Mehr Europa wagen – gerade in der Finanzwelt! Gastbeitrag im Handelsblatt

Die globalen Machtverhältnisse in Politik, Wirtschaft und Finanzen sortieren sich neu. Schon vor dem Iran-Krieg hat Europa die Notwendigkeit erkannt, bei Verteidigung und Wirtschaft souveräner zu werden, allen voran bei Energie und Digitalisierung.

Ausgeblendet werden hingegen die großen Abhängigkeiten in der Finanzwelt. Egal ob wir Europäer eine Zahlung mit Kreditkarte, dem Smartphone oder einem Online-Bezahldienst tätigen, fast immer verlassen wir uns auf US-Infrastruktur. Für ein souveränes Europa ist es wichtig, hier attraktive europäische Alternativen anzubieten und zu nutzen.

Das gleiche gilt für Börsengänge. Erfolgreiche deutsche Unternehmen wie etwa Biontech gehen in New York und nicht in Frankfurt am Main an die Börse. Denn der US-Kapitalmarkt ist der mit Abstand größte und liquideste Markt der Welt.

Investoren können dort auf ein gesamtes Ökosystem zurückgreifen, einschließlich Analysten aus deutschen Geldhäusern. Dieses Ökosystem ist Voraussetzung für ein gutes Investment, kann aber auch in europäischen Großstädten entstehen und somit Europa als Emissions- und Investitionsstandort attraktiv machen.

Europa würde stärker werden, wenn mehr europäische Unternehmen den europäischen Kapitalmarkt nutzten, auch um sich zu refinanzieren. Gerade der deutsche Mittelstand scheut aber den Kapitalmarkt, vor allem wegen der Kosten und Transparenzanforderungen, die Emissionen über die Börse mit sich bringen.

US-Finanzinstitute haben enorme Marktmacht

Hier ist zum einen die staatliche Seite gefragt, die Nutzung des Kapitalmarktes attraktiver zu machen. Die Reform des EU-Verbriefungsmarktes zeigt, dass der Wille dazu besteht. Über Verbriefungen lassen sich Kredite in handelbare Wertpapiere umwandeln.

Zum anderen gilt mein Appell aber auch den europäischen Finanz- und Wirtschaftsunternehmen, die durch das Platzieren von mehr Aktien und Unternehmensanleihen an europäischen Märkten einen wichtigen Beitrag zur Stärkung Europas leisten könnten. So müssten europäische Bürger, Pensionskassen und andere Investoren nicht auf US-Investments ausweichen, sondern könnten vermehrt in europäische Unternehmen investieren.

Die US-Finanzdienstleister konnten ihre Marktmacht nach der Finanzkrise 2008 enorm ausbauen, indem sie nicht nur ihre Prozesse digitalisierten, sondern ihre Produkte in die digitale Welt überführten, weit vor den Europäern. Dieser Abstand könnte sich vergrößern.

Die Summen, die in den USA und in Asien in die Digitalisierung und die Künstliche Intelligenz investiert werden, betragen ein Vielfaches der europäischen Investments.

Internationale Investoren setzen stärker auf Europa

Dennoch besteht für Europa eine große Chance, im Finanzuniversum der 2030er Jahre wieder eine größere Rolle zu spielen. Das Interesse der internationalen Investoren an Europa, vor allem an Deutschland, ist stark gestiegen. Internationale Investoren diversifizieren ihr Portfolio aufgrund der geopolitischen Lage, aber auch, weil sie Europa Vertrauen schenken.

Dieses Vertrauen beruht mit Blick auf Deutschland vor allem auf dem verlässlichen Rechtssystem, der Demokratie, der Spitzenforschung auf vielen Gebieten und dem guten Grundgerüst der Wirtschaft.

Die künftige Marktmacht im Finanzsektor wird stark davon abhängen, wo der technologische Fortschritt entwickelt und umgesetzt wird. Die digitale Finanzwelt der 2030er Jahre bietet gerade für Deutschland als Europameister der Patentanmeldungen viele Chancen.

Viel beachtete Entwicklungen sind Echtzeitüberweisungen, digitale staatliche Währungen oder private, auf der Blockchain-Technologie beruhende Zahlungsmittel wie Stablecoins. Gerade in den USA haben Stablecoins, die an den US-Dollar gekoppelt sind, an Bedeutung gewonnen.

Ein US-Stablecoin der „magnificent seven“, also der sieben großen US-Techfirmen, hätte das Potenzial, in kurzer Zeit ein Milliarden-Publikum auf der ganzen Welt zu erreichen und so weitere Abhängigkeiten zu schaffen.

Europa kann auch in der Finanzwelt souverän werden

Statt das Feld allein Stablecoins zu überlassen, können Banken die Blockchain-Technologie auf Konten ihrer Kunden anwenden und daraus tokenisierte Guthaben machen. Für Unternehmen entstehen so durchgängige, digital abgebildete Wertschöpfungsketten, in denen Waren-, Daten- und Zahlungsflüsse nahtlos ineinandergreifen. Bewährte Geschäftsbeziehungen zwischen Banken und Unternehmen bleiben bestehen.

Kaum bekannt ist die Entwicklung anderer tokenisierter Finanzinstrumente, bei denen ganz unterschiedliche Vermögenswerte ebenso über die Blockchain abgebildet werden. Privatkunden hätten zahlreiche Vorteile etwa von digital abgebildeten Wertpapieren, Immobilien, Kunstwerken oder Filmrechten: Diese digitalen Vermögenswerte lassen sich auch in kleinster Stückelung günstig und schnell erwerben und wieder veräußern. Diese neuen tokenisierten Märkte bieten damit viele noch ungeahnte Geschäftsmöglichkeiten.

Der technologische Fortschritt und das Bewusstsein, wieder mehr Europa zu wagen, ist die Chance für Europa, auch in der Finanzwelt wieder eine souveränere Rolle zu spielen.