Wir müssen verstehen, was der Klimawandel für die Preise bedeutet Interview mit DIE ZEIT
Das Gespräch führten Ricarda Richter und Kolja Rudzio.
Frau Mauderer, Klimaforscher warnen seit Jahren vor Hitzewellen, Dürren oder Überschwemmungen. Aber warum beschäftigt sich die Bundesbank damit?
Unser Job als Zentralbanker ist es, für stabile Preise und ein robustes Finanzsystem zu sorgen. Durch den Klimawandel kann vieles teurer werden, vor allem Nahrungsmittel und Energie. Das Wirtschaftswachstum kann leiden und das Finanzsystem unter Druck kommen. Diese Risiken müssen wir bei unserer Arbeit berücksichtigen. Natürlich warnen wir auch andere vor diesen Risiken, etwa Banken oder Regierungen. Wir Technokraten haben kein politisches Mandat und schauen nur auf die finanziellen Risiken des Klimawandels.
Und wie groß sind die?
Mit anderen Zentralbanken haben wir Szenarien mit einem Zeithorizont von fünf Jahren entwickelt, für die wir jeweils eine unterschiedliche Klimapolitik annehmen. Das günstigste Szenario nennen wir »Highway to Paris«. Da unterstellen wir, dass sich die Länder auf der ganzen Welt frühzeitig um den Klimaschutz bemühen. Dennoch würde in diesem Fall die Inflation in der EU zeitweise um bis zu 0,5 Prozentpunkte über einem Basisszenario liegen, die Wirtschaftsleistung aber um 0,1 Prozent höher.
Wie sähe das schlechteste Szenario aus?
Dafür nehmen wir an, dass es keinen klimapolitischen Fortschritt gibt und in zwei aufeinanderfolgenden Jahren Extremwetter-Ereignisse, also etwa Hitzeperioden, Dürren oder Überschwemmungen, in einer Intensität auftreten, wie man sie jeweils nur alle 50 Jahre hat. Das würde die Wirtschaftsleistung in der EU vorübergehend um bis zu 4,8 Prozent gegenüber dem Basisszenario verringern, und die Inflation würde sich um bis zu 0,6 Prozentpunkte erhöhen. In Asien wären es 6,3 Prozent, und die Inflation würde sich um bis zu 1,2 Prozentpunkte erhöhen. Die Folgen wären also drastisch.
Und auf diese potenziellen Schäden weisen Sie die Regierung hin?
Ja. Aber auch Pensionskassen oder der norwegische Ölfonds verwenden unsere Szenarien für ihre Investitionsentscheidungen.
Benutzen Sie solche Szenarien auch für Ihre Zinsentscheidungen?
Als Zentralbanken haben wir eher die mittelfristigen Entwicklungen im Blick. Aber weil die Erderwärmung ein so komplexes Phänomen ist, können wir uns in Europa nicht erst damit beschäftigen, wenn es gravierend wird. Und in anderen Teilen der Welt ist es das ja schon.
Sie achten auf Finanzstabilität. Kann der Klimawandel eine globale Finanzkrise auslösen?
Ich wäre sehr vorsichtig damit, eine globale Finanzkrise auszurufen. Wir schauen uns genau an, welche Akteure vom Klima wie betroffen sind: Unternehmen mit ihren Lieferketten, Banken oder Investoren, die sich überlegen, in welcher Region sie noch wie viel Geld investieren. Das Zusammenspiel dieser Faktoren vorauszusagen, ist noch sehr schwierig. Zumal es Jahre geben wird mit sehr hohen Klimaschäden und solche, in denen es weniger sein werden.
Die Szenarien haben Sie mit einem Netzwerk von Zentralbanken entwickelt. Wie ist das entstanden?
Ende 2017 haben sich die Zentralbanken aus Frankreich, Großbritannien, Mexiko, den Niederlanden, Schweden, Singapur, China und Deutschland zusammengeschlossen und gesagt: Wir müssen besser verstehen, was der Klimawandel für die Preise, die Finanzstabilität und die Wirtschaft als Ganzes bedeutet. Und relativ schnell haben wir erkennen müssen, wie stark uns das Thema betrifft. Viele andere Zentralbanken haben sich uns angeschlossen, heute ist aus einem losen Netzwerk eine internationale Organisation mit Mitgliedern aus 95 Ländern geworden.
Wie sieht die Zusammenarbeit aus?
Ich telefoniere fast täglich mit Kollegen aus anderen Ländern. Außerdem treffen wir uns regelmäßig, und jeder berichtet, was bei ihm gerade passiert. Was zum Beispiel längere Stromausfälle für die Produktivität bedeuten, wie es sich auf die Preise auswirkt, wenn Fluten die Ernte vernichten. In Pakistan etwa stieg die Inflation 2022 nach schweren Überschwemmungen um 17 Prozentpunkte, die Nahrungsmittelpreise legten sogar um 40 Prozent zu.
Können Sie aus solchen Erfahrungen in anderen Ländern etwas lernen?
Wir schreiben Handbücher. Wenn ein bestimmtes Wetterphänomen in meinem Land zum ersten Mal auftritt, kann ich darin zum Beispiel nachschauen: Wie gehen die Australier mit starken Überschwemmungen um?
Die amerikanische Notenbank Federal Reserve hat Ihr Netzwerk verlassen. Was bedeutet es, wenn das Klima für eine so wichtige Notenbank offensichtlich kein Thema mehr ist?
Ich bedauere den Austritt. Aber an unserer Arbeit mit den anderen 94 Ländern hat das nichts geändert. Und nur weil eine Zentralbank kein Mitglied mehr ist, heißt das nicht, dass sie Klimaschäden oder Naturrisiken ignorieren kann. Gerade in den USA nehmen Stürme und Waldbrände zu.
Entscheidend ist aber doch, wie man damit umgeht.
Im April bei der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds in Washington haben viele Regierungsvertreter gesagt, dass sie jetzt massiv auf Erneuerbare setzen. Die Energiewende geht also weiter.
War die Schließung der Straße von Hormus vielleicht sogar ein Glücksfall für den Klimaschutz?
Ich möchte es so sagen: Es macht natürlich einen Unterschied, ob die Menschen das Gefühl haben, durch Klimapolitik höhere Kosten und dadurch weniger Geld zu haben. Oder ob sie wie jetzt sehen, dass Benzin und Heizöl teurer wird und sich freiwillig davon lösen.
Gehört die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu Ihrer Risiko-Kalkulation?
Ja, in meiner Rolle bei der Bundesbank schaue ich mir auch Energiemärkte und Energieabhängigkeiten an. Viele Menschen in Deutschland denken vielleicht, dass wir uns von den fossilen Brennstoffen schon länger lösen. Aber wir importieren 67 Prozent unserer Energie, der allergrößte Teil sind fossile Brennstoffe. Die Kollegen der US‑Zentralbank Fed hatten ausgerechnet, dass wir in Europa pro Jahr nur circa drei Prozent unseres Energieverbrauchs von Fossilen auf Erneuerbare umgestellt haben. Wir waren also in Wahrheit sehr langsam.
Geht es bei den wirtschaftlichen Kosten des Klimawandels nur um Schäden durch Wetterkatastrophen?
Nein, wir schauen uns auch an, welche enorme Rolle Ökosysteme überhaupt für die Wirtschaft spielen. Deutschland ist beispielsweise eines der Länder mit dem größten Wasserverlust. Zwischen 2002 und 2021 haben wir ein Volumen im Umfang des Bodensees verloren. Das wirkt sich signifikant auf die Wertschöpfung aus.
Wie kann man sich das konkret vorstellen?
Unternehmen brauchen Wasser in ihrer Produktionskette. Zur Bewässerung in der Landwirtschaft, für den Kühlkreislauf von Fabriken und Datenzentren. Wasser ist zentral für die Chemie- und Bekleidungsindustrie, aber auch für die Autoindustrie. In Frankreich mussten gerade Atomkraftwerke vom Netz genommen oder gedrosselt werden, weil sich die Flüsse, aus denen sie ihr Kühlwasser entnehmen, sonst zu stark erhitzt hätten. Und als der Rhein 2018 wegen der anhaltenden Trockenheit an mehreren Stellen nur noch ein paar Zentimeter tief war, konnten keine Schiffe mehr fahren. Das wiederum hat die Benzinpreise in die Höhe getrieben.
Und daraus folgt ein Problem für die Banken?
Mehr als die Hälfte der 2025 ausstehenden Kredite, die an Unternehmen von in Deutschland ansässigen Banken vergeben wurden, sind von Wasser abhängig. Uns ist wichtig, dass Banken das finanzielle Risiko dieser Kredite erkennen und mit ihren Kunden darüber sprechen. Eine Bank will schließlich, dass die Unternehmen in der Lage sind, ihre Kredite zurückzuzahlen.
Sind sich die Banken dieser Risiken bewusst?
Das Bewusstsein ist gewachsen. Vor vier, fünf Jahren war nachhaltiges Investieren ein großer Hype, alle wollten grün sein oder grün erscheinen. Heute werde ich häufig darauf angesprochen, dass man davon gar nichts mehr hört. Aber sowohl die Unternehmen als auch die Banken haben eine Reise gemacht: Statt grün erscheinen zu wollen, weil es die Gesellschaft erwartet, setzen sie sich jetzt aus eigenem Interesse mit ihren ganz konkreten Geschäftsrisiken in diesem Bereich auseinander. Das ist eine sehr positive Entwicklung.
Bei Versicherungen sind Klimarisiken schon länger ein großes Thema, oder?
Eindeutig. Viele Versicherungen haben die Prämien für den Schutz gegen Elementarschäden an Immobilien und Fabriken in den letzten Jahren erhöht. In den USA fangen Versicherungen an, manche Regionen überhaupt nicht mehr abzudecken. Oder die Prämien steigen so stark, dass sie mit durchschnittlichen Einkommen nicht mehr bezahlbar sind. Das kann auch in Europa so kommen, insbesondere dort, wo Gebäude nah am Wasser stehen. In diesen Gegenden können Sie dann kaum noch investieren. Denn für jeden Immobilienkredit brauchen Sie in der Regel eine Versicherung.
Und wenn Schäden zunehmen, die nicht versichert sind?
2025 haben klimabedingte Naturkatastrophen weltweit zu wirtschaftlichen Schäden von 224 Milliarden US‑Dollar geführt. Nur 108 Milliarden davon waren versichert. In wohlhabenden Ländern springt dann häufig der Staat ein. Nach der Flut im Ahrtal etwa haben Bund und Länder ein Sondervermögen von 30 Milliarden Euro eingerichtet. Wenn die Leute auf ihren Bildschirmen sehen, wie eine ganze Region überschwemmt wird, wie Menschen Haus und Hof verlieren, dann ist es für Politiker nachvollziehbarerweise schwer, zu sagen: Das gibt der Haushalt nicht her.
Aber Staatsmittel sind begrenzt.
Also müssen wir uns als Gesellschaft darum kümmern, solche Schicksale zu verhindern. Denn neben dem menschlichen Leid reißen all die Ausgaben, die da drohen, eine Lücke an anderer Stelle.
Hören die Regierungen auf Ihre Warnungen?
Ja. Ministerien und Politiker haben ja ein Interesse daran, eine unverzerrte Sicht auf Fakten und Zahlen zu bekommen. Sie wollen wissen: Was könnt ihr schon berechnen und was noch nicht?
Sind Sie optimistisch, dass wir das Schlimmste noch abwenden können?
Wenn wir die Erde weiter so schnell aufheizen, wird unser Wachstum leiden und die Preise steigen. Aber ich will nicht nur alarmieren, sondern auch motivieren: Es ist wichtig, dass die Menschen am Ball bleiben und sich selbst als Teil der Lösung sehen. Die Erderwärmung ist kein Schicksal, wir können sie verlangsamen – aber dafür müssen wir auch etwas tun. Und zwar jetzt.
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