Joachim Nagel während eines Gesprächs ©Oliver Rüther

Nagel im Interview: Zinsen könnten steigen, wenn sich Aussichten nicht verbessern

In diesem Jahr wird die Inflation merklich höher sein, als wir das vor der dem Krieg im Nahen Osten erwartet haben, sagt Bundesbankpräsident Joachim Nagel in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Bis Februar 2026 habe die Inflationsrate in Deutschland und im gesamten Euroraum nahe an 2 Prozent gelegen. Der Krieg im Nahen Osten habe die Situation verändert. Ich gehe im Moment davon aus, dass die Teuerung im Jahresdurchschnitt etwa bei etwa 2,7 Prozent liegen wird. Unter widrigen Umständen könnte sie auch noch höher ausfallen, betonte er. Es hänge vor allem davon ab, wie lange die Straße von Hormus blockiert bleibe. 

Höhere Energiepreise länger möglich

Nagel zufolge könnten weitere Faktoren die Energiepreise längere Zeit in die Höhe treiben: Der Krieg hat auch Anlagen zur Förderung und Verarbeitung von Rohöl und Erdgas zerstört. Es könnte einige Zeit dauern, bis die Raffinerien wieder ihr altes Fördervolumen erreichen. Womöglich könnten laut Bundesbankpräsident auch die Versicherungsprämien für Frachter steigen, weil die Gefahren künftig höher eingeschätzt werden.

Steigende Zinsen angesichts geopolitischer Lage denkbar

Wenn sich die Aussichten nicht merklich verbessern, würde ich erwarten, dass wir im Juni die Zinsen erhöhen, sagte Nagel mit Blick auf die geopolitische Lage und steigende Energiepreise. Zentral für diese Entscheidung sei für den EZB-Rat die Inflationsprognose, die die Eurosystem-Fachleute alle drei Monate erneuern. Der EZB-Rat schaue sich auch die Erwartungen der Märkte, Verbraucherinnen und Verbraucher sowie Unternehmen an und habe die aktuellen Inflationstendenzen im Blick.

Nagel rechnet nicht mit einer Stagnation der deutschen Wirtschaft

Vor dem Krieg im Nahen Osten sei die Bundesbank davon ausgegangen, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im gesamten Jahr kalenderbereinigt gut um ein halbes Prozent steigen werde. Wenn wir die aktuelle Lage fortschreiben, könnte diese Größenordnung noch etwa erreicht werden – trotz der Belastungen durch den Krieg im Nahen Osten. Denn die Entwicklung bis März war besser als erwartet, so der Bundesbankpräsident. Ungeachtet der Zollpolitik der USA rechne er derzeit nicht mit einer Stagnation der deutschen Wirtschaft.

Für mehr Wachstum hierzulande müsse Deutschland ihm zufolge auch die unangenehmen Themen angehen: Wir brauchen eine Antwort auf die demografische Entwicklung. Ich plädiere schon seit längerem dafür, das gesetzliche Rentenalter daran anzupassen, wie sich die Lebenserwartung entwickelt.

Nagel für Rückkehr zu soliden Staatsfinanzen 

Im Interview spricht sich der Bundesbankpräsident für eine stabilitätsorientierte Reform der Schuldenbremse aus: In ihrer aktuellen Form sichert die Schuldenbremse solide Staatsfinanzen und die EU-Fiskalregeln nicht mehr ab. Mit dem Reformvorschlag der Bundesbank würde die Neuverschuldung Deutschlands nach einer Übergangszeit längerfristig wieder auf den vorgesehenen Rahmen zurückkehren. Dazu gehört unter anderem, dass die Verteidigungsausgaben schrittweise wieder ohne neue Schulden finanziert werden.

Auch wenn die Schuldenquote in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird, ist sie immer noch vergleichsweise niedrig, so Nagel. Allerdings ist ein Top-Rating kein Selbstläufer, sondern muss durch eine stabilitätsorientierte Finanz- und Wirtschaftspolitik erarbeitet und verteidigt werden. Die Kapitalmärkte trauen Deutschland zu, dass wir solide Staatsfinanzen bewahren. Eine geeignete Reform der Schuldenbremse sollte dies absichern.

Gold sicher verwahrt

Nagel betont im Interview, dass er keinen Anlass sieht, die Goldreserven in den USA nach Frankfurt zu holen: Ich habe keinen Zweifel daran, dass das Gold bei der Federal Reserve in New York sicher verwahrt wird. Das Gold genieße dort einen besonderen Rechtsstatus. Die USA würden sich am Ende selbst am meisten schaden, wenn sie diesen Rechtsstatus in irgendeiner Form in Frage stellen und damit das Vertrauen der Finanzmärkte aufs Spiel setzen würden.“ 

Digitaler Euro ist Frage europäischer Unabhängigkeit

Gefragt nach dem Projekt digitaler Euro betont Nagel, dass das Zahlungsmittel ein digitaler Zwilling zum Bargeld sein werde: Mit dem digitalen Euro werden wir im gesamten Euroraum überall bezahlen können, an der Ladenkasse, online oder bei Zahlungen zwischen Privatpersonen.

Er hob auch den strategischen Nutzen des digitalen Euro hervor. Derzeit würden US-Anbieter laut Bundesbankpräsident rund zwei Drittel aller Kartenzahlungen in Europa abwickeln. Wir können es uns bei einer kritischen Infrastruktur wie dem Zahlungsverkehr nicht leisten, übermäßig abhängig zu sein von außereuropäischen Anbietern, so Nagel.