Energiewende: Politische Klarheit ist dringend geboten Gastbeitrag in Financial Times online
Die Energiemärkte beschäftigten Zentralbanker und Investoren seit jeher. Seit den Ölpreisschocks der 1970er- und 1980er-Jahre sorgten die Öl- und Gaspreise immer wieder für Stagflationsdruck und finanzielle Instabilität.
Die Auswirkungen des jüngsten Nahostkriegs zeigen, warum die Energiewende so immens wichtig ist. Die Beeinträchtigung der Schifffahrt durch die Straße von Hormus hat gezeigt, dass die Abhängigkeit von Öl und Gas nicht nur unter Umweltaspekten schädlich sein kann, sondern auch eine ökonomische und strategische Schwachstelle. Der Schock ist weltweit zu spüren, insbesondere in Asien und den Entwicklungsländern. Dies muss die dringend benötigte globale Abkehr von fossilen Brennstoffen fördern.
Die gute Nachricht: Das aktuelle Tempo der Transformation übertrifft die Erwartungen, obwohl sich in den vergangenen zwei Jahren das politische Narrativ verbreitet hat, dass „drill, baby, drill“ – also nach immer mehr Öl und Gas zu bohren – die beste Möglichkeit sei, um eine bezahlbare und zuverlässige Energieversorgung zu gewährleisten und das Wachstum in den Industrie- und Schwellenländern zu fördern.
Laut Bloomberg stiegen die globalen Investitionen in die Energiewende im vergangenen Jahr um 8 Prozent. Die Investitionen in erneuerbare Energien und Kernkraftkapazitäten übertrafen die entsprechenden Investitionen in fossile Energieträger im Verhältnis von fünf zu eins. Gleichzeitig erhöhten sich die weltweiten Verkäufe von Elektroautos um mehr als 20 Prozent, so die Schätzungen der Internationalen Energieagentur.
Darin spiegelt sich der strukturelle Wandel bei der Energieerzeugung und -nutzung wider. Schlüsseltechnologien, die für die Verdrängung fossiler Brennstoffe benötigt werden, sind bereits ausgereift. Auch die Kosten sind drastisch gesunken. Seit 1979, als der frühere US-Präsident Jimmy Carter Solarpanele auf dem Dach des Weißen Hauses installieren ließ, um sich während der Ölkrise für alternative Energien einzusetzen, sind die Kosten für Solarenergie um mehr als 99 Prozent gesunken.
Regierungen, Unternehmen und private Haushalte müssen weiterhin in alternative Energien investieren, um die Importabhängigkeit zu verringern und die Kosten des Klimawandels zu senken.
Klimarisiken stellen keine entfernte Bedrohung mehr dar. Stürme, Überschwemmungen, Brände, Hitzewellen und Dürren treten häufiger auf und nehmen immer größere Ausmaße an. Es wird immer schwieriger, die Auswirkungen auf die Preisstabilität, die Konjunktur und ein sicheres und solides Finanzsystem auszublenden.
Ein Beispiel für diese finanziellen Risiken sind die anhaltenden Lücken beim Versicherungsschutz von Wohnimmobilien oder Fabriken gegen Klimarisiken. Dies erhöht die Finanzierungskosten und belastet die öffentlichen Finanzen, wenn Regierungen als Versicherer der letzten Instanz fungieren. Dies ist nicht nur eine Herausforderung für Schwellen- und Entwicklungsländer. Eine aktuelle Analyse der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung sowie der Europäischen Zentralbank ergab, dass in Europa eine erhebliche Versicherungslücke besteht, während in Australien schätzungsweise bei etwa jedem siebten Privathaushalt das größte Vermögen – das eigene Heim – nicht versichert ist.
Seit Beginn des Krieges im Nahen Osten mehren sich weltweit – auch in Afrika – die Anzeichen für eine Steigerung der Nachfrage nach Solarpanelen und Elektroautos. Zudem werden bei internationalen politischen Treffen wie den Sitzungen der G20 wieder Begriffe wie „erneuerbare Energien“ erwähnt – zumindest von einigen Ländern.
Aber es ist klar, dass nicht zuletzt in Europa mehr getan werden muss. Die Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten lag 2024 weiterhin bei 67 Prozent. Spanien ist derzeit ein Vorbild für den raschen Einsatz erneuerbarer Energien, wodurch sich der Einfluss von Gas auf die Strompreise verringert. Im Jahr 2024 machten Importe aber noch 69 Prozent der Energieversorgung aus. Und insgesamt betrachtet wird die EU angesichts historischer Jahreswachstumsraten (2,7 Prozent) bei den erneuerbaren Energien bis 2033 noch mehr als die Hälfte ihrer Energie importieren.
Aus politischer Sicht verantworten Regierungen das Tempo der Transformation, nicht die Zentralbanken. Die Regierungen können den Wandel beschleunigen, indem sie ein Marktumfeld fördern, in dem sich Nachfrage und Angebot an Marktpreissignale anpassen, Marktversagen korrigieren und die Finanzierungsbedingungen für Investitionen in saubere Energie verbessern.
Die Zurückhaltung hinsichtlich entschlossenerer Maßnahmen spiegelt häufig echte Zielkonflikte wider, insbesondere im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Diese Bedenken verdienen eine ernsthafte Reaktion. Sie sollten jedoch nicht als Vorwand dienen, um rascheren Fortschritten in den übrigen Teilen der Wirtschaft entgegenzustehen.
Es liegt im Interesse von Regierungen, der Industrie und privaten Haushalten, aber auch von Zentralbanken, dass der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen so reibungslos und vorhersehbar wie möglich verläuft: Ungeordnete Anpassungen und anhaltende politische Unsicherheit bergen ganz eigene wirtschaftliche Kosten und finanzielle Risiken.
Man kann sich freilich dafür entscheiden, so zu tun, als wäre es nicht so, doch diese Entscheidung wird immer teurer. Die Kräfte, die eine Abkehr von fossilen Energieträgern bewirken, benötigen mehr politische Klarheit.