Geld Wächter Interview mit Institutional Money
Das Gespräch führte Hans Heuser.
Herr Balz, Sie verantworten im Vorstand der Bundesbank den baren und digitalen Zahlungsverkehr, den digitalen Euro und den internationalen Zentralbankdialog. Viele erwarten zwischen Stabilitätsmandat und Innovationsdruck ein dauerhaftes Spannungsfeld. Befinden Sie sich in einem solchen?
Ehrlich gesagt sehe ich da keinen grundsätzlichen Gegensatz. Ich glaube, dass sich Stabilität und Innovation gut miteinander vereinbaren lassen, sich letztlich sogar gegenseitig bedingen. Um Stabilität langfristig zu sichern, müssen wir bestimmte Innovationen am Markt unbedingt mitgehen. Die Bundesbank ist ordnungspolitisch in dieser Hinsicht klar aufgestellt: Wettbewerb ist etwas Positives, und Innovation ist grundsätzlich zunächst einmal gut. Natürlich müssen wir Innovationen sehr genau beobachten, wohin sie führen und welche neuen, potenziell riskanten Entwicklungen sie mit sich bringen. Genau da ist dann auch eine wache Aufsicht gefordert. Aber diesen inneren Widerstreit, den manche Kritiker gerne nennen, sehe ich in meinem Verantwortungsbereich überhaupt nicht. In dem Bereich, den wir intern „Kernleistung Geld“ nennen – dazu gehören Bargeld, der unbare Zahlungsverkehr und das Projekt Digitaler Euro –, sehe ich zum Beispiel keinen Gegensatz zwischen physischem Bargeld und digitalem Zentralbankgeld. Mit dem digitalen Euro wollen wir unser bestehendes Angebot sinnvoll erweitern, keinesfalls aber das Bargeld ersetzen. Das sehen Sie auch daran, dass das Eurosystem derzeit die dritte Euro-Banknotenserie vorbereitet. Ich gehe fest davon aus, dass der EZB-Rat noch in diesem Jahr den formellen Beschluss fassen wird, diese neue Serie einzuführen. Wahrscheinlich wird es die ersten neuen Banknoten dann zu Beginn der 2030er Jahre geben. Gleichzeitig treiben wir mit großem Nachdruck das Thema digitales Zentralbankgeld voran. Das zeigt sehr anschaulich: Stabilität und Innovation schließen sich nicht aus, sondern können sich gegenseitig stärken.
Die Bundesbank betont, sie wolle „Stabilität sichern und Zukunft gestalten“. Wie stellen Sie sicher, dass Zukunftsprojekte das Stabilitätsmandat nicht gefährden, sondern tatsächlich stärken?
Ich sehe unsere Zukunftsprojekte nicht als Selbstzweck. Für mich sind sie ein unverzichtbares Instrument, um unser Stabilitätsmandat im digitalen Zeitalter nachhaltig abzusichern. Bei Projekten ist es entscheidend, Innovationen nicht nur rein technisch zu begreifen, sondern von Anfang an mögliche wirtschaftliche Implikationen mitzudenken. Konkret heißt das für uns: Wir brauchen klare Leitplanken von Beginn an. Beim digitalen Euro betrifft das zum Beispiel die geplante Nicht-Verzinsung. Der digitale Euro wird ein Zahlungsmittel sein, keine Geldanlage. Hinzu kommt die viel diskutierte Haltegrenze. Sie soll verhindern, dass die Menschen in Krisensituationen ihr gesamtes Geld vom Bankkonto in die Digitale-Euro-Wallet übertragen. Außerdem benötigen wir strikte Datenschutzvorgaben. Und wir binden die etablierte Kreditwirtschaft ganz bewusst eng ein. Der frühere Finanzminister Christian Lindner hat den digitalen Euro in der Vergangenheit einmal als „digitalen Bargeldzwilling“ bezeichnet. Das trifft die Sache ganz gut.
Viele institutionelle Investoren nehmen den digitalen Euro bisher vor allem als politisches Projekt wahr. Was ist Ihre Kernbotschaft an diese Zielgruppe?
Ich beschäftige mich schon sehr lange mit diesem komplexen Thema und vertrete seit meinem allerersten Tag im Herbst 2018 hier bei der Bundesbank aus persönlicher Überzeugung exakt dieselbe Botschaft: Wir müssen im Zahlungsverkehr aus einer rein europäischen Sicht wieder deutlich unabhängiger werden. Das war damals keine Haltung gegen die USA und ist es auch heute nicht. Ich war immer ein überzeugter Transatlantiker und hoffe sehr, dass die aktuelle Lage nur eine Übergangsphase darstellt. Aber in einer systemkritischen Infrastruktur, zu der der Zahlungsverkehr gehört, dürfen wir uns schlichtweg nicht zu abhängig von anderen machen. Schauen Sie sich den Euroraum doch einmal genau an: Von 21 Mitgliedstaaten hat die große Mehrheit keine eigene nationale Bezahllösung. Selbst die bewährte Girocard funktioniert außerhalb von Deutschland nur deshalb, weil im Hintergrund amerikanische Anbieter wie Mastercard oder Visa die Abwicklung übernehmen. Derzeit werden knapp zwei Drittel aller Kartenzahlungen im Euroraum über außereuropäische Systeme abgewickelt. Diese Abhängigkeit ist absolut real. Als ich diesen Umstand 2018 offen angesprochen habe, wurde ich dafür noch belächelt. Heute wird dieser Aspekt sehr ernst genommen.
Wenn europäische Souveränität Argument Nummer eins für den digitalen Euro ist: Welche weiteren Kernargumente bringen Sie vor?
Ein ebenso wichtiger Punkt ist die Resilienz unserer Systeme. Nur wer unabhängig ist und technisch widerstandsfähige Systeme hat, kann ernsthafte Krisensituationen unbeschadet überstehen. Nehmen Sie das sehr naheliegende Beispiel eines größeren Stromausfalls. Wir hatten derartige Vorfälle kürzlich erst in Berlin, im vergangenen Jahr in weiten Teilen der Iberischen Halbinsel sowie in einigen Regionen Südfrankreichs. Der Strom war plötzlich komplett weg. Ganze Ladenketten haben infolgedessen geschlossen. Deshalb ist die geplante Offline-Funktion des digitalen Euro für uns ein wesentliches und unverzichtbares Designelement. Mit dieser Funktion kann man auch dann digital bezahlen, wenn temporär kein Netz und kein Strom verfügbar ist. Eine Voraussetzung ist natürlich, dass das Handy mit der Digitale-Euro-Wallet aufgeladen ist. Auch Bargeld ist ein sehr resilientes und daher wichtiges Zahlungsmittel. Schweden ist in diesem Zusammenhang ein lehrreiches Beispiel: Dort wird nur noch bei weniger als zehn Prozent der Zahlungen Bargeld genutzt. Das Parlament hat die Riksbank – die schwedische Zentralbank – jedoch aufgefordert, wieder neue Cash-Center zu errichten. Denn physisches Bargeld ist in Krisensituationen eben doch sehr relevant. Insgesamt geht die Bargeldnutzung fast überall zurück. In Deutschland wurden 2023 rund 51 Prozent der Transaktionen an der Ladenkasse in bar getätigt; im Jahr 2017 waren es noch 74 Prozent. In Norwegen waren es 2023 nur noch drei Prozent. Daher brauchen wir dringend ein digitales Zahlungsmittel mit ähnlichen Eigenschaften wie Bargeld.
Kommen wir zu den konkreten Designelementen. Keine Verzinsung, das ist klar. Aber wird es ein hartes Haltelimit geben?
Ja, ein solches Haltelimit wird es auf jeden Fall geben. Daran habe ich keinen Zweifel. Der ökonomische Grund dafür ist genau derselbe wie bei der Nicht-Verzinsung: Wenn Menschen unbegrenzt digitale Euro auf ihrer Wallet halten könnten, könnten sie in Krisensituationen plötzlich große Geldbeträge von ihrem Bankkonto abziehen und in digitale Euro umschichten. Das könnte die Finanzstabilität gefährden. Wie hoch dieses Haltelimit am Ende sein wird, kann ich heute noch nicht verbindlich sagen. Es gab einmal eine erste Indikation von rund 3.000 Euro. Diese Zahl nannte damals das EZB-Direktoriumsmitglied Fabio Panetta, der heutige Gouverneur der Banca d'Italia, im Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments. Zu dieser Zeit waren 3.000 Euro der obere Rand unserer internen Diskussion. Wichtig ist aber noch ein weiterer Punkt: Das sogenannte Wasserfallsystem wird es den Menschen ermöglichen, auch viel größere Beträge zu bezahlen. Denn ihre Digitale-Euro-Wallet wird in der Regel an ein normales Bankkonto angebunden sein. Ein Beispiel: Nehmen wir an, das Haltelimit wird auf 3.000 Euro festgelegt, jemand möchte aber Möbel für 8.000 Euro kaufen. Dann wird der fehlende Betrag automatisch vom Bankkonto in die Wallet nachgeladen. Digitale-Euro-Transaktionen sind also in beliebiger Höhe möglich, ohne dass Nutzerinnen und Nutzer selbst aktiv Geld vom Bankkonto in die Wallet umbuchen müssen. Deswegen sprechen wir von einem Haltelimit und nicht von einem Transaktionslimit oder Verfügungslimit.
In diesen Tagen gibt es Meldungen, wonach sich die Abstimmungen im EU-Parlament zum digitalen Euro verzögern und der Zeitplan für das gesamte Projekt wackelt. Sollte man sich Sorgen machen?
Dass sich die Verhandlungen auf europäischer Ebene nun etwas länger hingezogen haben, hat uns nicht überrascht. Das ist absolut nicht schlimm. Solche weitreichenden Gesetzgebungsprozesse brauchen in einer Demokratie schlichtweg ihre Zeit, und es geht hier um ein Projekt von ganz erheblicher Tragweite. Was mich sehr optimistisch stimmt: Die Verhandlungsführer haben zuletzt ausdrücklich und öffentlich gesagt, dass sie ihre Arbeit im Juni abschließen wollen. Der erste Trilog zwischen Europäischer Kommission, Europäischem Parlament und dem Rat der Europäischen Union soll noch vor der parlamentarischen Sommerpause stattfinden. Das ist ein sehr klares Signal. Ich bin absolut zuversichtlich, dass wir bei diesem Vorhaben auf Kurs bleiben.
Können Sie verstehen, dass es Skepsis gegenüber dem digitalen Euro gibt, gerade seitens der Banken?
Natürlich verstehe ich diese Skepsis. Wir haben in Europa ein Zahlungssystem, das sich über Jahrzehnte hinweg bewährt und entwickelt hat. Und eine völlig neue digitale Bezahlmethode kann auch disruptive Effekte entfalten. Die Banken stehen im Zahlungsverkehr heute ohnehin schon unter massivem Druck, der nicht von uns als Zentralbank kommt, sondern durch die enormen Transformationsprozesse im Markt. Es gibt neue Player, sehr agile Fintechs, völlig neue Zahlungsformen und auch Stablecoins. Ich erinnere in solchen Diskussionen aber immer gerne daran: Als wir vor nunmehr über 25 Jahren den Euro einführten, war die anfängliche Skepsis ebenfalls riesig. Auch damals mussten die Notenbanken viel Überzeugungsarbeit leisten. Diese Skepsis ist dann aber relativ schnell verschwunden. Heute ist der Euro bekanntermaßen eine allgemein anerkannte und sehr vertrauenswürdige Währung. Wir wollen mit dem digitalen Euro nun eine digitale Version von genau dieser Währung schaffen. Deshalb sind wir als Bundesbank schon heute sehr aktiv im Dialog mit den Menschen. Wir haben zum Beispiel eine eigene Veranstaltungsreihe mit dem Namen „Bits und Bargeld“ entwickelt. Da geht es um digitale Zahlungsmöglichkeiten und Bargeld als verschiedene Optionen mit unterschiedlichen Eigenschaften, die Bürgerinnen und Bürgern nutzen können. Dieses Format findet inzwischen bereits zum zehnten Mal statt und wird sehr gut angenommen.
Manche befürchten, der digitale Euro werde eher Komplexität als Effizienz erzeugen, etwa durch parallele Systeme neben Bargeld, Instant Payments und Kartensystemen.
Der digitale Euro wird bei richtiger Ausgestaltung dabei helfen, die heutige Fragmentierung im europäischen Zahlungsverkehr zu verringern. Banken und andere Zahlungsdienstleister können mit dem digitalen Euro ihre Kundenbindung weiter stärken. Sie bleiben die zentrale Anlaufstelle für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Alle praktischen Services rund um den digitalen Euro werden weiterhin von den Banken, den Sparkassen und anderen Zahlungsdienstleistern erbracht. Ich sehe den digitalen Euro ganz klar als Ergänzung zu privaten europäischen Lösungen wie der Wero Wallet oder südeuropäischen Bezahllösungen wie Bizum. Solche privaten Systeme und der digitale Euro können und sollen miteinander kooperieren. Am Ende muss der digitale Euro bei den Menschen im Alltag ankommen. Das wird über die etablierten Bank-Apps laufen, die viele Bürgerinnen und Bürger heute schon kennen und nutzen.
Das klingt nach einer Partnerschaft, die für die Banken auch finanziell attraktiv sein muss.
Das ist ein absolut zentraler und berechtigter Punkt. Wenn ich sage, wir brauchen eine enge Partnerschaft mit der Kreditwirtschaft, dann muss sich diese Partnerschaft für Banken und andere Zahlungsdienstleister am Ende auch wirtschaftlich lohnen. Eine Zentralbank muss keine eigenen Gewinne erwirtschaften. Geschäftsbanken, vor allem natürlich börsennotierte Banken, müssen das schon. Deshalb diskutiert der Gesetzgeber derzeit intensiv ein mögliches Kompensationsmodell. Ich betone das ganz bewusst: Es muss finanziell wirklich attraktiv sein, diese neuen Services rund um den digitalen Euro anzubieten. Das gilt für Privatbanken, Sparkassen und andere Zahlungsdienstleister gleichermaßen. Die entsprechenden Verhandlungen dazu laufen noch. Aber die grundsätzliche Richtung ist völlig klar.
Wechseln wir zum Thema Infrastruktur. Sie sind mitverantwortlich für die Target Services. Wo sehen Sie aktuell die größten Verwundbarkeiten?
Die TARGET Services bilden unbestritten das Rückgrat des europäischen Zahlungsverkehrs und der Wertpapierabwicklung. Eine absolut zuverlässige Betriebsstabilität ist für uns im Eurosystem daher ein echtes Muss. Die Risiken sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, was auch geopolitisch bedingt ist. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass wir in diesem Bereich sehr gut aufgestellt sind. Den technischen Betrieb der TARGET-Services T2 und T2S verantworten die Zentralbanken Italiens und Deutschlands gemeinsam. In jedem Land gibt es dafür zwei Standorte. Zwei Länder also, vier Standorte. Dieses System erlaubt es uns, bei möglichen Störungen innerhalb kürzester Zeit auf einen anderen Standort umzuschalten. Genau dieses Konzept wollen wir künftig auch auf den digitalen Euro übertragen: Wir planen Betriebsstandorte in Deutschland, in Frankreich und in Italien. So kann jeder Standort völlig unabhängig von den anderen reibungslos weiterlaufen, falls an einem anderen Standort Probleme aufkommen.
Hans-Werner Sinn warnt seit Jahren vor systemischen Risiken durch die Target-Salden. Wie ernst nehmen Sie diese Warnungen?
Ich schätze Herrn Sinn als Ökonomen. Aber zur immer wieder aufkommenden Target-Debatte gibt es bekanntlich viele unterschiedliche Sichtweisen. Andere renommierte Professoren sagen klar, dass Herr Sinn in dieser Frage nicht zwingend richtig liegen muss. Die hohe Überschussliquidität bei der Bundesbank liegt aus unserer Sicht überwiegend daran, dass internationale Wertpapierkäufe zum guten Teil über den Finanzplatz Frankfurt abgewickelt werden. Ich verfolge diese akademische Debatte mit großem Interesse und bekomme regelmäßig Updates zu den Positionen der akademischen Kombattanten. Als Zahlungsverkehrsvorstand der Bundesbank kann ich Ihnen aber sagen: Was die praktischen TARGET-Services betrifft, da machen wir uns im Vorstand der Bundesbank keine Sorgen. Diese akademischen Diskussionen hätten in der Realität ohnehin nur dann Auswirkungen, wenn mindestens ein Mitgliedsland das Eurosystem verlassen oder der Euroraum als Ganzes auseinanderbrechen würde. Ein solches Szenario halten wir für außerordentlich unwahrscheinlich.
Künstliche Intelligenz spielt im Zahlungsverkehr eine wachsende Rolle. Wo verlaufen für Sie die roten Linien?
Künstliche Intelligenz oder KI ist im modernen Zahlungsverkehr ohne Frage ein sehr mächtiges Werkzeug. Aber es darf kein unkontrollierter Entscheidungsträger werden. Wir werden KI in Zukunft immer mehr verwenden, aber wir müssen stets die volle Kontrolle über unsere Entscheidungen behalten. KI erkennt heute schon in Echtzeit auffällige Muster in Millionen von Transaktionen, die gleichzeitig stattfinden. Das kann kein einzelner Mensch jemals leisten. Mit Hilfe von KI lassen sich kriminelle Betrugsschäden deutlich senken. Ich ziehe in dieser Frage aber trotzdem klare Grenzen: Erstens darf es meiner Meinung nach keine finale Entscheidungsautonomie von KI bei sicherheitskritischen Prozessen ohne eine menschliche Aufsicht geben. Wenn beispielsweise eine Zahlung blockiert wird, muss immer ein Mensch die finale Verantwortung tragen. Denn solche weitreichenden Entscheidungen berühren Grundrechte. Zweitens muss der Einsatz von KI absolut transparent und jederzeit nachvollziehbar sein. Und drittens darf der sehr hohe Datenschutzstandard, den wir in Europa haben, nicht einfach durch neue KI-Anwendungen ausgehebelt werden. Das Zahlungsverhalten eines Menschen ist schließlich hochsensibel. Es verrät sehr viel darüber, wo sich jemand befindet, was er kauft, ob er vielleicht politisch aktiv ist oder wohin er reist. Daten, die für einen legitimen Zweck erhoben wurden, dürfen nicht einfach durch KI für völlig andere Zwecke genutzt werden.
Sie sprechen auch in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit europäischer Souveränität. Reicht Regulierung allein?
Nein, Regulierung allein genügt in diesem Bereich absolut nicht. Der EU AI Act ist zweifellos ein richtiger und wichtiger erster Schritt. Er unterwirft gerade Risikoanwendungen im Finanzbereich ganz besonders strengen Anforderungen. Aber wir brauchen darüber hinaus dringend eigene europäische Lösungen, tiefe europäische Kompetenz und vor allem eine verlässliche europäische Kontrolle über die Systeme, auf die wir uns tagtäglich verlassen. Wir sehen heute sehr starke Cluster von KI-Anbietern in den USA und zunehmend auch in China. Es geht hier also um weit mehr als nur um einen Gesetzestext: Wir brauchen zwingend ein echtes europäisches KI-Ökosystem. Das ist im Grunde genommen exakt dasselbe Souveränitätsthema, das wir vorhin schon beim Zahlungsverkehr diskutiert haben, nur geht es hier eben um die KI.
Stablecoins haben sich in wenigen Jahren von einem Krypto-Randphänomen zu einem relevanten Baustein der globalen Finanzarchitektur entwickelt. Wie bewerten Sie das, und welche geopolitischen Nebenwirkungen sehen Sie?
Stablecoins sind heute Realität. Man muss dabei sehr klar sehen: Die USA haben sich auf politischer Ebene offenbar bewusst entschieden, auf private Stablecoins zu setzen, während sie ein digitales Zentralbankgeld für Bürger derzeit ablehnen. Sie sind aber auch in einer anderen Situation als wir Europäer. Die USA verfügen heute schon mit Mastercard, Visa, American Express, Google Pay, Apple Pay, PayPal über enorm schlagkräftige, global aufgestellte Zahlungsverkehrsinstrumente. All das zusammen zementiert eine strukturelle Dominanz, die wir in Europa sehr ernst nehmen müssen. Stablecoins verstärken derzeit die ohnehin hohe Internationalisierung des US-Dollars. Das bringt geopolitische Implikationen mit sich, die ich persönlich für durchaus erheblich halte. Vor allem die Dominanz von US-Dollar denominierten Stablecoins birgt Risiken. Sie kann die Abhängigkeit Europas von der US-amerikanischen Finanzinfrastruktur weiter verschärfen.
Was folgt daraus für Europa. Was ist aus Ihrer Sicht konkret zu tun?
Europa muss in diesem digitalen Finanzsystem souverän bleiben. Das ist für mich die zentrale, übergeordnete Leitlinie, aus der sich alles andere ableitet. Wir müssen deshalb erstens unser eigenes digitales Zentralbankgeld konsequent und zügig voranbringen. So stellen wir sicher, dass Transaktionen im Alltagszahlungsverkehr und insbesondere bei Großbetragszahlungen auch weiterhin primär in Zentralbankgeld abgewickelt werden. Die wichtige Ankerfunktion des Zentralbankgeldes muss auch im digitalen Zeitalter unter allen Umständen gewahrt bleiben. Zweitens sollten wir klar reguliertes privates tokenisiertes Geld im Euroraum aktiv fördern, und zwar ganz gezielt dort, wo digitales Zentralbankgeld nicht zur Verfügung steht. Das betrifft etwa programmierbare Zahlungen für Nicht-Banken, könnte aber auch im komplexen grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr helfen. Genau hier drohen sonst nämlich schnell neue Abhängigkeiten von ausländischen Anbietern zu entstehen. Und das wäre exakt das Gegenteil von dem, was wir wollen.
Und welche konkreten Instrumente stehen Europa dabei zur Verfügung?
Ich sehe hierbei vor allem drei wesentliche Hebel. Erstens sollten tokenisierte Einlagen von Geschäftsbanken aktiv gefördert werden, da die Anwendungsfälle dem bewährten zweistufigen Geldsystem entsprechen. Zweitens müssen wir parallel dazu europäische Stablecoins aktiv fördern. So können wir eine Alternative zu US-Stablecoins aufbauen und die Verbreitung Euro-denominierter Stablecoins stärken. Und drittens, das liegt mir persönlich in meiner Arbeit ganz besonders am Herzen, brauchen wir dringend eine leistungsfähige europäische Lösung für die Abwicklung tokenisierter Finanzmarkttransaktionen in Zentralbankgeld. Genau hier setzt unser großes Wholesale-CBDC-Projekt Pontes an: Ab Herbst 2026 können Geschäftspartner des Eurosystems tokenisierte Vermögenswerte in Zentralbankgeld abwickeln. Das ist beileibe kein reines technisches Nischenprojekt, es ist eine handfeste, strategische europäische Alternative zu Stablecoins.
Kommen wir zum Aspekt Tokenisierung und Projekten wie Pontes und Appia. Evolutionäre Verbesserung oder stiller Paradigmenwechsel hin zu Unified Ledgers?
Es handelt sich dabei um einen klar evolutionären Ansatz mit einer sehr weitreichenden Perspektive, und es ist deutlich weniger ein abrupter Paradigmenwechsel. Mit Pontes und Appia verfolgen wir im Eurosystem ganz bewusst einen pragmatischen, zweistufigen Weg. Pontes ist dabei die kurzfristige, praktische Brückenlösung: Marktteilnehmer-Plattformen werden hier direkt an unsere bestehenden TARGET-Services angebunden, sodass tokenisierte Vermögenswerte sicher und effizient in Zentralbankgeld abgewickelt werden können. Eine erste Pilotphase dafür soll Ende September dieses Jahres starten. Appia hingegen ist unsere langfristige strategische Vision: Es geht um die Frage, wie tokenisierte Assets und Zentralbankgeld künftig auf gemeinsamen Plattformen, die oft als Unified Ledgers bezeichnet werden, koexistieren können. Das ist ein schrittweiser, stark lernbasierter Prozess, den wir gemeinsam mit Marktteilnehmern, Regulierern und Technologieanbietern gehen wollen. Das strategische Ziel ist dabei klar: Wir wollen die Effizienzgewinne der Tokenisierung nutzen und gleichzeitig sicherstellen, dass das Zentralbankgeld auch in einer vollständig digitalisierten Finanzwelt der zentrale Abwicklungsanker bleibt.
Und der Name Appia? Hat der eine tiefere Bedeutung?
Die Via Appia war eine der wichtigsten Handelsstraßen im Römischen Reich. Sie wird auch als „Regina viarum“ – die Königin der Straßen – bezeichnet. Durch innovative Bauweise mit Brücken, Viadukten, Tunneln und gepflasterten Basaltplatten war sie bei jedem Wetter befahrbar und wurde zum Vorbild für das römische Straßennetz. Verbindungen werden durch technische Innovationen ermöglicht – das passt zu unserem Projekt. Und Pontes bedeutet im Lateinischen „Brücke“. Das finde ich für unsere Vorhaben wirklich überaus passend. Wir wollen jetzt nämlich schnell Brücken bauen.
Was erwarten Sie konkret von der Industrie, bevor Zentralbanken bereit sind, Wholesale-CBDC für tokenisierte Märkte breiter bereitzustellen?
Ich erwarte von der Finanzwirtschaft im Grunde drei ganz wesentliche Dinge. Erstens brauchen wir klar definierte, wirtschaftlich robuste Anwendungsfälle, denn Tokenisierung darf kein reiner Selbstzweck sein. Wir brauchen echte Use Cases mit nachweisbaren Effizienzgewinnen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Das betrifft die Emission von Wertpapieren, die Abwicklung und das Collateral Management. Diese Anwendungen müssen sich in bestehende Marktpraktiken integrieren lassen. Zweitens fordere ich Interoperabilität und Standards, weil proprietäre Insellösungen einzelner Anbieter nur die Fragmentierung erhöhen. Wir brauchen stattdessen offene, interoperable Standards, die eine reibungslose Anbindung an Zentralbankinfrastrukturen wie die TARGET-Services ermöglichen. Genau hier setzen Pontes und Appia ja an. Und drittens verlangen wir klare Rechts- und Compliance-Grundlagen. Die Plattformen müssen den regulatorischen Anforderungen entsprechend aufgestellt sein. Das reicht vom Wertpapieraufsichtsrecht über Geldwäsche- und Sanktionsvorgaben. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann das Eurosystem seinen Teil sehr gerne beitragen. Wir wollen den Markt nicht ersetzen, sondern einen sicheren, rund um die Uhr verfügbaren Settlement-Anker in Zentralbankgeld bereitstellen, auf dem die Finanzwirtschaft dann aufbauen kann.
Sie sind auch für das Thema Bargeld zuständig. Wie erklären Sie jungen Bürgerinnen und Bürgern, warum Bargeld politisch gewollt bleibt, während gleichzeitig digitale Bezahllösungen inklusive digitalem Euro massiv gefördert werden? Das klingt auf den ersten Blick widersprüchlich.
Es mag widersprüchlich klingen, ist es in der Realität aber absolut nicht. Unsere eigenen, regelmäßigen Zahlungsverhaltensstudien zeigen: Bargeld ist in Deutschland an der Ladenkasse noch immer das meistgenutzte Zahlungsmittel. Ja, die Nutzung von Bargeld geht im Zuge der Digitalisierung auch hierzulande allmählich zurück. Aber wir befinden uns noch auf einem sehr hohen Niveau. Und Bargeld hat Eigenschaften, die kein digitales System einfach ersetzen kann: Barzahlungen sind denkbar einfach, sie sind sicher, sie erfolgen sofort und sie sind grundsätzlich anonym. Die Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger ist damit bestmöglich geschützt. Bargeld ist außerdem inklusiv, es ermöglicht eine echte finanzielle Teilhabe auch für Kinder, für wenig digitalaffine Menschen, für Menschen mit Behinderung oder für Menschen ohne eigenes Bankkonto. Das Ziel der Bundesbank und aller Akteure im Eurosystem ist die Wahlfreiheit: Wer mit Bargeld zahlen möchte, soll das auch weiterhin tun können. Deshalb haben wir 2024 das Nationale Bargeldforum ins Leben gerufen, in dem die Bundesbank mit allen Bargeldakteuren daran arbeitet, Bargeld als kostengünstiges und effizientes Zahlungsmittel zu erhalten. Außerdem werden wir vier neue Bundesbank-Filialen bauen, um die Bargeldversorgung effizienter zu gestalten und langfristig zu sichern. Im Eurosystem arbeiten wir zudem intensiv an einer neuen Banknotenserie nach modernsten technischen Standards. Und das Verordnungspaket „Single Currency Package“, das der europäische Gesetzgeber hoffentlich noch in diesem Jahr in Brüssel final verabschieden wird, sieht ausdrücklich vor: Bargeld und der digitale Euro sollen überall im Euroraum völlig gleichberechtigt als gesetzliche Zahlungsmittel akzeptiert werden. Es gibt also keinen Widerspruch. Bargeld und der digitale Euro ergänzen sich sinnvoll.
Angesichts wachsender Bargeldskepsis im Handel und steigender Kosten in der Logistik: Ab welchem Punkt wäre die Bundesbank verpflichtet, offen zu sagen, dass die Bargeldversorgung in der bisherigen Form nicht mehr leistbar ist?
Ich sehe keine wachsende Bargeldskepsis im Handel. Unsere Studien zeigen unisono, dass Bargeld im deutschen Handel nach wie vor fast überall akzeptiert wird. Und mit dem bereits erwähnten Verordnungspaket „Single Currency Package“ wird es Händlern wohl künftig nur noch in sehr eng definierten Ausnahmefällen erlaubt sein, Bargeld nicht anzunehmen. Was unsere Infrastruktur betrifft: Mit unserer künftigen Filialstruktur, einschließlich der vier neuen Bundesbank-Filialen, fühlen wir uns sehr gut aufgestellt, um die Bargeldversorgung langfristig zu sichern. Die Frage nach dem Punkt, an dem wir öffentlich Alarm schlagen müssten, stellt sich für mich also überhaupt nicht.
Sie waren fast zehn Jahre Abgeordneter im Europäischen Parlament, finanzpolitischer Sprecher der EVP im ECON-Ausschuss, davor lange im Bankenbereich tätig. Hilft oder hemmt diese Biografie Ihre Rolle als unabhängiger Zentralbanker?
Meine Berufserfahrung hilft mir enorm, und das geradezu täglich. Die Jahre im Europäischen Parlament, insbesondere im ECON-Ausschuss, haben mir ein sehr tiefes Verständnis für den komplexen europäischen Gesetzgebungsprozess und für unterschiedliche politische Perspektiven gegeben. Das ist gerade jetzt von absolut unschätzbarem Wert, wo wir über große Themen wie den digitalen Euro sprechen. Die Zeit im Bankenbereich hat mir zudem einen sehr praktischen Blick auf die Märkte, auf Geschäftsmodelle und operative Abläufe vermittelt. Wenn wir heute über Marktinfrastrukturen oder die Kapitalmarktunion sprechen, kenne ich die Sicht der betroffenen Institute aus eigener Erfahrung. Gleichzeitig ist für mich aber klar: Mit dem Wechsel in den Bundesbankvorstand habe ich ganz bewusst auch die Rolle gewechselt – von der Politik hinein in eine völlig unabhängige Institution. Unabhängigkeit bedeutet für mich, Entscheidungen strikt am Mandat und an der Sachlage auszurichten, und nicht an parteipolitischen Erwägungen. Die politische und marktnahe Erfahrung hilft mir sehr, Argumente besser zu verstehen. Dieses Verständnis ändert aber natürlich nichts an der Distanz, die ein Zentralbanker unbedingt haben muss.
Wenn Sie mit einem kritischen institutionellen Investor sprechen, der in der aktuellen Regulierungs- und Infrastrukturagenda vor allem „Overreach“ der Zentralbanken sieht: Welches Missverständnis räumen Sie als erstes aus, und bei welchem Kritikpunkt sagen Sie: „Da hat der Markt einen Punkt“?
Das wichtigste Missverständnis in solchen Gesprächen ist die Vorstellung, wir Zentralbanken wollten mit Projekten wie dem digitalen Euro, Wholesale-CBDC oder einer strengeren Regulierung für Stablecoins den Markt vollständig verdrängen oder am Ende alles zentral steuern. Unser Ziel ist das genaue Gegenteil: Wir wollen einen stabilen, verlässlichen Rahmen schaffen, in dem private Innovation überhaupt erst gedeihen kann, mit Zentralbankgeld als sicherem Anker. Beim digitalen Euro geht es uns nicht darum, Banken oder Zahlungsdienstleister zu ersetzen. Der digitale Euro kann eine gemeinsame europäische Infrastruktur schaffen, auf der Banken eigene Angebote entwickeln und ihren Kundinnen und Kunden europaweit nutzbare Zahlungslösungen anbieten können. Und Wholesale-CBDC sorgt dafür, dass auch in einer tokenisierten Finanzwelt die Abwicklung über Zentralbankgeld erfolgt. Es geht nicht darum, private Plattformen zu verstaatlichen. Gleichzeitig, das sage ich ganz offen, hat der Markt bei einem Punkt recht: Wir müssen sehr sorgfältig darauf achten, dass Regulierung und neue öffentliche Infrastrukturprojekte nicht unnötig Komplexität und hohe Kosten erzeugen. Die Sorge vor Überlagerung und teuren Doppelstrukturen ist ernst zu nehmen. Deshalb ist mir der enge Austausch mit der Finanzwirtschaft auch so wichtig, sei es bei der Ausgestaltung des digitalen Euro, bei Pontes und Appia oder bei Stablecoins. Wo der Markt auf echte Umsetzungsprobleme hinweist, sollten wir zuhören und pragmatisch nachjustieren, ohne jedoch die übergeordneten Ziele wie Stabilität, Souveränität und faire Wettbewerbsbedingungen aus den Augen zu verlieren.
Ende August endet Ihre reguläre Amtszeit im Vorstand der Bundesbank. Bleibt es dabei oder gibt es eine Verlängerung?
Die Entscheidung über die Bestellung von Vorstandsmitgliedern der Bundesbank liegt bei der Politik. Nur politische Entscheidungsträger können und sollen darüber entscheiden. Was ich sagen kann: Meine derzeitige Aufgabe macht mir nach wie vor sehr viel Spaß. Sie ist außerordentlich interessant.
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