„Deutlich mehr Tempo bei der Energiewende nötig“ Interview mit dem Handelsblatt

Das Interview führten Michael Maisch und Stefan Reccius

Frankfurt. Frau Mauderer, der Irankrieg hat einen der größten Energieschocks seit den 1970er-Jahren ausgelöst. Ab wann werden solche Ausschläge zur Gefahr für die Finanzstabilität?

Alles, was Rohstoffe und Energie betrifft, schlägt sich nicht nur in der Realwirtschaft nieder, sondern auch direkt an den Finanzmärkten. Investoren fangen sofort an zu fragen: Was ändert sich an der Finanzierbarkeit, an den Renditen, am Risikopotenzial?

Und welche Folgen hat das?

Bereits in den vergangenen ein, zwei Jahren war die Unsicherheit  enorm. Ich kann mich kaum erinnern, dass wir über eine so lange Dauer derart dynamische Ausschläge gesehen haben. Solche Schocks zeigen, wie groß die Abhängigkeit von fossilen Energien noch immer ist und wie wichtig es ist, diese Abhängigkeit zu reduzieren. Aber man muss auch sagen: Der Markt funktioniert. Er hält sehr viel aus.

Wo sehen Sie die Ursachen für die Widerstandskraft der Märkte?

Meine Lesart ist, dass die Finanzmärkte verstanden haben, dass wir in einer neuen Zeit angekommen sind – mit anhaltender Dynamik durch Globalisierung und Digitalisierung. Die Märkte haben sich darauf eingestellt, dass sie mit einem auf Dauer volatileren Umfeld zurechtkommen müssen.

Was sind für Sie die Lehren aus dem durch den Irankrieg ausgelösten Energiepreisschock?

Wenn man die Lage mittel- und langfristig analysiert – und das tun Investoren gerade –, dann stellt sich die Frage: Was bedeutet Energie für die Attraktivität eines Wirtschaftsstandorts? Wir wünschen uns mehr Wachstum für Deutschland und Europa, und wenn man auf die Branchen schaut, die dieses Wachstum bringen sollen, dann sind die meisten davon sehr energieintensiv: Künstliche Intelligenz, Datenzentren, Elektrifizierung, Automatisierung. Das sind alles Felder, in denen enormer Energiebedarf entstehen wird. Deshalb werden die Regionen einen Vorteil haben, die glaubhaft vermitteln können, dass sie den Energiebedarf der nächsten Jahrzehnte sicher und effizient bedienen können.

Die Entwicklung in Deutschland und Europa ist da nicht sehr ermutigend. Die Abhängigkeit von fossilen Energien ist kaum geringer als vor 15 Jahren.

Das stimmt, Deutschland deckt noch immer 67 Prozent seines Energiebedarfs durch Importe überwiegend fossiler Energie ab. Europa steht mit 57 Prozent etwas besser da. Aber die Abhängigkeit von Einfuhren ist auch hier noch immer hoch. Die Kolleginnen und Kollegen der US-Notenbank Fed haben sich das genauer angesehen: Von 2014 bis 2024 verlief die Transformation weg von fossilen hin zu erneuerbaren Energien in Europa mit einer Änderungsrate von rund 2,7 Prozent pro Jahr. Das ist nicht viel. Bei dieser Geschwindigkeit wäre die Abhängigkeit nach weiteren zehn Jahren bei Weitem nicht dort, wo sie sein müsste. Es braucht deutlich mehr Tempo bei der Energiewende in Europa.

Wie stellt man das sicher?

Im Kern ist es wichtig, dass auf politischer Ebene klar ist: Was sind unsere Wachstumsfelder in Deutschland und Europa – und welche Grundvoraussetzungen brauchen diese Industrien, um zu wachsen und Wohlstand und Arbeitsplätze zu sichern? Günstige und verfügbare Energie ist einer der Eckpfeiler dazu.

Haben Sie den Eindruck, dass die deutsche und europäische Politik die Energiewende im Moment noch ernst genug nimmt?

Marktkräfte wirken zu lassen, bleibt die erste Priorität. Aber in einem Umfeld, in dem Geopolitik eine immer größere Rolle spielt, muss man als Staat und als Europäische Union klären: Was sind die Voraussetzungen, um international bestehen zu können? Was es braucht, ist ein starker Dialog zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Hand, um die Rahmenbedingungen zu definieren und Planungssicherheit zu schaffen.

Die Bundesregierung hat gerade das Technologieoffenheitsprinzip gestärkt und das Energieeinspeisungsgesetz neu justiert. Erhöhen solche Änderungen nicht die Unsicherheit und das Risiko für die Investoren?

Das Interesse internationaler Investoren an Deutschland ist nach wie vor hoch, sie gehen davon aus, dass Deutschland Potenzial hat – zu Recht. Was Investoren dabei immer wieder als entscheidend nennen, ist Planbarkeit. Bei der Energieinfrastruktur reden wir von einem Investitionshorizont von zehn bis 30 Jahren. In diesem Zeitraum wechseln Regierungen mehrfach. Deshalb ist es für Investoren so wichtig, dass ein Grundnarrativ über Jahrzehnte hält – dass der Aufbau eigener Energieproduktion und der damit verbundenen Infrastruktur als Priorität gilt, unabhängig davon, wer gerade regiert.

Was können Notenbanken wie die Bundesbank tun, um den Energiewandel und die Energiesouveränität in Europa voranzubringen?

Die Notenbanken können bei der Analyse der Herausforderungen unterstützen, aber die Festlegung der Rahmenbedingungen für die Energiemärkte ist ganz klar Aufgabe der Politik. Wir sollten uns auf die Rolle des unabhängigen Ratgebers beschränken.

Lassen Sie uns einen Moment über die Kapitalmärkte sprechen. Die europäische Wertpapieraufsicht Esma und die EZB fürchten, dass die Anleger die mittel- und langfristigen Folgen des Energiepreisschocks unterschätzen. Wie sehen Sie das?

Ich würde nicht sagen unterschätzen – eher unterschiedlich bewerten. Was uns in den vergangenen Wochen beschäftigt hat: Der Markt ist immer wieder davon ausgegangen, dass es eine Lösung der Irankrise geben wird. Das kann man auch positiv werten. Trotz aller geopolitischen Unsicherheiten geht der Markt davon aus, dass am Ende alle ein Interesse daran haben, dass sich tragfähige Lösungen durchsetzen – nicht nur in der Straße von Hormus, sondern auch an anderen Brennpunkten.

Trotzdem: Sind die Anleger nicht ein Stück weit zu selbstgefällig? Einen starken Einbruch der Kurse haben wir nicht gesehen. Trotz Energiepreisschock gab es neue Börsenrekorde in den USA und Asien.

Man muss unterscheiden zwischen den Rohstoffmärkten einerseits sowie Anleihe- und Aktienmärkten andererseits. Bei den Aktienmärkten würde ich sagen: Es herrscht ein überaus freundliches Sentiment. Gerade wenn man auf die US-Börsen blickt, zeigt sich eine historisch starke Konzentration – und in Teilen eine Wette auf die Megathemen Technologie und Künstliche Intelligenz. Das schauen wir uns genau an.

Zu diesem Komplex gehört auch der Börsengang von SpaceX. Das Unternehmen von Elon Musk hat bei seiner Rekordplatzierung auf Anhieb eine Bewertung von mehr als zwei Billionen Dollar erreicht, ungefähr so viel wie alle 40 Dax-Konzerne zusammen. Werden Sie  neidisch, wenn Sie darauf blicken, was an den US-Börsen möglich ist und in Europa nicht?

Für viele Amerikaner spielt der Kapitalmarkt für die Altersvorsorge eine große Rolle, weil staatliche Sozialversicherungssysteme nicht in dem Maße vorhanden sind wie bei uns in Europa. Diese Systeme und Kulturen kann man schwer miteinander vergleichen. Aber mit dem Pfad, den wir eingeschlagen haben – nämlich mehr Kapitalmarkt in vielen Bereichen –, werden wir aufholen. Viele Themen, die wir jetzt angehen, wie die private Altersvorsorge und die Frühstart-Rente, sind nicht neu. Aber jetzt ist der Druck so groß, dass wir von der bloßen Erkenntnis zum Handeln kommen.

Nach SpaceX stehen weitere Megabörsengänge von KI-Firmen wie OpenAI und Anthropic an. Befürchten Sie eine spekulative Blase?

Mit solchen Begriffen bin ich immer sehr vorsichtig. Künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Datencenter – das sind zweifelsohne wichtige Wachstumstreiber. Wie groß das Potenzial tatsächlich ist, muss aber noch beantwortet werden.

Brauchen wir eine große, einheitliche Börse für die Euro-Zone, um mehr internationales Kapital anzuziehen? Die europäische Börsenlandschaft zerfällt in viele Zentren.

Der Wettbewerb wird entscheiden, wo welche Deals an welchen Börsen gemacht werden. Das Thema hat viele Facetten. Mit der Einführung einer kapitalgedeckten Altersvorsorge in großen Teilen der Bevölkerung werden die Deutschen ein größeres Interesse an der Börse entwickeln. Diese Chance sollte Deutschland nutzen. Außerdem sehen wir großes Interesse internationaler Firmen an Europa – auch bei den oben genannten Wachstumsfeldern. Ein japanischer Konzern hat gerade ein Investitionsprojekt von 75 Milliarden Euro in Frankreich angekündigt. Die Begründung hat auch mit der Verfügbarkeit günstiger Energie zu tun – ein Faktor, mit dem Frankreich offensiv wirbt. Das zeigt, wie zentral die Energiefrage bei Investitionen ist.

Ist das große Interesse von Konzernen wie Softbank an Frankreich ein Beleg, dass der deutsche Atomausstieg ein Fehler war?

Das würde ich so nicht sagen. Man muss zwischen kurz-, mittel- und langfristiger Sicht unterscheiden. Stand heute hat Frankreich bei Verfügbarkeit und Preisen von Energie einen Vorteil, der auch mit der Kernkraft zu tun hat. Fakt ist aber auch, dass die französischen Atomkraftwerke im Durchschnitt 40 Jahre alt sind und irgendwann erneuert werden müssen. Im Vereinigten Königreich sehen wir die exorbitanten Kosten für den Neubau von Kernkraftwerken. Ich würde unterscheiden, wer heute einen Vorteil hat und wer in zehn, 15 Jahren. Deutschland hat Chancen, mit einer smarten Energiestrategie aufzuholen und am Ende ein sehr guter Standort zu sein.

Wie würde so eine smarte Energiestrategie denn aussehen?

Die schnellere Umstellung auf erneuerbare Energien wäre ein wichtiger Beitrag. Dann müssen die Übertragungs- und Verteilernetze konsequent und zügig ausgebaut werden. Wir brauchen auch mehr Speicherkapazitäten und mehr Flexibilität beim Energieverbrauch. Dänemark hat uns hier ein gutes Beispiel bei der Strom- und Wärmesteuerung gegeben, darunter der flächendeckende Einsatz von Smart Metern, also von intelligenten Stromzählern. Daneben müssen wir sehr viel Geld in Forschung und Entwicklung investieren. Technologien wie Fusions- und Laserenergie sind Langzeitprojekte, aber sie lohnen sich. Insgesamt müssen wir den europäischen Energiemarkt als Ganzes nutzen – also Angebot und Nachfrage gesamteuropäisch angehen.

Bei unserem letzten Interview im September 2024 forderten Sie die Banken auf, mehr in Digitalisierung zu investieren. Muss der Fokus angesichts KI-gestützter Hackerangriffe jetzt stärker auf Cybersicherheit liegen?

Daran erkennt man, wie rasant sich die Welt in weniger als zwei Jahren weiterentwickelt hat. Cybersicherheit ist ein extrem wichtiges Thema, das sich mit hoher Geschwindigkeit entwickelt. In den letzten Monaten hat es noch einmal an Dynamik und Bedeutung zugenommen – nicht nur für die Finanzmärkte, sondern für alle Akteure in der Wirtschaft.

Nach dem Exportverbot der US-Regierung für besonders fortgeschrittene und bedrohliche KI-Modelle von Anthropic fehlt europäischen Banken der Zugang zu modernsten KI-Systemen, um ihre Sicherheitslücken zu erkennen. Müssen sich Kunden einer deutschen Bank Sorgen machen, dass ihr Geld dort weniger sicher ist als bei einer US-Bank?

Wir haben in Europa sehr gute Aufsichtssysteme, die diese Risiken im Blick haben. Alle Banken sind von der Aufsicht aufgefordert, Cyberrisiken besonders ernst zu nehmen. Gleichzeitig müssen wir alle – auch als Bundesbank – mit der Dynamik, in der Cyberkriminalität entsteht, Schritt halten. Das ist ein sehr plastisches Beispiel dafür, dass Europa auf allen Feldern Souveränität zurückgewinnen muss. Das gilt gerade für Digitalisierung, KI, Energie und Zahlungsverkehr. Gleichwohl sind wir alle voneinander abhängig. Wir müssen ein Miteinander finden und uns gleichzeitig als faire Wettbewerber sehen, sei es gegenüber den USA oder gegenüber China.

Frau Mauderer, vielen Dank für das Interview.

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