„Wir müssen keinen bestimmten Erwartungen nachkommen“ Interview mit Econostream

Das Interview wurde geführt von Marta Vilar.
Übersetzung: Deutsche Bundesbank

Die aktuelle Kommunikation der EZB lässt darauf schließen, dass die bevorzugte Option im April sein könnte, die Leitzinsen unverändert zu belassen. Sie gehören zu jenen Zentralbankpräsidenten, die sich am deutlichsten für eine Zinserhöhung ausgesprochen haben, wenn die Bedingungen dies rechtfertigen. Haben Sie Ihre Meinung geändert?

Was ich vor einigen Wochen gesagt habe, gilt weiterhin: Der EZB-Rat muss sich alle Optionen offen halten – auch im April. Seit Beginn des Krieges im Nahen Osten hat sich gezeigt, dass sich die Lage täglich ändern kann. Der Ausblick ist nach wie vor extrem unsicher. Wird es für die Straße von Hormus eine dauerhafte Lösung geben? Könnten die Öl- oder Gaspreise erneut auf ein sehr hohes Niveau ansteigen? Meine Schlussfolgerungen werde ich ziehen, wenn der EZB-Rat Ende dieses Monats zusammenkommt. Es macht meines Erachtens keinen Sinn, uns jetzt schon einzuschränken. Wir sollten abwarten, alle relevanten Daten analysieren und sehen, was in den nächsten zwei Wochen passiert. 

Bedeutet das, die EZB hat keine Straffungsneigung?

Anhand dessen, was ich von meinen Kolleginnen und Kollegen im EZB-Rat höre, bewerten alle die Lage ähnlich. Es besteht breite Unterstützung dafür, uns sämtliche Optionen offenzuhalten und unsere Beschlüsse auf der Grundlage aller Informationen zu treffen, die bei unserer nächsten Sitzung vorliegen. Wir leben in einer sehr volatilen Welt. Deshalb ist es umso wichtiger, flexibel zu bleiben und agil zu handeln. 

Sie haben angemerkt, dass wir uns derzeit irgendwo zwischen dem Basisszenario und dem adversen Szenario befinden. Würde dies nicht eine Straffungsneigung suggerieren? Schließlich legt die Risikokonstellation eher Zinserhöhungen als Zinssenkungen nahe.

Was die Markterwartungen für die Öl- und Gaspreise betrifft, so befinden wir uns derzeit zwischen dem Basisszenario und dem adversen Szenario. Dies kann sich aber sehr rasch wieder ändern, denn die Preise können sich in beide Richtungen bewegen. Deshalb hebe ich die Bedeutung von Agilität hervor. In einem derart unsicheren und volatilen Umfeld ist es am besten, weiterhin datenabhängig und von Sitzung zu Sitzung zu reagieren. Die Auswirkungen auf die mittelfristige Inflation sind nach wie vor sehr unsicher. 

Sie haben die Markterwartungen erwähnt. Die Märkte übernehmen bereits einen Teil der Straffung für Sie. Wird die EZB diesen Erwartungen irgendwann entsprechen müssen?

Wir müssen keinen bestimmten Erwartungen nachkommen. Vielmehr verstehen die Marktteilnehmer unsere Reaktionsfunktion sehr gut, und daher reagieren sie mit ihren Zinserwartungen auf aktuelle Nachrichten. Die Märkte wissen, dass die Geldpolitik einen breiteren Blickwinkel einnimmt: Wenn die aktuellen Preisanstiege auf die mittelfristige Inflation übergreifen, etwa über höhere längerfristige Inflationserwartungen, dann müssten wir handeln. 

Vor einigen Wochen sagten Sie, es sei „denkbar“, dass die Inflationserwartungen steigen könnten. Sind Sie immer noch dieser Auffassung?

„Denkbar“ bedeutet lediglich, dass wir nichts ausschließen dürfen und auf verschiedene Szenarios vorbereitet sein sollten. Aber ich wiederhole, dass sich meine Entscheidung auf die noch eingehenden Daten und Analysen stützen wird. Insbesondere werden einige Umfragedaten erst sehr kurz vor den Beschlussfassungen des EZB-Rats vorliegen. Ich möchte noch hinzufügen, dass sich die aktuelle Situation erheblich von den Jahren 2021 bis 2022 unterscheidet. Als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine damals begann, war die Inflation bereits hoch, weil die Corona-Pandemie gerade zu Ende ging. Zu Beginn des aktuellen Konflikts im Nahen Osten lag die Inflation in der Nähe unseres Zielwerts. Die jetzige Ausgangslage ist also erheblich besser.

Machen Sie sich Sorgen um eine Stagflation?

Meiner Meinung nach ist diese Sorge überbewertet. Aus den Prognosen des IWF für Deutschland geht beispielsweise hervor, dass das Wachstum 2026 geringfügig – auf knapp 1 % – zurückgehen wird. Das ist keine Stagflation – weder in Deutschland noch im Euroraum, für den der IWF mit einem Wachstum von 1,1 % rechnet. Wir sollten sich selbst erfüllende Prophezeiungen vermeiden.

Abschließend eine Frage zum Vorsitz der EZB: Deutschland hatte diese Rolle noch nie inne. Sollte es danach streben, und wie sehen Sie Ihre Chancen?

Wir haben derzeit mit Christine Lagarde eine sehr gute Präsidentin. Im Prinzip sind wohl alle EZB-Ratsmitglieder qualifiziert, um die Spitzenposition im Eurosystem zu übernehmen. Aber auch externe Kandidatinnen und Kandidaten mit anderen Profilen können sich auf diese Position bewerben.

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