Zahlungsverkehr – verlässliche Infrastruktur in Zeiten des Wandels Rede beim Jahresempfang der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute beim Jahresempfang der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt hier in Hannover zu Ihnen zu sprechen.

In diesem Jahr feiert Hannover ein besonderes Jubiläum. Vor 200 Jahren, im August 1826, wurden in Hannover die ersten gasbetriebenen Straßenlaternen auf dem europäischen Festland in Betrieb genommen – nur London war damals schneller.[1]

Die Bevölkerung in Hannover war äußerst beeindruckt. Für sie waren die neuartigen Laternen nicht nur eine technische Spielerei, sondern eine spürbare Verbesserung ihres Alltags. Im Gegensatz zu vorher mit den Öllaternen wurden Straßen und Plätze bei Dunkelheit jetzt deutlich besser beleuchtet, was auch die Sicherheit maßgeblich erhöhte.

Gleichzeitig entstand im Hintergrund eine neue Infrastruktur – mit Leitungen und einer Gasanstalt. Zwar verdrängte Ende des 19. Jahrhunderts die elektrische Beleuchtung nach und nach die Gaslaternen, aber es sollte noch fast 100 Jahre dauern, bis 1983 auch die letzte Gaslaterne aus dem Stadtbild Hannovers verschwand.

2 Kritische Infrastruktur

Heute beeindruckt eine funktionierende Straßenbeleuchtung niemanden mehr. Sie gehört für uns selbstverständlich zu einer Infrastruktur, der wir im Alltag kaum Beachtung schenken – weil wir von ihr erwarten, dass sie zuverlässig funktioniert. Wir sind gewohnt, dass der Strom fließt, das Wasser aus der Leitung kommt und das Internet funktioniert.

Wenn wir – beispielsweise aufgrund von sanierungsbedürftigen Straßen- und Schienennetzen – Umwege und Verspätungen in Kauf nehmen müssen, ist das ein großes Ärgernis. Wie verheerend es aber ist, wenn eine grundlegende Infrastruktur plötzlich vollständig wegbricht, hat uns Anfang des Jahres der Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz vor Augen geführt. Zehntausende Haushalte waren mitten im Winter für mehrere Tage ohne Strom und Wärme – Betriebe, Schulen und Arztpraxen mussten schließen, Mobilfunk und Kommunikation fielen teilweise aus.

Solche Ereignisse machen deutlich, wie verletzlich moderne Gesellschaften sind. Je stärker unsere Wirtschaft vernetzt ist, desto größer sind die Folgen, wenn zentrale, kritische Infrastrukturen ausfallen – sei es durch technische Störungen, Naturkatastrophen, Pandemien, gezielte Sabotage oder Cyberangriffe. Wenn diese Infrastrukturen ins Stocken geraten, kann das schnell auf die Realwirtschaft durchschlagen. Das gilt für Energie- und Verkehrsinfrastruktur ebenso wie für das Finanzsystem und seine Zahlungs- und Abwicklungssysteme.

Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage rückt die Bedeutung robuster, widerstandsfähiger Infrastrukturen noch stärker in den Fokus. Nach Jahrzehnten, in denen Globalisierung und Multilateralismus die Weltwirtschaft immer enger miteinander verflochten haben, sehen wir heute gegenläufige Tendenzen. Geopolitische Spannungen und Handelskonflikte führen zu einer zunehmenden Fragmentierung der Weltwirtschaft. Zölle und andere Handelshemmnisse werden als politische Druckmittel eingesetzt.

Diese Entwicklung ist aus politischer und wirtschaftlicher Sicht grundsätzlich problematisch, führt aber gerade für eine offene, exportorientierte Volkswirtschaft wie Deutschland zu besonders großen Herausforderungen. Und sie treffen zudem auf eine Volkswirtschaft, die ohnehin einen großen strukturellen Anpassungsbedarf hat. Wie steht es also um die deutsche Wirtschaft?

3 Wirtschaftliche Lage und strukturelle Herausforderungen

Die deutsche Wirtschaft hat mehrere schwache Jahre hinter sich. Die Wirtschaftsleistung ist 2025 aber trotz dieser Gemengelage erstmals seit zwei Jahren wieder leicht gestiegen, um kalenderbereinigt 0,3 Prozent. Für 2026 erwarten unsere Fachleute ein kalenderbereinigtes Wachstum von 0,6 Prozent und für 2027 von 1,3 Prozent.

Für die wirtschaftliche Belebung dürften vor allem die zusätzlichen staatlichen Ausgaben – insbesondere für Verteidigung und Infrastruktur – sorgen, sowie allmählich wieder anziehende Exporte. Sorgen bereitet uns aber das weiterhin niedrige Potenzialwachstum, das nach Schätzungen der Bundesbank derzeit nur bei rund 0,4 Prozent pro Jahr liegt – und damit deutlich niedriger ist als zu Beginn des Jahrtausends. Dahinter stehen strukturelle Hemmnisse,

  • unter anderem der demografische Wandel, der zu Fachkräftemangel und Druck auf die Lohnkosten führt,

  • ein durch Bürokratie belastetes Investitionsklima

  • und das sich ändernde internationale Umfeld mit zunehmendem Protektionismus und steigendem Wettbewerbsdruck durch China.

Wenn wir unseren Wohlstand sichern wollen, reicht es deshalb nicht, auf die konjunkturelle Erholung zu hoffen. Strukturelle Reformen sind notwendig, die mehr Dynamik ermöglichen – sowohl am Arbeitsmarkt als auch im Unternehmenssektor.

Und wir müssen unser Wirtschaftsmodell und unsere kritischen Infrastrukturen insgesamt resilienter machen. Dazu gehört auch, gemeinsam mit unseren europäischen Partnern einseitige Abhängigkeiten bei kritischen Infrastrukturen zu reduzieren und die eigene Souveränität zu stärken.

4 Zahlungsverkehr als Infrastruktur: Instant Payments und Innovation

Meine Damen und Herren,

eine zentrale kritische Infrastruktur ist der Zahlungsverkehr, für den das Eurosystem die grundlegenden Zahlungssysteme im Hintergrund betreibt. Ohne diese Zahlungssysteme könnten keine Löhne überwiesen, keine Rechnungen bezahlt und kein Handel abgewickelt werden. Sie sind das „Betriebssystem“ der Wirtschaft – und wie bei der Straßenbeleuchtung gilt: Solange alles funktioniert, nehmen wir sie kaum wahr.

Damit das auch so bleibt, haben wir im Eurosystem – und damit auch bei der Bundesbank – in den vergangenen Jahren die Zahlungsinfrastruktur deutlich weiterentwickelt. Ein wichtiger Meilenstein war dabei die Einführung von TARGET Instant Payment Settlement (TIPS) im Jahr 2018. TIPS ermöglicht es, Instant-Payments, also Echtzeit-Überweisungen, innerhalb von Sekunden abzuwickeln – rund um die Uhr, Tag für Tag.

Mit der europäischen Instant Payment Verordnung, die im April 2024 in Kraft getreten ist und seit Oktober 2025 für alle Zahlungsdienstleister im Eurosystem gilt, wird dieser Trend regulatorisch unterstützt. Banken müssen ihren Kundinnen und Kunden ermöglichen, Instant Payments zu senden und zu empfangen, ohne dafür höhere Gebühren im Vergleich zu herkömmlichen Überweisungen in Rechnung zu stellen. Gleichzeitig werden mit Vorgaben zum IBAN-Namensabgleich und zu einem effizienteren Sanktionsscreening wichtige Schutzmechanismen gestärkt – ohne den Echtzeitcharakter der Zahlungen zu gefährden. Schon heute werden im Europäischen Zahlungsraum (SEPA) rund 34 Prozent der Überweisungen als Instant Payments abgewickelt.

Der praktische Mehrwert ist groß. Geld ist in Sekunden beim Empfänger – unabhängig von Öffnungszeiten, Wochentagen oder Landesgrenzen im Euroraum. Für Bürgerinnen und Bürger erhöht es den Komfort im Alltag. Für Unternehmen verbessern sich das Liquiditätsmanagement und die Steuerung von Zahlungsströmen.

Darüber hinaus stärken Instant Payments die strategische Autonomie des Eurosystems. Heute werden große Teile des bargeldlosen Zahlungsverkehrs in Europa über außereuropäische Kartenanbieter und Technologiekonzerne abgewickelt. Mit TIPS bietet das Eurosystem ein Fundament für neue europäische Zahlungslösungen, wie beispielsweise wero.

5 KI und Betrugsprävention im Zahlungsverkehr

Meine Damen und Herren,

die Weiterentwicklung des Zahlungsverkehrs ist kein Selbstzweck. Sie soll ihn schneller, sicherer und effizienter machen – und dafür brauchen wir auch neue Technologien. Eine davon prägt die aktuelle Debatte ganz besonders: die künstliche Intelligenz. Im Zahlungsverkehr ist KI keine Zukunftsmusik, sondern – beispielsweise in der Betrugsprävention – bei vielen Marktakteuren längst Standard. Mit der weiteren Verbreitung von Instant Payments wird KI, die dabei hilft, Betrug in Sekunden zu erkennen und zu verhindern, noch wichtiger werden. Aber es geht um weit mehr als Betrugsprävention.

Künstliche Intelligenz kann Prozesse automatisieren, die Kommunikation mit Kundinnen und Kunden vereinfachen und bei der Einhaltung gesetzlicher Vorgaben unterstützen, zum Beispiel im Bereich der Geldwäscheprävention. Auch wir bei der Bundesbank nutzen KI bereits vielfältig. Neben einem bundesbankeigenen internen Sprachassistenten nutzen wir zahlreiche weitere KI-Werkzeuge. KI-gestützte Modelle helfen uns in der ökonomischen Analyse, große und komplexe Datensätze auszuwerten. Und auch in Bereichen wie der Bankenaufsicht, der Wertpapierprüfung und dem Risikocontrolling unterstützt uns KI. All diese Anwendungen haben ein Ziel: Risiken frühzeitig zu erkennen und Stabilität zu sichern. Durch den Einsatz von KI wird auch der Zahlungsverkehr noch effizienter und sicherer. Aber klar ist auch: Künstliche Intelligenz bleibt ein Werkzeug.

Die Verantwortung und die Entscheidungen liegen weiterhin bei den Menschen – bei den Expertinnen und Experten in den Instituten, in der Aufsicht und bei uns in der Bundesbank. Zugleich müssen wir die Risiken der KI im Blick behalten – beim Datenschutz, bei der IT-Sicherheit und bei möglichen Verzerrungen in den Modellen. Ein Bereich, in dem sich Chancen und Risiken besonders deutlich zeigen, ist die Betrugsprävention im Zahlungsverkehr.

Vor diesem Hintergrund habe ich im vergangenen November in unserer Hauptverwaltung in Berlin einen Roundtable mit Vertreterinnen und Vertretern aus Finanzsektor, Handel, Telekommunikation, Plattformunternehmen, Verbraucherschutz, Aufsicht und Strafverfolgung ausgerichtet. Wir haben über neue Betrugsmuster und mögliche Gegenmaßnahmen diskutiert und waren uns einig, dass Betrugsbekämpfung im Zahlungsverkehr eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die nur gemeinsam gelingen kann.

Deshalb haben wir in einer gemeinsamen Erklärung konkrete Handlungsfelder definiert, die nun in Arbeitsgruppen weiterbearbeitet werden – etwa zur gemeinsamen Verbraucherkommunikation und zum Informationsaustausch über Betrugsfälle. Entscheidend wird sein, dass wir die vereinbarten Arbeiten jetzt zügig vorantreiben und den Dialog zwischen den Beteiligten verstetigen. Betrugsprävention ist kein Randthema, sondern eine zentrale Voraussetzung für das Vertrauen in den Zahlungsverkehr.

6 Der digitale Euro

Ein weiterer wichtiger Baustein für die Weiterentwicklung des europäischen Zahlungsverkehrs, den ich kurz ansprechen möchte, ist der digitale Euro. Der digitale Euro wäre eine zusätzliche Form von Zentralbankgeld für die Bürgerinnen und Bürger – eine digitale Ergänzung zum Bargeld. Er soll die Stärken des Euro-Bargelds – Sicherheit, Verlässlichkeit und breite Akzeptanz – in die digitale Welt übertragen und im gesamten Euroraum einheitlich nutzbar sein – an der Ladenkasse, im Onlinehandel und bei Zahlungen von Person zu Person. Zwei Punkte sind mir dabei besonders wichtig.

Erstens: Der digitale Euro würde zwar vom Eurosystem ausgegeben, aber über Banken und andere Zahlungsdienstleister zu den Nutzerinnen und Nutzern gelangen. Die Institute bleiben zentrale Ansprechpartner und können auf Basis des digitalen Euro eigene Angebote und Innovationen entwickeln.

Zweitens: Der digitale Euro würde auf europäischer Infrastruktur aufbauen und damit einen Beitrag zu mehr Unabhängigkeit im Zahlungsverkehr leisten – ergänzend zu Bargeld, Instant Payments und privatwirtschaftlichen europäischen Zahlungslösungen, nicht in Konkurrenz zu ihnen. In einer Zeit, in der große Teile des digitalen Zahlungsverkehrs von außereuropäischen Anbietern abhängen, ist das auch mit Blick auf Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre ein wichtiger Schritt.

Aktuell arbeiten wir mit unseren Partnern im Eurosystem am digitalen Euro. Mit seiner Einführung rechnen wir im Laufe des Jahres 2029 – vorbehaltlich eines entsprechenden Rechtsrahmens auf europäischer Ebene. Klar ist: Erfolgreich wird der digitale Euro nur, wenn die Menschen ihm vertrauen und ihn im Alltag auch tatsächlich nutzen.

7 Schluss

Meine Damen und Herren,

vor 200 Jahren hat Hannover mit den ersten Gaslaternen auf dem europäischen Festland ein Stück Infrastrukturgeschichte geschrieben. Damals war das eine sichtbare Innovation – und zugleich der Beginn einer neuen, unsichtbaren Infrastruktur im Hintergrund. Heute prägen Infrastrukturen unseren Alltag, die wir kaum wahrnehmen. Ein Zahlungsverkehr, der in Echtzeit funktioniert, KI-gestützte Systeme zur Betrugsprävention und innovative europäische Zahlungslösungen – von privatwirtschaftlichen Angeboten bis hin zum digitalen Euro.

Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut, hat die vor 120 Jahren im heutigen Hannover geborene deutsch-amerikanische Philosophin und politische Theoretikerin Hannah Arendt einmal geschrieben. Eine Aussage, die auch für das Eurosystem als Bereitsteller kritischer Infrastruktur gilt.

Denn mit unserem Mandat sind wir dafür verantwortlich, dass der Zahlungsverkehr funktioniert, und zwar nicht nur heute, sondern auch morgen. Notwendige Modernisierungen und Schutzmaßnahmen dürfen daher nicht aufgeschoben werden. Im Gegenteil, wir sind gefordert, den Wandel im Rahmen unseres Mandats aktiv zu gestalten. Mit robusten, europäischen Infrastrukturen, mit einem verantwortungsvollen Einsatz neuer Technologien und mit einem klaren Fokus auf Vertrauen.

Diese Entwicklungen bieten große Chancen für einen starken, sicheren und souveränen europäischen Zahlungsverkehr. Die Bundesbank wird ihren Beitrag leisten – als Betreiberin kritischer Infrastrukturen, als Partnerin der Kreditwirtschaft und als Stimme für Stabilität in einer Zeit des Wandels.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Fußnote:

  1.  Das Königreich Hannover und das Vereinigte Königreich Großbritannien wurden zu dieser Zeit in Personalunion von König Georg IV. regiert.