Europa kann Tech – jetzt müssen wir darauf erfolgreiche Produkte machen Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeine Zeitung

Kürzlich habe ich einen für die Bundesbank ungewöhnlichen Vertrag unterzeichnet: Drei meiner Kollegen haben gemeinsam mit einem deutschen Start-up eine Technologie entwickelt, mit der digitale Identitäten sicher geschützt und übertragen werden können. Sie wird in der Lage sein, Angriffen durch zukünftige Quantencomputer standzuhalten, und könnte auch in digitalen Wallets zum Einsatz kommen. Das Verfahren wurde inzwischen zum Patent angemeldet, und der Vertrag regelt die gemeinsame Nutzung der Technologie.

Das zeigt beispielhaft, was entstehen kann, wenn öffentliche Institutionen und junge Technologieunternehmen zusammenarbeiten, und unterstreicht, dass in Europa schon heute technologisch viel passiert. Kurz gesagt: Wir sind besser, als wir denken. Im globalen Wettbewerb wird es nun darauf ankommen, Europas Stärken konsequent zu nutzen und aus europäischen Innovationen erfolgreiche Produkte und wettbewerbsfähige Unternehmen zu machen. Das stärkt Produktivität, Wachstum und europäische Souveränität.

Gerade bei Quantencomputing und Künstlicher Intelligenz (KI) hat Europa gute Karten. Marktchancen liegen im einzigartigen Datenbestand der europäischen Wirtschaft, insbesondere bei Produktions-, Maschinen- und Anwendungsdaten. Dieser Datenschatz schlummert derzeit gut gesichert in Einzelunternehmen in den 27 Mitgliedstaaten. In Verbindung mit KI können daraus effizientere Prozesse, klügere Entscheidungen und neue Geschäftsmodelle erwachsen. Vor dem Hintergrund von Quantencomputing braucht es zudem neue Verschlüsselungstechnologien, die im Bereich der Cybersecurity Marktchancen eröffnen. Denn der weltweite Markt für IT ist laut Gartner 5,6 Billionen Dollar groß. Wenn es gelingt, mit neuen Technologieprodukten aus Europa globale Marktanteile auszubauen, schafft das weitere Wachstumsimpulse.

Eine Studie der Bundesbank unterstreicht die wirtschaftliche Bedeutung digitaler Branchen: In Deutschland wuchs die Produktivität in diesem Bereich zwischen 1996 und 2020 durchschnittlich siebenmal schneller als in der übrigen Wirtschaft. Dabei spiegeln sich der Digitalisierungsschub der vergangenen Jahre und der aktuelle KI-Boom in diesen Zahlen noch gar nicht wider. Vieles spricht dafür, dass daraus zusätzliche Impulse für die Produktivität entstehen werden. Eine aktuelle Unternehmensbefragung der Bundesbank zeigt, dass der Anteil der Unternehmen, die generative KI bereits nutzen oder ihren Einsatz planen, sich innerhalb von zwei Jahren etwas mehr als verdoppelt hat: von 26 Prozent im Jahr 2024 auf 56 Prozent im Jahr 2026. Die meisten dieser Unternehmen erwarten davon Produktivitätsgewinne.

Zuletzt häuften sich allerdings Nachrichten, dass junge, innovative Unternehmen aus Europa in der Wachstumsphase oder für den Börsengang ins Ausland abwandern. Diese Start-ups entscheiden mit darüber, wie wettbewerbsfähig Europa zukünftig sein wird. Um wachsen zu können, brauchen sie einen besseren Zugang zu Finanzierungen und zu den potentiell 450 Millionen Konsumenten in allen 27 Mitgliedsländern der EU. Bisher endet der Binnenmarkt für aufstrebende Unternehmen noch viel zu oft an nationalen Rechtsgrenzen. Damit Wachstum über Ländergrenzen leichter wird, ist es zentral, das „28th Regime“ und die dazu passende einheitliche Unternehmensform („EU Inc.“) zu verabschieden.

Darüber hinaus können staatliche Institutionen dort, wo es sinnvoll und wirtschaftlich ist, durch Aufträge europäischen Technologien Rückenwind verschaffen. Denn Innovationen werden nur dann erfolgreich, wenn Investoren und Kunden sie finanzieren, kaufen und nutzen.

Das eine Handlungsfeld ist Europa, das andere sind lokale Ökosysteme. Es braucht die konkrete Verknüpfung von Ideen, Finanzkraft und Marktzugang, um Innovationen erfolgreich zu skalieren. Frankfurt ist ein vielversprechendes Beispiel für ein solches Ökosystem. Gerade im Technologiebereich hat Frankfurt einiges zu bieten: das neue Anwendungszentrum für KI und Quantencomputing, den Quantencomputer „Baby Diamond“ an der Goethe-Universität sowie die Machbarkeitsstudie Quantencomputing des hessischen Digitalministeriums, an der auch die Bundesbank beteiligt ist. Ein besonderer Vorteil Frankfurts: Hier finden technologische Innovation und Kapital zusammen.

Kurz gesagt, alle müssen dort anpacken, wo sie sitzen. Nur so können wir die Zukunft Europas voranbringen. Das Gute daran ist: Wir können es, wir müssen es wollen und vor allen Dingen tun.