Skyline Frankfurt am Main ©Olaf Dziallas

Geopolitische Spannungen und deutsche Auslandsforderungen: Wie sich Investitionen neu ausrichten

Eine breit angelegte Deglobalisierung deutscher Kapitalanlagen ist bislang nicht erkennbar, heißt es im Monatsbericht. Die internationale Verflechtung nimmt weiter zu, allerdings mit einer klaren Verschiebung der geografischen Ausrichtung. Deutsche Investoren bauen ihr Auslandsengagement weiter aus, wie die Daten zu Direktinvestitionen, Wertpapieranlagen und übrigen Kapitalanlagen belegen. 

Sie konzentrieren sich dabei zunehmend auf Länder, die außenpolitisch eher „westlich“ orientiert sind und den USA nahestehen, wie Länder der Europäischen Union. Im Gegensatz dazu sind die Investitionen in „östlich“ orientierten Ländern, die außenpolitisch eher an China angelehnt sind, deutlich zurückgegangen. 

Besonders Wertpapieranlagen und übrige Kapitalanlagen reagieren sensibel auf geopolitische Veränderungen. Entfernt sich ein Land politisch von Deutschland, sinken die deutschen Kapitalanlagen dort merklich, so der Bericht. Direktinvestitionen hingegen zeigen bislang keine solchen signifikanten Reaktionen. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass deutsche Unternehmen ihre Direktinvestitionsentscheidungen strategisch langfristig planen, so die Fachleute. Auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren sie nur verzögert und verhalten sich zunächst abwartend.

Mehr Direktinvestitionen – keine Anzeichen auf einen Rückzug aus dem Ausland

Deutsche Unternehmen haben ihre Direktinvestitionen im Ausland in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut. Ende 2025 erreichte das Beteiligungskapital laut Auslandsvermögensstatus mit 2,3 Billionen Euro einen Höchststand. Hinweise auf ein mögliches "Onshoring" - also einen Rückzug deutscher Unternehmen aus dem Ausland zugunsten einer verstärkten Produktion in Deutschland - konnten nicht festgestellt werden, schreiben die Experten.

Das deutsche Beteiligungskapital in "westlich" orientierten und "neutralen" Ländern sei bis 2023 weiter angestiegen, während es in "östlich" orientierten Ländern zuletzt leicht zurückgegangen sei. Deutsche Unternehmen engagierten sich zuletzt durchschnittlich stärker im geografisch entfernten Ausland, während die geopolitische Distanz, gemessen an unterschiedlichen Positionen in der UN-Vollversammlung, seit 2014 tendenziell leicht abnahm. Ein möglicher Einflussfaktor könnte die Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 gewesen sein. Sie könnte die Sensibilität deutscher Unternehmen gegenüber geopolitischen Risiken erhöht haben, heißt es im Bericht. Dennoch zeigen ökonometrische Analysen, dass die geopolitische Distanz Deutschlands zu den jeweiligen Zielländern bis 2023 keinen signifikanten Einfluss auf die Direktinvestitionen hatte. Die Reaktionen auf jüngere geopolitische Entwicklungen, etwa im Iran, sind in den bisher vorliegenden Daten nicht abgebildet. Direktinvestitionen reagieren allerdings oftmals träge auf sich verändernde Rahmenbedingungen.

Wertpapieranlagen reagieren sensibler

Anders als bei Direktinvestitionen reagieren deutsche Investoren bei Wertpapieranlagen deut-lich sensibler auf geopolitische Spannungen. Seit Mitte 2021 haben deutsche Anleger ihre Wertpapierbestände aus „östlichen“ Emittentenländern reduziert. Es lässt sich eine starke und wachsende Konzentration deutscher Wertpapierbestände auf den "Westen" erkennen, so der Bericht. Engagements in "neutralen" und "östlichen" Ländern bleiben hingegen deutlich geringer.

Die Analysen der Fachleute zeigen, dass eine größere geopolitische Distanz zwischen Deutschland und einem Partnerland mit einem geringeren Bestand an dort begebenen Schuldverschreibungen einhergeht. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Portfolioinvestitionen liquider und weniger langfristig strategisch ausgerichtet sind als Direktinvestitionen. Dadurch können Investoren schneller auf politische Veränderungen reagieren, erklären die Fachleute.

Übrige Kapitalanlagen mit deutlicher Reaktion

Auch die übrigen Kapitalanlagen deutscher Banken (beispielsweise Bankkredite und Darlehen an das Ausland) reagieren deutlich auf geopolitische Spannungen. Nach der Coronavirus-Pandemie stiegen die Forderungen gegenüber „westlichen“ und „neutralen“ Ländern deutlich an, während die Forderungen gegenüber „östlichen“ Ländern zurückgingen. 

Die durchschnittliche geografische und geopolitische Distanz bei den übrigen Kapitalanlagen ist tendenziell gesunken, unterliegt jedoch deutlichen Schwankungen. Laut des Berichts können diese Anlagen relativ einfach umgeschichtet werden, insbesondere Kredite mit kurzer Laufzeit, die bei Fälligkeit nicht erneuert werden. Daher reagieren übrige Kapitalanlagen erwartungsgemäß sensibler auf politische Veränderungen als strategisch ausgerichtete Direktinvestitionen mit hohen Fixkosten.

Geopolitische Spannungen bestimmen Struktur deutscher Auslandsforderungen

Die Ergebnisse des Monatsberichtsartikels zeigen, dass geopolitische Spannungen die Struktur der deutschen Auslandsforderungen beeinflussen, insbesondere bei Wertpapieranlagen und übrigen Kapitalanlagen. Direktinvestitionen hingegen reagieren bislang nicht signifikant auf geopolitische Veränderungen. Sie könnten aber mit Verzögerung reagieren, so die Autoren. Die langfristigen Auswirkungen geopolitischer Spannungen auf die deutschen Auslandsforderungen bleiben abzuwarten.