacht.
Biografie
Der 1938 in Nürnberg geborene Karl Horst Hödicke studierte zunächst ein Semester Architektur bevor er 1959 an die Universität der Künste (UdK) Berlin wechselte. Dort studierte er bei Fred Thieler fünf Jahre Malerei. Hödicke war wie Bernd Koberling Mitglied der Künstlergruppe „Vision“, die die figurative Malerei in Deutschland wiederbeleben wollte. 1974 wurde der Künstler an die Berliner Hochschule der Künste berufen, wo er bis 2005 unterrichtete. 1977 stellte er bei der Documenta 6 in Kassel aus und 1998 erhielt er den Fred-Thieler-Preis für Malerei der Berlinischen Galerie. Karl Horst Hödicke gilt heute neben Georg Baselitz, Jörg Immendorff, Markus Lüpertz, Bernd Koberling und A.R. Penck als bedeutender Vertreter der „Neuen Wilden“.
Bernd Koberling (*1938)
Digitalis III, 1977
Kunstharz und Öl auf Jute
Dass sich der Künstler Bernd Koberling in seinem Werk mit der ihn umgebenden Natur auseinandersetzt, erschließt sich nicht sofort. Schließlich fallen seine Gemälde zunächst durch ihr großes Format und die scheinbar gegenstandslose, expressive Formensprache auf. Die Titel verweisen aber – wie auch bei diesem Gemälde – gelegentlich auf Landschaften oder Pflanzen. „Digitalis“ ist die botanische Bezeichnung für den Fingerhut. Wer die hochwachsende Pflanze kennt, vermag das helle Violett der Blüten auf der Leinwand zu erkennen. Das Motiv wird jedoch nicht realistisch dargestellt, sondern bildet vielmehr den Ausgangspunkt für die freie Malerei. Schon während seines Studiums in Berlin löste sich Koberling von der damals vorherrschenden informellen und gestischen Malerei und schuf Werke, die gegenständlich orientiert waren. Als Anregung dienen ihm Eindrücke der skandinavischen Landschaft, die er regelmäßig bereist. Je intensiver sein Studium der Umgebung ist, um so freier geht Koberling in seinen Werken mit der Darstellung der Natur um.
Biografie
Bernd Koberling wurde 1938 in Berlin geboren und studierte dort von 1958 bis 1963 an der Hochschule der Künste. Gemeinsam u. a. mit Karl-Horst Hödicke war er Teil der Künstlergruppe „Vision“. Die Künstler einigte der Wunsch abseits der Akademie wieder gegenständlich zu malen. Bernd Koberling gilt heute als ein früher Vertreter der „Neuen Wilden“, die mit ihrer expressiven Malweise und den zuweilen provokanten Motiven die figurative Malerei in Deutschland wiederbelebten. 1988 wurde Koberling nach einer Station in Hamburg als Professor an die Universität der Künste Berlin berufen und lehrte dort bis 2007. Im Jahr 2006 wurde ihm von der Berlinischen Galerie der „Fred Thieler Preis für Malerei“ zugesprochen. Bernd Koberling lebt und arbeitet im Wechsel in Berlin und in Island.
Maix Mayer (*1960)
Ohne Titel, o.J.
Installation aus Fotografien
Maix Mayer ist Medien- und Konzeptkünstler. Seine Werke sind nicht nur bloßes Abbild der Welt, sondern basieren auf einer intensiven Auseinandersetzung mit verschiedenen Medien. Die Grundlage dieser Installation sind vier Naturfotografien. Die Farbigkeit ist auf Schwarz und Weiß reduziert; es gibt keine Nuancen dazwischen. So entstehen Einblicke in einen Wald, bei denen sich die Betrachter*innen nicht emotional in die Landschaft einfühlen können. Vielmehr wird das Abbild unserer natürlichen Umgebung in elementare Bestandteile zerlegt: Form, Licht und Schatten. Maix Mayer geht es darum, eine andere Perspektive auf unsere Umwelt zu erzeugen. Betrachtet man die Fotografien in Leserichtung, bemerkt man, dass die schwarze Fläche vom unteren Bildrand in die Bildmitte wächst: der Tag neigt sich dem Ende und die Dunkelheit gewinnt überhand. Ausgehend von seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung gleichen Maix Mayers Werke so künstlerischen Versuchsanordnungen zur Wahrnehmung von Raum, Zeit und Geschichte.
Biografie
Maix Mayer wurde 1960 in Leipzig geboren und schloss zunächst ein Studium der Meeresökologie an der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock ab. Danach studierte er Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB), wo er anschließend auch Gastprofessor war. 2013 promovierte er an der Universität der Künste Poznan (PL) im Fachbereich Fotografie und übernahm eine Professur an der Kunstakademie Szczecin (PL). Der Künstler erhielt zahlreiche Stipendien und seine Arbeiten wurden in zahlreichen nationalen und internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt. Er lebt und arbeitet in Leipzig.
Bastian Muhr (*1981)
Bären und Berge, 2010
Öl auf Leinwand
Bastian Muhr ist Maler und Zeichner. Als Zeichner liegt sein Fokus auf dem Punkt und der Linie; Elemente, die er in repetierender Handarbeit auf großen Blättern oder architektonischen Materialien wie Fußböden oder Fensterflächen so lange wiederholt bis aus der Ferne unübersichtliche Strukturen zu sehen sind.
Beim Maler Bastian Muhr entstehen im Kopf jedoch konkrete Motive. So sind die „Bären und Berge“ geistig präsent, aber der Künstler reagiert im Malprozess stetig auf Formen und Farbverläufe auf der Leinwand, sodass die Motive schlussendlich zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion changieren. Muhr interessiert genau der Moment, „[…] wenn Motive etwas sein könnten, aber dann doch immer wieder in die Gegenstandslosigkeit zurückfallen“. Dabei spielt die Farbigkeit eine geringe Rolle; Ölfarbe versteht er als malerisches Material, das sichtbare Pinselstriche oder Tropfen hinterlässt und damit den Entstehungsprozess nachvollziehbar macht.
Biografie:
Bastian Muhr wurde 1981 in Braunschweig geboren und studierte von 2004 bis 2010 Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), Leipzig. Bis 2013 war er anschließend Meisterschüler bei Prof. Annette Schröter. Seitdem werden seine Werke in Deutschland, Österreich, Schweiz, Spanien und den USA ausgestellt. Muhrs Arbeiten sind in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten, wie zum Beispiel in den Staatlichen Museen zu Berlin, im Kupferstichkabinett und in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Er erhielt zahlreiche Stipendien, zuletzt von der Kunststiftung NRW. Heute lebt und arbeitet der Künstler in Berlin.
Sophia Schama (*1966)
Naturwunder 3, 2002
Öl auf Leinwand
Der Titel „Naturwunder“ bezieht sich auf eine ganze Serie von großformatigen Gemälden, in denen Sophia Schama pflanzliche Motive malerisch zu einem urwaldähnlichen Dickicht verbindet. Die Pflanzen sind im Einzelnen nicht zu identifizieren und weisen keine botanisch zuordenbaren Merkmale auf. Die vegetativen Formen entstehen aus dem Prozess des Malens: vertikale und diagonale Pinselstriche in verschiedenen Breiten und Grüntönen. Nach oben hin lockert sich das grüne Dickicht auf und gibt einen scheinbar atmosphärisch gefärbten Himmel frei. Die sternförmigen Gebilde im Vordergrund versperren den Blick ins Innere der Pflanzenwelt und machen eine genaue Identifikation der Vegetation unmöglich. Es geht hier weniger um die Repräsentation bestimmter Naturräume, vielmehr ist die nachvollziehbare Entstehung der Motive aus den malerischen Strukturen heraus beeindruckend. Damit erscheint die Malerei selbst durch ihre Dynamik, durch die Sichtbarkeit der Pinselstriche und durch die Überlagerungen und Verdichtungen als wuchernd und wachsend.
Biografie:
Die 1966 in Sofia/Bulgarien geborene Sophia Schama wächst in Homs/Syrien und Lüdenscheid auf. Von 1993 bis 1998 studiert sie an der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden. Anschließend ist sie Meisterschülerin bei Professor Ralf Kerbach. Sie erhielt mehrere Stipendien und Preise. Ihre Werke wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, so auch im Rahmen der Ausstellungsreihe „Perspektiven heutiger Kunst“ in der Deutschen Bundesbank im Jahr 2004. Seit 2013 ist sie Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste. Sophia Schama lebt und arbeitet in Berlin.
Helga Schmidhuber (*1972)
Ohne Titel, 2002
Acryl, Tusche und Lack auf Nessel
Das großformatige Kunstwerk zeigt eine in leuchtenden Farben gemalte, hochgewachsene Pflanze, die an eine exotische Palme erinnert. Das Bild gehört zum Zyklus „Länder. Tiere. Abenteuer", den Helga Schmidhuber 2003 in der Zentrale der Deutschen Bundesbank ausgestellt hat. Auf den ersten Blick beeindruckt der lebendige Kontrast zwischen den fließenden und dynamischen Farben einerseits und den klaren scherenschnittartigen Formbegrenzungen andererseits. Die Künstlerin ist seit ihrer Kindheit fasziniert von den Naturwissenschaften; sammelt in ihrem Atelierhaus akribisch Tierpräparate und Federschmuck. So spielen Pflanzen und Tiere in all ihren collageartig zusammengesetzten Werken eine wichtige Rolle. Die Formen ergeben sich dabei aus einem intuitiven Arbeitsprozess und der Erinnerung vor allem an die vielen Reisen der Künstlerin.
Biografie:
Helga Schmidhuber wurde 1972 in Wiesbaden geboren. Nach dem Studium Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Wiesbaden studierte sie von 1999 bis 2004 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Dieter Krieg und war Meisterschülerin bei Albert Oehlen. 2002 erhielt sie dort den Markus-Lüpertz-Preis sowie 2003 ein Reisestipendium nach New York. 2004 bekam sie das Max-Ernst-Stipendium in Brühl. An der Hochschule RheinMain, Fachbereich Gestaltung hatte Schmidhuber 2005 einen Lehrauftrag für Künstlerische Grafik. In den folgenden Jahren erhielt sie zahlreiche Stipendien und arbeitete in Österreich, Island, Kanada sowie in Spanien. Helga Schmidhuber lebt und arbeitet in Berlin und Bad Schwalbach.