Die Kapitalmarktunion ist ein Katalysator für mehr Wachstum Interview mit Fuchsbriefe

Das Gespräch führte Thilo Boss.

Herr Theurer, die Bankenlandschaft befindet sich im Wandel. Kleine Institute geben auf, ausländische Kreditinstitute nehmen Deutschland verstärkt ins Visier. Ist das der Anfang eines umfassenden Konsolidierungsprozesses?

Es ist unverkennbar, dass in der deutschen Bankenlandschaft ein tiefgreifender Umbruch stattfindet. „Future of Finance“ ist das Stichwort, das den weltweiten strukturellen Wandel beschreibt. Digitalisierung, umfassende ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Veränderungsprozesse sowie ein veränderter Wettbewerb setzen Institute zunehmend unter Druck. In den vergangenen Jahren sind diese Trends noch intensiver geworden. Wir beobachten, dass Fusionen und Kooperationen zunehmen, ohne dass dies aber zwangsläufig zu einem Rückgang der Vielfalt führen muss.

Was meinen Sie damit? Wenn Sie von Vielfalt sprechen, heißt das doch im Umkehrschluss, dass sich kleine Institute weiter auf dem Markt behaupten? Oder anders gefragt: Ein Bankensterben ist in Deutschland kein Thema. Oder?

In Deutschland gibt es immer weniger Banken. Zwischen den Jahren 2020 und 2025 ist die Anzahl der Institute um 352 auf 1327 gesunken. Die Konsolidierung ist ein kontinuierlicher Prozess, sie vollzieht sich nicht abrupt. Sie ist in der Regel in Deutschland von Fusionen geprägt, mit denen Institute Synergien heben und Effizienzsteigerung erreichen wollen. Natürlich gibt es aber auch strategische Neuausrichtungen und Markteintritte.

Sie sprechen von Neueintritten. Nach Studien der Beratungsgesellschaften Deloitte und BCG nehmen vor allem Banken aus dem angelsächsischen Raum verstärkt Deutschland ins Visier ...

Auf dem deutschen Bankenmarkt spielen inzwischen ebenso Fintechs und Neobanken eine bedeutende Rolle. Vor allem Letztere haben in den vergangenen Jahren im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung und des Smartphone-Booms ein rasantes Wachstum hingelegt. Der Trend, dass Auslandsinstitute im klassischen Bankgeschäft verstärkt auf den deutschen Markt drängen, ist ebenfalls nicht neu. Nach dem Brexit hat davon der Finanzplatz Frankfurt erheblich profitiert. In den vergangenen Monaten erkennen wir wieder intensivierte Aktivitäten von Auslandsbanken, auch aus dem angelsächsischen Raum. Das belegt, dass der Finanzstandort Deutschland international attraktiv ist.

Das ist verwunderlich. Gerade kleine Institute beklagen hierzulande eine Überregulierung mit viel zu viel Bürokratie, die die Kosten treibt und die Geschäfte schwierig macht. Zudem kritisieren sie, dass die Eigenkapitalanforderungen im Zuge von Basel III die Kreditvergabe verteuern und damit Wachstum bremsen. Alles zu Unrecht?

Die Kritik an der Komplexität der Regulierung kann ich grundsätzlich nachvollziehen, wenn mir auch die öffentliche Debatte und Kritik an der Regulierung oft überzogen erscheint. Das meiste ist europäisch geregelt. Deshalb setzen sich Bundesbank und BaFin mit gemeinsamen Reformvorschlägen für eine radikale Vereinfachung der Vorschriften ein. Das soll die Institute von unnötiger Bürokratie entlasten. Durch diesen Prozess darf aber die Stabilität des Finanzsystems nicht gefährdet werden. Daher lehnen wir eine Senkung der Eigenkapitalanforderungen und -puffer ab, mit denen Banken im Abschwung Verluste ausgleichen können. Die Wahrung der Finanzstabilität hat für die Bundesbank oberste Priorität.

Garantiert das Basel III?

Es ist ein Regelwerk, das sich an international tätige Banken richtet. Mit dem globalen Standard der Banktätigkeiten wird ein internationaler Vergleich erst möglich. Basel III ist die Basis, um zu beurteilen, wo wir stehen. Das allein ist schon ein Wert für sich und sollte angesichts eines global vernetzten Finanzsystems nicht angetastet werden. Durch Basel III können wir die Leistungsfähigkeit der Institute beurteilen und zu guter Letzt auch Ansteckungseffekte bei in Schieflage geratenen Banken identifizieren. Es ist unser Frühwarnsystem und eine wichtige Lehre aus der Finanzkrise.

Internationaler Vergleich ist ein gutes Stichwort. Angelsächsische Institute erwirtschaften höhere Gewinne als europäische Banken. Sind sie wettbewerbsfähiger, weil sie weniger reguliert werden?

Die EZB- und Bundesbank-Analysen zeigen, dass die Kapitalanforderungen an systemrelevante Banken in den USA höher als in Europa sind. Gleichwohl wird derzeit in den Vereinigten Staaten eine Diskussion um eine Deregulierung geführt, die wir sehr genau beobachten.

Sind europäische Banken gegenüber den US‑Banken im Nachteil?

In den USA sind kleine Banken, übrigens ähnlich wie in der Schweiz und Großbritannien, weniger reguliert als große Institute. Die kleinen Institute in diesen Ländern stehen allerdings nicht im Wettbewerb zu unseren kleinen Banken, weil sie jeweils ihre Heimatmärkte bespielen. Dennoch denken wir, dass es auch hierzulande Sinn ergibt, den aktuell überproportionalen Erfüllungsaufwand der kleinen Institute zu reduzieren. Deshalb haben wir zusammen mit der BaFin Reformvorschläge unterbreitet. Für kleinere Banken schlagen wir die Einführung einer eigenständigen Kategorie mit weniger Berichtspflichten und einfacheren Regel für die Risikomessung vor. Dies ginge mit einer robusten Eigenkapitalanforderung einher. Das wäre eine Möglichkeit, Kleinbanken spürbar von Bürokratie zu entlasten.

Aber das bindet doch Kapital. Wie viele kleine Banken können sich das überhaupt leisten?

Nach unseren Berechnungen würden sich in Deutschland theoretisch rund 1000 kleine und mittlere Institute für ein solches Kleinbankenregime qualifizieren. Die allermeisten sind so gut kapitalisiert, dass die Kapitalanforderungen kein echtes Problem wäre. Sie werden durch die Reform gestärkt und könnten profitabler am Markt agieren. Dazu noch ein Vergleich: In den USA gibt es etwa 5.500 Banken, in der EU 4.500. Die Struktur ist durchaus vergleichbar, obwohl in der deutschen öffentlichen Wahrnehmung US‑Großbanken mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Apropos Großbanken: In Deutschland tobt gerade ein Übernahmekampf. Die UniCredit will die Commerzbank schlucken. Die Bunderegierung versucht das zu verhindern. Für sie ist die Commerzbank als Institut für den deutschen Mittelstand systemrelevant. Verdi hat außerdem bei der Bafin interveniert und sich über unlautere Methoden der Mailänder beschwert. Wie werten Sie das Vorgehen von UniCredit-Chef Andrea Orcel? Ist es unseriös?

Ich beurteile das Übernahmeangebot als Vorstandmitglied der Bundesbank, das für die Bankenaufsicht und die Finanzstabilität zuständig ist. Unsere Aufgabe ist es, dass der Ein- und Austritt oder strukturelle Veränderungen eines Instituts im Einklang mit dem gesetzlichen Rahmen ablaufen und die Finanzstabilität nicht gefährdet wird. Das muss neutral geschehen. BaFin und EZB prüfen die vorliegenden Anträge genau und am Ende des Inhaberkontrollverfahrens wird eine Entscheidung stehen, der wir uns anschließen.

Das Argument der Systemrelevanz zieht für Sie nicht?

Übernahmeentscheidungen liegen grundsätzlich in den Händen der Anteilseigner. Der Markt ist es, der entscheidet. Allgemein aus aufsichtlicher Perspektive gesprochen: Wenn ein Institut aus einem Mitgliedsland der EU eine andere Bank aus der EU übernehmen will, ist das kein ungewöhnlicher Vorgang. Es ist ein normaler Prozess in einem gemeinsamen Markt. Werden im Fall der Commerzbank im Inhaber-Kontrollverfahren alle gesetzlichen Vorgaben erfüllt, sehe ich keinen Grund, dagegen zu intervenieren. Das hat es auch schon in der Vergangenheit gegeben. Die Übernahme der HypoVereinsbank durch die UniCredit ist dafür nur ein Beispiel.

Sie sprechen zwar von einem gemeinsamen Markt. Aber die Kapitalmarktunion kommt nicht voran. Warum?

Die EU‑Kommission hat Ende des vergangenen Jahres ihr Market Integration and Supervision Package vorgestellt. Brüssel will das MISP‑Paket, das jetzt in der Beratung der Co-Gesetzgeber ist, zügig auf den Weg bringen. Parallel dazu haben Deutschland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Polen und Spanien, die sogenannten E6, im Frühjahr Vorschläge erarbeitet, um die Kapitalmarktunion schnell zu vollenden.

Wir nehmen also schon eine Beschleunigung im politischen Prozess auf europäischer Ebene wahr. Das muss sich nun auch in Entscheidungen niederschlagen. Wir richten außerdem unser Augenmerk mit großem Interesse auf den angekündigten Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Bankensystems, den die Kommission für Juli angekündigt hat.

Was erwarten Sie sich von einem vollendeten Kapitalmarkt?

Die Spar- und Investitionsunion spielt für die Marktakteure eine wichtige Rolle. Während tiefe und liquide Kapitalmärkte insbesondere in der Wachstumsfinanzierung für Start-ups und deren Skalierung tragend sind, sehe ich hier auch klare positive Effekte für unsere europäischen Banken. Die höhere Profitabilität der US‑Banken ist unter anderem auf einen integrierten Binnen- und Kapitalmarkt zurückzuführen. Dadurch entstehen deutliche Größenvorteile, etwa bei Wertpapieremissionen, M&A oder Vermögensverwaltungen. Unsere Analysen zeigen, dass Europa dringend auf solche Kapitalmärkte angewiesen ist. Die Vollendung der Kapitalmarktunion hat deshalb hohe Priorität, und wir als Bundesbank setzen uns dafür aktiv ein.

Ist die Kapitalmarktunion ein Katalysator für mehr Wachstum in der EU?

Aus meiner Sicht ist es absolut notwendig, dass wir die Chancen, die in einem gemeinsamen harmonisierten europäischen Binnenmarkt liegen, endlich wirksam werden lassen, so wie es auch im Draghi- und im Letta-Bericht beschrieben wird. Dies würde gewaltige Wachstumsimpulse geben. Und das ist auch im globalen Wettbewerb dringend notwendig.

Können Sie das genauer erklären?

Die USA hatten in den vergangenen 15 Jahren ein preisbereinigtes Wachstum von circa 40 %. Die Europäische Union lag bei ein wenig über 20 % und Deutschland sogar nur bei knapp 17 %. Europa hat eine Wachstumsschwäche, die wir schnellstens überwinden müssen, wenn wir im internationalen Wettbewerb mithalten wollen.

Können wir den Wettbewerb gewinnen? Ein großes Thema für Produktivitätsfortschritte auch in der Bankenlandschaft ist der Einsatz von KI. Aber hier sind wieder die Tech-Riesen aus Übersee führend und legen damit die Basis, um den Vorsprung der USA zu verteidigen.

Künstliche Intelligenz verändert das Wirtschaftsgeschehen grundlegend. Sie ist ein Game Changer. Auch in der Finanzwirtschaft wird sie für einen Produktivitätsschub sorgen. Aber bei ihrem Einsatz stellen sich eine ganze Reihe rechtlicher und wirtschaftlicher Fragen. Wer trifft die Entscheidung? Ist sie dokumentiert? Lässt sie sich replizieren? Und wer trägt am Ende die Verantwortung? Unser Rechtssystem ist darauf aufgebaut, dass es personelle Verantwortung gibt, auch bei Kapitalgesellschaften. Diese Verantwortung kann nicht einfach an eine Maschine delegiert werden, die ja bei auftretenden Fehlern nicht oder nur bedingt zur Rechenschaft gezogen werden kann. Diese Fragen beschäftigen auch die Bankenaufsicht.

Das sollte aber schnell geklärt sein. Wenn Europa wieder jahrelang diskutiert, sind die USA meilenweit entrückt…

Wir müssen alles tun, damit Europa die Abhängigkeit von den Tech-Konzernen aus dem Silicon Valley verringert. Die EU hat das erkannt und handelt bereits entsprechend. Ein wichtiger Schritt für mehr Eigenständigkeit ist die Schaffung eines eigenen Marktes, der europäischen Tech-Konzernen Absätze ermöglicht. Deshalb macht sich die Bundesbank dafür stark, dass die EU durch eine Bündelung von Aufträgen der öffentlichen Hand an europäische Unternehmen den Aufholprozess unterstützt.

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