Wie geht es jetzt weiter mit dem digitalen Euro? Interview mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung
Das Gespräch führte Christian Siedenbiedel.
Das EU‑Parlament hat den Weg für den digitalen Euro frei gemacht. Bundesbankvorstand Balz spricht über den ersten Feldversuch, seinen Einsatz in der Bundesbank-Kantine und ein Gegenstück zu den Starterkits bei der Euroeinführung.
Herr Balz, wie geht es mit dem digitalen Euro jetzt weiter, nachdem der Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments den Plänen grundsätzlich zugestimmt hat?
Es geht voran. In dieser Woche hat nun auch das Europäische Parlament eine gemeinsame Position zum sogenannten Single Currency Package verabschiedet, das unter anderem die Einführung des digitalen Euros regelt. Der Rat der Europäischen Union, also die Finanzminister der Mitgliedstaaten, hatte sich schon im Dezember 2025 auf eine gemeinsame Position geeinigt. Nun wollen die Iren, die derzeit die Ratspräsidentschaft innehaben, sehr schnell zur ersten Trilog-Sitzung einladen: In diesem Verfahren verhandeln die drei europäischen Institutionen Kommission, Parlament und Rat über die endgültige Ausgestaltung dieses rechtlichen Rahmens. Ich halte eine Einigung bis Ende 2026 für möglich.
Worüber dürfte jetzt in den weiteren Phasen vor allem noch gerungen werden?
Im Kern geht es noch um zwei Punkte: das Haltelimit für den digitalen Euro und das Gebührenmodell für Zahlungsdienstleister und Händler. Das Haltelimit gibt an, wie viel digitale Euros ein Verbraucher in seiner elektronischen Geldbörse aufbewahren kann. Dabei wird vor allem noch darum gerungen, wer neben der Europäischen Zentralbank hinsichtlich der Höhe Mitspracherechte erhält. Rat und Parlament beanspruchen beide zumindest ein Vetorecht. Bei dem anderen Thema, dem Gebührenmodell, unterscheiden sich die Positionen von Parlament und Rat noch leicht. Das Gebührenmodell des Rates entspricht stärker den Vorstellungen der Kreditwirtschaft, das Modell des Parlaments kommt den Händlern stärker entgegen. Nach meiner Einschätzung wird eine Einigung bald möglich sein.
Viele Leute sagen ja, der digitale Euro sei eine Lösung ohne Problem. Wofür brauchen Verbraucher den digitalen Euro?
Für die Verbraucher wird der digitale Euro der digitale Zwilling des Bargelds. Europa hat es über Jahrzehnte nicht geschafft, eine wirklich europäische Zahlungslösung zu etablieren. Wir sind stark abhängig von außereuropäischen Zahlungsanbietern: Mastercard, Visa, Paypal. Das wollen wir ändern. Der digitale Euro wird neben dem Bargeld ein weiteres gesetzliches Zahlungsmittel sein, mit dem die Menschen im gesamten Euroraum überall bezahlen können: An der Ladenkasse, online oder bei Zahlungen an andere Privatpersonen – sogar ohne Internetverbindung. Verbraucher können gebührenfrei damit bezahlen, und Händler werden in der Regel niedrigere Gebühren entrichten als heute etwa für Zahlungen mit Kreditkarten. Die Wahlfreiheit bleibt: Wer Kreditkarte, Girocard oder Bargeld nutzen will, kann das weiter tun.
Konkret werden soll das Vorhaben des digitalen Euros mit einem Pilotprojekt. Wann geht das los, und wer macht dabei mit?
Mit dem Pilotprojekt wird die technische Infrastruktur des digitalen Euros zum ersten Mal unter realen Bedingungen erprobt. Starten soll das Pilotprojekt in der zweiten Jahreshälfte 2027. Dafür muss das Gesetzgebungsverfahren abgeschlossen sein. Mehr als 50 Banken und andere Zahlungsdienstleister aus verschiedenen europäischen Ländern haben sich für eine Teilnahme beworben.
Welche Banken aus Deutschland haben sich für das Pilotprojekt beworben?
Dazu kann ich heute noch nichts sagen, das wird die Europäische Zentralbank in Kürze bekannt geben.
Machen da auch bekannte Onlinehändler mit?
Die Auswahl der teilnehmenden Händler beginnt erst später. Ich gehe davon aus, dass große bekannte Onlinehändler ebenso mitmachen werden wie kleinere Geschäfte aus dem stationären Einzelhandel.
Kann ich mich als Endverbraucher da auch schon beteiligen?
Nein, es können nur Beschäftigte der Zentralbanken im Eurosystem mitmachen. Denkbar wäre zum Beispiel, dass die Beschäftigten der Bundesbank mittags in der Kantine ihr Essen dann mit dem digitalen Euro bezahlen können. So können wir testen, wie das klappt und wo man noch etwas verbessern muss.
Und was macht die Kantine dann mit den digitalen Euros?
Die kann sie mit der Bundesbank wieder verrechnen.
Wann kommt dann der digitale Euro in der echten Version?
Das hängt vor allem vom europäischen Gesetzgebungsprozess ab. Wird die gesetzliche Grundlage wie erwartet bis Ende des Jahres endgültig verabschiedet, kommt der digitale Euro in drei Jahren, also 2029.
Wissen Sie schon, was Sie mit Ihrem ersten digitalen Euro kaufen werden?
Das entscheide ich spontan. Vielleicht eine Ausgabe der F.A.Z. auf Papier.
Viele Menschen gerade in Deutschland machen sich Sorgen, dass es mit dem Bargeld dann bald vorbei sein könnte. Ist da gar nichts dran?
Diese Sorge ist unbegründet. Wir sorgen dafür, dass Bargeld verfügbar bleibt: In Deutschland gibt es unter Vorsitz der Bundesbank das Nationale Bargeldforum. Die Bundesbank modernisiert ihr Filialnetz, um Deutschland weiter zügig mit Bargeld versorgen zu können. Und im Eurosystem arbeiten wir aktuell an einer neuen Banknotenserie. Diesen Aufwand betreibt man nicht, wenn man nicht an die Zukunft des Bargelds glaubt. Im Übrigen enthält das schon erwähnte Single Currency Package auch eine Verordnung über Bargeld als gesetzliches Zahlungsmittel, die eine strenge Annahmepflicht für Bargeld im Handel vorsieht.
Wird sich das durchsetzen lassen, dass alle Händler künftig beides nehmen müssen, Bargeld und digitale Euros? Wird es da Strafen geben, wenn es einer nicht macht?
Über Bußgelder und Ähnliches entscheidet der Gesetzgeber. Die Verordnungsentwürfe sehen eine grundsätzliche Annahmepflicht für beide Zahlungsmittel vor, um die Wahlfreiheit der Menschen beim Bezahlen zu sichern.
Für Händler kann es teuer werden, Infrastruktur für beides vorzuhalten ...
Aus Händlersicht ist unseren Studien zufolge das Bargeld neben der Girocard in Deutschland das kostengünstigste Zahlungsmittel. Bei den außereuropäischen Zahlungsmitteln sind die Gebühren für Händler hingegen hoch. Von daher stärkt es den Wettbewerb, dass Bargeld erhalten bleibt und mit dem digitalen Euro zusätzlich eine digitale europäische Zahlungslösung geschaffen wird.
Es gab ja auch immer mal Bezahlangebote, die sich nicht durchgesetzt haben. Ich denke nur an die Geldkarte, mit der man im Parkhaus zahlen konnte. Wie wollen EZB und Bundesbank denn sicherstellen, dass der digitale Euro kein Flop wird und ihn nur sehr wenige benutzen?
Entscheidend ist, den digitalen Euro bekannt zu machen und seine Vorteile zu erläutern. Die Einführung des Eurobargelds wurde von großen Informationskampagnen begleitet. Auch jetzt überlegen wir im Eurosystem, wie eine solche Kommunikation aussehen kann. Damals gab es Starterkits mit Euromünzen zu kaufen. Vielleicht kann man etwas Ähnliches mit aufgeladenen Karten für den digitalen Euro machen. Das ist aber alles noch nicht entschieden.
Manche Menschen haben Angst, dass der digitale Euro zu einem Überwachungsinstrument werden könnte. Achtet die Politik ausreichend auf Anonymität?
Die Mitglieder des Europäischen Parlaments entscheiden bei Datenschutz und Privatsphäre sehr sensibel. Die Verordnung zum digitalen Euro wird entsprechend hohe Standards vorgeben. Fest steht: Wir Zentralbanken sollen nur pseudonymisierte Daten von den Banken und Zahlungsdienstleistern erhalten. Somit wissen wir nicht, welche Person oder welches Unternehmen hinter einer Transaktion steckt. Bei der Ausgestaltung unserer technischen Infrastruktur achten wir zudem darauf, nur genau die Daten zu erhalten, die für die Abwicklung einer Zahlung tatsächlich benötigt werden. Mit der Offlinefunktion des digitalen Euros gehen wir sogar noch einen Schritt weiter: Entsprechende Zahlungen werden direkt zwischen Geräten von Zahler und Zahlungsempfänger abgewickelt – ohne Einblick Dritter, also etwa der Hausbank.
Können die Finanzbehörden denn sehen, was ich mit dem digitalen Euro bezahle?
Wie bei heutigen Kontotransaktionen gilt: Bei begründetem Verdacht auf Geldwäsche und nach richterlicher Entscheidung können Behörden etwa über die Geschäftsbank Einblick in die Zahlungsströme nehmen. Wir Zentralbanken tauschen keine Daten mit Behörden aus, da wir aufgrund der Pseudonymisierung die uns vorliegenden Transaktionsdaten keinen Personen oder Unternehmen zuordnen können. Der Vorteil beim digitalen Euro ist: Die Daten der Nutzerinnen und Nutzer wandern nicht in eine Cloud im Ausland.
In den Banken gibt es Sorgen, es könnte eine Flucht aus Bankeinlagen in den digitalen Euro geben. Was ist wichtig in der Konstruktion, um das zu vermeiden?
Der digitale Euro soll Zahlungsmittel sein, kein Wertaufbewahrungsmittel. Deshalb wird es ein Haltelimit geben. Es soll verhindern, dass alles Ersparte vom Konto in die Wallet für den digitalen Euro fließt. Gleichzeitig wird es das sogenannte Wasserfallsystem geben: Die Menschen werden ihre Wallet für den digitalen Euro mit ihrem Bankkonto verknüpfen können. Wenn sie mehr bezahlen wollen, als in der Wallet liegt, wird der fehlende Betrag automatisch vom Konto nachgeladen, sofern genug Guthaben vorhanden ist. Dadurch macht sich das Haltelimit beim Einkaufen nicht bemerkbar.
Das heißt, ich könnte auch eine größere Anschaffung mit digitalen Euros bezahlen?
Online ja. Wenn das Limit beispielsweise 3000 Euro betrüge und die Rechnung für Möbel sich auf 10.000 Euro beliefe, würden die fehlenden 7000 Euro automatisch vom verknüpften Konto eingezogen. Offline wird es voraussichtlich niedrigere Limits geben. Dadurch werden Geldwäsche- und Terrorismusfinanzierung verhindert.
Wie hoch wird das Haltelimit denn nun am Ende sein?
Das ist noch nicht entschieden. 3000 Euro waren im Gespräch, aber da gibt es noch keinen Beschluss. Nach aktuellem Stand wird die EZB konkrete Werte erst vorschlagen, wenn die Einführung näher gerückt sein wird.
Was ist mit der Sorge, dass ein niedriges Limit später angehoben wird, wenn der digitale Euro nicht genug genutzt wird?
Die Verhandlungspositionen des Parlaments und der Mitgliedstaaten sehen vor, dass die EZB das Haltelimit bis zu einer noch zu bestimmenden Obergrenze frei festsetzen können soll. Die Höhe dieses maximalen Rahmens soll regelmäßig evaluiert werden. Diskutiert wird aktuell ein Turnus von zwei Jahren. Aus unserer Sicht sollte die Haltegrenze im Zeitverlauf jedoch stabil bleiben. Wir könnten uns insofern auch einen längeren Turnus vorstellen. Aufgrund des Wasserfallsystems sollte das Haltelimit ohnehin nur einen geringen Einfluss auf die Nutzbarkeit des digitalen Euros haben.
Sie selbst machen bei der Bundesbank jetzt nicht weiter. Warum bestehen Sie nicht darauf, das Projekt bis zum Ende zu begleiten?
Die Entscheidung über eine zweite Amtszeit hätte bei der Landesregierung in Baden-Württemberg gelegen. Wegen der Landtagswahlen dort hat sich diese Entscheidung verzögert. Ich habe ein attraktives Angebot erhalten und mich für einen Wechsel entschieden.
Sie gehen zum Zahlungsnetzwerk Swift. Was werden Sie da in Zukunft machen?
Es geht für mich spannend weiter, in einem ähnlichen Themenfeld. Auch bei Swift werde ich mich wieder mit internationalem Zahlungsverkehr befassen. Der Zahlungsverkehr verändert sich gerade global enorm. Swift ist ein Schlüsselspieler im grenzüberschreitenden Zahlungsgeschäft. Ich werde im Board of Directors von Swift Vorsitzender des Risikoausschusses. Dabei geht es um geopolitische Fragmentierung, Cyber- und Datenrisiken, Sanktionen, aber auch um technologische Entwicklungen wie digitales Zentralbankgeld, Stablecoins und Tokenisierung. Das wird alles höchst interessant, und ich freue mich auf die neue Aufgabe.
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.