Bundesbankpräsident Nagel: „Bessere Zeiten werden kommen, nicht nur für den deutschen Fußball, sondern auch für die deutsche Wirtschaft“ Interview mit Delo
Das Interview wurde in englischer Sprache von Nejc Gole durchgeführt.
Früher hieß es: Während andere Fußball spielen, gewinnt Deutschland. Heute gewinnt auch Paraguay. Früher hieß es auch, Deutschland sei der Wirtschaftsmotor Europas. Heute ist Deutschland der Wirtschaftspatient Europas, und China gewinnt. Was muss Deutschland tun, um auf dem wirtschaftlichen Spielfeld wieder erfolgreich zu sein?
In den vergangenen zwölf Jahren – seit dem letzten Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft durch eine deutsche Mannschaft 2014 – hat sich vieles verändert, und zwar nicht nur im Fußball, sondern auch in der Weltwirtschaft. Sie haben China und seine wichtige Rolle im Handel erwähnt. Aber ich glaube, dass bessere Zeiten kommen werden, nicht nur für den deutschen Fußball, sondern auch für die deutsche Wirtschaft. Die vergangene Woche war für Deutschland sehr wichtig. Die Bundesregierung einigte sich nicht nur auf den Haushalt des kommenden Jahres, sondern auch auf eine Reihe von Reformen, darunter die Rentenreform. Das ist sehr wichtig, weil wir damit eine kapitalgedeckte Säule unseres Altersversorgungssystems aufbauen. Es war auch eine gute Woche für Europa, da am 23. Juni der Weg für die Einführung des digitalen Euro geebnet wurde. Deutschland und Europa haben viel zu bieten, und es stehen bessere Zeiten bevor.
Wenn man bedenkt, dass die Krise auf die übermäßige Abhängigkeit Deutschlands vom chinesischen Markt zurückzuführen ist, wo sich die Käufer weitgehend von deutschen Autos abgewandt haben: Können die Reformen überhaupt Einfluss auf das Wirtschaftswachstum haben?
Natürlich wird es dauern, bis wir spürbare Auswirkungen der Reformen wahrnehmen. Diese Auswirkungen werden aber kommen, und das ist wichtig. Die Stimmung in Deutschland ändert sich, die Menschen werden optimistischer. Wir müssen uns jedoch bewusst sein und akzeptieren, dass wir in sehr unsicheren Zeiten leben. Wir sehen uns zahlreichen geopolitischen Risiken gegenüber. Insofern ist für uns in Europa der wichtigste Markt eigentlich Europa selbst. Deshalb müssen wir unsere Hausaufgaben machen. Wir müssen Europa stärken, am Binnenmarkt arbeiten und eine Kapitalmarktunion schaffen. Dabei sollten wir uns nicht zu sehr auf die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten oder China konzentrieren. Wir müssen alles in unserer Macht stehende tun, um unabhängiger zu werden.
Bestehen unsere Hausaufgaben darin, die Empfehlungen von Mario Draghi umzusetzen?
Der Bericht von Mario Draghi ist ausgezeichnet und enthält viele gute Lösungen. Ich habe bereits die Kapitalmarktunion angesprochen, aber auch die Bankenunion und der Energiemarkt sollten im Fokus stehen. All dies lässt sich in einer wesentlichen Idee zusammenfassen: In der Europäischen Union müssen wir die Fragmentierung verringern und einen Binnenmarkt schaffen, der das Wirtschaften erleichtert. Dies wird zu einer größeren Wettbewerbsfähigkeit Europas und Deutschlands und damit zu einem höheren Wirtschaftswachstum führen. Wir brauchen dieses Wachstum. Die Deutsche Bundesbank prognostiziert für Deutschland ein Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent im laufenden Jahr, 0,8 Prozent im kommenden Jahr und 1,4 Prozent im Jahr 2028. Das sind keine schlechten Zahlen, aber auch keine guten. Wir können deutlich mehr erreichen. Wir müssen ambitionierter sein und tatsächlich einen europäischen Markt schaffen, der uns jede Möglichkeit bietet, um höhere Wachstumsraten zu erzielen.
Wir hören oft besorgniserregende Berichte von Volkswagen und anderen deutschen Automobilherstellern. Wie sehen Sie die Zukunft der deutschen Automobilindustrie?
Die Automobilhersteller agieren in schwierigen Zeiten. Sie haben Volkswagen erwähnt, aber es sind auch andere Hersteller betroffen, nicht nur deutsche. Die Hersteller sind mit zu hohen Produktionskapazitäten und einem veränderten Markt konfrontiert. Sie befinden sich derzeit mitten in einer Umstrukturierung. Ich sehe aber auch Chancen, etwa in der Rüstungsindustrie. Bis zu einem gewissen Grad müssen sie sich anderen Bereichen zuwenden. Die deutsche Industrie hat in früheren Krisen gezeigt, dass sie fähig und in der Lage ist, sich an neue Gegebenheiten anzupassen. Das geschieht auch jetzt.
Während wir dieses Interview führen, findet der NATO‑Gipfel statt. Sehen Sie für deutsche Unternehmen große Chancen in der Rüstungsindustrie?
Ja. Nationale Sicherheit ist ein öffentliches Gut und ein hervorragendes Beispiel dafür, warum Europa im Bereich der Verteidigung zusammenarbeiten muss. Wir müssen außerdem von den Vereinigten Staaten unabhängig werden. Deshalb wird Deutschland in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stark in die Verteidigung investieren. Dies wird sowohl direkt als auch indirekt die Wirtschaft ankurbeln und bestimmte Sektoren beleben. Das gilt – wie erwähnt – für die Automobilindustrie, aber auch für andere Bereiche wie künstliche Intelligenz und den Technologiesektor, denn die Rüstungsindustrie sieht inzwischen anders aus, als wir das aus der Vergangenheit kennen.
Gibt es für den Technologiesektor größere Chancen als für die Automobilindustrie? Schließlich ist die Kfz-Branche auf Großserienfertigung spezialisiert, während es in der Rüstungsindustrie eher um Nischenprodukte geht.
Ich bin mir ehrlich gesagt nicht so sicher, ob die Rüstungsindustrie tatsächlich noch ein Nischensektor ist. Das mag früher so gewesen sein, doch inzwischen gewinnt sie zunehmend an Bedeutung. Denken Sie beispielsweise an das deutsche Fiskalpaket: Es werden Hunderte Milliarden Euro in die Verteidigung investiert. Das ist sehr viel Geld. Viele Sektoren werden daher prüfen, ob sie von dieser Entwicklung profitieren können. Auch die Automobilindustrie hat diesbezüglich gute Aussichten.
Die Inflation ist im Juni im Vormonatsvergleich gesunken, die Ölpreise sind deutlich niedriger als vor einem Monat, und erstmals seit vier Monaten sind auch die Preise für Rohstoffe ohne Energie zurückgegangen. Glauben Sie, dass die Inflation in den kommenden Monaten weiter nachlassen wird?
Das ist sehr schwer zu sagen, denn es wird stark von den täglichen Entwicklungen abhängen. Die geopolitische Lage im Nahen Osten ist nach wie vor sehr kompliziert. Wir müssen also abwarten. Die Energiepreise sind derzeit sehr volatil. Aber ansonsten haben Sie Recht – die Energiepreise sind deutlich gesunken, was sich direkt auf die Inflationsrate ausgewirkt hat. Das kann sich jedoch sofort ändern, wenn sich die Lage im Nahen Osten verändert. Deshalb war es richtig, dass wir auf der EZB‑Ratssitzung im Juni die Zinsen um 25 Basispunkte angehoben haben. Diese Entscheidung beruhte auf den Daten und Szenarien, die uns damals vorlagen. Selbst im optimistischsten Szenario gab es viele überzeugende Argumente für eine Zinsanhebung. Unser nächstes Treffen findet in zwei Wochen statt, und auf der September-Sitzung werden dann neue Szenarien vorliegen. Wir werden also abwarten, was die Zukunft bringt. Wir entscheiden von Sitzung zu Sitzung. Das ist auch die einzig richtige Art, in diesen sehr komplizierten, von geopolitischen Ereignissen geprägten Zeiten Geldpolitik zu betreiben.
Ich weiß, Sie können mir nicht sagen, ob und wann die EZB handeln wird. Ist aber angesichts der Tatsache, dass bis zur September-Sitzung neue Prognosen vorliegen werden, und in Anbetracht der aktuellen Marktbedingungen davon auszugehen, dass bis September keine weiteren Zinsbeschlüsse gefasst werden?
Geldpolitik basiert auf Vertrauen. Dieses Vertrauen erwächst aus dem Bekenntnis des EZB‑Rats zur Erfüllung seines Mandats, die Geldpolitik so zu gestalten, dass wir uns dem Inflationsziel von 2 Prozent annähern. Dass der EZB‑Rat dieses Mandat entschlossen verfolgt, hat er in den vergangenen Jahren konsequent unter Beweis gestellt. Als Russland seinen unprovozierten Krieg gegen die Ukraine begann und die Energiepreise drastisch stiegen, hoben wir zehnmal hintereinander die Zinsen an. Anschließend nahmen wir acht Zinssenkungen vor. Zuletzt mussten wir die Zinsen dann wieder erhöhen, weil die Inflation nach Ausbruch des Konflikts im Nahen Osten erneut zunahm. Ich will damit sagen, dass wir wissen, was wir tun müssen. Wir sind der Preisstabilität verpflichtet, und wir werden unser Mandat erfüllen. Als Ökonom weiß ich, dass wir als Zentralbanker vor allem eine klare Botschaft kommunizieren müssen: Preisstabilität ist für das Wirtschaftswachstum unerlässlich. Das ist der Kern unserer Arbeit.
Gestern habe ich ein Interview mit dem Chefvolkswirt von Visa geführt. Seiner Einschätzung nach ist die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Zinserhöhung gesunken. Wie sehen Sie das?
Seine Antwort könnte mit dem deutlichen Rückgang der Energiepreise zusammenhängen. Ich stimme ihm zu, dass dieser überraschend war. Das war er zumindest für mich, aber ich war nicht der Einzige. Viele Fachleute hatten vorhergesagt, dass ein wegen der Engpässe in der Straße von Hormus und des langwierigen Prozesses, die Kapazitäten wieder auf das Vorkriegsniveau anzuheben – was aber aufgrund der neuen Unsicherheiten vielleicht auch gar nicht mehr passieren wird – länger dauern würde, bis die Energiepreise zurückgehen. Ihr Gesprächspartner hatte gestern offenbar recht, denn die Energiepreise sind tatsächlich gesunken. Heute sind sie aber aufgrund der erneuten Eskalation wieder gestiegen. Deshalb müssen wir bei der Vorhersage künftiger geldpolitischer Maßnahmen sehr vorsichtig sein. Ich bin daher fest überzeugt, dass der Ansatz, Entscheidungen von Sitzung zu Sitzung auf der Grundlage der aktuellen Daten zu treffen, in Zeiten großer Unsicherheit sicherlich der bestmögliche Weg ist.
In einem Ihrer letzten Interviews haben Sie erwähnt, dass Sie Anzeichen einer Erholung der Kapitalmärkte erkennen. Wo sehen Sie diese Anzeichen? Sind Sie optimistisch?
Ich würde nicht sagen, dass ich optimistisch bin. Aber ich sehe, dass in Brüssel und in ganz Europa weitgehendes Einvernehmen über die dringende Notwendigkeit besteht, die Hürden für die Entwicklung der Kapitalmärkte abzubauen. In der Europäischen Union haben wir beispielsweise 27 nationale Finanzmarktaufsichtsbehörden. Für Anleger außerhalb der Europäischen Union ist es schwierig, hier zu investieren. Deshalb müssen wir alle Barrieren abbauen und einen gemeinsamen Markt schaffen, vielleicht sogar das 28. Regime, also einen zusätzlichen, freiwilligen EU-weiten Rechtsrahmen. Wenn wir privates Kapital anziehen wollen, müssen wir die Kapitalmarktunion umsetzen.
Was würde dies für kleinere Märkte wie Slowenien bedeuten?
Es werden zwar häufig Bedenken geäußert, dass kleinere Märkte ins Hintertreffen geraten könnten, aber das sehe ich anders. Für Märkte wie Slowenien würde es neue Chancen eröffnen. Die Finanzierungskosten würden sinken, und es wäre leichter, ausländisches Kapital anzuziehen. Aufgrund des breiteren Marktes könnte Slowenien seine Produkte einem deutlich größeren Kundenkreis anbieten.
Auch Deutschland stärkt seinen Kapitalmarkt durch eine Rentenreform.
Am wichtigsten ist dabei, dass wir dieses Projekt überhaupt angehen. Manche sagen vielleicht, wir hätten schon vor Jahrzehnten damit anfangen sollen. Aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt: Es wird eine Kapitalbasis geschaffen, die das traditionelle Rentensystem ergänzt und so ein zusätzliches Sicherheitsnetz bietet. Die Bevölkerung altert, und die Demografie stellt die größte Herausforderung dar. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um ein angemessenes Arbeitskräfteangebot in der Zukunft sicherzustellen. Die Rentenreform ist dabei nur ein Element. Wir stärken damit zudem den Kapitalmarkt, indem wir in Aktien und Anleihen investieren. Ich glaube, dass sich auch andere Länder dafür interessieren werden, was Deutschland in diesem Bereich unternimmt. Und vielleicht wird es sie ermutigen, ähnliche Maßnahmen zu ergreifen. Wir sollten uns Länder wie Schweden und die Niederlande anschauen, wo die positiven Effekte einer Verknüpfung des Rentensystems mit dem Kapitalmarkt erkennbar sind. Wie ich zu Beginn des Interviews gesagt habe, ist es gut, dass Deutschland eine solche Rentenreform beschließt, die dieses Marktsegment in den kommenden Jahren und Jahrzehnten verändern wird.
Der von der EZB vorgeschlagene digitale Euro ist langsam auf dem Weg in Richtung Umsetzung. Was bringt er Europa?
Dieses Projekt hat mich von Anfang an überzeugt. Zahlungsverkehrssysteme sind systemrelevant. Ich sehe sie als öffentliches Gut. Wir dürfen nicht von außereuropäischen Anbietern abhängig werden. Die mir bekannten Anbieter sind nicht in Europa, sondern überwiegend in den Vereinigten Staaten ansässig. Deshalb sollten wir insbesondere in Krisensituationen eine Lösung auf Basis unserer Technologien und unserer Cloud-Infrastruktur anbieten, damit alle Bürgerinnen und Bürger in Europa den digitalen Euro nutzen können. Der digitale Euro wird kommen. Am 23. Juni gab der Ausschuss für Wirtschaft und Währung des Europäischen Parlaments grünes Licht für dieses Projekt. Ich gehe davon aus, dass wir bis Ende des Jahres einen rechtlichen Rahmen für den digitalen Euro haben werden, der es uns ermöglicht, in die letzte Phase der Umsetzung überzugehen. Ich hoffe, dass ich am Ende meiner Amtszeit 2029 mit dem digitalen Euro bezahlen kann.
Visa und Mastercard heben zunehmend ihr Engagement für Europa hervor. Was bedeutet der digitale Euro für sie?
Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns auf die gerade genannten Unternehmen konzentrieren sollten. Was wir im Bereich des digitalen Euro tun, liegt in unserem Interesse. Wir müssen zuverlässige Technologien etablieren, die es allen europäischen Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, in jeder denkbaren Situation, auch in Krisensituationen, Zahlungen zu tätigen. Und zwar sowohl online als auch offline. Der digitale Euro ist daher für alle gedacht und inklusiv. Wir bieten ein Zahlungssystem, das in allen Ländern der Europäischen Union funktioniert. Oftmals gibt es nur nationale Lösungen. Oder die Anbieter können nicht in allen Ländern der Europäischen Union die gesamte Spanne an Produkten und Dienstleistungen gewährleisten, die wir in Zukunft anbieten werden. Der digitale Euro ist das wichtigste Projekt des Eurosystems in den kommenden Jahren.
Der digitale Euro ist Teil der Digitalisierung Europas. Aber die größten KI‑Unternehmen kommen aus den USA und China. China übertrifft Deutschland inzwischen auch bei der Anzahl der Roboter pro Kopf. Wie kann Europa im Technologiewettbewerb aufholen?
Wir müssen die Lücke schließen, und das erfordert enorme Investitionen. Sie haben Recht. Zumindest was die fortschrittlichsten KI‑Modelle betrifft, so stammen die meisten aus den Vereinigten Staaten. Aber auch hier in Europa gibt es Anbieter und Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln und ausbauen. Außerdem können wir einen Beitrag leisten, indem wir etwa als Zentralbanken oder öffentliche Behörden in Betracht ziehen, Software von Unternehmen zu nutzen, die in der Europäischen Union tätig sind. Das liegt an uns. Gleiches gilt für Zahlungslösungen. Wir sollten stärker auf unsere eigenen Unternehmen und die Technologien vertrauen, die wir hier in Europa anbieten können. Ich glaube, die Aussichten sind gut, dass Europa im Wettbewerb bestehen kann. Es wird zwar einige Zeit in Anspruch nehmen, aber ich denke, das Ziel ist letztlich erreichbar.
Wir sollten also „Made in the EU“ kaufen?
Warum nicht? Wir diskutieren oft über die Entwicklungen auf der anderen Seite des Atlantiks, aber es wäre besser, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um uns zu verbessern. Es mag einfach klingen, auch wenn es in der Praxis schwierig ist. Aber es ist machbar.
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