Resilienz statt Deregulierung: Warum solide Regulierung Wachstum sichert
In der aktuellen Diskussion um die Vereinfachung der Bankenregulierung wird vielfach gefordert, Kapitalanforderungen zu senken, um die Wettbewerbsfähigkeit inländischer Banken zu stärken. Implizit steht dahinter folgende These: Regulierung bindet Kapital, verteuert Kreditvergabe und kostet Wachstum. Wir sehen es genau entgegengesetzt: Nicht Regulierung hemmt das Wachstum – vielmehr gefährdet ein fragiles Bankensystem Wachstum gerade dann, wenn die Realwirtschaft verlässliche Finanzierung am dringendsten braucht. Ein Bankensystem, das den nächsten Schock verstärkt, ist die eigentliche Gefahr für Wirtschaft und Gesellschaft. Kapitalanforderungen sind deshalb kein Selbstzweck, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Banken Verluste tragen können, ohne sofort ihre Kreditvergabe einzuschränken. Eigenkapital stärkt also Vertrauen, stabilisiert Refinanzierung und erhöht die Fähigkeit, auch in angespannten Marktphasen handlungsfähig zu bleiben. Schwach kapitalisierte Banken sind gerade kein Zeichen von hoher Wettbewerbsfähigkeit, sondern Ausdruck geringerer Belastbarkeit.
Der Blick auf die Finanzkrise 2008/09 bleibt dabei eine wichtige Erinnerung und unterstreicht die grundsätzliche ökonomische Logik hinter angemessenen Kapitalanforderungen: Schwach kapitalisierte Banken können im Ernstfall hohe Folgekosten für Staat, Unternehmen und Haushalte verursachen. In Deutschland belasteten Bankenrettungen damals die öffentlichen Haushalte in hoher zweistelliger Milliardenhöhe. Unberücksichtigt bleiben dabei indirekte Kosten etwa durch Kreditverknappung, geringeres BIP‑Wachstum, Arbeitslosigkeit, Rentenkürzungen oder auch Kosten für Kurzarbeitergeld[1].
Deshalb wurde in den vergangenen Jahren seit der Finanzkrise im deutschen Bankensektor nachhaltig Resilienz aufgebaut. Mit Einführung der Solvabilitätsverordnung (SolvV) wurden die Eigenkapitalanforderungen stärker risikosensitiv ausgestaltet und strengere Anforderungen an die Qualität des regulatorischen Kapitals – sogenanntes Kernkapital – gestellt. Abbildung 1 zeigt, dass nach Einführung der SolvV sowohl die Kernkapitalquote als auch die Eigenmittelquote deutscher Institute deutlich angestiegen sind. Mit Einführung der CRR im Jahre 2014 wurden die Anerkennungskriterien für das Kernkapital verschärft und das sogenannte harte Kernkapital (CET1), eine neue zentrale Komponente des regulatorischen Eigenkapitals, eingeführt. Betrug der Abstand zwischen Kernkapital- und Eigenmittelquote 2014 noch 4,1 pp, so ist dieser Abstand am aktuellen Rand quasi halbiert. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch für die Quote des harten Kernkapitals beobachten. Die Institute verfügen also im Vergleich zu 2008 (1) über mehr und (2) über mehr höherwertiges Kapital, welches unmittelbar zur Verlustabsorption herangezogen werden kann und im Gegensatz zum Ergänzungskapital unbefristet zur Verfügung steht.
Bei der Beurteilung der Kapitalquoten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die vermehrte Anwendung interner Modelle zur Ermittlung der RWA auch zur Erhöhung der Kapitalquoten beigetragen hat. Vor allem große Banken stiegen vermehrt auf interne Modelle um. Die Verwendung interner Modelle ist durchaus aufsichtlich erwünscht, denn mit ihnen ist eine akkuratere Risikomessung und damit ein besseres Risikomanagement möglich. Diese Modelle erzeugen typischerweise aber auch deutlich weniger RWA als die konservativ kalibrierten Standardansätze. Dieser Umstand trug somit neben dem Aufbau von Kapital zum Wachstum der Eigenmittelquote bei, wie Abbildung 2 zeigt. Im zeitlichen Anwendungsbereich der SolvV zwischen 2008[2] und 2013 (roter Kasten) fanden im deutschen Bankenmarkt in Summe sowohl ein Kapitalaufbau (grüne Balken oberhalb der Nulllinie) als auch ein RWA‑Abbau (lila Balken oberhalb der Nulllinie) statt
Abbildung 3 zeigt, dass die RWA‑Dichte (RWA / Bilanzsumme) bei Banken, die interne Modelle nutzen, nach Einführung der SolvV zurückgegangen ist. Hingegen ist die RWA‑Dichte der restlichen Institute bis zum Ende der Gültigkeit der SolvV sogar leicht angestiegen. Trotz der – auch aufsichtlich gewünschten – Vorteile, die sich aus der Nutzung interner Modelle ergeben, darf deren Anwendung nicht zu einer aus Risikosicht unangemessenen Reduzierung der risikogewichteten Aktiva führen.
Mit Einführung des Output Floor sollen daher übermäßige RWA‑Optimierungen eingedämmt werden. Die RWA‑Ersparnis durch die Anwendung interner Modelle wurde auf 27,5 % begrenzt. Dieser Output Floor, Kernstück des finalen Basel III‑Reformpakets von 2017, fand mit Einführung der CRR III im Jahr 2025 seine Anwendung auch im deutschen Bankenmarkt und wird bis 2030 voll eingeführt. Er wirkt wie eine Untergrenze, die sicherstellt, dass Banken ihre Risiken nicht übermäßig kleinrechnen können.
All diese Reformen haben sich bewährt. Gerade in den zurückliegenden Jahren hat sich gezeigt, dass die Bankenregulierung und der Kapitalaufbau zu mehr Resilienz des Finanzsektors beigetragen haben: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie, von Russlands Krieg gegen die Ukraine und des Iran-Krieges, aber auch die Ausfälle der Silicon Valley Bank, Signature Bank und Credit Suisse haben das deutsche Bankensystem zu keiner Zeit ernsthaft in Bedrängnis gebracht.
Es gibt zudem keine Hinweise darauf, dass die Kreditvergabe deutscher Banken an Unternehmen und private Haushalte durch gestiegene Kapitalanforderungen gehemmt sein könnte. Entscheidend für die aktuelle Debatte ist die Frage, ob höhere Kapitalanforderungen an Banken tatsächlich negative Folgen für ihre Geschäftstätigkeit haben. Abbildung 4 zeigt, dass die Kreditbestände gegenüber nicht-finanziellen Gegenparteien und privaten Haushalten bei Instituten mit höherer CET1‑Quote vor Beginn der Corona-Pandemie und den folgenden Krisen (Q4/2019) stärker gestiegen sind als bei schwächer kapitalisierten Instituten. Eigenkapital ist augenscheinlich kein Gegenspieler der Kreditvergabe, sondern ein wichtiges Fundament. Ein solide kapitalisiertes Institut hat mehr Entscheidungsspielräume und kann Risiken tragen, Vertrauen schaffen und Kredite auch in wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten bereitstellen.
Finanzkrisen sind nicht nur historische Ereignisse, sondern haben reale Konsequenzen für Bürgerinnen und Bürger. Vor diesem Hintergrund erschließt sich der Beitrag der seither umgesetzten Reformen für höhere Kapitalanforderungen, die darauf zielen, künftige Schieflagen ohne Rückgriff auf öffentliche Mittel bewältigen zu können. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob und wie weit Kapitalanforderungen abgesenkt werden können, sondern wie Regulierung einfacher, konsistenter und zugleich stabilitätswahrend ausgestaltet werden kann. Diesen Weg gehen wir entschieden, ohne dabei an der Substanz der Anforderungen zu schrauben. Die seit der Krise umgesetzten Reformen haben die Resilienz des Bankensystems gestärkt, ohne die Kreditvergabe zu beeinträchtigen. Solide Banken und angemessene Kapitalanforderungen sind daher keine Wachstumsbremse, sondern eine Versicherung gegen die nächste Krise.
Fußnoten:
- So stieg im Zuge der Finanzkrise die Anzahl der Beschäftigten in Kurzarbeit von 2008 auf 2009 um rund 1 Millionen an. Quelle: statistik.arbeitsagentur.de
- Für das Jahr 2007 gab es für Institute noch die Möglichkeit der Anwendung des Grundsatz I. Erst ab Beginn des Jahres 2008 war die Umsetzung der SolvV-Vorgaben verpflichtend.