Herausforderungen für eine Zentralbank in unruhigen Zeiten Rede beim Wirtschaftsempfang der Gemeinde Ganderkesee

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, heute hier beim Wirtschaftsempfang in Ganderkesee zu Ihnen zu sprechen.

Ganderkesee kann in diesem Jahr auf ein besonderes Jubiläum zurückblicken: Vor 70 Jahren wurde auf dem heutigen Gebiet der Gemeinde Ganderkesee der Sender Steinkimmen errichtet. Als der fast 300 Meter hohe abgespannte Stahlrohrmast 1956 eingeweiht wurde, war er das höchste Bauwerk der noch jungen Bundesrepublik.

Der Funkmast brachte den Menschen in der Region das Fernsehen in ihre Wohnzimmer. Anfangs allerdings in Schwarz-Weiß und nur wenige Stunden am Tag – dazwischen flimmerte ein statisches Testbild und die meiste Zeit des Tages blieb der Bildschirm schwarz. Die Nachrichten kamen damals gemächlich und in festen Takten zu uns nach Hause.

Heute können wir Entwicklungen auf der ganzen Welt in Echtzeit mitverfolgen – digital und in Farbe. Dabei sind wir mittlerweile weit mehr als Zuschauer, bedenkt man, wie viel stärker die Menschen, Wirtschaft und Politik heute vernetzt sind als in den 1950er-Jahren. Die Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte hat weltweit – insbesondere in Deutschland als stark exportorientierter Volkswirtschaft – zu großen Wohlfahrtsgewinnen geführt.

Diese globale Vernetzung bedeutet jedoch auch: Die Weltpolitik ist heute viel schneller lokal spürbar. Wir können die Zerstörung durch den Krieg im Nahen Osten nicht nur erschreckend detailliert beobachten, sondern spüren auch ganz unmittelbar, wie Börsen und die Energiepreise an den Weltmärkten reagieren. Was am Persischen Golf geschieht, schlägt sich binnen kürzester Zeit in den Energiekosten und den Preisen an der Zapfsäule hier in Ganderkesee nieder.

Vor diesem Hintergrund möchte ich heute drei zentrale Themenbereiche ansprechen:

  • erstens die aktuelle wirtschaftliche Lage und die Sicherung der Preisstabilität,

  • zweitens die Rolle von Gold und Bargeld als Anker für Vertrauen und Stabilität und

  • drittens den digitalen Euro als Weiterentwicklung unserer Infrastruktur für einen robusten und souveränen europäischen Zahlungsverkehr.

2 Wirtschaftliche Lage

Meine Damen und Herren,

seit einigen Jahren werden Deutschland und Europa mit immer neuen wirtschaftlichen Schocks konfrontiert: Die Corona-Pandemie störte Lieferketten weltweit und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine führte zu stark steigenden Energiekosten. Hinzu kommen US‑Zolleskapaden, zunehmender Wettbewerbsdruck aus China und nun der Krieg im Nahen Osten.

Während die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr nach einer längeren Schwächephase erstmals wieder leicht gewachsen ist, rechnen wir zu Jahresbeginn mit einer eher schwunglosen Entwicklung. Nach einem deutlichen Anstieg im Schlussquartal 2025 dürfte die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal 2026 in etwa auf der Stelle getreten haben. Die Kapazitätsauslastung in der Industrie ist gering, die Wettbewerbsposition vieler Industriezweige angespannt.

Positive Konjunkturimpulse erwarten wir in der Bundesbank im laufenden Jahr durch zusätzliche Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur. Auch eine Belebung der privaten Nachfrage war vor Beginn des Iran‑Kriegs angelegt. Wie sie sich tatsächlich entwickeln wird, ist jedoch angesichts der Unsicherheit über die Dauer und Konsequenzen der Krise kaum zu prognostizieren.

Angesichts dieser unsicheren weltpolitischen Lage ist es mehr denn je geboten, dass wir alles daransetzen, die in unserer Hand liegenden Stellschrauben zur Förderung des Wirtschaftswachstums konsequent zu nutzen. Das Potenzialwachstum, also das Maß dafür, wie stark unsere Wirtschaft im Trend wachsen kann, ohne dass es zu Inflation oder Überhitzung kommt, liegt in Deutschland nach unseren Schätzungen derzeit bei nur rund 0,4 Prozent. Dies liegt vor allem an strukturellen Hemmnissen, die die wirtschaftliche Entwicklung bremsen: der demografische Wandel mit Fachkräftemangel, ein durch Bürokratie belastetes Investitionsklima und das sich ändernde internationale Umfeld mit zunehmendem Protektionismus und steigendem Wettbewerbsdruck aus China.

Wenn wir unseren Wohlstand sichern wollen, reicht es deshalb nicht, auf eine konjunkturelle Erholung zu hoffen. Es braucht strukturelle Reformen, die mehr Dynamik ermöglichen – am Arbeitsmarkt, im Unternehmenssektor und bei den Rahmenbedingungen für Investitionen und Innovation. 

Es ist Aufgabe der Politik, den Wirtschaftsstandort Deutschland mit Hilfe struktureller Reformen nachhaltig zu stärken. Deutschland hat großes Potenzial. Und es hat in den vergangenen 80 Jahren gezeigt, dass es mit Herausforderungen umgehen kann. Wenn jetzt die nötigen Weichen gestellt werden, dann kann Deutschland schon bald wieder auf die Wachstumsspur zurückkehren.

Mutige Reformen sind das eine. Hinzukommen muss das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger. Denn dann wird wieder mehr angelegt im Wirtschaftsstandort Deutschland, mehr investiert, mehr ausgegeben.

3 Gold und Bargeld

Meine Damen und Herren,

Vertrauen ist auch für uns als Bundesbank fundamental. Denn Geld kann nur funktionieren, wenn die Menschen darauf vertrauen, dass sie es morgen noch als Tauschmittel einsetzen können – und dass es bis dahin nicht deutlich an Wert verliert.

Dieses Vertrauen ist der Kern einer stabilen Währung. Es entsteht in erster Linie durch das Handeln der Institutionen: durch eine unabhängige Zentralbank, die der Preisstabilität verpflichtet ist, und durch eine Finanzpolitik, die auf solide Staatsfinanzen achtet. Darüber hinaus gibt es Elemente, die dieses Vertrauen sichtbar untermauern. Dazu gehört seit Jahrzehnten das Gold in den Währungsreserven der Bundesbank.

Mit über 3.300 Tonnen hält Deutschland nach den USA die zweitgrößte Goldreserve der Welt. Die Bundesbank hält und verwaltet diese Goldreserven im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags. Viele Menschen sehen darin eine Art „Eiserne Reserve“ des Staates, die in Krisenzeiten zur Stützung der Währung eingesetzt werden könnte. Und damit ist auch klar, dass diese Reserve nicht zur Finanzierung des Staatshaushaltes genutzt werden sollte.

Der in den vergangenen Jahren gestiegene Goldpreis hat den Wert unserer „Eisernen Reserve“ deutlich erhöht. Das lässt sich in der im vergangenen Monat vorgestellten Bilanz der Bundesbank sehr gut nachvollziehen. Dort ist die Goldposition im Vergleich zum Vorjahr – bewertet jeweils zum Marktpreis am Stichtag – um 125 Milliarden Euro auf 387 Milliarden Euro gestiegen. 

Das Gold ist auf mehrere Lagerstellen verteilt, und zwar in Frankfurt, New York und London. Die Lagerung ist vertraglich abgesichert, und die Bestände werden in regelmäßigen Abständen von eigenen Inspektionsteams der Bundesbank geprüft. Ich kann Ihnen versichern: Der deutsche Goldbestand ist sicher – im Ausland wie auch im Inland.

Sehr geehrte Damen und Herren,

während Gold in unserem täglichen Zahlungsverkehr schon lange keine Rolle mehr spielt, nimmt vor allem das Bargeld weiterhin eine besondere Funktion in unserem Geldsystem ein. In Krisen – wie etwa zu Beginn der Corona-Pandemie – beobachten wir regelmäßig, dass die Bargeldnachfrage stark ansteigt.

Bargeld ist das einzige Zahlungsmittel, mit dem man relativ unabhängig von technischer Infrastruktur – also beispielsweise bei einem Stromausfall – bezahlen kann. Und es ist bislang die einzige Form von Zentralbankgeld, also einer direkten Verbindlichkeit gegenüber der Zentralbank, die man als Privatperson halten kann.

Klar ist: Die Bargeldversorgung ist eine zentrale kritische Infrastruktur. Mit unserem bestehenden Filialnetz und dem geplanten Bau neuer Filialen sorgen wir als Bundesbank dafür, dass Bargeld immer und überall ausreichend verfügbar ist – jetzt und auch in Zukunft.

4 Der digitale Euro

Bargeld ist dabei nicht nur die einzige allgemein zugängliche Form von Zentralbankgeld. Es ist darüber hinaus auch das einzige allgemein verfügbare Zahlungsmittel, das europaweit unabhängig von außereuropäischen Infrastrukturen funktioniert. Ein flächendeckendes, paneuropäisches digitales Zahlungsmittel gibt es dagegen nicht.

Nationale Zahlungsmittel wie die Girocard in Deutschland oder Bizum in Spanien machen oft an den Ländergrenzen halt. Dass wir mit unserer Girocard auch in Frankreich oder Italien zahlen können, liegt daran, dass Zahlungen häufig durch Kooperationen über außereuropäische Anbieter – insbesondere Visa oder Mastercard – abgewickelt werden; das betrifft rund zwei Drittel aller Kartenzahlungen im Euroraum. Hinzu kommen digitale Zahlungen mit Google, Apple oder PayPal, die sowohl online als auch im Geschäft vor Ort genutzt werden können.

Gerade in einer kritischen Infrastruktur wie dem Zahlungsverkehr sollten wir jedoch nicht einseitig von außereuropäischen Anbietern abhängig sein. Das zeigen nicht zuletzt jüngere Fälle, in denen Finanzsanktionen auch europäische Akteure betrafen, obwohl sie nicht auf europäischem Recht beruhen.

Ein konkretes Beispiel ist der Fall von Nicolas Guillou, einem französischen Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Er konnte im vergangenen Jahr aufgrund von US-Sanktionen plötzlich nicht mehr auf seine Kreditkarten amerikanischer Anbieter zugreifen. Auch wenn man diesen Einzelfall nicht überbewerten sollte, so macht er doch deutlich, wie sehr wir von außereuropäischen Strukturen abhängig sind – und wie angreifbar uns diese Abhängigkeit prinzipiell macht.

Europa ist im digitalen Zahlungsverkehr also bislang vor allem Nutzer, aber zu wenig Gestalter. Für einen Wirtschaftsraum unserer Größe muss der Anspruch meines Erachtens höher sein.

Genau hier setzt der digitale Euro an, den wir aktuell gemeinsam mit anderen nationalen Zentralbanken des Eurosystems sowie der EZB entwickeln. Er wäre neben den Euro-Scheinen und -Münzen eine zusätzliche, digitale Form von Zentralbankgeld für fast 360 Millionen Einwohner des Euroraums.

Als digitales, einheitliches europäisches Zahlungsmittel für den Alltag, an der Ladenkasse, im Online‑Handel und bei Zahlungen von Person zu Person wäre der digitale Euro der digitale Zwilling des Euro‑Bargelds. Drei Punkte möchte ich besonders hervorheben.

Erstens soll der digitale Euro Bargeld ergänzen, nicht ersetzen. Bargeld bleibt wichtig und bestehen – als Anker des Vertrauens, gerade in Krisenzeiten.

Zweitens ist der digitale Euro kein Krypto‑Asset und kein Spekulationsobjekt, wie etwa der Bitcoin. Ein digitaler Euro ist genauso wertstabil wie eine Euromünze – aber er kann off- und online genutzt werden, überall im Euroraum.

Drittens richtet sich der digitale Euro nicht „gegen Banken“. Er würde zwar vom Eurosystem herausgegeben, aber über Banken und andere Zahlungsdienstleister – vor allem über bestehende Banking‑Apps – zu den Menschen gelangen. Die Institute bleiben zentrale Ansprechpartner für ihre Kundinnen und Kunden und können auf Basis des digitalen Euro und seiner europaweit einheitlichen Standards eigene Angebote und Innovationen entwickeln. Das Guthaben in der digitalen Geldbörse – der „Wallet“ – würde vom Girokonto aufgeladen und könnte jederzeit wieder zurückgebucht werden.

Mit seiner europäischen Infrastruktur würde der digitale Euro die europäische Autonomie stärken, weil wir im Zahlungsverkehr weniger von außereuropäischen Anbietern abhängig wären. Zudem würde er die Effizienz im europäischen Zahlungsverkehr erhöhen, weil wir überall im Euroraum einheitlich digital bezahlen könnten.

Und er würde die Resilienz des Systems stärken – nicht zuletzt durch die Möglichkeit auch offline – also ohne Internetverbindung – zu bezahlen. Es entstünde eine europäische digitale Zahlungsverkehrsinfrastruktur, die nach europäischen Regeln aufgestellt und beaufsichtigt und somit auch hohe Datenschutzstandards sicherstellen würde.

Damit all das möglich wird, braucht es einen klaren Rechtsrahmen. Die europäische Gesetzgebung in Rat und Parlament ist in Arbeit und wichtige Weichen sind bereits gestellt worden. Parallel arbeitet das Eurosystem an der technischen Umsetzung. Läuft alles wie geplant, könnte eine Pilotphase – mit Tests ausgewählter Teilnehmer – Mitte 2027 beginnen. Die Ausgabe des digitalen Euro an die breite Öffentlichkeit könnte dann voraussichtlich ab 2029 erfolgen.

5 Schluss

Meine Damen und Herren,

60 Jahre lang hat der Stahlrohrmast in Steinkimmen allen Wettern getrotzt, selbst starke Stürme machten ihm kaum Probleme. Möglich machte das ein im Mastfuß verborgenes „kugelförmiges Punktkipplager“, das dem Sendemast die Fähigkeit verlieh, sich im Wind zu bewegen, ohne an Standfestigkeit zu verlieren.

Genau diese Verbindung aus stabilem Fundament und flexibler Anpassung brauchen wir auch in der aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Lage. Als Zentralbank können wir die wirtschaftlichen und geopolitischen Winde nicht drehen. Aber wir sind mit unserem Mandat dafür verantwortlich, dass unser Geld stabil bleibt und unsere Geldpolitik flexibel auf das jeweilige „Wetter“ reagiert – mit dem klaren Ziel der Preisstabilität.

2016 wurde der alte Stahlrohrmast zurückgebaut und durch einen neuen Gittermast ersetzt. Die Technik hat sich verändert, die Aufgabe ist gleichgeblieben: verlässliche Signale in die Region zu senden. Genauso halten wir als Zentralbank an sichtbaren Ankern des Vertrauens wie Gold und Bargeld fest.

Zugleich modernisieren wir die Infrastruktur im Hintergrund – mit robusten europäischen Zahlungssystemen und der geplanten Einführung eines digitalen Euro als Ergänzung zum Bargeld. Vielfach wird einem erst klar, was wertvoll ist und was an Werten geschaffen worden ist, wenn man sich vorstellt, wie es aussähe, wenn ein Schritt nicht getan, wenn eine Tat, ein Tatbestand nicht gesetzt worden wäre.

Mit diesen Worten hat der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer schon 1956 sehr treffend die Herausforderungen von Modernisierung und Innovationen auf den Punkt gebracht.  Mit den aktuellen Weichenstellungen tragen wir dazu bei, dass der Euro stabil bleibt, der Zahlungsverkehr in Europa souverän und widerstandsfähig ist und die Menschen auch in stürmischen Zeiten Vertrauen in unser Geld behalten können.

Ich bin überzeugt: In den 2030er‑Jahren werden wir dann zurückblicken und sagen können, dass es richtig war, unseren europäischen Zahlungsverkehr weiterzuentwickeln und zukunftsfest zu machen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.