"Die Teuerung wird im Jahresdurchschnitt bei etwa 2,7 Prozent liegen" Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND)

Das Gespräch führten Eva Quadbeck und Stefan Lange

Herr Nagel, die Inflationsrate erreichte im April wieder 2,9 Prozent. Müssen sich die Verbraucher in Deutschland dauerhaft darauf einstellen, dass es bei schmerzhaften Preissteigerungen bleibt?

In diesem Jahr wird die Inflation merklich höher sein, als wir das vor dem Krieg im Nahen Osten erwartet haben. Tatsächlich hatten wir unseren mittelfristigen Zielwert erreicht: Im Dezember betrug die Inflationsrate in Deutschland wie auch im gesamten Euroraum gemessen am Harmonisierten Verbraucherpreisindex 2,0 Prozent. Bis zum Februar lagen wir nahe an 2 Prozent. Dann kam der Krieg im Nahen Osten. Ich gehe im Moment davon aus, dass die Teuerung im Jahresdurchschnitt bei etwa 2,7 Prozent liegen wird. Unter widrigen Umständen könnte sie auch noch höher ausfallen. Es hängt vor allem davon ab, wie lange die Straße von Hormus blockiert bleibt. Das ist die Achillesferse der Weltwirtschaft. Eigentlich wusste man das schon vor diesem Krieg.

Alle wussten das – außer US-Präsident Donald Trump, oder?

Die fehlende Transportmöglichkeit durch die Straße von Hormus ist allerdings nicht das einzige Problem. Der Krieg hat auch Anlagen zur Förderung und Verarbeitung von Rohöl und Erdgas zerstört. Es könnte einige Zeit dauern, bis die Raffinerien wieder ihr altes Fördervolumen erreichen. Insofern könnten wir am Ende – selbst wenn die Straße von Hormus wieder frei ist – noch für längere Zeit bei höheren Energiepreisen landen. Möglicherweise werden auch höhere Versicherungsprämien für Frachter die Preise treiben, weil die Gefahren künftig höher eingeschätzt werden. Das sind keine guten Aussichten, vor allem für Bürgerinnen und Bürger.

Die zentrale Frage bei hoher Inflation ist: Wann werden die Zinsen steigen?

Der EZB-Rat hat in der vergangenen Woche nach einer intensiven Diskussion entschieden, die Zinsen nicht anzuheben. Bei unserer jüngsten Prognose im März hatten wir wie üblich die Markterwartungen zu den Zinsen berücksichtigt, und da waren Zinserhöhungen im laufenden Jahr enthalten. Wir hoffen alle darauf, dass sich die geopolitische Lage beruhigt und die Energiepreise, also vor allem die Öl- und Gaspreise, wieder stärker zurückgehen. Aber wenn sich die Aussichten nicht merklich verbessern, würde ich erwarten, dass wir im Juni die Zinsen erhöhen.

Von welchen Kriterien hängt das ab?

Zentral ist für uns im EZB-Rat die Inflationsprognose, die die Eurosystem-Fachleute alle drei Monate erneuern. Daneben schauen wir auch auf die Erwartungen der Märkte, Verbraucher und Unternehmen. Natürlich haben wir auch die aktuellen Inflationstendenzen im Blick und wie sich die höheren Energiekosten auf die übrigen Güter- und Dienstleistungspreise sowie Löhne auswirken. Wenn sich hieraus das Bild einer mittelfristig deutlich steigenden Inflation ergibt, dann ist es notwendig, dass wir die Zinsen erhöhen.

In den USA sehen wir, dass die Unabhängigkeit der Zentralbank infrage gestellt wird. Ist die Bundesbank davor ausreichend geschützt?

Ja, wir sind gut geschützt. Durch den gesetzlichen Rahmen sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene ist die Unabhängigkeit der Zentralbanken im Euroraum institutionell fest verankert. Das schützt uns vor politischer Einflussnahme. Wobei ich mir nie hätte vorstellen können, dass wir irgendwann mal die Frage der Unabhängigkeit der amerikanischen Notenbank diskutieren werden. Ich bewundere den noch amtierenden Chef der US-Notenbank, Jerome Powell, von dem man in den vergangenen Wochen lernen konnte, Rückgrat zu zeigen und mit Druck von außen umzugehen.

Apropos Unabhängigkeit. Es lagern erhebliche deutsche Goldreserven in den USA. Sollten sie angesichts der Unberechenbarkeit der amerikanischen Regierung nach Deutschland geholt werden?

Es liegen 37 Prozent unserer Goldreserven in den USA, 51 Prozent sind hier in Frankfurt am Main, und zwölf Prozent lagern in London bei der Bank of England. Wir sind also relativ breit aufgestellt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass das Gold bei der Federal Reserve in New York sicher verwahrt wird. Zumal es einen besonderen Rechtsstatus genießt. 

Gerade haben Sie noch gesagt, dass Sie sich nie hätten vorstellen können, dass die amerikanische Zentralbank eines Tages unter Druck gerät.

Ja, aber der Rechtsrahmen ist bei internationalen Währungsreserven ein anderer. Das ist nicht vergleichbar. Die USA würden sich am Ende selbst am meisten schaden, wenn sie diesen Rechtsstatus in irgendeiner Form in Frage stellen und damit das Vertrauen der Finanzmärkte aufs Spiel setzen würden. Ich habe keine Anzeichen dafür, dass in so eine Richtung gedacht wird.

Zurück zu Deutschland: Für die Stabilität des Landes wäre es ja auch hilfreich, wenn wir wieder mehr Wachstum bekämen. Welche Hausaufgaben muss Deutschland als erstes erledigen, um einen Schub nach vorne zu bekommen?

Eigentlich sind wir recht gut ins neue Jahr gestartet. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal lag bei 0,3 Prozent. Vor dem Krieg im Nahen Osten waren wir in der Bundesbank von einer BIP-Zunahme von kalenderbereinigt gut einem halben Prozent im gesamten Jahr ausgegangen. Wenn wir die aktuelle Lage fortschreiben, könnte diese Größenordnung noch etwa erreicht werden – trotz der Belastungen durch den Krieg im Nahen Osten. Denn die Entwicklung bis März war besser als erwartet. Ungeachtet der schwierigen Situation samt neuen Zolldrohungen aus den USA: Ich rechne derzeit nicht mit einer Stagnation der deutschen Wirtschaft. 

Und konkret: Was kann Deutschland für eine Verbesserung der eigenen Lage beeinflussen?

Es müssen auch die unangenehmen Themen angepackt werden, beispielsweise eine längere Lebensarbeitszeit. Wir brauchen eine Antwort auf die demografische Entwicklung. Ich plädiere schon seit längerem dafür, das gesetzliche Rentenalter daran anzupassen, wie sich die Lebenserwartung entwickelt. 

Die Bundesregierung hat Eckpunkte für einen Haushalt 2027 vorgelegt. Wie bewerten Sie die?

Eine Nettokreditaufnahme von rund 200 Milliarden Euro einschließlich der Sondervermögen ist eine große Hausnummer. Die Bundesbank hält es für elementar, dass Deutschland nach einer Übergangszeit wieder zu soliden Staatsfinanzen zurückkehrt – ohne neue Schulden in Sondervermögen und ohne ähnliche Ausnahmen.

Deswegen auch Ihr Vorschlag zur Reform der Schuldenbremse?

Ja, ich bin der Auffassung, dass wir hier Reformbedarf haben. In ihrer aktuellen Form sichert die Schuldenbremse solide Staatsfinanzen und die EU-Fiskalregeln nicht mehr ab. Mit einer stabilitätsorientierten Schuldenbremsen-Reform führen wir die Neuverschuldung längerfristig wieder auf den vorgesehenen Rahmen zurück. Dazu gehört unter anderem, dass die Verteidigungsausgaben schrittweise wieder ohne neue Schulden finanziert werden.

Die Schulden, die heute gemacht werden, bauen in der Kalkulation auf das AAA-Rating für Deutschland auf, was moderate Zinsen bedeutet. Werden wir diese Bestnote angesichts des schwierigen wirtschaftlichen Umfelds halten können?

Auch wenn die Schuldenquote in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird, ist sie immer noch vergleichsweise niedrig, und Deutschland bleibt Stabilitätsanker in der Europäischen Union. Allerdings ist ein Top-Rating kein Selbstläufer, sondern muss durch eine stabilitätsorientierte Finanz- und Wirtschaftspolitik erarbeitet und verteidigt werden. Die Kapitalmärkte trauen Deutschland zu, dass wir solide Staatsfinanzen bewahren. Eine geeignete Reform der Schuldenbremse sollte dies absichern.

Dann muss Deutschland in der Analyse der eigenen Lage aber ehrlicher werden, oder?

Eine Einordnung in ehrlich oder unehrlich will ich gar nicht vornehmen. Wir müssen auf die Fakten schauen. Und dabei stellen wir beim Thema Produktivität fest, dass Deutschland bereits seit Längerem international zurückfällt. Das Produktivitätswachstum hat sich mehr als halbiert. Wir verlieren Industriearbeitsplätze, wir verlieren im internationalen Wettbewerb Marktanteile, unsere Sozialversicherungssysteme stehen unter erheblichem Druck.

Wir kennen kein europäisches Land, in dem Bargeld immer noch eine so große Rolle spielt wie in Deutschland. Hat der digitale Euro, wenn er denn 2028 oder 2029 eingeführt wird, hierzulande überhaupt eine Chance?

Schaut man auf den Euroraum, dann spielt das Bargeld gerade in den deutschsprachigen Ländern immer noch eine große Rolle. Die Bundesbank hat nie Zweifel daran gelassen, wie wichtig uns das Bargeld ist. Wir stehen zum Bargeld. Bargeld ist bisher das einzige europäische Bezahllösung, mit dem wir im ganzen Euroraum bezahlen können.

Das ist jetzt kein Plädoyer für die Digitalwährung.

Doch, denn mit dem digitalen Euro schaffen wir den digitalen Zwilling zum Bargeld: Mit ihm werden wir im gesamten Euroraum überall bezahlen können, an der Ladenkasse, online oder bei Zahlungen zwischen Privatpersonen. Das ist wichtig in einer Zeit, in der alles digitaler wird. Derzeit wickeln US-Anbieter rund zwei Drittel aller Kartenzahlungen in Europa ab. Wir können es uns bei einer kritischen Infrastruktur wie dem Zahlungsverkehr nicht leisten, übermäßig abhängig zu sein von außereuropäischen Anbietern. Der digitale Euro ist deshalb für uns eine Frage der europäischen Unabhängigkeit.

Wann kommt er?

Ich konnte kürzlich in Brüssel beobachten, wie der anfängliche Widerstand deutlich nachlässt und die Bedeutung des digitalen Euro verstanden wird. Deswegen gehe ich davon aus, dass die Rechtsgrundlage für den digitalen Euro auf der europäischen Ebene noch in diesem Jahr verabschiedet wird. Dann wären die Chancen gut, dass ich noch in meiner Amtszeit 2029 mit dem digitalen Euro bezahlen kann.

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