Interview mit der Goslarsche Zeitung

Das Gespräch führte Frank Heine. 

Herr Dr. Nagel, Sie waren am 20. März Ehrengast des 44. Goslarschen Panckets – mit welchen Erwartungen an den Abend, mit welcher Botschaft für die Teilnehmer sind Sie nach Goslar gereist?

Zunächst einmal habe ich mich sehr geehrt gefühlt, beim 44. Goslarschen Pancket auftreten zu dürfen. Für mich war dies eine hervorragende Gelegenheit zum offenen Austausch zwischen Wirtschaft, Finanzwelt und Gesellschaft. Dieser Austausch ist gerade jetzt angesichts der großen Unsicherheit aufgrund des Kriegs im Nahen Osten sehr wichtig. Für uns bringt der Krieg zusätzliche Unsicherheit und viele Herausforderungen mit sich, trotzdem war meine Botschaft an diesem Abend klar: Deutschland verfügt über enorme wirtschaftliche Substanz, Talent und Unternehmergeist – darauf können wir aufbauen. Gemeinsam in Europa können wir Chancen entschlossen nutzen und damit gestärkt aus dieser schwierigen Phase hervorgehen.

Wir können uns nicht mehr in gleichem Maße wie bisher auf die transatlantische Zusammenarbeit und die regelbasierte internationale Ordnung verlassen. Diesen Satz haben Sie Mitte Februar auf dem Empfang der American Chamber of Commerce in Frankfurt gesagt. Sie sprachen von neuen geopolitischen Realitäten. Da hatte US-Präsident Donald Trump noch nicht den Befehl zum Angriff auf den Iran erteilt. Wie sehen Sie die geopolitische Lage und deren Folgen? Wie hat dies der EZB-Rat auf seiner jüngsten Sitzung bewertet?

Die Weltlage ist ernst. Frieden und Verlässlichkeit sind rar geworden. Auch der Krieg in Nahost wirkt sich bei uns aus. Das merken jetzt alle, die etwa tanken müssen. Die Energiepreise sind in den letzten Wochen stark gestiegen. Es ist die Aufgabe von meinen Kolleginnen und Kollegen im EZB-Rat und mir, mittelfristig stabile Preise im Euroraum sicherzustellen. Am Donnerstag haben wir im EZB-Rat beschlossen, die Leitzinsen vorerst nicht zu ändern. Aber wir beobachten sehr genau, wie sich der Konflikt im Nahen Osten auf uns auswirkt. Wenn nötig, werden wir entschlossen handeln. 

Die Bundesbank galt jahrzehntelang als besonders strenge Hüterin der Preisstabilität. Es gibt kritische Stimmen, die besagen, sie habe sich in der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zu oft angepasst. Was antworten Sie diesen Kritikern?

Die Bundesbank steht auch heute fest zu ihrer Rolle als Hüterin der Preisstabilität. Daran hat sich gegenüber früher nichts geändert. Im EZB-Rat analysieren wir gemeinsam, wir diskutieren gemeinsam und wir entscheiden gemeinsam über die Geldpolitik im Euroraum. Ich halte es für hilfreich und wertvoll, wenn der EZB-Rat nach außen geschlossen auftritt. Seit meinem Amtsantritt im Jahr 2022 habe ich diese Maxime verfolgt. Ich halte dies für wichtig, weil die Geldpolitik dadurch schlagkräftiger wird und ihr Ziel der Preisstabilität besser erreichen kann. 

Sie gelten als ein starker Befürworter des digitalen Euro – aus welchen Gründen und zu welchen Zwecken?

Jeder von uns merkt es ja selbst: Die Welt wird immer digitaler. Gleichzeitig erkennt Europa, dass es bei den geopolitischen Konflikten zusammenstehen und widerstandsfähig sein muss. Da ist es doppelt richtig, wenn wir in Europa auch im Digitalen verlässlich und unabhängig von außereuropäischen Anbietern bezahlen können. Der digitale Euro ist wie Bargeld, nur digital. Mit dem digitalen Euro bekommen Sie eine digitale Geldbörse, die Sie überall in Europa nutzen können – egal, ob Sie im Laden einkaufen, online bestellen oder Freunden Geld schicken. Und schließlich wird der digitale Euro dafür sorgen, dass Europa unabhängiger von nicht-europäischen Zahlungsdienstleistern wird. Kurz gesagt: Der digitale Euro wird unser Bezahlen einfacher, sicherer und moderner machen, während er gleichzeitig Europa stärkt und besser auf die digitale Zukunft vorbereitet. Damit keine Missverständnisse entstehen: Der digitale Euro wird das Bargeld nicht ersetzen, sondern als zusätzliche Bezahlvariante ergänzen.

Zu Ihrer Institution: Die Bundesbank hat zuletzt zum zweiten Mal in Folge Verluste ausgewiesen. 2025 betrug der Fehlbetrag 8,6 Milliarden Euro. Wie lange kann die Bundesbank solche Belastungen tragen, ohne ihre geldpolitische Glaubwürdigkeit oder Handlungsfähigkeit zu gefährden? 

Um es ganz klar zu sagen: Die Bilanz der Bundesbank ist solide. Die Bundesbank besitzt beträchtliche Vermögenswerte, die ihre aktuellen und zukünftigen Verpflichtungen deutlich übersteigen. Das zeigt unser Nettoeigenkapital, das Ende vergangenen Jahres 363 Mrd Euro betragen hat. Insofern muss sich niemand Sorgen darüber machen, dass die Bundesbank ihre Aufgaben nicht erfüllen kann. Die finanziellen Belastungen werden in den nächsten Jahren vorübergehen. Anschließend werden wir wieder Gewinne erzielen und damit die aufgelaufenen Verluste aus eigener Kraft ab- sowie die Risikovorsorge wieder aufbauen. Die gegenwärtige bilanzielle Situation schränkt die Bundesbank weder in ihrer geldpolitischen Glaubwürdigkeit noch in ihrer Handlungsfähigkeit ein. Nur zur Einordnung: Die aktuellen finanziellen Belastungen der Bundesbank resultieren aus der Zeit vor und während der Pandemie, als über geldpolitische Ankaufprogramme die Notenbanken im Eurosystem in einer Zeit sehr niedriger Inflationsraten ihr Mandat erfüllten. 

Wenn die Bundesbank keine Gewinne mehr an den Bund ausschütten kann: Müssen sich Steuerzahler darauf einstellen, dass sie allgemein künftig immer stärker zur Kasse gebeten werden, weil ein Sicherheitspolster wegfällt?

Die Aufgabe der Bundesbank besteht nicht in einer Gewinnorientierung, sondern in der Erfüllung von unserem Mandat, Preisstabilität zu sichern. Das ist die Aufgabe der Geldpolitik.

Letzte kurze Frage: Sollte Deutschland sich schleunigst beeilen, seine Goldreserven aus den USA nach Deutschland zu holen? Nur zur Sicherheit…

Die Bundesbank lagert seit Jahrzehnten einen Teil ihrer Goldreserven bei der US-Notenbank Fed in New York. Zu dieser Institution pflegt die Bundesbank seit jeher ein sehr gutes Vertrauensverhältnis. Zugangs- und Verfügungsbeschränkungen der Goldreserven hat es bislang nie gegeben. Das bisher gezeigte Vertrauen in die Fed stelle ich nicht in Frage. Es besteht überhaupt kein Anlass dazu.

 

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