Mehr Souveränität für Europa – Energie, Kapital, Finanzen Mitgliederversammlung Wirtschaftsinitiative Frankfurt Rhein-Main e.V.

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine Freude, heute bei Ihnen zu sein. 

Die Wirtschaftsinitiative hat viel bewegt. Eine Jahresversammlung ist Anlass, dies zu würdigen. 

Die Stärke der Region Rhein-Main zeigt sich: 

  • in der Dichte international tätiger Unternehmen,
  • in der Verzahnung von Industrie, Dienstleistung und Finanzwirtschaft
  • und in der Rolle Frankfurts als ein führender Finanzplatz Europas.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Neubau des Terminal 3. Das Großprojekt wurde selbst in einer Phase mit großer Unsicherheit fortgeführt – trotz Corona-Pandemie und steigender Kosten.

Das ist ein starkes Signal: Es steht für die Fähigkeit, auch unter schwierigen Bedingungen langfristig zu handeln. Zugleich zeigt es: Die Herausforderungen sind komplex.

Wenn ein Terminal fertiggestellt ist, entscheidet sich sein Erfolg an anderen Stellen, etwa bei den Kosten und der physischen Verfügbarkeit von Energie oder bei stabilen Lieferketten.

Mit solchen Punkten sind wir mitten in einem Thema, das uns alle beschäftigt: Die wirtschaftliche Resilienz und Souveränität Europas.

2 Souveränität in einer neuen Welt

Wir erleben tiefgreifende Veränderungen. Die globalen Machtverhältnisse verschieben sich – geopolitisch, technologisch, wirtschaftlich. Konflikte wirken direkt auf die Energiepreise, das sehen wir gerade sehr deutlich. Lieferketten geraten unter Druck, technologische Entwicklungen konzentrieren sich in wenigen Weltregionen. 

In dieser Situation rückt ein Begriff in den Vordergrund: Souveränität. Sie bedeutet wirtschaftliche Handlungsfähigkeit – die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen und umzusetzen.

Souveränität hat ihren Preis: Unsere wirtschaftliche Stärke beruht auf globaler Arbeitsteilung. Sie hat Kosten gesenkt, die Verfügbarkeit von Gütern erhöht und Wohlstand geschaffen. Wenn wir uns aus Gründen der Souveränität davon entfernen, entstehen Kosten. 

Europa bleibt dennoch ein offener Wirtschaftsraum. Wir setzen auf Kooperation, Handel und internationale Arbeitsteilung. Internationale Regeln – etwa im Rahmen der WTO – geben dafür einen verlässlichen Rahmen.

Zugleich gewinnt Diversifizierung an Bedeutung. Bilaterale Handelsabkommen – etwa mit Mercosur oder Indien – können Märkte öffnen und Abhängigkeiten verringern. Auch Afrika als wachsender Wirtschaftsraum gewinnt in dieser Hinsicht an Bedeutung. China hat das schon lange verstanden.

Europas Stärke liegt in seinem Binnenmarkt mit rund 450 Millionen Konsumenten – dem zweitgrößten Markt weltweit. Diese Stärke gilt es zu nutzen. Dafür müssen wir aber geschlossen auftreten und mehr Europa wagen.

Wir brauchen mehr Resilienz und Souveränität. In der Verteidigungsfähigkeit ist dies spätestens seit 2022 klar. 

Entscheidend sind aber auch drei andere Bereiche:

  • Energie,
  • Innovation,
  • Finanzen.

Lassen Sie mich mit der Energie beginnen.

3 Energieversorgung resilient ausrichten

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie verletzlich wir sind.

Europa ist stark auf Energieimporte angewiesen:

57 Prozent unserer Energie werden derzeit eingeführt[1]. 67 Prozent unseres Energieverbrauchs stammt aus fossilen Quellen, die wir überwiegend importieren müssen[2]. Preisschocks treffen Verbraucher, Unternehmen und unsere Volkswirtschaft unmittelbar. Das zeigt sich derzeit besonders an der Tankstelle oder bei Flugreisen.

Im Zuge des Irankriegs sind die Ölpreise rasant gestiegen – zeitweise auf Spitzenwerte von rund 126 US-Dollar pro Fass. Die europäischen Gaspreise haben sich seit Jahresbeginn zeitweise mehr als verdoppelt. Die Folgen: Unsicherheit nimmt zu, Kosten steigen, Konsum- und Investitionsentscheidungen werden schwieriger.

Neben den Energiekosten spielt die Energiesicherheit eine zentrale Rolle für wirtschaftliche Resilienz. Vier Punkte sind für eine resiliente und effiziente Energieversorgung entscheidend:

Erstens: Wir müssen Abhängigkeiten reduzieren. Das heißt schnellerer Ausbau der Energiequellen, die wir selbst herstellen können – allen voran Erneuerbare. 

Zweitens: Wir müssen die europäischen Energiemärkte weiter integrieren, damit Energie effizienter genutzt werden kann. Energie aus Spanien oder Frankreich muss einfach zugänglich werden. 

Drittens braucht es leistungsfähige Netzinfrastrukturen – also den Ausbau und die Modernisierung der Stromnetze, vor allem in Deutschland. Zugleich benötigen wir die Verbindung von Netzen innerhalb Deutschlands.

Und viertens sind bessere Speicherlösungen notwendig, um Schwankungen bei erneuerbaren Energien auszugleichen.

Wir müssen jedoch realistisch bleiben: Die Transformation braucht Zeit. Heute stammt in Europa rund ein Viertel des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen[3] – in Deutschland liegt der Anteil sogar noch etwas darunter[4]. Um den Ausbau der Erneuerbaren und der Energienetze voranzutreiben, könnten Genehmigungsverfahren beschleunigt werden.

Dennoch werden uns fossile Energieträger noch eine Weile begleiten. In dieser Zeit kann uns eine Diversifikation von Bezugsquellen helfen, weniger krisenanfällig zu werden. Andere Volkswirtschaften – denken sie etwa an China – verfolgen solche Strategien konsequent.

Auch die neue Energiewelt bringt Abhängigkeiten mit sich, etwa bei Solartechnologie, wo einzelne Länder dominieren. So importiert Europa derzeit rund 98 Prozent der Solarpanels aus China[5].

Die Energiefrage ist derzeit besonders sichtbar und dringlich. Aber wirtschaftliche Souveränität hängt auch von anderen Faktoren ab. Wesentlich ist, ob wir in Europa Innovationen entwickeln und skalieren – die Basis für Wirtschaftswachstum. In dem Zusammenhang müssen wir auch über europäische Kapitalmärkte sprechen. 

4 Innovationen entwickeln und skalieren mit Europas Kapitalmarkt 

Deutschland gehört zu den innovationsstärksten Ländern der Welt. Wir sind Patent-Europameister und gehören weltweit zur Spitzengruppe[6].

Doch erstens erreichen unsere Innovationen nicht immer die gleiche disruptive Dynamik wie beispielsweise in den USA. Und zweitens werden Ideen zwar hier entwickelt – aber für die nächsten Wachstumsschritte wandern Finanzierung und Skalierung zu oft in andere Märkte.

Ich bin allerdings sehr froh, dass wir in Deutschland mehr und mehr Start-up-Hubs sehen. So auch in Frankfurt. Die Technische Universität München ist mit dem Innovations- und Gründungszentrum „UnternehmerTUM“ besonders erfolgreich – mit nach eigenen Angaben mehr als 100 Unternehmensgründungen jährlich.[7] Daran sieht man: In Deutschland geht viel, wir müssen nur ins Tun kommen. 

Aber auch beim Mittelstand und größeren Unternehmen sehen wir kaum oder wenig Nutzung des europäischen Kapitalmarktes. Viele erfolgreiche Unternehmen gehen in den USA an die Börse oder sind bereits dort – anstatt hier in Frankfurt. BioNTech ist ein prominentes Beispiel.

Das ist auch eine Folge tieferer und liquiderer US-Kapitalmärkte. Der Sprung über den Ozean bedeutet: Finanzierung, Wertschöpfung und – zunehmend sehen wir dann – auch unternehmerische Entscheidungen finden außerhalb Europas statt.

Ein stärker entwickelter europäischer Kapitalmarkt wäre ein Gewinn:

  • für Unternehmen, die wachsen und investieren wollen,
  • für Bürgerinnen und Bürger, die bessere Anlagemöglichkeiten in Europa erhalten
  • und für Europa insgesamt, das unabhängiger wird.

Innovationen in Europa zu entwickeln, zu skalieren und zu finanzieren heißt nichts anderes als: von Europa für Europa. Gerade für Frankfurt als einer der führenden Finanzplätze Europas ist das eine zentrale Zukunftsaufgabe.

5 Digitale Finanzwelt aktiv gestalten

Der dritte Bereich, der über die Souveränität Europas mitentscheidet, ist die digitale Welt. Stellen Sie sich nur einen Vormittag vor, in dem Sie keinen Zugang zu digitalen US-Geräten oder US-Infrastruktur hätten. Ob es das Smartphone, die iCloud oder die KI ist: Wir haben uns in eine Abhängigkeit begeben. 

Auch in meiner Welt, der Finanzwelt, ist das ein großes Thema. Fragen Sie sich selbst: Aus welchem Land stammt Ihr Kreditkarten-Unternehmen, welchen Online-Bezahldienst nutzen Sie? Auch Stablecoins sind zu mehr als 90 % US-Dollar denominiert.

Aber auch hier gilt es, die Weichen jetzt zu stellen, um über die nächsten Jahre eigene, europäische Angebote zu schaffen. Auch in Deutschland sehen wir, wie dynamisch sich dieser Bereich entwickelt – etwa am Innovationsstandort Heilbronn, wo ein KI-Ökosystem für Forschung und Anwendung entsteht. 

Das Feld Digital Finance bietet erhebliche Chancen: für effizientere Prozesse, neue Geschäftsmodelle und zusätzliche Wertschöpfung. Mit diesen Entwicklungen beschäftigen wir uns auch in der Bundesbank intensiv. Wie beim Terminal 3 gilt auch hier: Wir müssen diese Entwicklungen aktiv gestalten – anstatt nur auf sie zu reagieren.

6 Fazit

Meine Damen und Herren,

Souveränität entsteht nicht von selbst. Sie muss erarbeitet, gesichert und gestaltet werden. 

Der Blick auf das Rhein-Main-Gebiet zeigt:

  • Große Projekte lassen sich umsetzen.
  • Wir können langfristig denken.
  • Und wir können in schwierigen Zeiten mutig handeln. 

Darauf kommt es jetzt in Europa an. Dass wir unsere Stärken nutzen – und dabei offen bleiben. Souveränität entsteht nicht durch Abschottung. Sondern durch Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und die Fähigkeit zu handeln – und hoffentlich etwas schneller als bislang! 

Meine Damen und Herren,

einen Weg zurück in die alte Welt gibt es nicht. Auf Deutschlands Erfolgsstory können wir stolz sein, doch sie muss neu geschrieben werden. Für einige Branchen, auch für einige Regionen in Deutschland, kann das in der Übergangsphase schmerzhaft sein. 

Doch lassen Sie mich enden mit einem positiven Statement: Deutschland hat alles, was es braucht, um wieder ein führender Wirtschaftsstandort zu werden. Nutzen wir unser Potenzial! 

Fußnoten:

  1.  Energy in Europe −⁠ 2026 edition – Interactive publications – Eurostat
  2. Ebd.
  3. Europa: Anteil erneuerbarer Energien am Energieverbrauch – Statistisches Bundesamt
  4. Erneuerbare Energien in Deutschland: Wachstum 2025 verhalten | Umweltbundesamt
  5.  International trade in products related to green energy – Statistics Explained – Eurostat
  6. Nachfrage nach europäischen Patenten übersteigt erstmals 200 000 und bestätigt die Wettbewerbsfähigkeit Europas als globaler Technologie-Hub | epo.org
  7. Daten & Fakten | UnternehmerTUM