Europa kann mehr: Stärke in Wachstum übersetzen Rede beim Jahresempfang der Hauptverwaltung Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung: Der Norden als Standort im Brennglas

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste. Ich möchte Sie herzlich willkommen heißen bei der Bundesbank.

Es bedeutet mir viel, heute wieder bei Ihnen zu sein – denn der Norden ist meine Heimat. Und der Jahresempfang in Hamburg ist ein guter Anlass, um über unsere wirtschaftliche Zukunft zu sprechen. Denn hier in Norddeutschland wird vieles konkret, was Deutschland und Europa insgesamt bewegt.

Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein stehen für Weltoffenheit und internationalen Handel. Für Häfen, Logistik und maritime Wirtschaft. Für Tourismus, Kultur und Lebensqualität. Für Zukunftsthemen wie erneuerbare Energien. Und immer mehr für Sicherheit und Verteidigung.

All das macht diese Region zu einem wirtschaftlich starken und vielfältigen Standort. 

Diese Stärke zeigt sich auch in der jüngsten wirtschaftlichen Entwicklung. Im vergangenen Jahr entwickelte sich die Wirtschaft im Norden besser als der Bundesdurchschnitt von 0,2 Prozent. Mecklenburg-Vorpommern lag mit einem Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent an der Spitze – zusammen mit Bremen. Hamburg und Schleswig-Holstein zählten mit 0,8 und 0,9 Prozent zu den Top 5.[1]

Kurz gesagt: Hier im Norden lässt sich gut erkennen, was unseren Standort stark macht. Aber auch, was ihn herausfordert. Und genau darum soll es heute gehen:

  • Wie steht es um den Standort Deutschland und Europa?
  • Wie können wir unsere Stärken wieder besser in Wachstum übersetzen?
  • Und warum haben wir trotz aller Herausforderungen gute Gründe, mit Zuversicht nach vorn zu schauen?

2 Deutschland und Europa: starke Basis, wenig Dynamik

Deutschland und Europa stehen einer tiefgreifend neuen Weltordnung gegenüber. Die globalen Machtverhältnisse verschieben sich – geopolitisch, technologisch und wirtschaftlich. Geopolitische Spannungen wirken unmittelbar auf Lieferketten, Energiepreise und Investitionsentscheidungen.

Hierzu ein Blick auf den Hamburger Hafen: Im Handel mit den USA sank der Wert der hier umgeschlagenen Containerladungen im ersten Quartal 2026 um knapp ein Viertel.[2]

In dieser Gemengelage wird viel über Souveränität und Resilienz gesprochen. Das bedeutet keinesfalls Abschottung, sondern Wettbewerbsfähigkeit. Gerade in einem solchen Umfeld lohnt sich der Blick auf unsere Potenziale. 

Erstens: Europas Stärke liegt in seinem Binnenmarkt mit rund 450 Millionen Konsumenten – einem der größten Märkte weltweit. 

Zweitens: Deutschland ist in Europa die größte und in der Welt die drittgrößte Volkswirtschaft.[3] Wir verfügen über bedeutende Standortstärken wie leistungsfähige Unternehmen, eine starke Forschungslandschaft und gut ausgebildete Fachkräfte. 

Fakt ist aber auch: Die deutsche Wirtschaft tritt seit Jahren auf der Stelle. Nach Rückgängen in den Jahren 2023 und 2024 wuchs das Bruttoinlandsprodukt vergangenes Jahr lediglich um 0,2 Prozent.[4] 2026 ist positiv gestartet mit einem Quartalswachstum von 0,3 Prozent.[5]

Auch Europa bleibt wirtschaftlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Ein Indiz dafür sind ins Ausland abgewanderte Unternehmen, wodurch Know-how und Arbeitsplätze verloren gehen. Um eine Größenordnung zu nennen: Die europäischen Technologie-Unternehmen, die seit 2014 Europa verlassen haben – viele davon in Richtung USA –, haben heute einen geschätzten Marktwert von 1.200 Milliarden Euro.[6]

Wirtschaftswachstum ist das A und O, um die vielfältigen Herausforderungen erfolgreich anzugehen – den demografischen Wandel, die Digitalisierung, die grüne Transformation und unsere Verteidigungsfähigkeit. Zudem klagen viele Unternehmen über hohe Energiekosten, Fachkräftemangel und zu viel Bürokratie und Regulierung. 

Für mehr Wachstum sind enorme Anstrengungen erforderlich. Zwei Bereiche erscheinen mir besonders wichtig: eine leistungsfähige Energieversorgung und die dafür notwendige Infrastruktur. Und ein stärker entwickelter Kapitalmarkt, der Investitionen erleichtert und die Altersvorsorge unterstützt.

3 Wachstum braucht Energie und Infrastruktur

Bezahlbare und verlässliche Energie sind nicht nur für Verbraucher wichtig, sondern auch für Unternehmen. 

Deutschland und Europa sind stark auf Energieimporte angewiesen: In Europa werden derzeit 57 Prozent und in Deutschland 67 Prozent der Energie importiert.[7] Energie ist ein zentraler Standortfaktor. Alle Wachstumsbranchen brauchen sehr viel Energie. Daher müssen wir unsere Abhängigkeit von Energieimporten reduzieren.

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie stark geopolitische Konflikte auf Energiepreise durchschlagen können. Jüngst haben wir das an den Folgen des Irankriegs gesehen. Die Ölpreise stiegen auf Spitzenwerte von rund 126 US-Dollar pro Fass, und die europäischen Gaspreise haben sich signifikant erhöht. In Deutschland stieg der Spritpreis (Diesel) bis auf rund 2,26 Euro je Liter im April[8], Heizöl verteuerte sich zeitweise um über 50 Prozent.[9]

Durch den jüngsten Energiepreisschock entsteht Druck auf die Preisstabilität. Daher hat der EZB-Rat im Juni reagiert und die Leitzinsen um jeweils 25 Basispunkte angehoben.[10]

Steigende Energiepreise belasten Verbraucher und beeinträchtigen die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Deshalb geht es bei der Energiepolitik vor allem um die wirtschaftliche Zukunft unseres Standorts. Wer Rechenzentren, KI-Infrastruktur, industrielle Modernisierung und Zukunftstechnologien anziehen will, braucht verlässliche, bezahlbare und skalierbare Energie. 

Ein aktuelles Beispiel ist Frankreich: Ein japanisches Großunternehmen will dort bis zu 75 Milliarden Euro investieren, unter anderem in KI-Datenzentren.[11] Frankreich wirbt mit günstigem Atomstrom. Solche Entscheidungen zeigen, wie eng Energieverfügbarkeit und Investitionsattraktivität zusammenhängen.

Um unsere Energieversorgung resilient und wettbewerbsfähig auszurichten, braucht es eine Reihe von Maßnahmen wie:

  • Ausbau der erneuerbaren Energien,
  • Ausbau und Modernisierung der Stromnetze,
  • stärkere Integration der europäischen Energiemärkte
  • und bessere Speicherlösungen.

Norddeutschland spielt bei vielen dieser Themen eine Schlüsselrolle – insbesondere beim Ausbau der Offshore-Windenergie und Batteriespeicher. Entscheidend ist, Investitionen schneller umzusetzen und Planungsprozesse zu beschleunigen. 

4 Wachstum braucht Innovation und Kapital

Wirtschaftliche Stärke entscheidet sich nicht nur am Thema Energie und Infrastruktur. Sie entscheidet sich auch daran, ob wir Innovationen entwickeln, finanzieren und erfolgreich in den Markt bringen. Kurz: Ob wir Ideen zu Geld machen.

Deutschland gehört zu den innovationsstärksten Ländern der Welt. Wir sind Patent-Europameister und gehören weltweit zur Spitzengruppe.[12] Obwohl viele Ideen hier entstehen, erreichen unsere Innovationen nicht immer die gleiche disruptive Dynamik wie beispielsweise in den USA. Zudem wandern junge und wachstumsstarke Unternehmen zur Finanzierung und Skalierung oft in andere Regionen ab.

Dabei wäre der Sprung über den Ozean eigentlich nicht notwendig, denn wir haben eine starke Ausgangsposition, denn Geld ist da. Die privaten Ersparnisse sind hoch. Allein in Deutschland verfügen die privaten Haushalte über deutlich mehr als neun Billionen Euro[13]. Im gesamten Euroraum sind es mehr als 35 Billionen Euro.[14] 

Doch das Geld wird nur teilweise in Aktien, Fonds oder ETFs angelegt. Auch Unternehmen, vor allem aus dem Mittelstand scheuen den Kapitalmarkt, sodass sich der Kapitalmarkt hierzulande zu langsam entwickelt.

Hätten wir allerdings einen attraktiveren Kapitalmarkt, würden viele Gründer diesen auch nutzen und nicht in die USA gehen. Innovationen in Europa zu entwickeln, zu skalieren und zu finanzieren heißt letztlich: Von Europa für Europa. 

Das könnte sich – Stichwort demographischer Wandel – auch positiv auf die Altersvorsorge auswirken. 

Die Vorschläge der Rentenkommission zur Einführung kapitalgedeckter Elemente sind hier richtungsweisend. Kapitaldeckung ist – wie andere Länder zeigen – ein wichtiger Baustein, um die Altersvorsorge zukunftsfest zu machen. So könnte auch mehr langfristiges Kapital für Investitionen junger & etablierter Unternehmen, aber auch für Start-ups mobilisiert werden.

Ich bin sehr froh, dass wir in Deutschland mehr und mehr Start-ups sehen. So auch hier im Norden. Gerade im Bereich der Wasserstoffwirtschaft, der Energiewende und maritimer Technologien entstehen neue Unternehmen mit innovativen Geschäftsmodellen.

Das zeigt: Es mangelt nicht an Ideen und Unternehmergeist. Entscheidend ist, dass wir Rahmenbedingungen schaffen, damit daraus Wachstum, Investitionen und Arbeitsplätze entstehen.

6 Schluss: Norddeutsche Stärke und europäische Zuversicht

Meine Damen und Herren,

der Norden zeigt, wo Zukunftsstärken liegen:

  • Erneuerbare Energien.
  • Internationaler Handel mit maritimer Wirtschaft, Häfen und Logistik.
  • Forschung und Innovation.
  • Sicherheit und Verteidigung. 

Wirtschaftlicher Erfolg entsteht dort, wo Chancen erkannt und entschlossen genutzt werden. Viele von Ihnen tun genau das hier im Norden – in Unternehmen, Banken, Hochschulen und Institutionen.

Deshalb bin ich trotz aller Herausforderungen zuversichtlich: Deutschland und Europa müssen sich nicht neu erfinden. Aber wir müssen unsere Stärken konsequenter nutzen. 

Entscheidend ist, dass wir die Herausforderungen und notwendigen Reformen entschlossen angehen. Wenn uns das gelingt, bleibt unser Standort nicht nur wettbewerbsfähig. Dann wird er dynamischer, resilienter und handlungsfähiger.

Deutschland kann mehr, Europa kann mehr. Nutzen wir unser Potenzial! 

Vielen Dank.

Fußnoten:

  1. Quelle: Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“, Berechnungsstand: August 2025/Februar 2026, abgerufen im Juni 2026 BIP | Statistikportal.de
  2. hafen-hamburg.de | Hamburger Hafen: Umschlagszahlen 1. Quartal 2026 auf einen Blick
  3. IMF Data, Dataset World Economic Outlook (WEO), Gross domestic product (GDP) in current prices and US dollarWEO
  4. Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 um 0,2 % gewachsen – Statistisches Bundesamt
  5. Bruttoinlandsprodukt: Ausführliche Ergebnisse zur Wirtschaftsleistung im 1. Quartal 2026 – Statistisches Bundesamt
  6. Quelle: Studie von EQT und McKinsey, März 2026. Einbezogen wurden europäische Technologie-Unternehmen, die sich entweder für einen Börsengang im Ausland entschieden haben oder von ausländischen Investoren übernommen wurden.
  7.  [nrg_ind_id] Energy imports dependency
  8. Spritpreis-Entwicklung: Benzin- und Dieselpreise seit 1950
  9. Heizöl-Charts: Heizölpreis-Entwicklung und Tendenz | FastEnergy
  10. EZB-Pressemitteilung vom 11. Juni 2026 EZB-Rat: Leitzinsen angehoben | Deutsche Bundesbank
  11.  SoftBank Group to Build 5 GW of AI Data Center Capacity in France | SoftBank Group Corp.
  12. Nachfrage nach europäischen Patenten übersteigt erstmals 200 000 und bestätigt die Wettbewerbsfähigkeit Europas als globaler Technologie-Hub | epo.org
  13. Geldvermögensbildung und Außenfinanzierung in Deutschland im dritten Quartal 2025 | Deutsche Bundesbank
  14. Financial accounts | ECB Data Portal