Der digitale Euro: Innovation fördern, Souveränität sichern, Europa stärken Rede beim International Bankers Forum

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Sehr gerne wäre ich heute persönlich bei Ihnen gewesen. Ein wichtiger persönlicher Anlass lässt dies leider nicht zu. Umso mehr freue ich mich, Ihnen auf diesem Wege einige Gedanken per Videobotschaft übermitteln zu können.

Falls jemand von Ihnen gestern England fast bis Mitternacht hat spielen sehen oder gar heute früh Kroatien bis um kurz vor 3 Uhr: Ich baue auf Ihren Sportsgeist, jetzt trotzdem mit ganzer Aufmerksamkeit auf dem Platz zu stehen. Ich verspreche Ihnen: Mein Spiel dauert keine 90 Minuten! 

Die diesjährige Tagung des International Bankers Forum steht unter dem Motto „Payments & Banking made in Europe 2026“. Dieses Motto trifft einen Nerv. Denn das Bezahlen gehört zwar zu den alltäglichsten wirtschaftlichen Handlungen überhaupt. 

Aber gerade dieser Alltag verändert sich derzeit grundlegend. Was früher sehr häufig der Griff ins Portemonnaie war, ist heute oft ein Klick, ein Wischen oder eine Abbuchung im Hintergrund. Damit verändert sich nicht nur die Art, wie wir bezahlen. Es verändert sich auch die Infrastruktur, auf der unser Geldsystem im Alltag beruht.

All dies geschieht in einer Zeit, in der Europa seine strategischen Abhängigkeiten neu bewertet. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie verwundbar strategische Abhängigkeiten machen– etwa bei Energie und Verteidigung. Auch im Zahlungsverkehr stellt sich zunehmend die Frage europäischer Handlungsfähigkeit. Deshalb ist „Payments & Banking made in Europe“ mehr als ein Konferenzmotto. Es ist eine strategische Aufgabe.

In meiner Rede möchte ich darlegen, warum der digitale Euro ein Kernelement des Bezahlens in Europa werden sollte. Meine Kernbotschaft lautet: Der digitale Euro ist kein Selbstzweck – er ist vielmehr Antwort auf drei Entwicklungen: erstens auf die Digitalisierung unseres Zahlungsalltags, zweitens auf die gewachsene Bedeutung europäischer Souveränität und drittens auf den globalen Wettbewerb in der digitalen Finanzwelt. Auf diese drei Punkte möchte ich nun näher eingehen.

2 Zentralbankgeld ins digitale Zeitalter bringen und Innovation fördern

Mein erster Punkt ist: Der digitale Euro würde das Zentralbankgeld ins digitale Zeitalter bringen und Innovation fördern.[1] 

Ausgangspunkt der Überlegungen zum digitalen Euro ist der Wandel, den wir alle im Alltag erleben. Jeder von uns kann das vermutlich für sich selbst bestätigen: Die Art und Weise, wie wir bezahlen, hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Das Bargeld bleibt wichtig. Aber wir beobachten seit Jahren, dass es zum Bezahlen zunehmend seltener eingesetzt wird. 

So wurden im Euroraum im Jahr 2024 nur noch zwei Fünftel des Gesamtwerts der Zahlungen am Verkaufsort in bar getätigt.[2] Zum Vergleich: Im Jahr 2019 betrug dieser Anteil noch beinahe die Hälfte. Gleichzeitig hat sich der Anteil der – naturgemäß bargeldlosen – Online-Einkäufe wertmäßig von 18 Prozent auf 36 Prozent verdoppelt. Und der Anteil der Geschäfte im Euroraum, die kein Bargeld annehmen, hat sich zwischen 2021 und 2024 verdreifacht – auf inzwischen 12 Prozent.[3] 

Das zeigt: Der Zahlungsverkehr verändert sich tiefgreifend. Er wird digitaler und mobiler. Hinzu kommt: Zahlungsvorgänge verschmelzen immer stärker mit digitalen Geschäftsprozessen. Deshalb stellt sich für uns als Zentralbank eine fundamentale Frage: Wie stellen wir sicher, dass Zentralbankgeld auch in dieser digitalen Welt zugänglich und relevant bleibt?

Genau hier setzt der digitale Euro an. Er ist keine Absage an das Bargeld. Er ist eine digitale Ergänzung. Es geht darum, das Zentralbankgeld in einer zunehmend digitalen Welt weiterzuentwickeln. Denn Zentralbankgeld ist und bleibt der Anker unseres Geldsystems.

Heutzutage halten und verwenden Bürgerinnen und Bürger Zentralbankgeld im Alltag nur als Bargeld. Der digitale Euro würde dafür sorgen, dass Zentralbankgeld künftig nicht nur als Bargeld, sondern eben auch in digitaler Form im Alltag verfügbar bleibt. Wie Bargeld wäre er als gesetzliches Zahlungsmittel im gesamten Euroraum nutzbar mit dem Anspruch, universell akzeptiert zu werden.

Oder auf den Punkt gebracht: Der digitale Euro würde das Zentralbankgeld in das digitale Zeitalter bringen. 

Wichtig ist mir, an dieser Stelle klar festzuhalten: Zentralbankgeld und private Zahlungslösungen bestehen seit langem nebeneinander. Sie erfüllen teils unterschiedliche Funktionen. Genau deshalb ergänzen sie sich sinnvoll. Die Einführung des digitalen Euro würde hieran nichts ändern. 

Das Eurosystem würde eine öffentliche Basisinfrastruktur für den digitalen Euro bereitstellen. Der digitale Euro soll private Lösungen nicht verdrängen, sondern ergänzen und unterstützen. Er soll Vertrauen schaffen, den Zugang zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern im gesamten Euroraum erleichtern und gemeinsame technische Standards im Zahlungsverkehr fördern. Auf dieser Grundlage können private Anbieter passgenaue und innovative Dienste entwickeln.

Der digitale Euro soll also nicht gegen die Finanzwirtschaft entwickelt werden, sondern mit ihr. Banken und Zahlungsdienstleister werden weiterhin eine zentrale Rolle im Zahlungsverkehr spielen. Sie bleiben die Schnittstelle zu den Kundinnen und Kunden. Der digitale Euro soll keine Parallelwelt schaffen. Er soll sich in das bestehende Finanzsystem einfügen.

Wenn ich auf die aktuellen technischen Entwicklungen schaue, bin ich mir sicher: Der digitale Euro kann der Finanzwirtschaft als Basis für neue Geschäftsmöglichkeiten dienen. Denken Sie zum Beispiel an bedingte Zahlungen, die automatisch ausgelöst werden, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Etwa die automatische Auszahlung einer Versicherungssumme, sobald ein Schadensfall digital bestätigt ist. 

Außerdem ist klar: Der digitale Euro muss so ausgestaltet werden, dass er die Finanzstabilität wahrt und die Kreditvergabe der Banken nicht beeinträchtigt. Wichtige Stellschrauben dafür sind Haltegrenzen für Guthaben im digitalen Euro und der Verzicht auf eine Verzinsung. 

Trotz Haltegrenzen sollen Zahlungen über höhere Beträge natürlich möglich sein – nämlich durch das sogenannte Wasserfallprinzip: Bei Zahlungsbeträgen über der Haltegrenze wird die Differenz automatisch aus dem Bankkonto übertragen, das mit der Wallet verknüpft ist.

Der digitale Euro soll als Zahlungsmittel dienen – nicht als Anlageform und nicht als Ersatz für Bankeinlagen. Aus europäischer Perspektive gilt zudem: Der digitale Euro könnte heimischen Zahlungsdienstleistern helfen, ihre Reichweite zu erhöhen. Und damit bin ich fast schon bei meinem zweiten Punkt: Der digitale Euro kann die europäische Souveränität im Zahlungsverkehr sichern.

3 Digitale Souveränität sichern

Die jüngsten geopolitischen Entwicklungen haben uns in Europa deutlich vor Augen geführt: Abhängigkeiten in kritischen Bereichen bergen hohe Risiken. Sofort denken viele an Energie und Verteidigung. Aber auch der Zahlungsverkehr ist nicht nur eine Dienstleistung im Hintergrund. Er ist kritische Infrastruktur.

Genau hier liegt ein Knackpunkt: Europas Zahlungsverkehr ist in wichtigen Segmenten stark von außereuropäischen Anbietern abhängig.[4] Derzeit werden mehr als zwei Drittel aller Kartenzahlungen im Euroraum über außereuropäische Systeme abgewickelt. In 13 der 21 Länder des Euroraums gibt es keine nationalen Zahlungslösungen. Sie hängen komplett von internationalen Zahlungsverkehrsanbietern ab.

Das heißt natürlich nicht, dass die aktuell in Europa präsenten internationalen Anbieter schlechte Dienste leisten. Im Gegenteil: Viele dieser Lösungen sind bequem, zuverlässig und bei den Menschen etabliert. Aber Bequemlichkeit darf nicht auf Kosten der Souveränität gehen. 

Die jüngsten geopolitischen Erfahrungen haben uns klar vor Augen geführt: Es reicht nicht, dass etwas im Normalfall gut funktioniert. Entscheidend ist vielmehr: Auch im Ernstfall muss Europa handlungsfähig bleiben. Dies gilt auch für den Zahlungsverkehr. 

Wer bezahlt, nutzt Infrastruktur. Und wer die Zahlungsinfrastruktur bereitstellt, prägt Standards, Verfügbarkeit und Handlungsspielräume. Der digitale Euro wäre deshalb ein zentraler und konkreter Schritt hin zu mehr europäischer Souveränität im Zahlungsverkehr. Oder, in Anspielung auf das Thema dieser Konferenz: ein zentraler Baustein für „Payments & Banking made in Europe“. 

Nicht im Sinne von Abschottung oder Autarkie. Nicht als Misstrauensvotum gegen private Anbieter. Sondern als autonome europäische Basisinfrastruktur. Eine Infrastruktur, die im gesamten Euroraum nutzbar ist, die unter europäischer Kontrolle steht und die private Innovation fördert. 

Dabei geht es nicht nur um technische Souveränität. Es geht auch darum, wichtige Werte im digitalen Zahlungsverkehr zu stärken. Datenschutz, Privatsphäre, Inklusion und eine klare rechtliche Einbettung sind kein Beiwerk. Sie gehören zu den zentralen Anforderungen an das Design des digitalen Euro. 

Konkret bedeutet dies zum Beispiel: Das Eurosystem sieht lediglich Bestände und Transaktionsmuster von pseudonymisierten Nutzern. Es kann die Zahlungsdaten also keiner bestimmten Person zuordnen und keine individuellen Zahlungsprofile erstellen. Der Offline-Modus des digitalen Euro bietet sogar ein nahezu ähnlich hohes Maß an Privatsphäre wie Bargeld. Denn die Zahlung erfolgt hier direkt, etwa von Smartphone zu Smartphone, ohne Umweg über zentrale Systeme.

Der digitale Euro wäre also gerade kein gläsernes Portemonnaie. Sein Design zielt vielmehr darauf ab, Datenschutz und Privatsphäre technisch und organisatorisch bestmöglich abzusichern. Somit kann der digitale Euro entscheidend dazu beitragen, Europas Souveränität im Zahlungsverkehr zu sichern – auf der Grundlage europäischer Werte.

4 Europas Rolle in der digitalen Finanzwelt festigen

Lassen Sie mich nun zum dritten Punkt kommen: Europas Rolle in einer sich verändernden digitalen Finanzwelt. Der digitale Euro ist nicht die einzige Antwort auf diese Veränderungen. Er ist ein wichtiger Baustein in einer umfassenderen europäischen Zahlungsverkehrsstrategie.

Denn Geld ist nie nur ein technisches Zahlungsinstrument. Der Wert einer Währung spiegelt immer auch das Vertrauen wider: Vertrauen in Institutionen, in Stabilität, in Rechtsstaatlichkeit und in die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Währungsraums. 

Der Euro hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als nach innen und außen stabile Währung etabliert. Die Inflationsrate liegt seit Einführung des Euro im Mittel bei rund 2 %. Der Euro-Wechselkurs ist flexibel, aber frei von großen Schwankungen. Und der Euro ist die zweitwichtigste Währung im internationalen Währungssystem, etwa bei Währungsreserven, internationalen Anleiheemissionen und im Zahlungsverkehr.[5]

Diese Position ist kein Selbstläufer. Handel, Finanzmärkte und Wertschöpfungsketten werden immer digitaler. Deshalb muss auch die Infrastruktur des Euro weiterentwickelt werden. Denn die Attraktivität einer Währung beruht nicht nur auf ihrer Stabilität im klassischen Sinne. Sie hängt auch davon ab, ob Zahlungen sicher, effizient und innovativ abgewickelt werden können, im Massenzahlungsverkehr, aber auch an den Finanzmärkten.

Genau deshalb setzt die umfassende Zahlungsverkehrsstrategie des Eurosystems bewusst breit an.[6] Ziel ist ein europäischer Zahlungsverkehr, der innovativ, wettbewerbsfähig und widerstandsfähig ist. Der digitale Euro ist in diesem Gesamtbild vor allem modernes digitales Zentralbankgeld für den Zahlungsalltag im Euroraum. 

Gleichzeitig können auf Basis des digitalen Euro neue Angebote entstehen, die den Finanzstandort Europa im weiteren Sinne stärken. Dazu gehören bessere Schnittstellen für Unternehmen und effizientere Zahlungsprozesse. Auf diesem Weg könnte der digitale Euro die Attraktivität des Euro indirekt erhöhen. 

Gleichzeitig entstehen weltweit neue digitale Lösungen. Bedeutend sind dabei zum einen tokenisierte Marktumgebungen, in denen Vermögenswerte digital abgebildet, übertragen und abgewickelt werden. Damit entstehen neue Anforderungen, wie die Bezahlung solcher Transaktionen abgewickelt wird.

Zum anderen verbreiten sich privat emittierte digitale Geldformen wie Stablecoins. Sie können neue Zahlungs- und Abwicklungsformen ermöglichen, werfen aber zugleich Fragen der Regulierung, Finanzstabilität und monetären Souveränität auf. 

Europa sollte diese Entwicklungen aktiv mitgestalten. Das gilt für technische Standards, für Marktstrukturen und für regulatorische Anforderungen. So bleibt der Euro auch in der digitalen Finanzwelt wettbewerbsfähig und praktisch einsetzbar.

Zum Beispiel arbeitet das Eurosystem derzeit daran, Zentralbankgeld auch für neue, DLT-basierte Marktumgebungen nutzbar zu machen. Konkret entsteht mit dem Projekt Pontes eine Lösung für die Abwicklung von Großbetragszahlungen und Wertpapiergeschäften in Zentralbankgeld.[7] In Abgrenzung zum digitalen Euro, der auf unseren Zahlungsalltag ausgerichtet ist, handelt es sich hier also um tokenisiertes Zentralbankgeld für den Wholesale-Bereich.

Zusammengenommen geht es um mehr als nur um eine neue Art zu bezahlen. Es geht um Europas Platz in einer digitalen Weltwirtschaft. Der digitale Euro ist dabei nicht die ganze Antwort. Aber er trägt als Teil einer breiteren Strategie dazu bei, die Stärke unserer Währung in die nächste technologische Epoche zu übertragen.

5 Abschlussbotschaften

Und damit komme ich zum Ende meiner Rede. Bevor Sie gleich in die Diskussion starten, möchte ich meine Hauptbotschaften noch einmal kurz zusammenfassen. 

Unser Geldsystem entwickelt sich weiter. Der digitale Euro ist meines Erachtens die logische Antwort darauf – aus drei Gründen: Erstens bringt er das Zentralbankgeld in das digitale Zeitalter und fördert Innovation. Zweitens sichert er Europas Souveränität im Zahlungsverkehr. Und drittens trägt er dazu bei, Europas Rolle in der digitalen Finanzwelt zu festigen.

Der digitale Euro ist kein Ersatz für Bargeld und kein Gegenprojekt zur Finanzwirtschaft. Er ist eine europäische öffentliche Basisinfrastruktur für das digitale Zeitalter – souverän und offen für private Innovation.

Ich bin sehr dankbar, dass ich heute zu Ihnen sprechen durfte. Diese Veranstaltung bringt Vertreterinnen und Vertreter aus allen relevanten Bereichen der Finanzbranche zusammen. Ihre Ideen und kritischen Einwände helfen uns, das Projekt des digitalen Euro immer weiter zu schärfen.

In diesem Sinne mein abschließender Aufruf: Lassen Sie uns den digitalen Euro zu einem gemeinsamen Projekt machen und ihn zusammen gestalten.

Ich wünsche Ihnen eine produktive Diskussion. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Fußnoten:

  1. Vgl.: Deutsche Bundesbank (2026), Der digitale Euro: Kernelemente und Perspektiven, Monatsbericht, März.
  2. Vgl.: ECB (2024a), Study on the payment attitudes of consumers in the euro area 2024, December.
  3. Vgl.: ECB (2024b), Use of cash by companies in the euro area in 2024, September.
  4. Vgl.: ECB (2026), The Eurosystem’s comprehensive payments strategy, March.
  5. Vgl.: ECB (2026), The international role of the euro, June.
  6. Vgl.: ECB (2026), op. cit.
  7. Vgl.: Webseite der EZB zu Pontes