Jetzt handeln und die deutsche Wirtschaft voranbringen Keynote-Rede beim Frankfurt Euro Finance Summit

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Begrüßung

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Deutschland ist mit einem Sieg in die Fußball-WM gestartet! Die Wettbüros sehen Deutschland zwar nicht im Kreis der Topfavoriten, räumen dem Team aber durchaus Titelchancen ein.

Ein fünfter Stern wäre auch aus wirtschaftlicher Sicht höchst willkommen: Denn in Jahren, in denen die Nationalmannschaft (der Männer) Weltmeister wurde, wuchs die bundesdeutsche Wirtschaft im Durchschnitt um einen Prozentpunkt schneller als sonst. So waren es in den Jahren 1954, 1974, 1990 und 2014 im Schnitt 4 %, verglichen mit 3 % pro Jahr im Durchschnitt seit 1951.

Kausal begründet ist dieser Befund allerdings nicht. Und so werden wir in diesem Jahr, selbst wenn es mit dem Weltmeister-Titel klappen sollte, wohl kaum ein kräftiges Wirtschaftswachstum bekommen. Doch dazu später mehr.

Zunächst einmal möchte ich mich für die Einladung bedanken. Ich freue mich, dass ich den Frankfurt Euro Finance Summit – wie schon im vergangenen Jahr – eröffnen darf. Man könnte auch sagen: schon wieder ein Jahr vergangen. Gut ein Jahr vergangen ist auch seit dem Amtsantritt der Bundesregierung. Was Sie, lieber Herr Scholz, dazu veranlasst hat, heute ein „Zwischenfazit“ ziehen zu wollen. 

2 Rückblende: Vor einem Jahr – und heute?

Deutschland könnte eine Erfolgsgeschichte werden. Dieser Satz stammt aus meiner Rede vor einem Jahr. Feinschmecker der deutschen Grammatik erkennen sofort, dass es sich um einen potenzialen Konjunktiv II handelt. Denn mit dem Wörtchen „könnte“ wird eine Möglichkeit beschrieben, keine Tatsache.

Wie steht es nun um diese Möglichkeit? Einerseits gibt es Fortschritte zu verzeichnen und Anlass zur Hoffnung, dass in den kommenden Wochen und Monaten weitere folgen. Andererseits sind wachstumsstärkende Reformen nötiger denn je. Auch, weil das internationale Umfeld herausfordernd bleibt.

In meiner Rede vor einem Jahr sprach ich über den Handelskonflikt mit den USA. Ein Jahr später ist die Zollfrage noch immer nicht endgültig geklärt. In gut fünf Wochen laufen die US-Zölle nach Section 122 grundsätzlich aus, eine Nachfolgeregelung wird erarbeitet. Auch der Nahe Osten war damals Thema, samt eines israelischen Angriffs auf den Iran. Im Rückblick erwiesen sich die Folgen als begrenzt. 

Wesentlich gravierender sind die wirtschaftlichen Auswirkungen des aktuellen Nahost-Krieges. Mit der Blockade der Straße von Hormus ist seit Monaten eine zentrale Lebensader für den globalen Energiehandel weitgehend gekappt. Mit Folgen für die gesamte Weltwirtschaft.

Energie ist schlagartig teurer geworden, vor allem Rohöl. Das macht sich auch in der allgemeinen Teuerung bemerkbar. So stieg die Inflationsrate nach dem Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) im Euroraum von knapp 2 % zu Beginn des Jahres auf vorläufig 3,2 % im Mai. Das ist bislang maßgeblich auf die Energiekomponente zurückzuführen, die Preise anderer Waren und Dienstleistungen zogen zuletzt aber ebenfalls an.

Erfreulicherweise zeichnet sich nun ein Waffenstillstand und eine Öffnung der Straße von Hormus ab. Es gibt Anlass für Hoffnung auf Frieden. Dennoch: Selbst wenn die Meerenge von Hormus demnächst wieder befahrbar sein sollte, wird es Monate dauern, bis sich das Ölangebot wieder normalisiert. Zumal Produktionsstätten in der Region teilweise beschädigt oder außer Betrieb gesetzt wurden und Reserven kleiner werden. Und der Preisdruck dürfte nochmals steigen, wenn fiskalpolitische Maßnahmen zur Senkung der Energiepreise auslaufen. Diese dürften die Inflationsrate im Euroraum im Mai um 0,4 Prozentpunkte gedämpft haben.

3 Geldpolitik im Euroraum

Dreieinhalb Monate nach Beginn des Nahost-Krieges ist klar geworden: Die Geldpolitik hat es nicht mit einem kurzfristigen Angebotsschock zu tun, durch den wir tatenlos hindurchschauen können.

Laut der Juni-Projektion des Eurosystems verschlechtern sich die Inflationsaussichten. Demnach dürften sich die anhaltend hohen Energiekosten in den kommenden Monaten zunehmend in den Verbraucherpreisen widerspiegeln. Auch Zweitrundeneffekte lassen sich derzeit nicht ausschließen. Das Risiko, dass hohe Lohnforderungen die Preise weiter treiben, ist derzeit zwar eher gering. Zu Zweitrundeneffekten kann es aber auch kommen, wenn die Inflationserwartungen steigen. 

Aus Finanzmarktdaten abgeleitete Inflationserwartungen sind zuletzt tatsächlich gestiegen. Viele Menschen haben die außergewöhnlich starke Teuerung der Jahre 2022 und 2023 noch lebhaft vor Augen. Das mag dazu beitragen, dass die Konsumentenbefragung der EZB im März und April erkennbar erhöhte Inflationserwartungen anzeigt.[1] Insgesamt erwarten die Fachleute des Eurosystems in ihrer Projektion, dass die Inflationsrate in diesem Jahr 3,0 % betragen wird. Sie wird erst im übernächsten Jahr wieder unsere Zielmarke von 2 % erreichen.

Vor diesem Hintergrund haben wir im EZB-Rat am vergangenen Donnerstag beschlossen, die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte zu erhöhen. Wir sind entschlossen, die Geldpolitik so auszurichten, dass sich die Inflation mittelfristig beim Zielwert von 2 % stabilisiert. Im Juli trifft sich der EZB-Rat zur nächsten geldpolitischen Sitzung. Dabei halten wir uns alle Optionen offen.

Den am Donnerstag beschlossenen Zinsschritt hatten die Finanzmärkte erwartet und längst eingepreist. Er sollte niemanden überrascht haben. Das Zinsniveau ist aktuell weiterhin weitgehend neutral. Die Grundausrichtung der Geldpolitik belastet also derzeit weder die Konjunktur, noch behindert sie strukturelle Maßnahmen für ein kräftigeres Wachstum. Und damit sind meine nächsten beiden Themen genannt. 

4 Konjunktur in Deutschland

Da das Winterhalbjahr besser lief als erwartet, hat der Krieg im Nahen Osten die Aussichten für den Wirtschaftsmotor im Gesamtjahr 2026 nur etwas gedrosselt. Nach der am Freitag veröffentlichten Deutschland-Prognose der Bundesbank wird die deutsche Wirtschaft im Gesamtjahr 2026 real und kalenderbereinigt um 0,5 % wachsen. Die Bundesbank-Prognose vom Dezember haben unsere Fachleute damit nur geringfügig um 0,1 Prozentpunkte nach unten korrigiert.

Beachtet man, dass wir in diesem Jahr überdurchschnittlich viele Arbeitstage haben, ergibt sich ohne Kalenderbereinigung ein reales Wachstum von 0,7 %. Für das kommende Jahr wird sich das Wirtschaftswachstum kalenderbereinigt auf 0,8 % beschleunigen. Und im übernächsten Jahr wird die deutsche Wirtschaft mit 1,4 % noch stärker expandieren. Bis 2028 dürfte die Konjunktur also wieder an Fahrt gewinnen. 

Gestützt wird die Erholung durch wieder sinkende Energiepreise, eine anziehende Weltwirtschaft und vor allem durch kräftige Impulse von der Fiskalpolitik. Letztere trägt gemäß unserer Schätzung im Prognosezeitraum kumuliert 1,3 Prozentpunkte zum Anstieg des Bruttoinlandsprodukts bei. Darunter haben steigende Verteidigungsausgaben das größte Gewicht. Höhere Infrastrukturausgaben spielen aber auch eine Rolle.

5 Vorfahrt für Investitionen

Damit der Wirtschaftsmotor noch mehr – und auch für längere Zeit – aufdrehen kann, bedarf es Vorfahrt für Investitionen. Um im Bild zu bleiben: An drei Kreuzungen sollten die Vorfahrtsregelungen zugunsten von Investitionen geändert werden. 

Erstens bietet das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität die große Chance, den Investitionsstau an öffentlicher Infrastruktur aufzulösen. Das gelingt umso besser, je mehr Mittel aus den neuen Krediten in zusätzliche Investitionen fließen, die die Infrastruktur verbessern. Die Bundesbank hat Vorschläge gemacht, wie man Vorfahrt für Ausgaben in Infrastruktur wirksam absichern kann.[2] 

Zweitens benötigen Investitionen Vorfahrt bei den Verfahren für Planung, Genehmigung und Auftragsvergabe. Das gilt für öffentliche Investitionen ebenso wie für private. Je kürzer die Zwischenstopps bei Ämtern sind und je weniger Stopps es gibt, desto schneller lässt sich die Investitionslücke schließen. Das Regelungsdickicht zu lichten, kann dabei ebenso helfen wie eine konsequente Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung. Bund und Länder haben hierzu bereits einiges auf den Weg gebracht. Jetzt steht die Umsetzung dieser Modernisierungsagenda an. Damit private Investoren Staat und Verwaltung zunehmend als Begleiter und Helfer wahrnehmen. 

Auch an einer dritten Kreuzung lässt sich für Vorfahrt für Investitionen sorgen. Zu oft steht die Standortampel auf Rot und bremst Unternehmen aus. Investitionswillige Unternehmen brauchen eine grüne Welle, die sie zu einem attraktiven Standort führt. Ein Standort, der bahnbrechende Erfindungen hervorbringt und in Innovationen umsetzt. Ein Standort, der die klügsten Köpfe anzieht und an dem es sich lohnt, etwas aufzubauen. Ein Standort, der die Chancen neuer Technologien beherzt ergreift und für neuen Wohlstand nutzt. Kurzum, ein Standort, an dem die Zukunft mitgestaltet wird. 

Meine Damen und Herren, Deutschland bringt vieles mit, um so ein attraktiver Standort zu sein: exzellente Forschung, anpassungsfähige Unternehmen und gut ausgebildete, engagierte Menschen. Wenn Wirtschaft und Gesellschaft die Chancen ergreifen und die Politik die Wachstumsbremsen löst, wird daraus eine neue Dynamik entstehen. 

Sie alle kennen die weiteren Baustellen, an denen die Politik derzeit arbeitet – Rente, Pflege, Gesundheit, Steuern. Die Abgabenlasten einzudämmen, das ist für den Wirtschaftsstandort Deutschland zweifellos ebenfalls ein sehr wichtiges Thema. Hier setzen wir insbesondere auf den guten Rat der beauftragten Expertenkommissionen.

Ich möchte deshalb einen weiteren Handlungsbedarf herausgreifen, der weniger im Fokus steht. Er ist aber gerade hier am Finanzplatz Frankfurt besonders relevant: Es geht um Wagniskapital. Wagniskapital ist ein zentraler Finanzierungsbaustein für junge Unternehmen, die mit Innovationen schnell wachsen wollen. 

Solche Geschäftsmodelle sind oft geprägt durch hohes Risiko, überwiegend immaterielle Vermögenswerte und anfangs negative Cashflows. In diesen Fällen scheiden Bankkredite oder Anleihen zur Finanzierung meist aus, da sich Ideen und immaterielles Kapital schlecht als Sicherheit hinterlegen lässt. Daher sind entwickelte Wagniskapitalmärkte so wichtig für die Innovationsfinanzierung.

Relativ zur Wirtschaftskraft ist der Wagniskapitalmarkt in Deutschland deutlich kleiner als in anderen Industriestaaten. 2025 betrug das Verhältnis zwischen Deal-Volumen und inländischer Wirtschaftsleistung 0,16 %. Zum Vergleich: In Frankreich war es knapp doppelt so hoch, im Vereinigten Königreich beinahe viermal so hoch und in den USA mehr als fünfmal so hoch.

Dabei mangelt es hierzulande weder an Innovationsfähigkeit noch an der Kapitalnachfrage junger Unternehmen. Es fehlt an Angebot: Wagniskapitalfonds in Europa sind zu klein. Nur 5 % des weltweit von Wagniskapitalfonds eingesammelten Kapitals stammt aus der EU.[3] Das macht sich besonders in den kapitalintensiven späteren Finanzierungsrunden bemerkbar: Hier sind Unternehmen stark auf außer-europäisches Wagniskapital angewiesen. Studien zeigen, dass diese Unternehmen dann teils dem Kapital folgen und abwandern.[4]

Aber weshalb klafft diese Finanzierungslücke in Europa überhaupt? Eine Rolle spielt sicherlich, dass institutionelle Investoren wie Pensionsfonds und Versicherungen hierzulande weniger Risiken eingehen als in einigen anderen Ländern. Das kann regulatorische Gründe haben, aber auch eine Frage der Präferenzen sein.

Außerdem bieten die kleinteiligen Kapitalmärkte in Europa Gebern von Wagniskapital wenig Perspektiven, wieder auszusteigen, etwa über Börsengänge. Diese Defizite sind erkannt.[5] Es ist höchste Zeit, sie politisch anzugehen. 

Manches kann man auf nationaler Ebene verbessern, wie die WIN-Initiative in Deutschland zeigt. Entscheidend ist aber, aus der Kleinstaaterei herauszukommen: Europas Finanzmärkte müssen zusammenwachsen. Wir benötigen einen echten Kapitalbinnenmarkt. 

Wir setzen uns im Eurosystem mit aller Kraft für Fortschritte bei der Spar- und Investitionsunion ein. Hauptakteur ist aber der EU-Gesetzgeber: Kommission, Parlament und Mitgliedstaaten müssen sich einigen. Das gemeinsame Positionspapier[6] der Finanzminister der sechs größten EU-Volkswirtschaften zum Marktintegrations- und Aufsichtspaket ist ein ermutigendes Signal: Es wächst die Bereitschaft, die nationale Brille abzulegen, um gemeinsam mehr zu erreichen. 

6 Schluss

Meine Damen und Herren, ich habe hier von der Seitenlinie leicht reden. Aber wie schon die BVB-Legende Adi Preißler wusste: Entscheidend is auf’m Platz. 

Von den Analysen und Konzepten ins Umsetzen und Handeln kommen – das ist das Gebot der Stunde. Wenn dabei Investitionen konsequent Vorfahrt erhalten, wird Deutschlands Wirtschaftsmotor auch wieder aufdrehen.

Ich bin weiterhin guten Mutes: Deutschland kann eine Erfolgsgeschichte werden. Auch ohne WM-Titel – aber schaden würde er nicht!

Herzlichen Dank.

Fußnoten:

  1. Vgl. EZB Consumer Expectations Survey, Inflation perceptions and expectations.
  2. Deutsche Bundesbank, Sondervermögen IK gezielter auf steigende infrastrukturnahe Investitionen ausrichten, Monatsbericht, Januar 2026.
  3. Fratto, C., M. Gatti, A. Kivernyk, E. Sinnott und W. van der Wielen (2024), The scale-up gap: Financial market constraints holding back innovative firms in the European Union, EIB Economics – Thematic Studies, Europäische Investitionsbank, Luxemburg.
  4. Hellmann, T. und V. Thiele (2023), Scaling versus selling startups: The role of foreign acquirers in entrepreneurial ecosystems, Journal of Political Economy Microeconomics 1 (2); Weik, S., A.-K. Achleitner und R. Braun (2024), Venture capital and the international relocation of startups, Research Policy 53 (7).
  5. FIVE – Financing Innovative Ventures in Europe, Recommendations to close the scale-up financing gap, deepen the Savings and Investments Union and strengthen Europe’s competitiveness, Januar 2026.
  6.  Increasing the Attractiveness and Competitiveness of the European Capital Market – Input for Council negotiations on the Integration and Supervision Package (MISP), 29. Mai 2026.