Aktuelle Wirtschaftsperspektiven für Deutschland 44. Goslarsches Pancket Rede als Ehrengast
Es gilt das gesprochene Wort.
1 Einleitung
Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine besondere Ehre und Freude, heute hier in der ehemaligen Hansestadt beim 44. Goslarschen Pancket die Ansprache als Ehrengast halten zu dürfen. Hier im Kaisersaal der Kaiserpfalz kann man sich gut vorstellen, wie es gewesen sein mag, wenn im Mittelalter Kaufleute und Vertreter des öffentlichen Lebens beim Bankett zusammenkamen, um über aktuelle Themen zu sprechen. Im Sinne dieser Tradition der Hansestadt Goslar steht der heutige Abend.
Tradition und Zukunftsorientierung müssen kein Widerspruch sein. Im Gegenteil: Das Wissen um die Vergangenheit hilft uns dabei, die Notwendigkeiten der Zukunft klarer zu erkennen. Der Austausch von Ideen, Perspektiven und Erfahrungen ermöglicht uns, Chancen besser zu erkennen und für Veränderungen zu nutzen. In und um Goslar scheinen Sie sich darauf sehr gut zu verstehen: Am Ort des Weltkulturerbes sind zukunftsorientierte Unternehmen von Weltrang fest verankert.
Im historischen Kaisersaal schaut uns heute Abend von der Südseite Karl der Große über die Schulter – während wir miteinander über die Perspektiven Deutschlands reden. Das ist eine schöne Verbindung, denn sie erinnert daran: Deutschland gedeiht am besten in einem starken, vereinten Europa. Als Vater Europas
wird Karl der Große heute oft angesehen.[1] Und zum Vater gehört die europäische Familie
– eine Gemeinschaft verbunden durch Ideale und Werte, durch wirtschaftliche und politische Kooperation. Die europäische Familie eröffnet jedem Mitglied ein Mehr an Chancen und Perspektiven. Wir sollten sie bestmöglich nutzen – gerade im aktuellen geopolitischen Umfeld. Sie sind ein wichtiger Aspekt für den wirtschaftlichen Ausblick in Deutschland – mit dem ich beginne.
2 Schlaglichter zur aktuellen Wirtschaftslage
Seit drei Wochen hält uns inzwischen der Krieg im Nahen Osten in Atem. Wie lange dauert der Krieg? Wie viel wird zerstört? Wie stark werden Förderung und Transport von Öl und Gas beeinträchtigt? Wie sehr wird der zarte wirtschaftliche Aufschwung gebremst? Deutliche wirtschaftliche Effekte sehen wir bereits bei den Öl- und Gaspreisen: Sie sind massiv und abrupt gestiegen. Wer tanken muss, spürt bereits starke Preisanstiege. Droht nun eine Rückkehr hoher Inflationsraten? Und wie sollte die Geldpolitik jetzt handeln? Wir haben beim Krieg in der Ukraine gesehen, dass sich starke Energiepreisanstiege in einem breit angelegten Anstieg der Inflationsrate niederschlagen können. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist umso größer, je stärker die Energiepreise steigen und je länger das hohe Niveau anhält.
Auch wenn ich nicht viel Aufhebens darum machen will:
Wir begegnen den Herausforderungen für die Geldpolitik aus einer Position der Stärke. Die Geldpolitik ist gerüstet und gewappnet, um im Bedarfsfall schnell und zielgerichtet zu handeln – das hat Christine Lagarde gestern bei ihrer Pressekonferenz klargestellt, die sie nach jeder geldpolitischen Sitzung des EZB-Rats gibt. Wir haben weitgehend Preisstabilität im Euroraum erreicht, auch in Deutschland. Die starke Teuerung der vergangenen Jahre liegt inzwischen hinter uns.
Das ist im Übrigen ein wichtiger Unterschied zum Februar 2022: Die Inflation lag damals schon bei mehr als 5 %, als der Energiepreisschock in Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine einsetzte. Aber der damalige Preisschub hat bei vielen Produkten deutliche Spuren hinterlassen. Jeder von uns merkt das, wenn wir im Supermarkt einkaufen. Jeder von uns erinnert sich daran, vor ein paar Jahren zum Beispiel für einen Schokoladen-Osterhasen oder ein Pfund Kaffee deutlich weniger gezahlt zu haben. Für ein Pfund Markenkaffee zahlt man heutzutage zum Beispiel meist über 9 €. Anfang 2022 waren es noch weniger als 7 €. Unsere Erfahrungen im Supermarkt und an der Tankstelle haben einen deutlichen Einfluss darauf, wie wir die Inflation wahrnehmen.[2] Denn die Preise für häufig gekaufte Produkte sind uns oft besonders präsent. Aktuell prägen die rapide gestiegenen Spritpreise unsere Wahrnehmung. Ein Liter Diesel war heute früh in Goslar nicht für unter 2,25 € zu haben. Im Dezember lag der Preis noch bei 1,60 €, also fast 30 % niedriger.
Im EZB-Rat sind wir entschlossen, die Inflationsrate mittelfristig bei 2 % zu stabilisieren. Der Verweis auf die mittlere Frist ist wichtig. Zum einen, weil die Geldpolitik erst mit Verzögerung auf die Inflationsrate wirkt. Zum anderen, weil sie erlaubt, durch kurzfristige Inflationsanstiege hindurchzuschauen, um das Wirtschaftsgeschehen nicht über Gebühr zu belasten.
Für die weitere Preisentwicklung sind zwei Punkte entscheidend, und im EZB-Rat beobachten wir sie besonders genau: Erstens: Bleiben die derzeit hohen Preisanstiege auf Energie begrenzt oder steigen nach und nach auch andere Preise an? Etwa die Preise von Lebensmitteln, weil Bauern Diesel für ihre Traktoren benötigen und Händler für den Transport zum Supermarkt?
Und führen die zeitweise höheren Preise zu höheren Löhnen – und darüber wieder zu Preiserhöhungen durch die betroffenen Unternehmen? Solche Zweitrundeneffekte könnten dazu führen, dass die Inflationsrate über längere Zeit hoch bleibt. Zweitens: Welche Inflationsrate erwarten die Bürgerinnen und Bürger, die Unternehmen und die Finanzmärkte? Je höher die erwartete Inflationsrate und je länger der Zeitraum, über den sie erwartet wird, umso größer ist die Gefahr, dass sich diese Erwartungen in der tatsächlichen Inflation niederschlagen.
Die Geldpolitik kann einen kurzfristigen Anstieg der Inflation infolge eines Energiepreisschocks nicht verhindern. Sie muss aber handeln, wenn sich Zweitrundeneffekte abzeichnen und die längerfristigen Inflationserwartungen über das Inflationsziel steigen, denn dann droht sich die hohe Inflation zu verfestigen.
Gestern hat der EZB-Rat beschlossen, die Leitzinsen unverändert zu belassen. Angesichts des Iran-Krieges und seiner Auswirkungen auf die Inflation gilt es, geldpolitisch sehr wachsam zu sein. Da sich die mittelfristigen Folgen für die Inflation noch nicht verlässlich einschätzen lassen, ist eine abwartende Haltung angemessen. Wir können bei Bedarf schnell reagieren. Dafür ist es gut, dass die Zentralbanken im Eurosystem unabhängig sind und sich ganz auf ihr Mandat konzentrieren können. Der EZB-Stab hat seine Inflationsprognose für dieses Jahr deutlich nach oben revidiert. In der mittleren Frist geht die Vorausschätzung im Basisszenario weiterhin von Preisstabilität aus.
Blicken wir jetzt auf die Wirtschaftsentwicklung im Euroraum. Gestern erst hat Christine Lagarde die neue Projektion der EZB-Fachleute vorgestellt. Für das Jahr 2026 erwarten sie ein Wirtschaftswachstum von 0,9 % und 2027 eine weitere Beschleunigung auf 1,3 %.[3] Vom Krieg im Iran gehen im Basisszenario Risiken aus: Die Inflation könnte höher ausfallen, das Wirtschaftswachstum geringer. Bislang hat sich die Wirtschaft des Euroraums trotz Gegenwind von außen widerstandsfähig gezeigt. Ob sie auf ihrem moderaten Wachstumspfad bleibt, hängt insbesondere vom weiteren Verlauf des Konflikts im Nahen Osten ab. Daher betrachten die EZB-Fachleute zusätzlich zum Basisszenario auch alternative Szenarien, in denen die Auswirkungen von länger anhaltenden, hohen Energiepreisen untersucht werden.
Wir in der Bundesbank erwarten für Deutschland positive Wachstumseffekte von den zusätzlichen Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur. Auch eine Belebung der privaten Nachfrage war vor Beginn des Iran-Kriegs angelegt.[4] Bei allen Unsicherheiten in der weltpolitischen Lage, denen wir nicht aus dem Weg gehen können: Wir sollten alles daransetzen, dass wir die Chancen auf Wirtschaftswachstum nutzen, die wir selbst in der Hand haben. Das Ziel ist klar vor Augen: Durch Reformen und zukunftsorientierte Investitionen in die Infrastruktur die deutsche Wirtschaft wieder auf einen soliden Wachstumspfad bringen. Die Politik hat bereits einiges angestoßen. Jetzt gilt es, die Reformen hieb- und stichfest umzusetzen.
Meine Damen und Herren, „Gegenwind formt den Charakter“, heißt es. An Gegenwind mangelt es uns nicht: Denken wir nur an die Pandemie, gestörte Lieferketten und hohe Energiekosten im Zuge von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Inzwischen stehen im Vordergrund der Krieg in Nahost, US-Zolleskapaden und die zunehmende Konkurrenz chinesischer Unternehmen in unseren Paradedisziplinen. Jetzt heißt es Charakter beweisen.
Das gelingt am besten, wenn Europa, wenn die Mitglieder der Europäischen Union zusammenarbeiten. Denn einzelne Staaten haben im internationalen Kräftespiel der Mächte kaum Chancen, ihre Sicht der Dinge gegenüber Supermächten durchzusetzen. Eine solche Erfahrung haben Städte und Unternehmer auch zu Zeiten der Hanse gemacht: Wer im Handel eine wichtige Rolle spielen will, der muss zusammenarbeiten und tüchtig sowie verteidigungsfähig sein. Goslar hat seine Mitgliedschaft in der Hanse genutzt, um nicht zuletzt über Handelsverbindungen seine wirtschaftliche Stellung zu stärken. Ähnlich können wir heute für Deutschland argumentieren: Die Europäische Union kann uns allen dabei helfen, dass wir uns gegenüber den globalen Mächten behaupten können.
Damit dies gelingt, müssen wir Europa stärken. Es gibt viele Bereiche, wo das geschehen kann – mehr Binnenmarkt auch bei Dienstleistungen, mehr gemeinsames Sparen und Investieren, weniger Bürokratie. Ich möchte mich aber hier auf einen Bereich konzentrieren, der mir besonders am Herzen liegt: den digitalen Euro.
3 Der digitale Euro – ein Beitrag, Europa zu stärken
Meine sehr verehrten Damen und Herren, bisher ist Bargeld das einzige wirklich europäische Zahlungsmittel, mit dem jeder von uns überall im Euroraum bezahlen kann. Trotz der Vielzahl an Bezahllösungen wie Girocard in Deutschland, Bizum in Spanien oder PayPal fehlen echte europäische und europaweite Lösungen.
Wir alle erleben es im Alltag: Die Welt und das Bezahlen werden immer digitaler. Viele Zahlungen erledigen wir heute mit wenigen Klicks an Smartphone, Tablet oder Smartwatch. Auch mit Karte wird immer häufiger gezahlt. Bislang werden allerdings zwei Drittel der Kartenzahlungen im Euroraum über außereuropäische Anbieter wie vor allem Visa oder Mastercard abgewickelt. Hinzu kommt die Dominanz von PayPal gerade im deutschen Markt. Diese Abhängigkeit sollten wir verringern. Der digitale Euro kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.[5]
Er wäre für Privatpersonen eine digitale Version des Bargelds. Und ich betone: Er soll das Bargeld ergänzen, nicht ersetzen. Denn die digitalen Zahlungen nehmen zwar seit Jahren zu. Gleichzeitig schätzen die Bürgerinnen und Bürger aber eindeutig auch die Eigenschaften des Bargeldes. Es bietet Privatsphäre und funktioniert auch dann, wenn der Akku in Smartphone oder Lesegerät mal leer ist. Mit dem digitalen Euro schaffen wir eine Art digitalen „Zwilling“ des Bargelds als europäisches Zahlungsmittel. Wer weiterhin mit Bargeld bezahlen will, kann das gerne tun. Zusätzlich wird es den Euro auch digital geben.
Wie genau würde das funktionieren? Der digitale Euro würde uns allen – wie das Bargeld – über regulierte Finanzinstitute bereitgestellt, z. B. in deren Onlinebanking oder Apps. Hinter dieser Anbindung steht das Eurosystem mit seiner Infrastruktur. Wir könnten den digitalen Euro beim Brötchenkauf nutzen, beim Einkauf im Internet oder bei Zahlungen im Freundes- und Familienkreis. Mit dem digitalen Euro könnte man auch „offline“, ohne Internetverbindung, bezahlen. Dadurch würde er deutlich krisenresistenter als andere digitale Zahlungsmittel. Und was auch wichtig ist: Der Schutz der Privatsphäre wird beim digitalen Euro großgeschrieben. Das Eurosystem hat kein Interesse an privaten Zahlungsdaten. Die Bundesbank beteiligt sich als eine von sechs nationalen Zentralbanken an Aufbau und Betrieb der Infrastruktur für den digitalen Euro.
4 Schluss
Sie haben es sicher gemerkt: Ich bin überzeugt, dass uns eine engere Zusammenarbeit in Europa weiterbringt. Wir sehen es ja täglich: Es gibt viele Themen, bei denen ein einzelnes Land allein wenig ausrichten kann. Gemeinsam können wir in den zunehmend rauen Gewässern des internationalen Handels aber eine wichtige Rolle spielen. So wie das früher die Hanse getan hat. Für viele Themen und Fragen können wir uns mit unseren europäischen Partnerländern zusammentun. Wir haben das Heft in der Hand. Wir können gemeinsame Antworten finden. Und diese können wir dann international mit Nachdruck vorbringen.
Dies war ein wichtiges Anliegen der Hanse im Mittelalter, wenn es darum ging, die gemeinsamen Interessen wirkungsvoll nach außen zu vertreten. Und das ist es auch in der Zukunft. Dieses Pancket steht für mich daher auch für eine Tradition, bei der Zukunftsfragen im Mittelpunkt stehen und der Wille, diese gemeinsam im Interesse aller Teilnehmenden zu beantworten. Ich freue mich nun sehr, mit Ihnen im traditionellen Rahmen dieses Panckets über die Zukunft zu parlieren.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Fußnoten:
- So, als „Rex, pater Europae“, wurde er bereits im Aachener Karlsepos vom Jahr 799 tituliert. Vgl.: Karolus Magnus et Leo papa. Ein Paderborner Epos vom Jahre 799. Mit Beiträgen von Helmut Beumann, Franz Brunhölzl und Wilhelm Winkelmann, herausgegeben und übersetzt von Joseph Brockmann (Studien und Quellen zur Westfälischen Geschichte 8), Paderborn 1966, Seiten 88-95, Zeilen 426-539.
- Vgl.: Bates, C., F. Kuik, E. Wieland und Z. Zekaite (2025), Betrachtung des Warenkorbs für Nahrungsmittel: Gründe für den jüngsten Preisauftrieb, EZB, Wirtschaftsbericht, Ausgabe 8; D’Acunto, F., F. De Fiore, D. Sandri und M. Weber (2025), A global survey of household perceptions and expectations, BIS Quarterly Review, September, Brown; J. P. (2026), A Break in the Link Between Gasoline Prices and Inflation Expectations, Economic Bulletin, Federal Reserve Bank of Kansas City; Kilian. L und Xiaoquing Zhou (2020), Oil Prices, Gasoline Prices and Inflation Expectations: A New Model and New Facts, Research Dept. Working Paper No. 2025, Federal Reserve of Dallas.
- European Central Bank (2026), ECB staff macroeconomic projections for the euro area, March 2026.
- Vgl. Deutsche Bundesbank (2026), Konjunktur in Deutschland, Monatsbericht, Februar 2026, Deutsche Bundesbank (2025), Deutschland-Prognose: Wirtschaft geht allmählich wieder auf Erholungskurs, Monatsbericht, Dezember 2025.
- Vgl.: Deutsche Bundesbank (2026), Geschäftsbericht 2025.