Der Euro in einer fragmentierten Welt: Stabilität, Souveränität und globale Verantwortung Hohenheimer Gesprächskreis Corporate Governance
Es gilt das gesprochene Wort.
1 Einleitung
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
in wenigen Stunden wissen wir, welche Mannschaft im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft auf Spanien treffen wird. Nach 101 von 104 Spielen bei dieser XXL‑WM lässt sich festhalten: Meistens gewinnen beim Fußball die Favoriten, aber manchmal auch die Außenseiter – wie die deutsche Mannschaft schmerzlich erfahren musste.
Auch auf den Devisenmärkten gibt es Favoriten und Außenseiter. Und ähnlich wie beim Fußball sind es meist dieselben Währungen, die oben mitspielen: der US‑Dollar, der Euro, das Pfund Sterling, der Yen. Seit Jahrzehnten führt hier der US‑Dollar die Tabelle an. Der Euro ist seit seiner Einführung der erste Verfolger. Anders als beim Fußball gibt es im globalen Währungssystem keine Sensationen. Entscheidend sind Eigenschaften, die über viele Jahre hinweg unter Beweis gestellt werden müssen: Stabilität, institutionelle Stärke, Verlässlichkeit und das Vertrauen der internationalen Finanzmärkte.
Genau deshalb lohnen sich die Fragen: Wo steht der Euro heute im internationalen Währungssystem? Und was ist erforderlich, wenn Europa seine Position stärken möchte? Das sind die Fragen, auf die ich im Folgenden eingehen möchte. Lassen Sie mich mit der ersten und allgemeineren Frage anfangen.
2 Euro vs. US‑Dollar: Status quo
Bevor wir über die Zukunft einer Mannschaft diskutieren, lohnt sich zunächst der Blick auf die Tabelle. Im internationalen Währungssystem ergibt sich ein klares Bild: Der Euro ist nach den üblicherweise angelegten Kriterien die zweitwichtigste Währung der Welt.[1] Die wichtigste Währung ist nach wie vor der US‑Dollar. Und das mit großem Abstand. 57 Prozent. So hoch war der Anteil des US‑Dollar an den globalen Währungsreserven zum Jahresende 2025.[2] Der entsprechende Anteil des Euro lag bei rund einem Fünftel. Bei Verschuldung in Fremdwährung ist der Euro-Anteil im vergangenen Jahr deutlich auf etwa 30 Prozent gewachsen, während der Anteil des US‑Dollar leicht zurückgegangen ist. Dennoch bleibt der Anteil des US‑Dollar in dieser Kategorie erheblich höher: etwa 60 Prozent.[3]
Im internationalen Handel zeigt sich ebenfalls ein ausgeprägter Unterschied zwischen den beiden Währungen. Die Vereinigten Staaten stellen ihre Exporte fast vollständig in US‑Dollar in Rechnung – und auch ihre Importe können sie zu einem ganz erheblichen Teil in eigener Währung bezahlen.[4] Die Exporteure in der Europäischen Union lassen sich hingegen rund ein Drittel ihrer Ausfuhren in US‑Dollar bezahlen. Auch wird etwa die Hälfte der EU‑Importe in US‑Dollar bepreist.[5]
Es ist unwahrscheinlich, dass der US‑Dollar in naher Zukunft seine dominante Rolle verlieren wird. Denn die US-Ökonomie hat eine überragende Bedeutung für die Weltwirtschaft und die globalen Finanzmärkte. Zudem wären die Kosten eines Systemwechsels hoch. Und dennoch dürfte die amerikanische Währung nicht unverwundbar sein. Im Frühjahr 2025 hatte die Bekanntgabe der neuen amerikanischen Zollpolitik zu einer merklichen Anspannung an den globalen Finanzmärkten geführt. Es scheint, dass der US‑Dollar in dieser Zeit nicht in gleichem Maße als Safe-Haven-Währung gesucht war wie sonst.
Auch Forschungsergebnisse der Bundesbank deuten in diese Richtung.[6] In einem Arbeitspapier haben die beiden Autoren die Auswirkungen politischen Drucks auf die US‑Notenbank Federal Reserve analysiert. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung war, dass die Notenbank im vergangenen Jahr und zu Beginn dieses Jahres erheblichem politischen Druck ausgesetzt war. So hatte der US‑Präsident Zinssenkungen gefordert und beispiellose Versuche unternommen, die Besetzung des Federal Reserve Board zu ändern. Dabei wurde auch der damalige Federal-Reserve-Chef Jerome Powell persönlich angegriffen. Unsere Experten haben untersucht, wie die Finanzmärkte auf diese Ereignisse reagiert haben. Dazu haben sie hochfrequente Finanzmarktdaten verwendet.
Das Ergebnis: Der politische Druck auf die Fed schlug sich an den Finanzmärkten trotz sinkender Zinsen nicht wie eine geldpolitische Lockerung nieder, sondern wie ein Vertrauensverlust. Denn die Aktienkurse sind gefallen und Unsicherheitsmaße gestiegen. Der Goldpreis zog besonders stark an. Der Schätzung zufolge belastet ein solcher Vertrauensverlust den US‑Dollar dauerhaft. Im Umkehrschluss zeigt uns diese Entwicklung: Die jeweils aktive Regierung hat es in der Hand, fortgesetztes Vertrauen in die eigene Währung sicherzustellen.
Was wir in diesem Zusammenhang beobachten konnten: Gemessen an den oben erwähnten Kriterien profitierte der Euro von den Turbulenzen nur wenig. Auch wenn die Euro-Anteile bei Schuldtiteln gestiegen sind, war es vor allem Gold, das zeitweise einer der großen Profiteure des Vertrauensverlustes in den US‑Dollar war. Der Goldpreis in US‑Dollar war zwischen dem „Liberation Day“ und dem Angriff auf den Iran um fast 70 Prozent gestiegen. Etwa die Hälfte des Zugewinns hat er seitdem wieder eingebüßt.
Andererseits gibt es auch Entwicklungen, die die Position des US‑Dollar perspektivisch stärken könnten. Ich denke hier vor allem an Stablecoins. Sollten Stablecoins an Bedeutung gewinnen, dürfte davon insbesondere der US‑Dollar profitieren. Denn Stablecoins basieren heutzutage fast nur auf US‑Dollar und werden insbesondere mit US‑Staatsanleihen unterlegt.
Insgesamt lässt sich festhalten: Eine starke Position des Euro im internationalen Währungssystem ist kein Selbstläufer. Dies führt uns zu der wichtigen Frage: Sollten wir in Europa bewusst eine stärkere internationale Rolle des Euro anstreben? Dafür spricht, dass eine stärkere Rolle unserer Währung mit einem Zuwachs strategischer Autonomie verbunden wäre – und in der heutigen Welt gewinnt strategische Autonomie rapide an Bedeutung.
Eine stärkere Rolle des Euro würde uns weniger anfällig gegenüber ausländischen Einflüssen machen. Denn wenn wir beispielsweise einen großen Teil unseres Handels in Euro abwickeln, berühren uns Wechselkursschwankungen weniger. Wenn sich eine stärkere Rolle des Euro zudem in einer höheren Nachfrage nach Euro-Vermögenswerten manifestiert, würde das auch die Finanzierungskosten im Euroraum dämpfen.
3 Internationale Rolle des Euro stärken
Was können wir also tun, um die Punkteausbeute des Euro im Hinblick auf seine internationale Rolle zu verbessern? Dabei geht es zum einen um Maßnahmen, die prinzipiell in Angriff genommen werden sollten. Zum anderen geht es um Maßnahmen, die wir als Eurosystem derzeit implementieren – hier ist insbesondere an digitales Zentralbankgeld zu denken.
Zuallererst braucht es Vertrauen in die Stabilität unserer Währung. Genau daran arbeiten wir im Eurosystem Tag für Tag. Wir sind der Erfüllung unseres Preisstabilitätsmandats verpflichtet und schaffen damit die Grundlage für dieses Vertrauen. Eine zentrale Voraussetzung dafür ist unsere Unabhängigkeit. Ich habe es bereits am Beispiel des US‑Dollars angesprochen: Wird die Unabhängigkeit einer Notenbank in Frage gestellt, kann das Vertrauen in eine Währung schnell erschüttert werden.
Doch Vertrauen in den Euro erfordert mehr als eine unabhängige und der Preisstabilität verpflichtete Zentralbank. Es braucht ein institutionelles und rechtliches Gefüge in Europa, das auf dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit basiert. Rechtsstaatlichkeit, Rechtssicherheit und Verlässlichkeit sind unverzichtbare Voraussetzungen für eine starke internationale Rolle des Euro. Gleichzeitig sind diese Eigenschaften umso wertvoller, da sie in der heutigen Welt nicht mehr als selbstverständlich angenommen werden können. Und auch Verteidigungsfähigkeit gilt als wichtiger Faktor, gerade in der heutigen Welt.
Wenn wir über die internationale Rolle des Euro sprechen, müssen wir auch an die Wirtschaftskraft Europas denken. Um Menschen außerhalb des Euroraums zu überzeugen, in Euro-Vermögenswerte zu investieren, müssen wir ihnen die Perspektive verlässlicher und auskömmlicher Renditen bieten. Ein stabiles Wirtschaftswachstum ist hierfür eine Grundvoraussetzung. Was können wir dafür tun? Ein maßgeblicher Baustein ist, Ersparnisse dorthin zu lenken, wo sie am produktivsten eingesetzt werden. Deshalb ist die Schaffung der Spar- und Investitionsunion so wichtig.
Sie umfasst weitreichende Maßnahmen, wie zum Beispiel:[7] eine Vereinheitlichung bislang fragmentierter nationaler Praktiken im Bereich Kapitalmarktaufsicht, etwa durch die teilweise Zentralisierung bei der europäischen Aufsichtsbehörde ESMA, die Schaffung kostengünstiger Möglichkeiten zur Partizipation an Kapitalmärkten für Kleinanleger, die Förderung der Finanzkompetenz der EU‑Bürgerinnen und Bürger. Über diese Maßnahmen kann die Spar- und Investitionsunion dazu beitragen, die Finanzierung junger und innovativer Unternehmen zu erleichtern. Und gerade solche Unternehmen haben das Potenzial, das Wirtschaftswachstum nachhaltig zu stärken.
Die internationale Bedeutung des Euro hängt darüber hinaus davon ab, dass andere Länder auch in Krisenzeiten auf eine ausreichende Versorgung mit Euro-Liquidität vertrauen können. Dazu hat der EZB‑Rat Anfang des Jahres beschlossen, dauerhaft die Repo-Fazilität EUREP global für Notenbanken anzubieten. Im Rahmen dieser Fazilität können sich Notenbanken beim Eurosystem Euro-Liquidität besorgen. Dafür müssen sie Sicherheiten, die auf Euro lauten, hinterlegen. Neben den Repo-Linien unterhält das Eurosystem mit einigen Notenbanken sogenannte Swap-Linien. Diese unterscheiden sich von den Repo-Linien vor allem dadurch, dass die anderen Notenbanken als Sicherheiten den entsprechenden Gegenwert in ihrer Währung hinterlegen. Die Bereitstellung von Euro-Liquidität an andere Notenbanken hilft bei der Verhinderung von Marktturbulenzen. Das trägt dazu bei, dass unsere Geldpolitik reibungslos wirkt.
4 Digitaler Euro
Zu guter Letzt: Die internationale Rolle unserer Währung hängt auch von einem leistungsfähigen, souveränen und innovativen europäischen Zahlungsverkehr ab. In unserer heutigen Welt verlagern sich Zahlungen immer mehr in die digitale Sphäre. Mit diesen Entwicklungen müssen wir im Euroraum Schritt halten. Als Antwort auf diese Herausforderung hat das Eurosystem eine umfassende Strategie für die Zukunft des europäischen Zahlungsverkehrs erstellt.[8]
Ein Kernbestandteil dieser Strategie ist der digitale Euro. Oft wird der digitale Euro als Projekt für Verbraucherinnen und Verbraucher oder für die Finanzwirtschaft verstanden. Das greift jedoch zu kurz. Auch die Realwirtschaft kann erheblich profitieren. Denn Zahlungsverkehr ist längst integraler Bestandteil digitaler Wertschöpfungsketten. Bezahlen ist heute kein isolierter Vorgang mehr, sondern verschmilzt zunehmend mit digitalen Geschäftsprozessen – von Bestellung und Lieferung über Rechnungsstellung und Buchhaltung bis hin zu Plattformdiensten, Maschinenkommunikation und nutzungsabhängigen Geschäftsmodellen.
Der digitale Euro könnte hier zentrale Beiträge leisten: Zum einen wäre er eine euroraumübergreifende einheitliche digitale Zahlungslösung. Für Unternehmen, die innerhalb des Euroraums grenzüberschreitend tätig sind, würde dies Fragmentierung abbauen und Skalierung erleichtern. Zum anderen würde ein digitaler Euro die Abhängigkeit von außereuropäischen Zahlungsinfrastrukturen reduzieren. Das ist kein protektionistisches Argument, sondern eine Frage strategischer Handlungsfähigkeit und digitaler Souveränität.
Als besonders innovativ gelten sogenannte bedingte Zahlungen: Zahlungen könnten künftig automatisch ausgelöst werden, sobald zuvor definierte Bedingungen erfüllt sind – etwa nach Lieferung, bei erfolgreicher Leistungserbringung oder in Pay-per-use-Modellen. Die Innovationsplattform des Eurosystems hat bereits gezeigt, welch enormes Potenzial in solchen Anwendungen steckt und wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten in unterschiedlichsten Branchen sind.
Dabei ist wichtig zu betonen: Der digitale Euro wäre kein programmierbares Geld – weder Staat noch Zentralbank könnten festlegen, wofür er verwendet werden darf. Die Kontrolle über die Verwendung bleibt bei den Nutzerinnen und Nutzern.
Gerade für Unternehmen bieten sich perspektivisch neue Möglichkeiten: von automatisierter Rechnungsabwicklung über nutzungsabhängige Abrechnung bis hin zur Einbindung von Zahlungen in digitale Plattformen.
Neben dem digitalen Euro für Privatpersonen gibt es noch eine weitere Variante des digitalen Zentralbankgeldes für die Finanzindustrie, wir nennen sie Wholesale-CBDC. Bereits vom kommenden Herbst an wird mit dem Projekt Pontes Zentralbankgeld über die sogenannte Distributed-Ledger-Technologie (DLT) bereitgestellt. Ein bekanntes Beispiel für diese Technologie ist die Blockchain, auf der der Bitcoin basiert. Auch wenn sich die Wholesale-Variante des Zentralbankgeldes zunächst nur an die Finanzindustrie richtet, werden dadurch perspektivisch auch Angebote für Unternehmen entstehen.
Der digitale Euro und Wholesale-CBDC wären damit nicht nur ein neues Zahlungsmittel, sondern Teil einer umfassenderen europäischen Zahlungsverkehrsstrategie: öffentliches Geld als stabile Grundlage, private Anbieter als Innovationstreiber – und die Realwirtschaft als Gewinner effizienterer, souveränerer und stärker integrierter Zahlungsprozesse. Zudem arbeiten wir daran, Verbesserungen beim grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr zu erreichen. Somit tragen auch diese Maßnahmen dazu bei, die Attraktivität des Euro zu erhöhen und seine internationale Rolle zu stärken.
5 Schlussbemerkungen
Lassen Sie mich rechtzeitig vor Beginn des zweiten WM‑Halbfinales zum Schluss kommen. Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten gesehen: Erfolgreiche Teams leben nicht allein von ihren Stars, sondern von einem starken Gesamtgefüge. Wie ich gezeigt habe, leistet das Eurosystem seinen Beitrag, damit der Euro ein starker Leistungsträger im Team Europa bleibt. Ich bin zuversichtlich, dass Europa eine große Zukunft hat –auch im internationalen Währungssystem.
Fußnoten:
- EZB (2026), The international role of the euro, June 2026.
- IWF (2026), IMF Data Brief: Currency Composition of Official Foreign Exchange Reserves.
- Vgl. EZB (2026).
- Boz, E., A. Brüggen, C. Casas, G. Georgiadis, G. Gopinath und A. Mehl (2025), Patterns of Invoicing Currency in Global Trade in a Fragmenting World Economy, IMF Working Paper 25/178.
- Eurostat (2026), Extra-EU trade by invoicing currency.
- Frankovic, I. und S. Karau (2026), Political Pressure on the Fed – Is This Time Different?, mimeo.
- Europäischer Rat (2026), Savings and investment union.
- EZB (2026), The Eurosystem’s comprehensive payments strategy.