Transformation: „Wir müssen mehr Europa wagen“ Interview mit der Zeitung ESG.Table

Das Interview führten Antje Sirleschtov und Ferdinand Fröhlich.

Frau Mauderer, Resilienz prägt die Nachhaltigkeitsdiskussion. Was bedeutet Resilienz heute ökonomisch betrachtet?

Für mich gehören Resilienz und Stabilität immer zusammen betrachtet. Stabilität ist ein Zustand, den man innehat oder erreichen möchte. Resilienz hingegen ist die Fähigkeit, sich rasch auf Widrigkeiten und neue Umstände einzustellen. Das gilt nicht nur für die ökologische Transformation, sondern auch für geopolitische Veränderungen, Digitalisierung und Globalisierung. Das heißt konkret, dass Unternehmen, Staaten und Institutionen sich mit ihren Lieferketten, Finanzierungsquellen, Märkten, Infrastrukturen und Energiequellen auseinandersetzen müssen. Deutschland hat in der Vergangenheit sehr stark auf Effizienz, weniger auf Resilienz gesetzt und ist damit gut gefahren. Aber diese Effizienz hatte ihren Preis, wie wir an der russischen Gaslieferung gesehen haben. Umgekehrt hat auch Resilienz einen Preis. Die zentrale Aufgabe besteht deshalb darin, einen sinnvollen Mix aus Effizienz und Diversifizierung zu finden.

Welche Widrigkeiten zeigen sich derzeit besonders deutlich?

Die Verwundbarkeit der Energieversorgung. In Europa betrifft uns das vor allem über Preise und Energiesicherheit. Aber es geht nicht nur um Energie. Auch technologische Abhängigkeiten spielen eine große Rolle. Wenn wir etwa auf Zahlungs- oder Kreditkartensysteme schauen, sehen wir, wie stark Europa in bestimmten Bereichen von den USA abhängig ist.

Was folgt daraus für die Resilienz Europas?

Die Stärke Europas ist der EU-Binnenmarkt mit rund 450 Millionen Konsumenten. Das ist der zweitgrößte Markt der Welt. Europas Resilienz steigt signifikant, je mehr wir aus diesem Binnenmarkt machen. Das heißt: Wir müssen mehr Europa wagen. Darüber hinaus muss Europa seine Handelsbeziehungen schneller diversifizieren. Da gibt es Fortschritte, etwa mit Blick auf Mercosur, Indien und weitere bilaterale Abkommen. Wichtig ist aber auch, den afrikanischen Kontinent stärker in den Blick zu nehmen. China hat die strategische Bedeutung Afrikas sehr früh erkannt.

Ist das in Politik und Wirtschaft schon ausreichend angekommen?

Das Bild ist vielschichtig. Ich beobachte, dass im politischen Umfeld zunehmend erkannt wird, wie rau das internationale Umfeld geworden ist und dass Resilienz erforderlich ist. Vor allem Familienunternehmen haben ihre Lieferketten schon länger resilient aufgestellt. Andere erkennen erst jetzt, dass sie hier handeln müssen. In Summe sehe ich, dass die Neuformierung der Weltordnung umfassend erkannt wird. Die Handlungsgeschwindigkeit ist aber sehr unterschiedlich.

Welche Rolle spielen internationale Formate wie G7, G20, IWF, Weltbank oder die COP noch?

Sie sind wichtiger denn je. Diese Formate wurden aus gutem Grund geschaffen. Nicht zuletzt dank der WTO hat internationaler Handel Wohlstand geschaffen und auch Institutionen wie der IWF oder die Weltbank erfüllen wichtige Aufgaben. G7 und G20 bleiben zentral, weil wir durch die Globalisierung so eng miteinander verbunden sind, dass wir nicht ohne einander können. Natürlich ist das internationale Umfeld schwieriger geworden. Aber entscheidend ist, dass diese Treffen stattfinden und dass auch kritische Themen angesprochen werden.

Die USA setzen immer mehr auf Deals statt auf die altbewährten Formate. Was bedeutet das für deren Funktionieren?

Ohne die USA geht es nicht. Wir brauchen alle G20-Länder. Wir sind über die Weltmärkte eng miteinander verbunden. Das ist ja auch der positive Aspekt des internationalen Handels, deshalb müssen wir immer wieder Übereinkommen finden. Das zeigt sich auch beim Thema Klima. Da gibt es unterschiedliche politische Auffassungen darüber, wie damit umzugehen ist. Mal treten sie deutlicher hervor, mal weniger. Als die zweite Trump-Administration Anfang 2025 ins Amt kam, verschwand das Thema Klima rhetorisch von der internationalen Bühne. Im April dieses Jahres hat sich das wieder geändert. Da sagten viele Ländervertreter sehr bewusst, dass es darum gehen müsse, erneuerbare Energien massiv voranzubringen. Nicht unbedingt aus einer tiefen Überzeugung für den Klimaschutz. Aber aufgrund von Lieferkettenproblemen, Engpässen bei Energiesicherheit und Energiepreisen.

Welche Klimarisiken rücken heute stärker in den Vordergrund?

Als wir in Europa begannen, uns intensiver mit Klimarisiken zu beschäftigen, lag der Schwerpunkt zunächst stark auf Transitionsrisiken. Die Frage war: Überfordert Klimapolitik Unternehmen? Inzwischen rücken die physischen Risiken stärker in den Vordergrund, auch in Europa. Trockenheit, Fluten, Waldbrände und andere Extremwetterereignisse verursachen erhebliche ökonomische Schäden. Nach Zahlen großer Rückversicherer lagen die Schäden durch Naturkatastrophen 2025 bei rund 224 Milliarden US-Dollar. Weniger als die Hälfte davon war versichert.

Wie erklären Sie, dass Klimapolitik zugleich ökonomisch dringlicher wird und politisch stärker unter Druck gerät?

Da liegt ein Dilemma. Unternehmen äußern, dass sie sich durch Klimapolitik, Berichtspflichten und Regulierung belastet fühlen. Gleichzeitig stehen sie in einem Umfeld, in dem geopolitische Risiken, Lieferkettenprobleme und schwaches Wachstum stark auf ihnen lasten. Deshalb geht es um eine geordnete Transformation. Politik muss Verhältnismäßigkeit im Blick behalten und Unternehmen dürfen nicht überfordert werden. Zugleich müssen Unternehmen selbst stärker auf ihre Verwundbarkeiten schauen. Kennen sie ihre Lieferketten wirklich? Wissen sie, wo sie von Wasser, Energie, Rohstoffen oder bestimmten Vorprodukten abhängig sind? Eine Jeans benötigt beispielsweise mehr als 8000 Liter Wasser in der Herstellung. Unternehmen müssen sich fragen, ob dieses Wasser dort, wo sie heute produzieren, künftig noch verfügbar sein wird.

Was bedeutet das für die Notenbanken?

Klar ist: Notenbanken machen keine Klimapolitik, das ist nicht unser Mandat. Aber Klimarisiken beeinflussen Preise und Finanzstabilität. Deshalb dürfen Notenbanken diese Risiken nicht ignorieren. In vielen Ländern des globalen Südens wird das bereits sehr deutlich. Fluten und Dürren zum Beispiel führen zu Veränderungen bei Nahrungsmittel- und Energiepreisen und das hat direkte Auswirkungen auf die Preisstabilität. In Europa ist der Einfluss auf die Preisstabilität bislang weniger ausgeprägt, aber das kann sich ändern. Für uns geht es darum, Klima- und Naturrisiken wie andere finanzielle Risiken zu behandeln: nicht ignorieren, aber auch nicht überbewerten.

Sind diese Risiken bei Unternehmen, Banken und Investoren bereits ausreichend transparent?

Wer sich intensiv mit Klimarisiken beschäftigt, sieht die Daten, die Trends und die wachsenden Risiken sehr klar. Zugleich heißt das nicht automatisch, dass entsprechend gehandelt wird. Es gibt eine Diskrepanz zwischen Faktenlage und Handeln.

Woran liegt das?

Das hat viel mit Zeithorizonten zu tun. Vorstandsverträge laufen häufig über drei bis fünf Jahre. Auch politische Legislaturperioden sind kurz. Risiken, die sich erst in zehn Jahren voll auswirken, werden deshalb oft nicht mit der gleichen Dringlichkeit behandelt wie kurzfristige Kennzahlen oder Wahlerfolge.

Wie kann man diese Kurzfristigkeit überwinden?

Ein Ansatz ist, Risiken zeitlich näher an die Entscheidungsträger heranzurücken. Beim Network for Greening the Financial System (NGFS) haben wir zunächst mit Langfrist-Szenarien gearbeitet, mit Zeithorizonten bis 2050 und sogar 2100. In der Klima-Community fand das großen Anklang. Aber unser Ziel war es eigentlich, Entscheidungsträger zu erreichen. Dafür waren diese Zeithorizonte oft zu weit entfernt. Deshalb entwickelten wir Kurzfrist-Szenarien mit einem Zeithorizont bis 2030. Diese haben deutlich mehr Resonanz erzeugt. Namhafte Finanzinstitutionen, Ratingagenturen und auch große Staatsfonds haben sich damit befasst und nutzen sie teilweise. Der nächste Schritt sollte aus meiner Sicht ein kurzfristiges Base-Case-Szenario sein: Was kann in den nächsten fünf Jahren realistischerweise auf uns zukommen? Denn viele Risiken sind nicht mehr fern. In Australien gibt es oft Überschwemmungen, gleichzeitig ist nur jedes siebte Haus versichert. Die Flutkatastrophe in Valencia 2024 hat gezeigt, dass die Risiken schon heute schlagend werden können.

Sie sprechen das NGFS an. Das Netzwerk hat bereits 2019 darauf hingewiesen, wie wichtig Daten, Szenarien und Offenlegung sind, damit Klimarisiken im Finanzsystem angemessen bewertet werden können. Sustainable Finance sollte genau dabei helfen und gilt als zentrale Säule der europäischen Transformation. Wie blicken Sie heute auf den Rahmen für Transformationsfinanzierung – auch vor dem Hintergrund der jüngsten Neujustierungen?

Das Thema hat sich entwickelt. Heute haben wir mehr Daten, mehr Informationen und einen besseren Überblick. Deshalb muss sich auch Sustainable Finance weiterentwickeln. Für mich geht es weniger darum, gesondert „Klima“ zu finanzieren. Entscheidend ist, dass Transformations- und Nachhaltigkeitsaspekte Teil der Standardfinanzierung werden. Europa braucht Wachstum und dieses Wachstum wird stark über disruptive Innovationen kommen. Cleantech ist dafür ein wichtiges Feld. Muss das unter Sustainable Finance gefasst werden? Nein, ich würde eher sagen: Das ist Innovationsfinanzierung. Ich halte es für wichtig, das Thema aus der Nische zu holen. Transformation sollte stärker als Frage wirtschaftlicher Resilienz verstanden werden und weniger als politisiertes Sonderthema. Wenn sich Solarenergie, Elektromobilität oder andere Technologien ökonomisch rechnen, dann werden sie sich auch durchsetzen. Dafür braucht es einen nüchternen Blick auf Kosten, Nutzen und Risiken.

Die EU hat mit Taxonomie und Nachhaltigkeitsberichterstattung sehr detaillierte Regeln geschaffen. Ist das der richtige Ansatz?

Europa ist als First Mover in die Nachhaltigkeitsregulatorik gestartet. Viele Regionen der Welt haben beobachtet, wie Europa das macht und sind dann teilweise andere Wege gegangen. Jeder Ansatz hat Vor- und Nachteile. Ein sehr detaillierter Ansatz schafft Klarheit, kann aber auch überfordern. Wenn eine Taxonomie Hunderte Seiten umfasst und trotzdem nicht alles regelt, muss man fragen: Ist das wirklich praktikabel? Ein sehr grobes Rahmenwerk mit wenigen Seiten lässt dagegen vielleicht zu viel Ermessensspielraum. Die Wahrheit liegt aus meiner Sicht in der Mitte. Wir werden stärker zu prinzipienbasierten Rahmenwerken kommen müssen: weniger Detailregelung, mehr Rahmensetzung.

© ESG.Table. Alle Rechte vorbehalten.