Inflation, Renten und der digitale Euro: Bundesbankpräsident Joachim Nagel im Interview Interview mit dem Handelsblatt

Das Interview führten Leonidas Exuzidis und Stefan Reccius.

Herr Nagel, Sie fahren gern Vespa. Ist Ihnen die Lust bei den aktuellen Spritpreisen vergangen?

Ein Vorteil einer Vespa ist ihr geringer Kraftstoffverbrauch. Große Distanzen fahre ich damit ohnehin nicht. Aber wenn ich tanke, dann schaue ich mittlerweile auch genauer hin.

Also tankt auch der Bundesbank-Chef strategisch clever?

Klar versuche ich, zu sparen – wie andere auch.

Inflation beginnt an der Zapfsäule, heißt es. In der Euro-Zone ist sie binnen zwei Monaten von 1,9 auf 3,0 Prozent gesprungen. Wie schmerzhaft wird es für Verbraucher?

Es ist schon jetzt schmerzhaft. Und es ist wahrscheinlich, dass die Preissteigerungen nicht auf die Kraftstoffe begrenzt bleiben. Aus früheren Erfahrungen wissen wir: Zwischen einem Angebotsschock und seiner Wirkung auf alle Gütergruppen können gut und gerne 18 Monate liegen. Bei der Inflation kann also noch einiges auf uns zukommen.

Wie stark wird die Inflation nach Ihren Prognosen steigen?

Unter den gegenwärtigen Bedingungen dürften wir in Deutschland im Durchschnitt für 2026 bei etwa 2,7 Prozent herauskommen.

Und in der Spitze?

Wir werden in einzelnen Monaten möglicherweise nochmals Werte über drei Prozent sehen. Wie hoch die Inflationsraten letztlich liegen, hängt davon ab, wie sich die Lage im Nahen Osten entwickelt.

Zeichnet sich nicht ab, dass es heftiger wird und im Sommer Inflationsraten über vier Prozent drohen, wie im negativen („adversen“) Szenario der EZB?

Auszuschließen ist das nicht. Wir befinden uns schon nicht mehr im Basisszenario der Eurosystem-Projektionen, sondern bewegen uns in Richtung des adversen Szenarios. Und man muss sehen, dass schon im Basisszenario zwei Zinserhöhungen zugrunde gelegt waren, denn das hatten die Märkte im März eingepreist.

Ende April verlängerte die EZB trotz dieser Lage ihre Zinspause. Warum?

Wir haben im EZB-Rat über eine Erhöhung diskutiert. Am Ende haben wir uns einstimmig entschieden, die sechs Wochen bis zur nächsten geldpolitischen Sitzung im Juni abzuwarten. Dann liegen uns zusätzliche Daten und neue Prognosen der Fachleute des gesamten Eurosystems zu Inflation und Wachstum vor – und damit eine robustere Entscheidungsgrundlage.

Und ab Juni steigen dann die Zinsen?

Ich habe noch einen Rest Hoffnung auf eine weitgehende Entspannung im Nahen Osten. Aber wir können die hohen Energiepreise nicht ausblenden. Zinserhöhungen werden immer wahrscheinlicher, wenn sich das Inflationsbild nicht grundsätzlich ändert. So haben sich etwa die kurzfristigen Inflationserwartungen bereits von unserem Inflationsziel entfernt. Und selbst bei einem baldigen Kriegsende könnte die Inflationsrate deutlich länger erhöht bleiben, als wir noch vor Wochen dachten. Gründe sind zerstörte Raffineriekapazitäten, verminderte Lagerbestände, gestörte Lieferketten und vermutlich weiterhin erhöhte geopolitische Unsicherheit.

Ist eine große Zinserhöhung um einen halben Prozentpunkt denkbar?

Netter Versuch. Der EZB-Rat wird im Juni über das weitere Vorgehen entscheiden.

Haben Sie Angst, dass die EZB die Kontrolle über die Inflationserwartungen verliert?

Ganz im Gegenteil. Niemand erhöht gern Zinsen, wenn das Wachstum stark belastet ist. Aber unser Auftrag lautet Preisstabilität. Und auf längere Sicht ist es für alle besser, wenn klar ist, dass wir unser Inflationsziel ernst nehmen und die Inflationsrate mittelfristig nahe zwei Prozent halten. Wir werden unseren Job machen – ohne Wenn und Aber.

Die Terminmärkte preisen zwei bis drei Zinserhöhungen bis Jahresende ein. Ist das angesichts der Konjunkturschwäche der Wirtschaft zumutbar?

Das Beste, was wir für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung tun können, ist, mittelfristig Preisstabilität zu gewährleisten. Wir beobachten die Datenlage genau.

Riskieren Sie aus schlechtem Gewissen eine Rezession, weil die EZB 2022 zu spät reagiert hat?

Zu dieser Annahme sehe ich keinen Anlass. 2022 kamen wir aus der Pandemie, dann begann im Februar 2022 der russische Angriffskrieg. Wir haben vor der ersten Zinserhöhung die Nettokäufe in den Anleiheprogrammen beendet – und diese Abfolge halte ich weiter für richtig.

Viele Experten sehen das anders. Auch Kollegen von Ihnen haben Fehler eingeräumt.

Mag sein, dass die Anleihekäufe früher hätten zurückgefahren werden können. Das Programm schrittweise zu beenden und erst dann die Zinsen zu erhöhen, fand ich aber geldpolitisch folgerichtig und sehr konsequent.

Nicht nur die Ausgangslage ist jetzt anders: Was macht Künstliche Intelligenz mit der Inflation?

Einerseits treibt Künstliche Intelligenz die Preise. Die Investitionen sind enorm, die Preise für Hardwarekomponenten steigen bereits. Hinzu kommt ein sehr konzentrierter Markt bei den Hyperscalern ...

... also Anbietern von Cloud-Diensten.

Andererseits könnten preisdämpfende Effekte auftreten, wenn Künstliche Intelligenz tatsächlich die Produktivität anschiebt und Kosten senkt. Aber einen solchen Effekt sehen wir noch nicht in den Daten.

Der Energiepreisschock ruft auch die Bundesregierung auf den Plan. Der EZB zufolge sollten staatliche Hilfen nur denen zugutekommen, die dringend Hilfe benötigen. Da fällt der Tankrabatt durch, oder?

Gerade wer ein niedriges Einkommen hat und sein Auto für den Arbeitsweg benötigt, den trifft die hohe Tankrechnung besonders. Da macht der Tankrabatt – insofern er an Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben wird – einen Unterschied. Ich kann nachvollziehen, dass die Politik hier schnell liefern wollte, und die Maßnahmen sind im Umfang und zeitlich begrenzt.

Halten Sie sich mit Kritik an der Bundesregierung zurück, weil Sie mit Ihrer Forderung nach Eurobonds, also EU-Gemeinschaftsschulden, angeeckt sind?

Nein. Damit habe ich eine Empfehlung des EZB-Rats an die europäischen Regierungschefs zu gemeinsamer Finanzierung aufgegriffen. Ich habe erläutert, unter welchen Bedingungen ich zweckgebundene europäische Verschuldung – die es ja bereits seit den 1970er-Jahren gibt – für denkbar halte: etwa für zusätzliche Verteidigungsausgaben und unter strikten Auflagen, also ohne solide Staatsfinanzen zu gefährden und ohne die Staaten von der Haushaltsdisziplin zu entbinden.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wirbt ebenfalls für Eurobonds. Schmeicheln Sie sich ein, um EZB-Präsident zu werden?

Ganz sicher nicht. Ich habe mich direkt nach der Diskussion im EZB-Rat geäußert, und einige Tage später hat Emmanuel Macron einen deutlich breiter angelegten Vorschlag gemacht. Für mich ist wichtig, dass die EU-Schulden nicht einfach „on top“ draufgepackt werden, sondern im Gegenzug die nationalen Schuldenspielräume sinken. Das heißt: Für klar definierte gemeinschaftliche Aufgaben könnten unter bestimmten Bedingungen bestehende Verschuldungsmöglichkeiten auf die EU-Ebene verlagert werden.

Was muss bei der Rente passieren, um einen finanziellen Kollaps zu verhindern?

Wir leben deutlich länger, immer mehr beziehen Rente und immer weniger sind erwerbstätig. Das erzeugt Druck auf die Rentenfinanzen und die Beitragssätze. Dabei ist es keine Lösung, diesen Druck mit immer mehr Bundeszuschüssen aufzufangen. Ich halte es für folgerichtig, dass wir einen Teil der zusätzlichen Lebenszeit arbeiten. Und um dies zu erreichen, schlägt die Bundesbank – wie übrigens viele andere – vor, das gesetzliche Rentenalter nach 2031 systematisch an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Das halte ich für nahezu unausweichlich, wenn wir – zum Glück – immer länger leben.

Ist das nicht zu pauschal – warum muss ein Dachdecker genauso lange arbeiten wie jemand, der 40 Jahre am Schreibtisch sitzt?

Den Punkt sehe ich, zumal mein Großvater selbst Dachdecker war. Und Sie haben völlig recht: Auch wenn wir im Schnitt länger gesund leben, gibt es Menschen, die im Alter gesundheitliche Probleme haben. Das kann aber viele Gründe haben und hängt nicht per se am Beruf. Deswegen haben wir auch immer klargestellt, dass ein angemessener individueller Schutz etwa bei Erwerbsunfähigkeit wichtig und notwendig ist.

Das Altersvorsorgedepot mit geförderten ETF-Sparplänen kommt Anfang 2027. Riester 2.0 oder Gamechanger?

Der neue Ansatz ist ein richtiges Signal und ein wichtiger Schritt zu einer stärkeren kapitalgedeckten Säule für die Altersvorsorge. Ich bin aber auch realistisch: So sehr ich das Altersvorsorgedepot begrüße – es wirkt erst mittelfristig und wird die Probleme der Rentenversicherung in den nächsten Jahren nicht lösen.

Sind Sie wie die Bundesregierung gegen eine Übernahme der Commerzbank durch Unicredit?

Das ist eine privatwirtschaftliche Entscheidung zwischen zwei Banken, getragen von ihren Aktionären. Als Zentralbankpräsident nehme ich hier keine politische Position ein. Schließlich ist die Bundesbank auch an der Bankenaufsicht beteiligt.

Braucht Europa mehr grenzüberschreitende Bankenfusionen?

Wir befürworten die Bankenunion als Teil einer tieferen Integration, um der Fragmentierung entgegenzuwirken. In Deutschland haben sich die Einlagensicherungssysteme der Sparkassen und Genossenschaftsbanken mehr als 100 Jahre als überaus robust erwiesen. Das müssen wir bei einer EU-Einlagensicherung berücksichtigen.

Gemeinsam mit der Bundesregierung treiben Sie den digitalen Euro voran. Wie besorgt sind Sie über die Verzögerungen im EU-Parlament?

Ein gesetzlicher Rahmen bis Jahresende ist noch realistisch. Anfangs waren die Widerstände groß, aber inzwischen hat sich die Debatte deutlich versachlicht. Offene Fragen, etwa wie viele digitale Euro ich in meiner Wallet halten darf, sind lösbar. Klar hätte ich mir mehr Tempo gewünscht. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich bis Ende 2029 mit dem digitalen Euro bezahlen kann.

Wir haben den Eindruck, die Widerstände in der Bankenbranche sind eher größer als kleiner geworden.

Das nehme ich nicht so wahr. Immer mehr Banken sehen inzwischen die Chancen des Projekts: Der digitale Euro kann eine gemeinsame europäische Infrastruktur schaffen, auf der Banken eigene Angebote entwickeln und ihren Kundinnen und Kunden europaweit nutzbare Zahlungslösungen anbieten können.

Die Banken fürchten vor allem den Abfluss von Einlagen zur EZB.

Das wird nicht passieren. Ein Haltelimit begrenzt den Betrag, den Privatpersonen unverzinst in digitalen Euro halten können. Angesichts des hohen Überschusskapitals der europäischen Banken ist die Größenordnung, die im Rahmen der diskutierten Haltelimite übertragen werden kann, gut verkraftbar. Was mir an dieser Stelle wichtig ist: Das Haltelimit begrenzt nicht den digitalen Euro als Zahlungsmittel. Auch höhere Beträge lassen sich mit dem digitalen Euro bezahlen. Das Geld dafür wird dann automatisch von einem Bankkonto verwendet, ähnlich wie man das vom Bezahlen mit Paypal kennt.

Die US-Notenbank Fed lehnt einen digitalen Dollar ab. Warum braucht die Euro-Zone eine staatliche Digitalwährung und die USA nicht?

Der Markt für digitale Zahlungen wird heute von US-Unternehmen dominiert – Visa, Mastercard, Paypal, Google Pay, große Stablecoin-Anbieter. Schon aus geostrategischen Gründen benötigen wir in allen Ländern des Euroraums ein eigenständiges Bezahlverfahren, das wir mit dem digitalen Euro etablieren werden. Die USA haben dieses Problem schlicht nicht – der Markt läuft in ihrem Sinne.

Europas Finanzinstitute haben das nicht selbst hinbekommen, deshalb brauchen sie Nachhilfe von der EZB?

Es geht nicht um Nachhilfe. Die Welt hat sich verändert, manches ist eingetreten, das wir für ausgeschlossen hielten. Europa muss unabhängiger werden, auch im Zahlungsverkehr. Bislang fehlt im Euroraum aber eine durchgängig nutzbare, europaweit einheitliche Lösung auf europäischer Infrastruktur. Gleichzeitig begrüßen wir private Initiativen im Zahlungsverkehr ausdrücklich. Sie können die Infrastruktur des digitalen Euro nutzen.

Wie wollen Sie die Bevölkerung vom digitalen Euro überzeugen?

Das ist eine sehr wichtige Aufgabe. Sobald der gesetzliche Rahmen steht, können wir das mit vollem Elan angehen. Wir werden die Anwendungsfälle zeigen und die Vorteile greifbar machen – im Geschäft, online und zwischen Privatpersonen. Ein einfaches Beispiel: Heute können Sie in Europa nicht immer mit jeder beliebigen Karte zahlen. Der digitale Euro soll überall akzeptiert sein. Und noch mal zur Klarstellung: Das Bargeld bleibt.

Nutzen Sie den hiesigen Paypal-Konkurrenten Wero?

Bisher noch nicht. Aber Wero kann ein wichtiger Baustein im europäischen Zahlungsverkehr werden. Auch Wero könnte künftig die Infrastruktur des digitalen Euro für sich nutzen. Wir bieten so etwas wie eine europäische Autobahn an, auf der auch andere Anbieter von Zahlungssystemen unterwegs sein könnten.

Bei der Fed steht der Führungswechsel an. Der bisherige Fed-Präsident Jerome Powell will als einfacher Gouverneur bleiben, was ungewöhnlich ist. Können Sie das nachvollziehen?

Ja. Seine Entscheidung verdient großen Respekt. Jerome Powell ist ein ausgezeichneter Notenbanker und wird der Fed auch in seiner neuen Rolle guttun.

Machen Sie sich jetzt weniger Sorgen um die Unabhängigkeit der Fed?

Die Besorgnis verschwindet nicht einfach. Mich haben die persönlichen Angriffe auf Powell verstört. Ich hoffe, dass Kevin Warsh der Politik seines Vorgängers folgt und die Unabhängigkeit der Fed mit derselben Haltung verteidigt.

Kennen Sie Warsh persönlich?

Wir sind uns bereits einige Male begegnet. Er ist ein Ökonom mit langer Vergangenheit bei der Fed. Er weiß, dass er an seinen Taten im Amt gemessen werden wird.


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