Vizepräsidentin Sabine Mauderer beim Symposium des Instituts für Bank- und Finanzgeschichte ©Alexandra Lechner

Wirtschaftlichen Herausforderungen mit Kooperation und Innovation begegnen Symposium von IBF, CFS und Bundesbank

Der Wandel der globalen Welt- und Wirtschaftsordnung ist kein temporäres Phänomen. Dieser Wandel wird durch die Globalisierung und Digitalisierung ein fortwährender Prozess sein, sagte Vizepräsidentin Sabine Mauderer beim Symposium des Instituts für Bank- und Finanzgeschichte (IBF) und Center for Financial Studies (CFS) auf Einladung der Bundesbank in der Hauptverwaltung Hessen. Dort diskutierten die Teilnehmenden darüber, wie sich Handelskonflikte und Zollpolitik auf Wirtschaftswachstum, Globalisierung und internationale Kooperation auswirken können. 

Mauderer: „Das geopolitische Klima ist rauer geworden“

Die US-Handelspolitik, Überkapazitäten aus China und Russlands Invasion in der Ukraine hätten der Vizepräsidentin zufolge dazu geführt, dass viele Länder ihre Wirtschaftsbeziehungen neu bewertet haben: Das Narrativ sei, die eigene Souveränität zu stärken. Laut Mauderer sei es zwar sinnvoll, Resilienzen auszubauen und kritische Abhängigkeiten zu begrenzen. Den heutigen Wohlstand haben wir aber der globalen Arbeitsteilung zu verdanken. Wo sich wirtschaftliche Beziehungen weniger an Effizienz orientieren, entstehen jedoch Kosten, so Mauderer. Die Folge seien Produktivitätsverluste, höhere Preise und geringere Wohlfahrtsgewinne aus der internationalen Arbeitsteilung.

Handelspolitik verfolge angesichts geopolitischer Entwicklungen außerdem zunehmend andere politische Zwecke. Mauderer betonte, dass von politischen Motiven geleitete Handelspolitik das gegenseitige Vertrauen von Handelspartnern untergraben könnte.

Europäischer Markt als wichtiger Hebel

Die Europäische Union (EU) müsse ihr wirtschaftliches Gewicht mit 450 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten der Vizepräsidentin zufolge nutzen, um ihre Interessen international selbstbewusst zu vertreten: Als ein Europa, das zusammensteht, haben wir die Chance, unsere Zukunft selbst bestimmen zu können. Europa müsse aber auch Abhängigkeiten in kritischen Bereichen – etwa bei bestimmten Rohstoffen – abbauen und beim Import stärker auf unterschiedliche Quellen setzen. Wo immer möglich, sollten wir aber auch den Binnenmarkt weiter ausbauen, um bei kritischer Infrastruktur weniger von Anbietern außerhalb Europas abzuhängen, forderte Mauderer. 

Viel Potenzial sieht die Vizepräsidentin bei der Spar- und Investitionsunion (SIU) sowie dem digitalen Euro: Wir benötigen sie, nicht zuletzt für mehr Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum der europäischen Wirtschaft. Sie könnten Abhängigkeiten im Finanzsystem verringern und die Resilienz erhöhen.

Europäische Souveränität stärken – internationale Zusammenarbeit vertiefen

Mit ihrem Binnenmarkt kann sich die EU auf der Weltbühne als attraktiver und verlässlicher Partner präsentieren, sagte die Vizepräsidentin. Das habe mit den jüngst abgeschlossenen Freihandelsabkommen mit Indien, Australien und den Mercosur-Staaten bereits Früchte getragen. Mauderer hob hervor, dass die EU diesen Kurs weiter fortsetzen und weitere Abkommen anstreben solle. 

Perspektiven für die deutsche und europäische Wirtschaft

Deutschland und Europa müssten mit bestehenden technologischen Abhängigkeiten strategisch umgehen und diese reduzieren, betonte Bundesbankvorständin Fritzi Köhler-Geib bei einer Panel-Diskussion mit Lisandra Flach, Handelsexpertin beim ifo Institut und Professorin an der LMU München, und Jan-Otmar Hesse, Professor an der Universität Bayreuth, im Rahmen des Symposiums. Investitionen in Innovationen und Zukunftstechnologien wie Quanten Computing und künstliche Intelligenz sind essenziell – gleichzeitig müssen wir unsere digitale Souveränität strategisch stärken, sagte sie. Derzeit importiere Europa über 80 Prozent seiner digitalen Infrastruktur und Technologien. Auch die Industrie hierzulande würde Flach zufolge von einem harmonisierten europäischen Markt profitieren – insbesondere für Dienstleistungen. Dazu gehöre etwa Software für die Automobilbranche. 

Gleichzeitig brächten Technologien auch Risiken mit sich. Aktuelle Forschung der Bundesbank zeige etwa, dass verschiedene Arten von verwendeten KI-Systemen im Handel Auswirkungen auf die Finanzstabilität haben könnten. Die Herausforderung besteht darin, KI-Systeme zu verstehen, Transparenz herzustellen, welche Art von Modellen im Markt verwendet werden, und den Instrumentenkasten öffentlicher Institutionen entsprechend weiterzuentwickeln, folgerte Köhler-Geib.

Für mehr europäische Resilienz braucht es der Vorständin zufolge neben einem vollendeten europäischen Binnenmarkt und der Integration des europäischen Finanzmarkts vor allem Strukturreformen in Deutschland. Nur so ließen sich die Investitionen in Innovationen und digitale Zukunftstechnologien steigern und das Potenzialwachstum erhöhen. Die deutsche Industrie würde von einem harmonisierten europäischen Markt für Dienstleistungen profitieren, betonte Flach. Dazu gehört zum Beispiel der Markt für Software für Automobile.